Mehr als 40 Prozent. Laut eBay entfallen seit 2024 mehr als 40 Prozent des Handelsvolumens (GMV) auf gebrauchte und generalüberholte Ware, so steht es im CEO-Brief des „2026 Recommerce Report“, den der Marktplatz am Mittwoch, 7. Oktober 2026, veröffentlicht hat. In eBays Recommerce-Umfrage geben zudem 47 Prozent der befragten Secondhand-Kundschaft an, mindestens monatlich gebraucht zu kaufen. Die Pressemitteilung von eBay verkauft das als Beleg dafür, dass Konsumierende mit Secondhand ihr Budget strecken. Ob das auch für Ihr Geschäft gilt, ist eine andere Frage.
Bevor wir einsteigen, ein Hinweis zur Datenlage, den wir bewusst an den Anfang stellen: Die Umfragewerte stammen aus einer Online-Umfrage im Auftrag von eBay, durchgeführt mit Bounce Insights, mit Fokus auf Secondhand-Kundschaft. Sie ist nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Der Report nennt zugleich Befragte, die noch nicht Secondhand gekauft haben, nämlich fast jede vierte befragte Person. Die Abgrenzung der Stichprobe bleibt also unscharf. Klartext: Wer Secondhand-Kundschaft fragt, ob sie Secondhand kauft, bekommt hohe Werte.
Das ist kein Vorwurf an eBay, sondern schlicht und einfach der Grund, warum man Umfragen dieser Art als Stimmungsbild liest und nicht als Marktvermessung. Für Händlerinnen und Händler im deutschsprachigen Raum kommt hinzu, dass der Report für Deutschland nur zwei Einzelwerte nennt. Alles andere sind länderübergreifende Zahlen oder Angaben ohne Länderaufschlüsselung.
Wir bei digital-magazin.de haben den Report und die Pressemitteilung nebeneinandergelegt. Dieser Artikel sortiert, welche Zahl was belegt, wo sie endet und was Sie daraus für Ihr Sortiment, Ihre Retouren und Ihre Marge ableiten können. Die Leitfrage lautet: Ist Recommerce bei Ihnen Retourenresteverwertung – oder ein eigener Kanal mit eigener Marge?
Die 40 Prozent: Was die Zahl aussagt und was nicht
Beginnen wir mit der Schlagzeilenzahl. Im CEO-Brief von Jamie Iannone heißt es, seit 2024 hätten gebrauchte („pre-loved“) und generalüberholte Waren mehr als 40 Prozent des GMV von eBay ausgemacht. Zwei Dinge fallen auf. Erstens fasst die Formulierung zwei Warengruppen zusammen: gebraucht und generalüberholt. Wie sich das Volumen auf beide verteilt, nennt der Report nicht. Zweitens bezieht sich die Aussage auf eBay als Marktplatz insgesamt, nicht auf einzelne Länder.
Eine Zahl für Deutschland gibt es nicht. Auch einen absoluten Secondhand-GMV-Wert nennt eBay nicht, und einen Recommerce-Umsatz in Euro erst recht nicht. Wer im Meeting sagt, in Deutschland werde bei eBay „zu 40 Prozent gebraucht“ gekauft, erfindet eine Aussage, die die Quelle nicht hergibt.
Was eBay dagegen nennt, ist der Gesamtwert: „In 2025, eBay enabled $80 billion of gross merchandise volume.“ Daraus lässt sich eine einfache Rechnung bauen, und zwar ausdrücklich unsere, nicht die von eBay. Nehmen wir an, der Anteil habe 2025 wie von eBay „seit 2024“ beschrieben über 40 Prozent gelegen. Dann ergeben 40 Prozent von 80 Milliarden Dollar rechnerisch mehr als 32 Milliarden Dollar Secondhand- und Refurbished-GMV. Das ist eine dm-Rechnung mit einer Annahme, keine veröffentlichte eBay-Zahl, und wir rechnen sie bewusst nicht in Euro um.
Warum die Vorsicht? Weil GMV das Bruttowarenvolumen beschreibt, nicht Umsatz oder Gewinn des Marktplatzes und schon gar nicht die Marge der Verkaufenden. Die Zahl sagt, wie viel Ware den Besitzer wechselt. Sie sagt nicht, was bei den Verkaufenden hängen bleibt. Das Problem dabei: Genau das interessiert Sie.
Methodik: Wie belastbar ist eBays Recommerce-Umfrage?
