Digitalisierung im Bildungssystem – Luftfilter frisst Cloud

Ein Gastbeitrag von:

Markus Prahl
Markus Prahl - Der Betriebswirtschaftler mit Ausbildung zum Fachinformatiker arbeitet seit 2001 mit großer Leidenschaft in der IT. Er ist Co Founder der SEQUAFY GmbH und verantwortet dort die Geschäftsführung. Als Strategie-As gehört die aktive Mitgestaltung von Prozessen zu seinen liebsten Aufgaben.
Digitalisierung und die Cloud in der Schule
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Übersicht:

In den Köpfen der Schülerinnen und Schüler liegt der Fokus bereits auf den nahenden Herbstferien. Nach anstrengenden Wochen im nun wieder stattfindenden Präsenzunterricht, kann man eine Pause daheim kaum erwarten. Doch was genau ist denn nun seit Beginn der Pandemie und über monatelanges Homeschooling hinweg passiert, wenn es um das Thema Digitalisierung geht?

Modernisierung oder Augenwischerei?

Der Politik rinnt gerade die Zeit durch die Finger. Das große bundesweite Modernisierungskonzept für Schulen zieht sich wohl noch bis Jahresende und darüber hinaus. Doch leider geht es dabei nicht um Digitalisierungsprojekte wie einheitliche Lernplattformen oder moderne IT Systeme (wie sie auch in der Industrie zu finden sind). Auch geht es nicht darum, endlich alle Lehrkräfte mit dienstlichen E-Mail-Adressen zu versorgen. Vielmehr soll für die flächendeckende Versorgung von Schulen mit Luftfiltern gesorgt werden, mit dem obersten Ziel, den Status Quo von vor der Pandemie wieder herzustellen.

Gerade beraten die Kultusminister der Länder über weitere Maßnahmen – weitreichende Beschlüsse werden jedoch nicht erwartet. Natürlich ist der Fortschritt der Digitalisierungsbemühungen bei den Gesprächen ein zentraler Punkt.

In der Realität wird dies aber mit dem gleichen Nachdruck verfolgt, wie die Große Koalition in den letzten Jahren die Maßnahmen zum Klimaschutz verfolgt hat: Als populäres Thema steht es stets auf der Agenda, wirkliche Änderungen sind jedoch oft mühsam und benötigen eine Offenheit zur Veränderung, weshalb sie kaum umgesetzt werden.

Der digitale Status Quo

Sieht man sich die Digitalisierungsbemühungen und den digitalen Status Quo rund um das deutsche Schulsystem an, wird man mit Zuständen konfrontiert, über die jedes Unternehmen verwundert wäre:

  • Derzeit haben schätzungsweise über 1/3 der Lehrkräfte nach wie vor keine dienstliche E-Mail-Adresse. Kommunikation erfolgt über den privaten E-Mail-Account, welcher in vielen Fällen ein amerikanischer Webmail Client sein dürfte.
  • Gleichzeitig hindert der harte Ansatz der Landesdatenschutzbeauftragten die Schulen am Einsatz von leicht verfügbarer und einfach skalierbarer Software und Services, wie beispielsweise den Microsoft 365 Produkten. Dadurch wird der Einsatz von Nischenprodukten nötig, welche schwer zu administrieren und wenig erprobt sind.
  • Der IT Support und die Pflege der vorhandenen Infrastruktur obliegt oft noch den für die IT zuständigen Lehrkräften – in einer Art Nebenjob. Natürlich greifen diese auch auf externe Unterstützung zurück. Durch den eingeschränkten Einsatz von Industriestandards und komplexen Ausschreibungsprozessen sind die möglichen Partner aber limitiert und der Einsatz von neuen, kosteneffizienten Technologien kaum möglich.
  • Die langen Schulschließungen haben gezeigt, dass Lehrkräfte eine Möglichkeit zur digitalen Zusammenarbeit mit ihren Schülern benötigen und auch wollen. Was in den meisten Unternehmen inzwischen reibungslos funktioniert, ist im bundesweiten Schulschnitt noch Zukunftsmusik. Lernplattformen zum Austausch von Lerninhalten werden auf Länderebene erdacht, halten der Anzahl der (kalkulierbaren!) Zugriffe nicht stand, und sind weit davon entfernt, alle nötigen Features für einen digitalen Unterricht bereit zu stellen.

Geld für die Digitalisierung wäre vorhanden

Ja, der Bund hat seit 2019 für Schulen bundesweit 6,5 Milliarden Euro für WLAN, digitale Helfer im Unterricht, Laptops, Administrationsunterstützung und Infrastruktur bereitgestellt. Nach zwei Jahren und mehreren Lockdowns sowie Homeschooling sind davon trotzdem noch mehr als vier Milliarden übrig.

Bis zum Stichtag 30. Juni 2021 waren nur 852 Million Euro wirklich abgerufen, 1,4 Milliarden waren zwar beantragt und bewilligt jedoch noch nicht abgerufen. Obwohl der Topf im Zuge von Corona dreimal aufgestockt wurde, mit dem Fokus Laptops für bedürftige Schüler, Dienstlaptops für Lehrkräfte und für Schuladministratoren, die sich um die Technik kümmern, zu ermöglichen.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagt in der Augsburger Allgemeinen dazu:

„Aber insgesamt muss ich gut zwei Jahre nach Start des Digitalpakts sagen: Die Digitalisierung der Schulen ist noch längst nicht da, wo sie sein sollte. Das Tempo ist mir insgesamt zu langsam“.

