Null Euro Vergütung, ein Vertrag mit der EZB, ein zweiter mit einem Zahlungsdienstleister – und eine Deadline um 17:00 Uhr am 27. Oktober 2026. So sieht das Angebot aus, das die Europäische Zentralbank an Händler im Euroraum richtet, die einen Beta-Digital-Euro in ihrem Checkout ausprobieren wollen. Klingt nach Pionierarbeit? Vielleicht. Aber Pionierarbeit ohne Rechnung ist schlicht und einfach ein teures Hobby.
Ich habe in meinen Jahren als Online-Shopper genug Pilotprojekte kommen und gehen sehen. Die guten hatten einen klaren Testgegenstand. Die schlechten hatten eine Pressemitteilung. Dieser Text dreht sich deshalb um eine einzige Frage, die Sie bis zur Info-Session am 6. Oktober beantworten sollten: Wie viele Stationen Ihres Distanzhandels-Checkouts kann ein akquirierender Pilot-PSP überhaupt anfassen? Wenn die Antwort „keine Ahnung“ lautet, schicken Sie am 27. Oktober Papier ab. Keinen testbaren Flow.
Null Euro und eine Uhrzeit: was der Call wirklich ist
Zuerst die Fakten, und zwar ausschließlich die, die in der EZB-Mitteilung vom 15. September stehen. Die Sachpunkte in diesem Abschnitt sind ECB-Angaben; was ich daneben sage, ist Einordnung, keine Ergänzung der Mitteilung. Die EZB ruft E-Commerce- und M-Commerce-Händler, die im Euroraum tätig sind, zur Interessenbekundung für ihren Digital-Euro-Piloten auf. Der Call folgt auf die Auswahl der Zahlungsdienstleister, also der PSPs, die im Piloten mitspielen.
Getestet wird ein Beta-Digital-Euro. Laut ECB-Angaben ist der funktional und technisch nah am Entwurf der Gesetzgebung, aber ausdrücklich kein gesetzliches Zahlungsmittel. Das ist der erste Satz, den jede Geschäftsführung zweimal lesen sollte. Die Fußnote der Mitteilung nennt einen Pilot über zwölf Monate, der voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2027 beginnt. Gemeint ist eine kontrollierte Zahlungsumgebung, die zentrale Eigenschaften und Funktionen eines Digital-Euro so weit wie möglich nachbildet.
Was sollen die ausgewählten Händler tun? Sie testen die Zahlungsstrecken der Kaufenden und prüfen, wie sich der Digital-Euro in bestehende Checkout- und Zahlungsprozesse fügen könnte. Die EZB will Rückmeldungen zu Zahlungsstrecken, Händlerbedarfen, Integration und Kundenerlebnis. Im Piloten handeln die Händler als geschäftliche Endnutzende und ermöglichen Beta-Digital-Euro-Zahlungen im Distanzhandel, im Englischen Remote Commerce.
Die Teilnahme ist freiwillig und nicht vergütet. Wer ausgewählt wird, schließt eine Teilnahmevereinbarung mit der EZB und muss zusätzlich einen Vertrag mit einem akquirierenden Pilot-PSP schließen oder einen bestehenden anpassen. Zwei Vertragspartner, null Euro Gegenleistung. Das ist kein Vorwurf, das ist der Rahmen.
Der Fahrplan ist eng getaktet. Die Info-Session mit Überblick über Pilot und Bewerbungsprozess findet am Dienstag, 6. Oktober 2026, um 15:00 Uhr CET statt. Schriftliche Fragen laufen über ein eigenes Formular und müssen bis zwei Wochen vor der Bewerbungsfrist eingehen. Die Frist selbst endet am Dienstag, 27. Oktober 2026, um 17:00 Uhr CET; die Bewerbung geht per E-Mail an digitaleuro-pilotmerchant@ecb.europa.eu. Für Details gibt es die Pilot-Seite der EZB samt veröffentlichten FAQs. Deren Antworten habe ich für diesen Text nicht ausgewertet, lesen Sie sie also selbst, bevor Sie irgendetwas unterschreiben.
Und dann steht da noch ein Satz, den man leicht überliest: Die endgültige Entscheidung, einen Digital-Euro auszugeben, fällt erst nach Verabschiedung der EU-Gesetzgebung. Der Pilot ist Vorbereitung. Er ist kein Startschuss fürs Regal.