Laut Pressemitteilung hat eBay zwei Online-Umfragen in Partnerschaft mit Bounce Insights durchgeführt. Befragt wurden 10.522 Konsumierende in den USA, Großbritannien, Deutschland, Polen, Frankreich, Italien, Spanien, Australien, Österreich und Japan. Der Report nennt dagegen 10.523 Befragte. Beide Angaben stammen von eBay. Die Abweichung um eine Person ist für die Aussagekraft bedeutungslos, aber sie zeigt, dass zwei Dokumente desselben Absenders nicht dieselbe Zahl liefern. Wir schreiben deshalb von rund 10.500 Befragten.
Wichtiger ist die Definition der Befragten. In der Methodik heißt es sinngemäß, die Befragten umfassten Konsumierende, die sich mit Recommerce beschäftigt haben, also Menschen, die gebrauchte oder „pre-loved“ Ware gekauft haben. Gleichzeitig nennt der Report, dass fast jede vierte befragte Person noch nicht Secondhand gekauft hat. Beides passt nur bedingt zusammen. Wie die Stichprobe genau gezogen wurde, wie stark ausgewählt wurde und ob gewichtet wurde, erfahren wir nicht. Eine Aussage zur Repräsentativität macht eBay nicht.
Die zweite Umfrage richtete sich an 1.707 aktive eBay-Verkaufende in sieben Märkten: USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Australien und Japan. Das sind Menschen, die gerade auf eBay verkaufen. Wer aktive eBay-Verkaufende fragt, erfährt etwas über eBay-Verkaufende. Über den Handel insgesamt sagt das wenig, über den klassischen Onlinehandel mit Neuware gar nichts.
Eine Sache noch. eBay selbst vergleicht die 47 Prozent mit 35 Prozent im Vorjahresreport. Die beiden Umfragen unterscheiden sich allerdings in Institut, Größe und Länderauswahl. Der Vorjahresreport, nachzulesen in der Pressemitteilung vom 18. November 2025, beruhte auf dem Institut Forsta mit rund 16.020 Konsumierenden in neun Märkten, darunter Kanada. Die aktuelle Umfrage läuft über Bounce Insights, umfasst rund 10.500 Befragte und zehn Märkte, darunter Polen und Österreich. Die beiden Werte sind deshalb nicht vergleichbar. Wir leiten daraus keine Entwicklung ab, und Sie sollten das ebenfalls nicht tun.
Feldzeiten nennen wir nicht, weil Pressemitteilung und Report-PDF die Befragungszeiträume der beiden Umfragen unterschiedlich zuordnen. Das ist übrigens kein Detail: Wer eine Umfrage einordnen will, möchte wissen, wann gefragt wurde. Meiner Einschätzung nach gehört das in jede Methodenbeschreibung, die den Anspruch erhebt, als Quelle zitiert zu werden.
Konsumierende: Was die Befragten über ihr Kaufverhalten sagen
Nun zu den Werten selbst, jeweils mit ihrer Basis. 76 Prozent der Befragten haben im vergangenen Jahr Secondhand gekauft, davon laut Report 55 Prozent online. Mindestens monatlich kaufen 47 Prozent der Befragten gebraucht. Wie diese 47 Prozent auf die einzelnen Länder verteilt sind, nennt eBay nicht. Eine deutsche Monatsquote gibt es damit nicht, und es wäre Spekulation, eine zu schätzen.
Bedenken Sie dabei den Selektionseffekt. Wenn der Kreis der Befragten überwiegend aus Menschen besteht, die schon einmal gebraucht gekauft haben, dann ist ein hoher Wert beim Kauf im vergangenen Jahr kaum überraschend. Ein Wert von 76 Prozent der Befragten sagt uns, wie viele der Befragten gekauft haben. Er sagt uns nicht, wie viele Menschen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gebraucht kaufen.
Für die Zukunft zeigt sich die befragte Kundschaft zuversichtlich. 89 Prozent der Befragten planen, im nächsten Jahr (laut Report: in 2027) gleich viel oder mehr für Secondhand auszugeben. Absichtserklärungen in Umfragen kosten allerdings nichts. Was am Checkout tatsächlich passiert, steht auf einem anderen Blatt. Und „gleich viel“ ist in dieser Formulierung eine ziemlich bequeme Hälfte der Antwort.
Schärfer wird das Bild bei der Altersgruppe. 53 Prozent der befragten 18- bis 29-Jährigen erwarten in den nächsten zwölf Monaten mehr Secondhand-Käufe, bei den befragten 30- bis 45-Jährigen sind es 43 Prozent, über alle Befragten hinweg 36 Prozent. Jüngere melden die Erwartung häufiger nach oben. Das ist ein Hinweis auf die Richtung der Stimmung in der Stichprobe, mehr nicht.
