Delivery Hero hat am 27. August seine Jahresprognose für 2026 angehoben – und das nicht mit vagen Wachstumsversprechen, sondern mit einer Zahl, die selbst hartgesottene Analysten aufhorchen lässt: Die Bestellungen über sogenannte Dmarts legten im zweiten Quartal um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Wer die letzten Jahre bei Delivery Hero verfolgt hat, kennt das Muster: Wachstum ja, aber bitte mit Ansage zur Profitabilität. Diesmal kommt beides zusammen, und genau das macht die Sache für Händler, Partner und Beobachter der Plattformökonomie interessant.
Die Guidance-Anhebung: Was Delivery Hero am 27. August präsentiert hat
Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz laut Unternehmensangaben um 17,7 Prozent auf 4,0 Milliarden Euro. Die Zahl der Bestellungen kletterte auf 981 Millionen, ein Plus von 11,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Auf Basis dieser Entwicklung hob Delivery Hero die Prognose für das Gesamtjahr 2026 an. In der Pressemitteilung des Unternehmens wird das mit der sogenannten „Everyday App“-Strategie begründet, also dem Versuch, aus der reinen Essenslieferung eine Plattform für den täglichen Einkauf zu machen.
Klartext für alle, die GMV und Umsatz gern verwechseln: Das Gross Merchandise Value ist der Gesamtwert aller über die Plattform abgewickelten Bestellungen, nicht der Nettoumsatz von Delivery Hero. Im ersten Quartal 2026 lag das GMV bei 12,5 Milliarden Euro, ein Anstieg von 8,8 Prozent. Reuters ordnete die jüngste Prognoseanhebung als Signal ein, dass Delivery Hero auf Kurs sei, die Profitabilität im laufenden Jahr weiter zu verbessern. Das ist eine journalistische Einschätzung, keine Unternehmensgarantie – Guidance bleibt Guidance, auch wenn sie zweimal hintereinander nach oben korrigiert wird. Wer die Historie solcher Anhebungen kennt, weiß außerdem: Sie sagen mehr über die jüngste Dynamik aus als über die nächsten zwölf Monate. Ein starkes Quartal kann eine Prognose tragen, zwei schwächere Quartale können sie ebenso schnell wieder relativieren.
Quick Commerce ist wieder der Wachstumsmotor
Der Anteil von Quick Commerce am Group GMV lag im zweiten Quartal bei 18,3 Prozent, ein Plus von 3,1 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Das ist die eigentliche Nachricht hinter der Nachricht: Nach einer Phase, in der Delivery Hero primär auf Kostendisziplin und Konsolidierung gesetzt hat, wächst der Bereich wieder deutlich schneller als der Rest des Konzerns. Für das Gesamtjahr 2025 war das Quick-Commerce-GMV bereits um mehr als 30 Prozent auf über 7,5 Milliarden Euro gestiegen, für 2026 rechnete das Unternehmen laut eigener Darstellung mit einem Anstieg in Richtung 10 Milliarden Euro. Das Adjusted EBITDA für 2025 lag bei 903 Millionen Euro, ein Plus von 30,4 Prozent – die entsprechende Ergebnismeldung bestätigt den Trend, dass Wachstum und Profitabilität bei Delivery Hero derzeit nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stützen.
Ob das so bleibt, ist eine andere Frage. Quick Commerce ist ein margenschwaches Geschäft mit hohem Fixkostenanteil – Lager, Fahrer, Lieferzeitfenster von zehn bis zwanzig Minuten kosten Geld, egal ob der Warenkorb 8 oder 38 Euro groß ist. Dass die Sparte trotzdem profitabler wird, liegt weniger an höheren Preisen als an besserer Auslastung der bestehenden Infrastruktur. Und das führt direkt zur eigentlich spannenden Kennzahl dieses Quartals.
Dmarts: die eigentliche Geschichte hinter den Zahlen
Ein Dmart ist im Delivery-Hero-Vokabular kein Supermarkt und kein Franchise-Konzept, sondern ein eigenes kleines Fulfillment-Center, meist innerstädtisch, für die schnelle Belieferung kleinerer Warenkörbe. Der Begriff wird außerhalb dieses Kontexts gern unscharf verwendet, deshalb an dieser Stelle die Klarstellung: Wer bei Delivery Hero von Dmarts liest, meint das eigene Dark-Store-Netz, nicht Partner-Supermärkte, die über die App gelistet sind.