Eine Abgrenzung noch, weil sie schnell verwischt: Der Pilot umfasst laut ECB-Angaben auch Mitarbeitende des Eurosystems, ausgewählte PSPs und ausgewählte Händler mit Alltagsangeboten bei der EZB und den nationalen Zentralbanken, etwa Kantinen und Restaurants. Dieser Call zielt speziell auf E- und M-Commerce. Nationale Zentralbanken können zusätzliche lokale Händler über gesonderte Calls ansprechen. Wer also an die Kantine im Notenbank-Gebäude denkt, ist beim falschen Formular.
Beta ohne Annahmezwang ist kein Umsatzkanal
Rechnen wir, wie ein Händler rechnet. Auf der Einnahmeseite steht null, das ist gesetzt. Auf der Ausgabeseite stehen interne Stunden für die Teilnahmevereinbarung mit der EZB, für den Vertrag mit dem PSP, für die technische Anbindung, für Testkaufende, die tatsächlich einen Warenkorb füllen und bezahlen, und für den Support, wenn etwas schiefgeht. Stundensätze erfinde ich hier nicht – die kennen Sie besser als ich. Aber Sie sollten sie kennen, bevor Sie zusagen. Die Marge dieses Projekts ist negativ, und die einzige Frage lautet, was Sie dafür bekommen.
Bekommen können Sie Wissen. Wie fühlt sich eine neue Zahlart in Ihrem Checkout an, wo hakt Ihre Integration, was fragen Kaufende im Support? Das ist real und kann wertvoll sein. Nur ist es eben Erkenntnis, kein Umsatz. Wer den Pilot im Controlling als Vertriebskanal führt, hat sich verrechnet, bevor er angefangen hat.
Dann die Conversion. Ein gesetzliches Zahlungsmittel verändert Ihre Zahlartenleiste irgendwann zwangsläufig, weil Annahmepflichten das so wollen. Eine Beta ohne Annahmezwang verändert gar nichts, sie steht als zusätzliche Option da, und Kaufende können sie schlicht ignorieren. Die meisten werden das tun, solange niemand einen Grund liefert, es nicht zu tun. Wie eine Zahlartenleiste auf die Abschlussquote wirkt, haben wir im Blick auf die Conversion-Zahlen der Branche eingeordnet; die Lektion dort gilt hier umgekehrt: Jede Auswahl, die niemand braucht, kostet Aufmerksamkeit im entscheidenden Moment.
Ich finde, das ist der Punkt, den die Begeisterungsfraktion gern überspringt. Ein Pilot lebt davon, dass echte Menschen echte Bezahlvorgänge auslösen. Aber woher kommen die? Aus einer Testgruppe, die Sie selbst organisieren, oder aus dem normalen Shop-Traffic, der eine unbekannte Zahlart sieht und weiterklickt? Beides ist legitim. Beides müssen Sie vorher wissen, sonst planen Sie den Test ins Leere.
Hinzu kommt die Wiederkehr. Zahlungsgewohnheiten sind zäh, das zeigt jede Auswertung zur Kundenbindung. Wer bei Ihnen zum dritten Mal bestellt, nimmt den Weg, den er kennt. Was das für neue Zahlarten bedeutet, steht in unserem Beitrag zur Wiederkehr und den Zahlungsgewohnheiten Ihrer Stammkundschaft. Kurz gesagt: Ein Beta-Angebot muss gegen Routine gewinnen, und Routine ist ein hartnäckiger Gegner.
Wir bei digital-magazin.de sehen das nüchtern. Freiwillig und unvergütet heißt nicht, dass eine Teilnahme falsch wäre. Es heißt, dass der Nutzen woanders liegen muss als im Umsatz – im Lernen, in der Vorbereitung auf das, was nach der Gesetzgebung kommen könnte, vielleicht in der frühen Nähe zu den PSPs. Wer dafür Ressourcen freimachen will, soll das tun. Wer nur nicht als Letzter dastehen möchte, sollte lieber eine Stunde mit der IT verbringen als drei mit der Bewerbung.