Umfrage im eBay-Auftrag: Befragte, die in den nächsten 12 Monaten mehr Secondhand kaufen wollen
- 47Befragte Secondhand-Kundschaft: kauft mindestens monatlich Secondhand
- 70Befragte Secondhand-Kundschaft: Secondhand wichtig fürs Haushaltsbudget
- 85Befragte eBay-Verkaufende: Ware aus eigenem Besitz
Zwei weitere Angaben betreffen das Verhalten: Mehr als die Hälfte der Befragten hat schon bei eBay Secondhand gekauft, und knapp 40 Prozent der befragten Konsumierenden haben auch selbst Secondhand online verkauft. Die Grenze zwischen Kaufen und Verkaufen ist hier fließend. Ein großer Teil der Kundschaft ist zugleich potenzielle Konkurrenz im Angebot, und das ist für gewerbliche Händlerinnen und Händler ein Punkt, der in Hochglanzberichten gern untergeht.
Budget und Sparen: Der Preis ist für die Befragten das stärkste Argument
Das häufigste Motiv ist unspektakulär: Geld. 70 Prozent der befragten Konsumierenden halten den Secondhand-Kauf für wichtig fürs Haushaltsbudget, unter den befragten Gen-Z-Konsumierenden sind es 76 Prozent. 84 Prozent der befragten Konsumierenden zählen Geldsparen zu ihren drei wichtigsten Gründen für Secondhand, 46 Prozent der Befragten nennen es als Grund Nummer eins.
Ehrlich gesagt überrascht das niemanden, der selbst schon einmal einen gebrauchten Artikel gekauft hat. Wer Secondhand kauft, will in der Regel zuerst sparen, alles andere kommt danach. Für Sie heißt das: Ihr Preisabstand zur Neuware ist das Verkaufsargument, nicht ein Satz im Nachhaltigkeitsflyer. Fehlt der Abstand, fehlt auch der Grund, auf ein gebrauchtes Gerät zu klicken statt auf das neue.
Einen Ländervergleich hebt eBay selbst hervor. In den USA nennen 36 Prozent der befragten US-Konsumierenden Secondhand „sehr wichtig“ fürs Haushaltsbudget, gegenüber 28 Prozent der global Befragten bei gleicher Frage. Laut eBay ist der US-Wert damit erstmals höher als der globale. Das ist ein eBay-Befund, und der Vergleich ist bei gleicher Frage zulässig. Für den DACH-Raum folgt daraus aber nichts: Eine Aussage zu Deutschland, Österreich oder der Schweiz lässt sich daraus nicht ableiten.
Was können Sie mitnehmen? Dass Preis das Argument ist, das in der Umfrage am deutlichsten hervortritt. Und dass sich dieses Argument in der Praxis gegen Ihre Marge richtet. Je größer der Abstand zur Neuware, desto kleiner der Spielraum. Das ist der Punkt, an dem Recommerce für Händlerinnen und Händler schnell unbequem wird.
Vertrauen: Warum fast jede vierte befragte Person noch nicht gekauft hat
Spannender als die hohen Werte sind die Gegenstimmen. Der Report schreibt: „Nearly one in four survey respondents have not bought secondhand.“ Fast jede vierte befragte Person hat also noch nicht gebraucht gekauft. Damit ist auch klar, dass die Stichprobe nicht nur aus Käuferinnen und Käufern besteht. Das widerspricht ein wenig der Methodenbeschreibung, und eben deshalb sprechen wir von einer unscharfen Abgrenzung.
Als größte Hürden nennen diese Befragten die Vorliebe für Neuware (52 Prozent) und den Wunsch nach mehr Sicherheit über den Zustand (51 Prozent). Beides lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Vorliebe für Neuware ist Geschmack, die Sorge um den Zustand ist ein lösbares Informationsproblem.
Was würde die befragten Nicht-Käuferinnen und Nicht-Käufer überzeugen? Für 53 Prozent von ihnen ist eine deutliche Ersparnis der wichtigste Faktor. Danach folgen Vertrauenssignale: 37 Prozent der befragten Nicht-Käuferinnen und Nicht-Käufer nennen genaue Angebotsbeschreibungen, 35 Prozent garantierte Echtheit und 34 Prozent stärkeren Käuferschutz. Wie Schutzmechanismen für die Kundschaft in der Praxis aussehen können, zeigt unser Beitrag zum Käuferschutz bei Vinted.