Die Zahl, die im Quartalsbericht auffällt, ist nicht nur das Bestellwachstum von 39 Prozent. Interessanter ist, dass die Anzahl der Dmarts nur um 8 Prozent zunahm, während die Bestellungen je Store um 28 Prozent stiegen. Delivery Hero expandiert also nicht primär durch neue Standorte, sondern durch bessere Auslastung der bestehenden Fläche. Das ist der Unterschied zwischen „wir bauen mehr Läden“ und „unsere Läden laufen endlich rund“ – und für die Marge ist Letzteres die deutlich angenehmere Variante. Laut Unternehmensangabe war es das höchste Bestellwachstum bei Dmarts seit mehr als drei Jahren und bereits das sechste Quartal in Folge mit beschleunigtem Wachstum.
Das Problem dabei: Eine gute Auslastungskurve über zwei, drei Quartale ist noch kein Beweis für ein dauerhaft funktionierendes Modell. Quick Commerce hatte schon einmal einen Hype-Zyklus, der 2022 und 2023 in Konsolidierung und Standortschließungen endete. Ob die aktuelle Beschleunigung struktureller Natur ist oder ein saisonaler Nachholeffekt, lässt sich aus einem einzelnen Quartalsbericht nicht seriös ableiten.

Abos als zweiter Hebel für die Marge
Neben Dmarts setzt Delivery Hero zunehmend auf Subscription-Modelle als Teil der „Everyday App“-Strategie. Die Logik dahinter: Wer für eine monatliche oder jährliche Gebühr reduzierte Liefergebühren oder exklusive Vorteile bekommt, bestellt häufiger und wechselt seltener zur Konkurrenz-App. Für den Konzern heißt das planbarere Umsätze und, im Idealfall, eine höhere Kundenbindung ohne zusätzliche Marketingkosten pro Bestellung.
Wie stark Abos tatsächlich zur Marge beitragen, lässt sich aus den öffentlich verfügbaren Zahlen nicht exakt herausrechnen – Delivery Hero nennt in seinen Berichten teils den Anteil an Bestellungen, teils den Anteil am GMV, und diese Kennzahlen sind nicht eins zu eins vergleichbar. Was bleibt, ist die Selbstdarstellung des Unternehmens, dass Abos zusammen mit Sortimentserweiterung und Partnerschaften die Kundenfrequenz und den Warenkorbwert stützen. Das ist eine Management-Interpretation, keine unabhängig geprüfte Kausalkette. Meine Einschätzung: Plausibel ist das Modell schon, weil es aus dem stationären Handel und von Streaming-Diensten hinreichend bekannt ist. Ob es bei Lebensmitteln und Drogerieartikeln genauso gut funktioniert wie bei Serien und Software, ist eine offene Frage.
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte um Abo-Modelle oft zu kurz kommt, ist die sogenannte Abo-Müdigkeit. Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen mittlerweile für Streaming, Cloud-Speicher, Fitness-Apps und diverse Mitgliedschaften im Einzelhandel – ein weiteres Abo für Lieferdienste konkurriert um ein begrenztes monatliches Budget. Delivery Hero muss also nicht nur überzeugen, dass sich das Abo rechnet, sondern auch, dass es Priorität gegenüber anderen laufenden Verpflichtungen bekommt. Genau deshalb dürfte der Konzern in den kommenden Quartalen verstärkt mit Bundling-Angeboten experimentieren, etwa der Kombination aus reduzierten Liefergebühren, exklusiven Rabattaktionen und bevorzugtem Zugang zu limitierten Produkten. Ob solche Zusatzanreize ausreichen, um die Abwanderungsrate niedrig zu halten, wird sich erst über mehrere Bilanzjahre zeigen.
Was heißt das für Restaurants, Händler und Partner?
Für Restaurantbetriebe und Einzelhändler, die über Delivery-Hero-Marken gelistet sind, ändert sich durch die Guidance-Anhebung erst einmal nichts an den Konditionen – aber die strategische Richtung ist ein Signal. Wenn der Konzern Dmarts und Abos priorisiert, dürfte sich das mittelfristig auch auf die Sichtbarkeit klassischer Restaurantpartner in der App auswirken, denn Aufmerksamkeit und Marketingbudget sind endliche Ressourcen. Wer als Gastronom oder kleiner Händler auf eine Plattform wie Delivery Hero setzt, sollte diese Verschiebung im Blick haben, statt sich auf den Status quo zu verlassen.