Checkout-Stationen, die ein PSP anfassen müsste
Jetzt der Teil, der die eigentliche Arbeit ist. Nehmen Sie Ihren Distanzhandels-Checkout und gehen Sie ihn Station für Station durch, so wie ihn Kaufende erleben. An jeder Station stellen Sie dieselbe Frage: Kann der akquirierende Pilot-PSP diese Stelle im bestehenden Flow anfassen, oder bleibt sie außerhalb des kontrollierten Zahlungsraums? Die Antwort steht in keiner Mitteilung der EZB, sie steht in Ihrer Architektur und im Vertrag, den ein PSP Ihnen anbietet. Ich zähle die Stationen bewusst nicht durch. Ihr Shop hat mehr oder weniger davon als der des Nachbarn, und eine erfundene Zahl hilft niemandem.
Vor der Zahlung: meist Ihr Terrain
Der Warenkorb ist Ihre Logik. Positionen, Mengen, Staffelpreise, Verfügbarkeit – hier lebt Ihr Shop-System, und in aller Regel weiß ein Zahlungsdienstleister davon erst etwas, wenn ihm ein Betrag übergeben wird. Die Frage lautet also nicht, ob der PSP den Warenkorb anfasst, sondern ob der Betrag, der später übergeben wird, sauber und rundungsfest ankommt. Gutscheine, Rabattcodes und Guthaben gehören in dieselbe Kategorie. Sie verändern die Summe, bevor irgendein Zahlungsraum ins Spiel kommt. Wer hier mit Kombinationen arbeitet, die nur im eigenen System verstanden werden, sollte prüfen, ob der Endbetrag eindeutig genug ist.
Dann die Identifikation: Gastbestellung oder Konto? Das klingt nach Komfortfrage, ist aber eine Pilotfrage. Wenn Testkaufende ein Konto brauchen, müssen Sie Konten bereitstellen. Wenn Gäste bestellen, müssen Sie später eine Bestellung ohne Kundenhistorie zuordnen können. Offen ist, ob der Pilot-PSP an dieser Stelle überhaupt etwas von Ihnen erwartet oder ob er nur die Zahlungsdaten sieht. Das gehört auf Ihre Fragenliste.
Lieferadresse und Versandart sind der nächste Block. Auch hier sitzt in der Regel Ihre eigene Logik: Zonen, Versandkosten, Lieferzeiten, Paketdienst-Anbindung. Die kritische Frage ist eine andere. Hängt Ihre Versandkostenberechnung an der Zahlart? Manche Shops schalten Nachnahme oder Rechnung erst ab bestimmten Bedingungen frei, andere koppeln Zusatzgebühren an Zahlarten. Wenn Ihr Flow solche Abhängigkeiten hat, müssen Sie wissen, wie sich eine neue Zahlart dort einordnet, bevor Sie sie in die Auswahl hängen.
Die Zahlung selbst: hier hängt der PSP dran
Die Zahlartenwahl ist die Station, an der ein akquirierender Pilot-PSP am ehesten ansetzt. Hier entscheidet sich, ob die neue Option als Button, als Eintrag in einer Liste oder als Vorauswahl erscheint – und ob Sie dieses Element überhaupt selbst gestalten dürfen. Manche Shops haben eine Zahlartenleiste, die vollständig vom eigenen Frontend kommt, andere binden ein fertiges Modul des Zahlungsdienstleisters ein. Dann ist die Frage kurz: Wer kontrolliert die Darstellung? Bei einem Modul des PSP lautet die Antwort häufig „der PSP“, mit allen Folgen für Ihre Gestaltungsfreiheit.
Danach kommt eine Weggabelung, die technisch alles verändert. Verlassen Kaufende Ihren Shop für die Zahlung, per Weiterleitung, oder bleiben sie im Shop, weil die Zahlung eingebettet ist? Beides ist heutige Shop-Praxis, keine Vorgabe der ECB. Bei der Weiterleitung ist die Rückleitung eine eigene Station: Kommen Kaufende auf eine definierte Seite zurück, mit klarem Status, auch wenn sie den Tab zwischendurch geschlossen haben? Bei der eingebetteten Zahlung sind Sie näher am Geschehen, tragen aber mehr Verantwortung für das, was im Fehlerfall passiert.