Laut der Gegenseite liegt das vor allem an dem Antragsverfahren, um überhaupt an die Gelder zu kommen. Dieses wurde zwar im Zuge von Corona vereinfacht, dennoch fehlt den Schulen die Zeit und das Fachwissen, den Prozess zu durchlaufen und alle nötigen Schritte dafür zu gehen. Doch was wären nun Ansätze, um mit der Digitalisierung in Schulen deutlich voranzukommen?

Mögliche Lösungsansätze

Ein erster Schritt könnte eine Orientierung an der IT Welt der 2010er Jahre sein – die Virtualisierung. Die Systeme blieben vorerst wie sie waren, der Unterbau wurde jedoch ganzheitlicher und gemeinsam nutzbar. Somit könnte die Trennung zwischen Schulinhalt und Schulinfrastruktur eine gute Lösung sein, Ressourcen effizienter zu nutzen. Zudem könnte dies von einem Expertenteam organisiert und administriert werden.

Durch die Hoheit des Bundes über diesen Teil wären Gelder leichter abrufbar und durch Standardisierung ist Skalierung einfacher möglich. Die Länder und Kommunen behalten dabei die Hoheit über den Lehrplan und die Organisation der Schule selbst – die Trennung zwischen Applikation und Infrastruktur sozusagen. Dies könnte auch den Weg zu weiteren Bundesservices ebnen, wie beispielsweise eine bundesweite Lernplattform. Dazu kommen Skalierungseffekte, da in größeren Volumen eingekauft werden kann.

Um auch Haushalten mit veralteter Hardware Zugriff auf die moderne Schulinfrastruktur zu geben, könnte dieses Setup mit Virtual Desktop Applikationen ergänzt werden. Moderne VDI Lösungen erlauben den Zugriff von einer großen Bandbreite von Endgeräten – vom alten PC über den neuen Laptop bis zu Tablets. Diese virtuellen Computer sind von überall aus erreichbar und können gleichzeitig zentral verwaltet werden. Die Sicherheitsmechanismen sind im Backend implementiert, was auch hier einen bundesweiten Standard für IT Sicherheit zulassen würde.

Weiter sollte der harte Datenschutzkurs hinterfragt und mit einer Risikobewertung versehen werden. Natürlich ist Datenschutz wichtig und zentraler Bestandteil einer erfolgreichen und sicheren Gemeinschaft in Europa. Jedoch finden offensichtlich tausende Unternehmen deutschland- und europaweit Möglichkeiten, moderne IT Plattformlösungen mit den lokalen Gesetzen in Einklang zu bringen.

Und irgendwie ist es einem Schüler oder einer Schülerin auch schwer zu vermitteln, warum der Einsatz von gängigen Videokonferenzsystemen oder Office-Applikationen in Schulen verboten ist, jedoch Standard, sobald sie einen Fuß in ein Unternehmen setzen oder zu Hause an ihren Geräten sitzen. Wäre hier nicht eine Sensibilisierung im Umgang mit Daten als zentraler Unterrichtsteil wichtiger? Klarheit darüber schaffen, dass kein Service umsonst ist. Entweder man bezahlt mit Geld oder mit Daten.

Könnte Cloudtechnologie helfen?

Und dann wäre da natürlich noch der Einsatz von Cloudtechnologie im Allgemeinen. Das große Ziel einer europäischen Cloudinfrastruktur auf dem Level der großen amerikanischen oder chinesischen Cloudanbieter liegt noch in weiter Ferne – sollte sie überhaupt kommen. Die großen Unternehmen haben Jahre und Milliarden Euro an Entwicklungsvorsprung, welcher auch durch die intensiven Bemühungen rund um Gaja-X nicht so schnell aufgeholt werden dürfte.

Kann man nun gerade an Orten, an welchen Kinder an die moderne Welt heran geführt werden sollen, den Einsatz modernster Technologie verwehren? Deutschland kämpft von Grund auf mit einer Skepsis gegenüber Cloudtechnologien, gleichzeitig entwickeln sich aber Hybrid-Cloud-Szenarien als der defacto Standard in erfolgreichen Unternehmen – egal ob Startup oder alteingesessenes Traditionsunternehmen. Die Möglichkeiten durch einen einfachen Zugriff auf KI Applikationen, dem spielerischen Lernen von Programmieren oder einfach nur der Erkenntnis wie die moderne Welt inzwischen funktioniert, stünden damit allen Kindern offen.

Viele ungenutzte Möglichkeiten

Wie in jedem Industriezweig bietet Digitalisierung im Schulsystem eine Menge Möglichkeiten. Jedoch braucht es dazu auch Commitment dies anzugehen. Nach wie vor sind die Haupthindernisse bei der schnellen Umsetzung des digitalen Wandels die (Unternehmens-) Kultur, komplexe Organisationsstrukturen und mangelnde Prozesse. All das ist auch in den Schulen zu beobachten.

Letztendlich sind die Schulen und das ganze Schulsystem vielleicht noch nicht bereit für eine ernsthafte und flächendeckende Digitalisierung. Rein nach dem Zitat von Thorsten Dirks, früherer Vorstandsvorsitzender der Teléfonica Deutschland:

„Wenn Sie einen scheiß Prozess digitalisieren, haben Sie einen scheiß digitalen Prozess“.

Und bis man so weit ist, kann man sich an Analogem festhalten und weiter die Ressourcen nutzen um Luftfilter zu installieren.

 

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