Ein Vergleich zur Konkurrenz lohnt sich an dieser Stelle: Während Delivery Hero auf Dmarts und Abo-Modelle setzt, experimentiert Lieferando in Deutschland mit dynamischen Liefergebühren, die je nach Nachfrage und Tageszeit variieren. Beide Ansätze verfolgen dasselbe Ziel – mehr Ertrag pro Bestellung, ohne die Grundpreise offensichtlich zu erhöhen –, wählen aber unterschiedliche Hebel. Für Partnerbetriebe bedeutet das in der Praxis: Wer auf mehreren Plattformen gelistet ist, jongliert mit unterschiedlichen Gebührenlogiken, unterschiedlichen Abo-Programmen für Endkunden und unterschiedlichen Auswertungen zur eigenen Performance. Eine einheitliche Kalkulationsbasis über alle Plattformen hinweg ist damit komplizierter geworden, nicht einfacher.
Konkrete Handlungsschritte für Partnerbetriebe
Wer als Restaurant, Drogerie oder kleiner Lebensmittelhändler über Delivery-Hero-Marken oder vergleichbare Quick-Commerce-Plattformen verkauft, sollte die aktuelle Entwicklung nicht nur als Randnotiz betrachten, sondern konkrete Schritte prüfen. Sinnvoll erscheinen dabei vor allem folgende Punkte, ohne dass sich daraus eine Garantie für bessere Konditionen ableiten lässt:
- Regelmäßig die eigenen Performance-Kennzahlen in der Partner-App überprüfen, insbesondere Sichtbarkeit, Klickrate und Stornoquote, statt sich auf gefühlte Eindrücke zu verlassen.
- Die eigenen Margen pro Bestellung neu durchrechnen, wenn Plattformen wie Delivery Hero oder Lieferando ihre Gebührenmodelle anpassen, statt alte Kalkulationstabellen unverändert fortzuschreiben.
- Nicht ausschließlich von einer Plattform abhängig sein – eine Präsenz auf mehreren Kanälen reduziert das Risiko, wenn sich algorithmische Priorisierung zulasten klassischer Restaurantlistings verschiebt.
- Abo- und Rabattaktionen der Plattformen genau lesen, bevor man ihnen als Partner zustimmt, weil reduzierte Liefergebühren für Kundinnen und Kunden oft zulasten der Marge des Partnerbetriebs gehen können.
Diese Punkte ersetzen keine individuelle betriebswirtschaftliche Beratung, geben aber eine erste Orientierung, worauf es in der aktuellen Marktphase ankommt.
Regulatorische Rahmenbedingungen und die Kehrseite des Wachstums
Bei aller Begeisterung über Wachstumsraten und Guidance-Anhebungen lohnt sich ein Blick auf die Seite, die in Pressemitteilungen naturgemäß seltener vorkommt. Quick Commerce lebt von einem dichten Netz aus Dark Stores in Innenstadtlagen und von Lieferpersonal, das enge Zeitfenster einhält. Beides ist in den vergangenen Jahren wiederholt Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten gewesen: Anwohner beschweren sich über Lieferverkehr und Lärm in Wohngebieten, Kommunen diskutieren über Genehmigungsauflagen für Dark Stores, und Gewerkschaften sowie Arbeitsrechtler fordern seit Jahren bessere Arbeitsbedingungen für Lieferfahrer, die häufig über Subunternehmen oder als Solo-Selbstständige beschäftigt sind.
Delivery Hero ist mit diesen Themen nicht allein – sie betreffen die gesamte Branche, von Lieferando bis zu internationalen Wettbewerbern. Für die Bewertung der aktuellen Wachstumszahlen heißt das aber: Ein Teil der Effizienzgewinne, die sich in besserer Auslastung pro Dmart zeigen, hängt auch von Rahmenbedingungen ab, die sich politisch ändern können, etwa durch strengere Vorgaben zu Arbeitszeiten, Mindestlöhnen oder Aufenthaltsgenehmigungen für Dark Stores in bestimmten Stadtvierteln. Wer die Aktie oder das Geschäftsmodell langfristig einschätzen will, sollte diese regulatorischen Unsicherheiten mitdenken, auch wenn sie in einer Quartalsmitteilung naturgemäß keine Rolle spielen.
Zahlen ja, Risiken auch
Guidance ist Erwartung, keine Bilanz. Delivery Hero hat seine Prognose 2026 zweimal im laufenden Jahr angehoben – erst nach dem ersten Quartal, dann nach dem zweiten. Das ist ein gutes Zeichen für das operative Geschäft, aber keine Garantie für das dritte oder vierte Quartal. Quick Commerce bleibt investitionsintensiv: Jeder neue Dmart kostet Anlaufinvestitionen, jede Zone mit zu wenig Bestellungen pro Fahrer frisst Marge auf, bevor sie welche produziert.