Das Problem dabei: Zustand ist kein Preisthema, sondern ein Informationsthema. Wer „gebraucht“ schreibt und sonst nichts, überlässt der Kundschaft die Unsicherheit. Und Unsicherheit kostet Conversion. Meiner Einschätzung nach liegt hier der Hebel mit dem besten Verhältnis aus Aufwand und Wirkung. Er kostet kein Werbebudget, sondern Sorgfalt: klare Zustandsstufen, ehrliche Fotos, präzise Beschreibungen.
Ein Vorbehalt gehört dazu. Die genannten Werte stammen von einer Teilgruppe der Befragten, die laut Report fast ein Viertel der Befragten ausmacht. Was diese Gruppe tatsächlich zum Kauf bewegt, wissen wir aus einer Umfrage nicht, sondern nur, was sie angibt. Zwischen Angabe und Verhalten liegt der Checkout.
Verkaufende: Wer hinter dem Recommerce steckt
Dieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptPhotorealistic photo of a small online reseller workspace at home, plain cardboard shipping boxes, a pair of used sneakers being photographed with a smartphone on a tripod against a white sheet, hands only, no logos, no brand marks, no readable text, no letters, no numbers, no watermarks, 16:9Auf der Verkaufsseite liefert der Report ein anderes Bild als die Schlagzeile. 85 Prozent der befragten eBay-Verkaufenden beziehen ihre Secondhand-Ware aus dem eigenen Besitz. 58 Prozent der befragten eBay-Verkaufenden verkaufen seit mehr als fünf Jahren Secondhand. Knapp 30 Prozent der befragten Verkaufenden sagen laut CEO-Brief, der Secondhand-Verkauf helfe ihnen, Zusatzeinkommen zu verdienen. Das ist eine eBay-Angabe aus der Pressemitteilung, die eBay nicht weiter aufschlüsselt.
Meiner Einschätzung nach ist eBays Recommerce damit stark privat bzw. semiprofessionell geprägt: Menschen, die Dinge aus dem eigenen Haushalt verkaufen, und kleine Unternehmen, die das seit Jahren nebenbei betreiben. Das ist keine eBay-Aussage, sondern meine Lesart der genannten Zahlen. Sie steht unter dem Vorbehalt, dass der Report keinen Anteil gewerblicher Händlerinnen und Händler am Secondhand-GMV nennt. Es kann also sein, dass wenige große Anbieter viel Volumen bewegen, während viele kleine wenig bewegen.
Für Deutschland nennt der Report einen Wert: 76 Prozent der deutschen Verkaufenden reinigen, waschen oder testen Ware gründlich vor dem Einstellen. Das ist für die Zustandsfrage relevant, denn es zeigt, dass Aufbereitung als Vertrauensmaßnahme angekommen ist, zumindest bei den befragten deutschen Verkaufenden. Wie viel das kostet und was dabei an Marge bleibt, steht nirgends. Margen von Händlerinnen und Händlern nennt eBay nicht.
Was folgt daraus? Die 40 Prozent GMV und die Struktur der Verkaufenden sind zwei verschiedene Informationen. Ob das Volumen aus privaten Dachbodenfunden, aus professionell aufbereiteter Refurbished-Ware oder aus Retouren stammt, verrät die Zahl nicht. Wir bei digital-magazin.de halten das für die wichtigste Leerstelle des Reports. Wer daraus ableitet, hinter diesem Volumen stünden vor allem gewerbliche Händlerinnen und Händler, liest mehr hinein, als dort steht.
Und noch etwas: Die befragten Verkaufenden sind eBay-Verkaufende. Wer auf eBay seit Jahren Secondhand verkauft, hat sich für diesen Kanal entschieden. Das bedeutet nicht, dass der Kanal auch für Ihr Sortiment trägt. Es bedeutet nur, dass er für diese Gruppe funktioniert hat oder sie zumindest dabei geblieben ist.
Händlerfrage: Retourenresteverwertung oder eigener Kanal mit eigener Marge?
Jetzt zu Ihnen. Behandeln Sie geöffnete, gebrauchte oder aufbereitete Ware als Abfallprodukt, das irgendwie raus muss? Oder als Sortiment mit eigener Kalkulation, eigener Zielgruppe und eigenen Regeln? Der Unterschied entscheidet, ob Recommerce Ihre Marge verwässert oder ergänzt. Beides ist möglich, beides kommt vor.
