Zwei Kennzahlen, ein produktives System
D-Wave Quantum und NTT DOCOMO haben am 18. August 2026 gemeinsam bekanntgegeben, dass DOCOMO eine zweite quantengestützte Optimierungsanwendung produktiv einsetzt. Laut der Mitteilung von D-Wave und NTT DOCOMO senkt das System zwei Signalarten gleichzeitig: Standortregistrierungen fallen am Tagesspitzenwert um 65,3 Prozent, Paging-Signale um 7,0 Prozent.
Für Japans größten Mobilfunkbetreiber mit mehr als 93 Millionen Anschlüssen ist das kein Testballon mehr. Die Ergebnisse fließen bereits in die laufende Netzplanung ein, nicht nur in eine isolierte Versuchsumgebung.
Eine erste D-Wave-Anwendung bei DOCOMO reduzierte bereits Paging-Signale innerhalb einzelner Tracking-Areas. Die zweite geht darüber hinaus: Sie optimiert die Zuordnung ganzer Tracking-Area-Listen über mehrere Bereiche hinweg.
Genau darin liegt die eigentliche Schwierigkeit. Standortregistrierung und Paging verhalten sich normalerweise gegenläufig – wer den einen Wert senkt, verschlechtert meist den anderen.
DOCOMO ordnet den Schritt selbst als Erweiterung ein, nicht als Ablösung: Das neue System ersetzt kein bestehendes Werkzeug, sondern übernimmt eine Aufgabe, die bislang schlicht niemand rechnerisch angegangen ist, weil sie zu viele Variablen gleichzeitig verknüpft.
DOCOMO ist in Japan nicht irgendein Betreiber unter vielen, sondern der mit Abstand größte: Über 93 Millionen aktive Anschlüsse laufen über sein Netz. Ein Prozentwert wie 65,3 Prozent weniger Spitzenlast bedeutet dort in absoluten Zahlen eine andere Größenordnung als bei einem regionalen Anbieter mit wenigen Millionen Kundinnen und Kunden.
Teure Grenzübertritte zwischen Tracking-Areas
Ein Smartphone meldet sich neu an, sobald es die Grenze einer Tracking-Area-Liste überquert. Bei stark frequentierten Übergängen – etwa entlang von Pendlerstrecken oder Bahnlinien – summiert sich das zu spürbarer Signallast im Netz.
D-Wave und DOCOMO nennen für diesen Effekt einen konkreten Wert: Die neue Anwendung drückt die Zahl der Registrierungssignale am täglichen Spitzenwert um 65,3 Prozent. Das ist keine Angabe über den Tagesdurchschnitt, sondern über den Moment mit der höchsten Last, also den eigentlich kapazitätskritischen Wert.
Weniger Registrierungsverkehr auf den Kontrollkanälen bedeutet für ein Netz dieser Größe zusätzlichen Spielraum für Datenverkehr, ohne dass DOCOMO dafür neue Hardware beschafft.
Die Rechenlast für die Optimierung selbst trägt DOCOMO nicht zwingend im eigenen Rechenzentrum. D-Wave bietet die nötige Hardware wahlweise vor Ort oder über den Leap-Cloud-Dienst an, der laut Unternehmensangaben 99,9 Prozent Verfügbarkeit erreicht, SOC-2-Type-2-zertifiziert ist und in mehr als 40 Ländern erreichbar ist.
Für einen Netzbetreiber mit täglichen Optimierungsläufen ist dieser Cloud-Zugang relevant, weil er die Rechenleistung planbar und bedarfsabhängig hält, statt eine dauerhafte Quantenhardware-Investition zu erfordern.
Netzplanung orientiert sich fast immer am schlechtesten Fall, nicht am Durchschnitt. Ein System, das nur im ruhigen Nachtbetrieb entlastet, hilft der Kapazitätsplanung wenig; die eigentliche Herausforderung liegt in den Stoßzeiten, wenn Pendlerinnen morgens und abends gleichzeitig zwischen Funkzellen wechseln.
Paging-Signale gehen ebenfalls zurück
Paging läuft umgekehrt zur Registrierung: Das Netz sucht ein Gerät innerhalb einer Tracking Area, statt dass sich das Gerät selbst meldet. Je gröber eine TA-Liste geschnitten ist, desto mehr Zellen muss das Netz dabei gleichzeitig abfragen.
Die zweite Kennzahl der Ankündigung betrifft genau diesen Wert: Paging-Signale sinken um 7,0 Prozent. Der Rückgang liegt deutlich unter dem bei den Registrierungen, was zur Natur des Problems passt – feinere TA-Listen sparen zwar Paging, erhöhen aber tendenziell die Zahl der Grenzübertritte.
D-Wave und NTT DOCOMO betonen ausdrücklich, dass beide Werte gemeinsam gesunken sind. Keiner der beiden wurde auf Kosten des anderen verbessert, was die eigentliche Optimierungsleistung ausmacht.