Falls Ihr Shop heute zusätzliche Bestätigungsschritte in der Zahlung kennt, etwa ein 3-D-Secure-ähnliches Verfahren bei Kartenzahlungen, gehört das an dieser Stelle auf die Liste. Wohlgemerkt: als Beschreibung Ihres heutigen Flows, nicht als Aussage darüber, was der Pilot vorsieht. Sie sollten wissen, wie Ihr Shop reagiert, wenn ein Zwischenschritt kommt, den er nicht erwartet hat. Bricht der Flow ab? Landen Kaufende in einer Sackgasse? Wie viele Bestellungen am Ende der Zahlungsstrecke verloren gehen, ist ein bekanntes Muster; wie Sie den Abbruch vor der Zahlung im Blick behalten, haben wir in unserem Beitrag über Abbrüche im Checkout und ihre üblichen Ursachen beschrieben.
Nach der Zahlung: wo Papier gern endet
Der Bestellstatus ist die Station, die in Pilotplanungen am häufigsten vergessen wird. Was sehen Kaufende nach der Zahlung? Eine Bestätigungsseite, eine E-Mail, beides? Und was zeigt der Shop an, wenn die Bestätigung des Zahlungsdienstleisters verspätet eintrifft? Ich habe Shops erlebt, die zwischen „bezahlt“ und „nicht bezahlt“ keinen dritten Zustand kannten. Das rächt sich bei jeder neuen Zahlart.
Damit sind wir bei der Händlerbenachrichtigung. Wie erfährt Ihr System, dass gezahlt wurde? Meist über einen Webhook oder eine vergleichbare Rückmeldung des PSP an Ihr Backend. Wenn Sie so etwas haben, ist das eine Station, die der Pilot-PSP fast zwangsläufig anfasst – und die Sie testen können. Wenn Ihr System auf eine manuelle Abstimmung im Nachhinein setzt, wird aus dem Pilot ein Excel-Projekt. Ehrlich gesagt ist genau das der Moment, in dem sich zeigt, wie ernst die „betriebliche Bereitschaft“ gemeint sein darf.
Bleiben Storno und Retoure. Und hier muss ich Klartext reden, weil die Quelle schweigt: In der EZB-Mitteilung steht nichts darüber, ob der Pilot Retouren, Erstattungen oder Stornos abdeckt. Ich behaupte es nicht, und Sie sollten es auch nicht annehmen. Das ist die ehrliche Leerstelle. Für einen Händler, dessen Alltag zu einem beträchtlichen Teil aus Rückläufern besteht, ist sie keine Kleinigkeit. Sie gehört ganz oben auf die Liste der Fragen an die EZB und an den PSP: Wie sieht die Rückabwicklung aus, wenn eine Zahlung im Pilot stattgefunden hat? Wer trägt sie? Und findet sie innerhalb oder außerhalb der kontrollierten Umgebung statt?
Falls Ihr Shop Abos oder Stammkäufe kennt, kommt eine weitere Frage dazu. Ob so etwas im Piloten überhaupt eine Rolle spielt, steht nicht in der Mitteilung, ich stelle sie deshalb nur als Frage an Sie: Haben Sie wiederkehrende Bestellungen oder Mitgliedschaften, deren Zahlung automatisch läuft? Dann lohnt ein Blick auf unseren Beitrag zu Liefer-Abos und Membership-Programmen im Checkout, damit Sie wissen, welche Zahlungslogik dort überhaupt hängt, bevor Sie sie mit einer Beta-Zahlart kreuzen.
Am Ende dieser Übung haben Sie eine Liste, in der jede Station drei mögliche Vermerke trägt: „PSP kann ansetzen“, „bleibt bei uns“, „unklar“. Die Spalte „unklar“ ist der wertvollste Teil. Sie ist Ihre Fragenliste.
Mobile und Desktop: zwei Checkouts, ein Händler
Dieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptPhotorealistic close-up of a checkout counter corner with a blank receipt roll, a pen, and a small parcel, soft daylight, no logos, no readable text, no watermarks, no prices, 16:9Der Call spricht ausdrücklich von E-Commerce und M-Commerce. Das ist keine Höflichkeitsformel. Bei vielen Händlern sind Desktop und Mobil zwei verschiedene Checkouts, die sich in Layout, Feldern, Zahlungsbuttons und teils sogar in der Technik unterscheiden. Bei anderen ist es eine App mit eigener Integration und eine Website mit einer zweiten. Die Zahlartenwahl auf dem Smartphone sieht anders aus, die Rückleitung nach einer Weiterleitung verhält sich anders, und eine eingebettete Zahlung reagiert auf kleine Bildschirme anders als auf große.