Retourenresteverwertung heißt: Die Ware kommt zurück, der Preis wird gesenkt, ein Restehändler oder ein Marktplatz übernimmt, und die Buchhaltung verbucht den Verlust. Das ist ein Kostenthema. Ein eigener Kanal mit eigener Marge heißt: Sie entscheiden, welche Artikel aufbereitet werden, kalkulieren den Aufwand, definieren Zustandsstufen, wählen die Plattform und messen das Ergebnis getrennt von der Neuware. Das ist ein Geschäftsmodell.
Auch andere Marktplätze vermarkten B-Ware als Aktion, etwa bei den Second Chance Deal Days von Amazon. Das zeigt, dass reduzierte Ware als eigenes Vermarktungsthema wahrgenommen wird. Wie Sie Marktplätze und Logistik dafür sinnvoll bewerten, haben wir in unserem Beitrag zu Circular Commerce und Retourenlogistik beschrieben.
Mein Rat, als Checkliste für Händlerinnen und Händler:
- Weisen Sie für B-Ware und Refurbished eine eigene Marge aus, getrennt von der Neuware, damit Sie sehen, ob der Kanal wirklich trägt oder nur Lagerfläche füllt.
- Standardisieren Sie Ihre Zustandsangaben mit festen Stufen und nachvollziehbaren Kriterien, denn genaue Beschreibungen, garantierte Echtheit und Käuferschutz sind genau die Vertrauenssignale, die die befragten Nicht-Käuferinnen und Nicht-Käufer mit 37, 35 und 34 Prozent nennen.
- Prüfen Sie Retourenware nicht nur als Verramschposten, sondern als möglichen eigenen Kanal: Welche Artikelgruppen kommen zuverlässig in gutem Zustand zurück, und lohnt sich dafür ein eigener Aufbereitungsprozess?
- Rechnen Sie Aufbereitung, Fotos, Prüfung und mögliche Rücknahmen in die Kalkulation ein, bevor Sie einen Preis setzen, und nicht erst, wenn die Marge enttäuscht.
- Zeigen Sie den Preisabstand zur Neuware sichtbar an, weil Sparen für die befragte Kundschaft das am häufigsten genannte Motiv ist.
- Trennen Sie im Reporting Kanäle und Zustandsklassen, damit Retourenquote, Conversion und Deckungsbeitrag für gebrauchte Ware getrennt auswertbar sind.
- Legen Sie fest, ob gebrauchte Ware in Ihrem eigenen Shop, auf einem Marktplatz oder auf beiden laufen soll, und begründen Sie die Entscheidung mit Ihren Gebühren und Ihrem Aufwand, nicht mit der Schlagzeile eines Marktplatzes.
- Testen Sie klein, mit einer Warengruppe und einem Kanal, bevor Sie Prozesse umbauen, denn ohne belastbare eigene Zahlen ist jede Hochrechnung aus einer Marktplatzumfrage Wunschdenken.
Der Punkt mit dem Test ist der unbequemste, weil er Geduld verlangt. Ehrlich gesagt ist er aber der einzige, der Ihnen eine echte Antwort liefert. Eine Studie kann Ihnen sagen, wonach Befragte angeben zu suchen. Ihre eigenen Zahlen zeigen, was in Ihrem Shop passiert.
Nachhaltigkeit und Live-Shopping: Was der Report zu Deutschland und Österreich sagt
Zur Umwelt: 84 Prozent der deutschen Befragten erkennen laut Länderseite den Nachhaltigkeitsnutzen von Secondhand. Das ist ein Befund über Befragte in einer Online-Umfrage, nicht über die Bevölkerung. Er heißt auch nicht, dass Umweltargumente am Checkout den Ausschlag geben. Die Sparmotive weiter oben sprechen eher dafür, dass der Preis zuerst kommt. Wer Nachhaltigkeit als Verkaufsargument nutzt, sollte es als Zusatz formulieren und nicht als Hauptgrund.
Wir halten diesen deutschen Wert bewusst getrennt von allen anderen Zahlen des Reports. Er ist die Angabe der deutschen Befragten, mehr nicht, und er sagt nichts darüber, wie Befragte in Österreich oder der Schweiz antworten würden.
An anderer Stelle des Reports geht es um Gemeinschaft. 54 Prozent der befragten Konsumierenden sagen, Community und gemeinsame Verbindungen wie Live-Shopping seien wichtig für ihr Secondhand-Erlebnis. Das ist eine weiche Aussage mit einer weichen Messlatte: „wichtig“ kann vieles heißen. Konkreter wird der Report für Österreich. Dort haben 15 Prozent der befragten Gen-Z-Konsumierenden ein Live-Shopping-Event gesehen und dabei gekauft, bei den befragten 46- bis 61-Jährigen sind es 1 Prozent.