TA-Listen gruppieren geografische Bereiche innerhalb eines Mobilfunknetzes. Sie müssen so austariert werden, dass Signalisierungslast sinkt, ohne Abdeckung oder Verbindungsqualität zu beeinträchtigen – eine Abwägung, die die neue Anwendung rechnerisch statt heuristisch trifft.
Die erste D-Wave-Anwendung bei DOCOMO hatte Paging noch innerhalb einzelner Tracking-Areas gesenkt. Die zweite verschiebt den Blick auf das Zusammenspiel mehrerer Areas – ein Schritt, der die Komplexität der Aufgabe deutlich erhöht, ohne den bereits erreichten Fortschritt beim Paging zu verlieren.
Für Kundinnen und Kunden bleibt der Effekt unsichtbar, solange er funktioniert: Ein Anruf kommt weiterhin durch, eine Nachricht weiterhin an. Sichtbar wird die Optimierung erst dort, wo sie versagt – etwa wenn Paging-Verzögerungen zu spät zugestellten Anrufen führen. Genau dieses Risiko soll die neue Anwendung senken, ohne die Registrierungslast wieder ansteigen zu lassen.
Dieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellflux_2; model=pro; resolution=1k; aspect_ratio=16:9; web derivative 1200x675PromptIn a calm afternoon operations office, three network specialists balance two groups of unmarked signal tokens along separate routing paths while screens remain softly blurred. A documentary composition emphasizes practical consequences; every surface is blank and unbranded, with no readable text, words, numbers, labels, logos, screens, user interfaces, dashboards, or signs. Photorealistic style image. Mood: practical, focused, and investigative. Avoid: watermark, signature, blurry, low quality, distorted, deformed.Ein Zielkonflikt, der klassische Solver überfordert
Netzplanerinnen kennen den Kompromiss seit Jahren. Grobe TA-Listen sparen Registrierungssignale, verursachen aber teureres Paging über größere Flächen; feine Listen kehren dieses Verhältnis um.
Hiroshi Kawakami, Senior Manager im Data Platform Department von NTT DOCOMO, beschreibt den Effekt so: Die Anwendung balanciere zwei konkurrierende Netzanforderungen, indem sie Registrierungssignale spürbar senke und gleichzeitig Paging reduziere. Zusammen mit der ersten produktiven Anwendung zeige das, wie Quantencomputing mehrere Aspekte der Netzoptimierung parallel adressieren könne.
Mit jeder zusätzlichen Tracking Area wächst die Zahl möglicher Zuordnungen so stark, dass klassische Solver auf herkömmlicher Hardware an ihre Grenzen stoßen. D-Wave verkauft seine Annealing-Systeme genau für diese Art kombinatorischer Zuordnungsprobleme.
Seine Entwicklerwerkzeuge, darunter das Ocean SDK, stellt D-Wave unter einer Open-Source-Lizenz bereit. Das senkt die Einstiegshürde für Netzbetreiber, die ein eigenes Optimierungsproblem zunächst prototypisch modellieren wollen, bevor sie – wie DOCOMO – in eine produktive Integration investieren.
Für Betreiber außerhalb Japans ist der Fall vor allem deshalb interessant, weil er zeigt, welche Problemklasse für hybride Quantenoptimierung heute schon praxistauglich ist: kombinatorische Zuordnungsprobleme mit klaren, messbaren Nebenbedingungen – nicht spekulative Kryptografie oder Materialforschung.
Annealing-Systeme wie die von D-Wave sind auf genau solche Optimierungsaufgaben zugeschnitten: Sie suchen nicht nach einer exakten mathematischen Lösung, sondern nähern sich einem energetisch günstigen Zustand an, der in der Praxis meist ausreichend gut ist. Für ein Zuordnungsproblem mit hunderten Basisstationen kann das schneller zum Ziel führen als ein exaktes Verfahren, das theoretisch optimal wäre, aber zu lange rechnet.
333 Basisstationen, fünf Minuten Rechenzeit
Wie schnell die Optimierung tatsächlich läuft, zeigt D-Wave an einem konkreten Referenzfall: 333 Basisstationen, drei TA-Listen und neun Tracking Areas. Das System schloss die Berechnung in rund fünf Minuten ab.
Neun Tracking Areas wirken zunächst nach einem überschaubaren Testszenario. Für ein Netz mit 333 Basisstationen ist es dennoch eine kombinatorische Zuordnungsaufgabe, die klassische Verfahren typischerweise nur mit deutlich mehr Rechenzeit oder über Näherungslösungen bewältigen.
Fünf Minuten sind der eigentliche Praxistest für hybride Quantenverfahren. Eine mathematisch bessere Lösung nützt wenig, wenn sie zu langsam vorliegt, um in tägliche Netzanpassungen einzufließen.
DOCOMO hat die Ergebnisse laut eigenen Angaben direkt in die laufende Netzplanung übernommen und nicht nur in einer Testumgebung erprobt. Das unterscheidet den Fall von vielen Quantencomputing-Pilotprojekten, die nach der Demonstrationsphase nie den Sprung in den produktiven Betrieb schaffen.