Daraus folgt eine unbequeme Rechnung. Wenn ein Pilot-PSP Ihren Desktop-Checkout anfassen kann, heißt das noch nicht, dass er den mobilen erreicht. Möglicherweise brauchen Sie zwei Integrationspunkte, zwei Testfälle, zwei Fehlerbilder. Möglicherweise ist einer davon für den Pilot gar nicht geeignet. Sie müssen nicht beide bespielen, aber Sie müssen wissen, welchen Sie anbieten wollen, und warum.
Meiner Einschätzung nach ist das die Stelle, an der die meisten Bewerbungen vage werden. „Wir sind mobil und Desktop aufgestellt“ klingt gut und sagt nichts. Besser ist der Satz: „Unser mobiler Checkout nutzt dasselbe Zahlungsmodul wie der Desktop-Checkout, die Rückleitung ist getestet.“ Oder eben der ehrliche Gegensatz. Beides ist verwertbar. Beides wird bei der Auswahl mehr helfen als ein Adjektiv.
Und die Testkaufenden? Wenn Sie Menschen finden, die im Pilot tatsächlich bezahlen sollen, brauchen die ein Gerät, eine Anleitung und jemanden, der ans Telefon geht. Wie viele Menschen das sein müssen und wie Sie sie rekrutieren, sagt die Mitteilung nicht, und ich erfinde hier keine Zahl. Sie sollten sich aber vorher fragen, ob Sie intern jemanden haben, der eine Woche lang Fehlerberichte lesen will. Wenn nicht, ist das ein Kostenpunkt, den Sie im Kopf haben sollten.
Info-Session: drei Klärungen vor dem Papier
Bis zum 6. Oktober, 15:00 Uhr CET, sollten Sie drei Dinge intern geklärt haben. Nicht bis ins letzte Detail, aber so weit, dass Sie in der Info-Session gezielt zuhören können, statt nur mitzuschreiben.
Erstens: Welcher PSP aus der bereits ausgewählten Runde akquiriert überhaupt für Sie? Die Auswahl der Zahlungsdienstleister ist laut ECB-Angaben abgeschlossen, der Call für Händler folgt darauf. Das bedeutet, dass Sie nicht jeden beliebigen Anbieter mitbringen können. Prüfen Sie, ob Ihr heutiger Acquirer oder Ihr Zahlungsdienstleister zur ausgewählten Gruppe gehört. Falls ja, ist die Anpassung eines bestehenden Vertrags vermutlich der einfachere Weg. Falls nein, wird es ein neuer Vertrag mit einem Anbieter, den Sie bislang nicht kennen. Die Mitteilung selbst nennt keine Namen; welche Anbieter in der ausgewählten Runde sitzen, klären Sie über die offiziellen Unterlagen und direkt beim Zahlungsdienstleister.
Zweitens: Welche Umgebungen gibt Ihr Shop überhaupt her? Test, Staging, eine Art Live-light mit ausgewählten Nutzenden? Das ist keine Bürokratiefrage. Ein Pilot in einer kontrollierten Zahlungsumgebung braucht auf Ihrer Seite ein Gegenstück, in dem Sie gefahrlos experimentieren können. Wer nur eine Live-Instanz und einen Test-Shop hat, der seit zwei Jahren keine echten Daten gesehen hat, sollte das ehrlich einschätzen. Ein Staging, das nicht dem Live-Flow entspricht, liefert Testergebnisse, die keiner brauchen kann.
Drittens: Wer zeichnet? Die Teilnahmevereinbarung mit der EZB und der Vertrag mit dem PSP sind zwei Dokumente, die irgendjemand in Ihrem Unternehmen unterschreiben muss – und irgendjemand vorher prüfen. Das kostet Zeit, gerade bei mehreren Gesellschaften oder Franchise-Konstrukten. Ich gebe hier keine Rechtsberatung, aber eine Beobachtung: Die häufigste Bremse in solchen Projekten ist nicht die Technik. Es ist die Frage, wer eigentlich zuständig ist.
Wir bei digital-magazin.de empfehlen, aus diesen drei Klärungen eine einzige Seite zu machen, mit Verantwortlichen und Terminen. Wenn Sie die Seite in einer Stunde nicht füllen können, wissen Sie schon viel über Ihre betriebliche Bereitschaft.