Was heißt das für Sie? Live-Formate sind bei jüngeren Befragten in Österreich offenbar angekommen, bei Älteren kaum. Ob sich der Aufwand für Ihr Sortiment rechnet, hängt von Ihrer Zielgruppe ab. Für kleinere Händlerinnen und Händler ist Live-Shopping zudem eine Personalfrage: Wer moderiert, wer packt, wer beantwortet Fragen im Chat, und was kostet das pro verkauftem Artikel?
Meiner Einschätzung nach taugt der österreichische Wert als Denkanstoß, nicht als Handlungsanweisung. Ein Einzelwert für eine Altersgruppe in einem einzigen Land liefert keine Grundlage für eine Investitionsentscheidung. Probieren Sie es klein aus, wenn Ihre Zielgruppe jung ist und Ihr Sortiment sich zeigen lässt. Sonst lassen Sie es.
Policy-Forderungen: Das Positionspapier eines Marktplatzes
Im Kapitel „What recommerce needs next“ formuliert eBay Forderungen an die Politik. Das ist eine Lobbyposition, das Positionspapier eines Marktplatzes, der vom Recommerce-Geschäft lebt. Das muss nicht falsch sein, aber man sollte wissen, wer spricht. Gefordert werden Secondhand als eigene Regulierungskategorie, eine risikobasierte Durchsetzung statt mehr Papierkram, eine Steuerpolitik, die den Erstverkauf vom Wiederverkauf unterscheidet und Mehrfachbesteuerung desselben Produkts vermeidet, sowie ein Recht auf Reparatur („Right to Repair“).
Manches davon klingt für Händlerinnen und Händler nachvollziehbar, etwa die Vermeidung von Mehrfachbesteuerung desselben Produkts. Anderes ist zweischneidig. Eine eigene Regulierungskategorie kann Erleichterungen bringen, wirft aber Abgrenzungsfragen auf: Was zählt als Secondhand, was als Retoure, was als generalüberholt? Der Report liefert dazu keine Details, und er nennt auch nicht, wer die Last der risikobasierten Durchsetzung tragen soll.
Die Forderung nach weniger Papierkram ist aus Marktplatzsicht leicht zu verstehen. Wer viele private und semiprofessionelle Verkaufende auf der Plattform hat, möchte ihnen Pflichten ersparen. Für gewerbliche Händlerinnen und Händler, die ohnehin Pflichten erfüllen, kann das aber auch bedeuten, dass sich die Wettbewerbsbedingungen verschieben. Das ist eine Frage, die man stellen darf, ohne gleich Böses zu unterstellen.
Die vollständigen Angaben finden Sie im Report-PDF. Wir bei digital-magazin.de empfehlen, die Methodik und das Policy-Kapitel selbst zu lesen, bevor Sie Zahlen weitergeben oder Forderungen übernehmen. Wer Zahlen aus einer Pressemitteilung zitiert, sollte zumindest wissen, was auf der Seite danach steht.
Was bleibt?
Die Zahl „mehr als 40 Prozent“ ist eine eBay-Angabe zum eigenen Handelsvolumen, bezogen auf gebrauchte und generalüberholte Ware seit 2024. Sie sagt nichts über Deutschland und nichts über Margen. Die Umfragewerte zeigen, wie die befragte, überwiegend Secondhand-erfahrene Kundschaft denkt, nicht, wie die Bevölkerung kauft. Das macht sie nicht wertlos. Als Stimmungsbild taugen sie, als Marktgröße nicht.
Unsere dm-Rechnung mit mehr als 32 Milliarden Dollar bleibt eine Rechnung mit Annahme. Sie zeigt eine Größenordnung für das Volumen, aber weder einen Gewinn noch eine Händlermarge. Und die Struktur der Verkaufenden, stark von Ware aus eigenem Besitz und langjährig Verkaufenden geprägt, spricht meiner Einschätzung nach dafür, dass Sie als gewerbliche Händlerin oder gewerblicher Händler Ihren eigenen Weg rechnen müssen.
Ist Recommerce bei Ihnen Retourenresteverwertung oder ein eigener Kanal mit eigener Marge? Beantworten können das nur Ihre eigenen Zahlen. Und jetzt? Rechnen Sie nach, bevor andere es für Sie tun.