Ob sich die fünf Minuten auch auf ein Netzsegment mit mehreren tausend statt 333 Basisstationen übertragen lassen, verraten D-Wave und DOCOMO nicht. Der veröffentlichte Referenzfall bleibt damit ein Anhaltspunkt, keine Garantie für beliebige Netzgrößen.
Fünf Minuten Rechenzeit heißt auch: Die Optimierung lässt sich mehrfach täglich wiederholen, sobald sich das Verkehrsaufkommen ändert. Ein Verfahren, das Stunden braucht, ließe sich höchstens einmal pro Nacht neu anstoßen und würde tagsüber verändertes Nutzerverhalten schlicht verpassen.
D-Wave verlagert seinen Sitz, während Kundenprojekte laufen
D-Wave beschreibt sich als weltweit ersten kommerziellen Anbieter von Quantencomputern und als einziges Unternehmen mit sowohl Annealing- als auch Gate-Modell-Systemen. Zu den genannten Kundinnen und Kunden zählen neben DOCOMO auch Mastercard, BASF, Ford Otosan, Shionogi und das Forschungszentrum Jülich.
Für die Einordnung des DOCOMO-Falls lohnt ein Blick auf die europäische Quantenlandschaft: Unsere Analyse zum deutschen Quantenökosystem rund um München und Jülich zeigt, dass Forschungszentren wie Jülich – selbst D-Wave-Kunde – parallel an eigenen Anwendungsfällen arbeiten.
Gegründet wurde D-Wave 1999 von Geordie Rose. Heute beschäftigt das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 375 Mitarbeitende und verlagert seinen Firmensitz derzeit von Palo Alto nach Boca Raton in Florida, wo zusätzlich eine neue Forschungs- und Entwicklungseinrichtung entstehen soll.
Der DOCOMO-Auftrag fällt damit in eine Phase, in der D-Wave sein US-Geschäft strukturell neu aufstellt, während die operativen Kundenprojekte in Japan längst laufen. Parallel wächst anderswo klassische KI-Infrastruktur weiter; unsere Einordnung zu aktuellen GPT-5.6-Entwicklungen zeigt, dass Unternehmen zunehmend mehrere Rechenparadigmen nebeneinander betreiben, statt auf eine einzige Technologie zu setzen.
Nach eigenen Angaben vertrauen mehr als 100 Organisationen aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung D-Wave-Systemen für komplexe Rechenprobleme. DOCOMO ist damit kein Einzelfall, aber einer der wenigen Fälle aus der Telekombranche, die mit konkreten Prozentzahlen öffentlich belegt sind.
An der Börse notiert D-Wave unter dem Kürzel QBTS. Das Unternehmen selbst weist in seiner Mitteilung ausdrücklich darauf hin, dass Investitionsentscheidungen nicht allein auf Basis einer Pressemitteilung getroffen werden sollten – ein Standardhinweis, der die berichteten Netzwerte selbst nicht relativiert, aber den kommerziellen Kontext der Ankündigung markiert.
CEO Baratz nennt DOCOMO die Blaupause für andere Betreiber
D-Wave-CEO Dr. Alan Baratz ordnet den Schritt selbst ein: DOCOMO zeige, wie produktive Quantenanwendung über einen einzelnen Anwendungsfall hinausgehe und auf zunehmend komplexere operative Aufgaben ausgeweitet werde. Telekommunikationsnetze seien hochkomplexe, ressourcenbeschränkte Umgebungen, in denen D-Waves Annealing-Technologie schon heute messbar zu Leistung und Effizienz beitrage.
Kawakami und Baratz stellen den Fall bewusst als Fortsetzung dar, nicht als Einzelereignis. Die erste Anwendung löste ein enger gefasstes Paging-Problem, die zweite ein breiteres TA-List-Optimierungsproblem über mehrere Tracking Areas.
Wie belastbar der Vergleich mit anderen Netzbetreibern ausfällt, hängt stark von der jeweiligen Netzarchitektur ab. DOCOMOs Struktur mit mehreren tausend Basisstationen unterscheidet sich deutlich von kleineren Netzen, weshalb sich die berichteten Prozentsätze nicht automatisch übertragen lassen.
D-Wave versieht seine Mitteilung mit dem üblichen Hinweis, dass zukunftsgerichtete Aussagen Risiken und Unsicherheiten unterliegen. Für die berichteten Messwerte zu Signalreduktion und Rechenzeit ändert das nichts; der Vorbehalt betrifft Ausblicke, nicht die dokumentierten Zahlen selbst.
Belastbare öffentliche Daten für größere Netzsegmente oder für Betreiber außerhalb Japans fehlen bislang. Bis dahin bleibt der DOCOMO-Fall die konkreteste dokumentierte Referenz dafür, dass hybride Quantenoptimierung im Telekombetrieb nicht nur rechnet, sondern läuft.





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