Zu den schriftlichen Fragen: Sie laufen laut ECB-Angaben über ein eigenes Formular und müssen bis zwei Wochen vor der Bewerbungsfrist eingehen. Nach meiner eigenen Kalenderrechnung, nicht als ECB-Datum, wäre das der 13. Oktober – prüfen Sie den genauen Termin bitte in den offiziellen Unterlagen. Praktisch heißt das: Zwischen Info-Session und Fragenschluss liegt gut eine Woche. Kurz. Nutzen Sie die Session, um Ihre Fragenliste aus der Checkout-Prüfung zu schärfen, und schicken Sie die Fragen früh ab, nicht am letzten Tag.
Marktreichweite, Bereitschaft, Eignung
Die EZB bewertet Bewerbungen nach Zulässigkeit und nach gewichteten Kriterien: Marktreichweite, betriebliche Bereitschaft und Eignung für den Piloten. So steht es in der Mitteilung. Wie die Gewichtung aussieht, steht dort nicht, und ich rate nicht.
Für die Marktreichweite können Sie wenig tun, sie ist das, was Ihr Geschäft ist. Ein Händler mit breiter Kundschaft im Euroraum hat hier andere Voraussetzungen als ein Nischenanbieter. Das ist weder gerecht noch ungerecht, es ist eine Kennzahl, die Sie ehrlich beschreiben sollten, ohne sie aufzupumpen. Wer hier übertreibt, wird im Zweifel in der Praxis daran gemessen.
Bei Bereitschaft und Eignung wird es interessant, denn genau hier hilft Ihre Checkout-Prüfung. „Betriebliche Bereitschaft“ ist ohne testbaren Flow ein Adjektiv auf Papier. Sie können in ein Formular schreiben, dass Sie bereit sind. Glaubwürdig wird das erst, wenn Sie sagen können, welche Stationen Ihres Checkouts anfassbar sind, welche Umgebung Sie stellen, wer intern verantwortlich ist und wo Sie noch Klärungsbedarf haben. Eignung folgt daraus: Ein Shop, der seine Zahlungsstrecke kennt, ist für einen Pilot geeigneter als einer, der sie erst kennenlernen muss.
Ich finde, das ist der eigentliche Wert dieser Übung, unabhängig vom Ausgang der Bewerbung. Sie haben danach ein klareres Bild von Ihrem Checkout, als Sie es vorher hatten, und das nützt Ihnen auch bei jeder anderen Zahlart, die irgendwann auf Ihren Tisch kommt. Die Bewerbung ist dann nur noch das Abfallprodukt.
Und wenn Sie am Ende feststellen, dass Ihr Shop zu viele „unklar“-Einträge hat? Dann ist die ehrliche Antwort, den Call auszulassen. Es wird nicht der letzte Pilot sein, und die Gesetzgebung entscheidet ohnehin erst später über die Ausgabe. Wer heute nicht mitmacht, ist morgen nicht raus.
Und jetzt?
Sie haben bis zum 6. Oktober Zeit für die Checkout-Prüfung, bis Mitte Oktober für die Fragen und bis zum 27. Oktober um 17:00 Uhr CET für die Bewerbung. Das ist machbar, wenn Sie eine Person benennen, die den Checkout Station für Station durchgeht, und eine zweite, die Verträge und Zuständigkeiten klärt. Es ist nicht machbar, wenn das Thema als Nebenprojekt in einer Mail der Geschäftsleitung liegt.
Wir bei digital-magazin.de bleiben bei unserer Einschätzung: Der Pilot ist eine Lerngelegenheit, kein Geschäftsmodell. Er kostet Sie Stunden, bringt keine Vergütung und keine Umsatzgarantie, und was die Gesetzgebung am Ende beschließt, weiß heute niemand. Trotzdem kann er sich lohnen, wenn Sie vorher wissen, was Sie lernen wollen und welche Stationen Ihres Checkouts dafür überhaupt taugen.
Ehrlich gesagt bin ich gespannt, wie viele Bewerbungen am Ende einen konkreten Flow beschreiben und wie viele nur guten Willen. Die Antwort darauf wird viel darüber sagen, wie reif der Distanzhandel für eine neue Zahlart ist. Und die Frage, die mich am meisten beschäftigt, kann heute keiner beantworten: Was passiert an der Station Retoure, wenn eine Zahlung im Pilot einmal zurückgehen muss?