Hinzu kommt die Wettbewerbslage. Der Markt für schnelle Lieferungen in Europa ist trotz einiger Konsolidierungswellen der letzten Jahre nicht monopolisiert, sondern weiterhin von mehreren großen Playern geprägt, die sich gegenseitig mit Rabatten, Abo-Vorteilen und Store-Expansion Marktanteile abjagen. Wer als Analyst oder Investor allein auf die 39-Prozent-Zahl bei den Dmart-Bestellungen schaut, blendet aus, dass ein Quartal mit besonders starkem Wachstum auch das Ergebnis eines besonders schwachen Vorjahresquartals sein kann – ein Effekt, den man in der Finanzberichterstattung gern unterschlägt, weil sich die große Zahl besser verkauft als die Fußnote dazu.
Blick über Europa hinaus: Was andere Märkte zeigen
Delivery Hero ist historisch nicht nur ein europäisches Unternehmen, sondern auch in Regionen wie dem Nahen Osten und Teilen Asiens stark vertreten, wo Lieferdienste und Quick Commerce teils früher und intensiver zum Alltag gehören als in Deutschland oder Österreich. Diese Marktvielfalt bringt für den Konzern einen gewissen Ausgleichseffekt: Schwächelt eine Region konjunkturell, kann eine andere die Lücke füllen. Gleichzeitig bedeutet die geografische Streuung, dass sich globale Wachstumszahlen nicht eins zu eins auf die Situation in deutschen Innenstädten übertragen lassen. Wenn ein Konzernbericht von starkem Dmart-Wachstum spricht, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Sparte konkret in München, Hamburg oder Wien entwickelt – regionale Unterschiede innerhalb des Portfolios werden in aggregierten Kennzahlen naturgemäß eingeebnet. Wer als Verbraucher oder Partner in einem bestimmten Markt aktiv ist, sollte diesen Unterschied zwischen globaler Konzernzahl und lokaler Realität im Hinterkopf behalten.
Was für Verbraucher tatsächlich zählt
Für Endkundinnen und Endkunden ist die strategische Debatte um Dmarts und Guidance-Anhebungen erst mal abstrakt. Konkret spürbar wird die Strategie eher an zwei Stellen: an der Verfügbarkeit von Non-Food-Artikeln in der App und an den Konditionen von Abo-Programmen, die zunehmend beworben werden. Wer regelmäßig quick-commerce-fähige Artikel bestellt – Drogerie, kleine Lebensmittelmengen, Spontankäufe – merkt inzwischen, dass die Lieferzeiten kürzer und das Sortiment breiter geworden sind, verglichen mit den Anfangsjahren der Sparte.
Ein realistisches Alltagsszenario könnte so aussehen: Jemand bestellt an einem Wochenabend spontan Snacks und ein Getränk nach, weil der Kühlschrank leer ist. Vor einigen Jahren wäre die Auswahl in der Quick-Commerce-App noch begrenzt gewesen, die Lieferzeit unsicher. Mit einem wachsenden, besser ausgelasteten Dmart-Netz ist die Wahrscheinlichkeit heute höher, dass die Bestellung tatsächlich innerhalb der versprochenen Zeit ankommt und das gewünschte Produkt vorrätig ist. Ob sich ein Abo in diesem Szenario lohnt, hängt stark von der individuellen Bestellfrequenz ab: Wer nur gelegentlich bestellt, zahlt mit einem Abo möglicherweise mehr, als er an Liefergebühren spart. Wer mehrmals pro Woche bestellt, könnte hingegen tatsächlich profitieren – eine einfache Rechnung, die sich jede und jeder anhand der eigenen Bestellhistorie in der App selbst nachvollziehen kann, statt sich auf Werbeversprechen zu verlassen.
Was bleibt?
Delivery Hero hat mit den Zahlen vom 27. August gezeigt, dass sich Wachstum und Profitabilität in der Quick-Commerce-Sparte derzeit nicht ausschließen. Die Kombination aus mehr Bestellungen pro Dmart, moderatem Ausbau der Standortzahl und wachsender Abo-Basis liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel für Skaleneffekte in einem Geschäft, das lange als strukturell unprofitabel galt. Ob dieses Muster über mehrere Jahre stabil bleibt oder sich als besonders guter Zwischenstand erweist, wird sich erst zeigen, wenn ein oder zwei schwächere Quartale dazwischenkommen – und die kommen in dieser Branche erfahrungsgemäß irgendwann. Für Händler, Gastronomen und aufmerksame Nutzerinnen und Nutzer lohnt sich in der Zwischenzeit ein Blick auf die eigenen Konditionen und Verträge mit der Plattform, statt sich von einer einzelnen guten Quartalszahl beruhigen zu lassen.





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