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Was die Sperre von ChatGPT und Claude in Schweden für Schatten-KI bedeutet

Schwedens Regierungskanzlei hat den Browserzugang zu ChatGPT und Claude auf Dienstrechnern gesperrt, die Modelle bleiben über eine Plattform erreichbar. Der Fall liefert Prüfpunkte zum Umgang mit Schatten-KI in Behörden und Unternehmen im deutschsprachigen Raum.

Laptop mit geöffnetem Chatfenster als Sinnbild für Schatten-KI und den gesperrten Browserzugang zu ChatGPT auf DienstrechnernDieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptExterior of a modern Scandinavian government office building in autumn light, grey sky, bicycles parked in front, calm institutional mood. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.
Schwedens Regierungskanzlei sperrt den Browserzugang zu ChatGPT auf Dienstrechnern, ein Anlass, über Schatten-KI zu sprechen (Symbolbild)

Die schwedische Regierungskanzlei (Regeringskansliet) lässt die Browseroberfläche von ChatGPT und Claude auf Dienstrechnern seit dem 26. Oktober nicht mehr zu; Microsofts Copilot gilt als freigegebenes Werkzeug. Über die Plattform Intric bleibt der Zugang zu beiden Sprachmodellen laut Regierungskanzlei bestehen. Es ist eine Sperre des Einzelzugangs, kein Verbot der Modelle.

dm-Einordnung: Als Schatten-KI bezeichnen wir KI-Dienste, die Beschäftigte ohne Vereinbarung und ohne Freigabe der Organisation nutzen; für den Umgang damit ist genau diese Unterscheidung der interessante Teil. Stockholm verlegt den Zugang zur Technik von der freien Wahl im Browser auf Wege, die die Organisation selbst bestimmt. Dazu gehören die belegten Angaben, die weiteren schwedischen Behörden mit ähnlichen Sperren und die Fragen, die sich daraus für Behörden und Unternehmen im deutschsprachigen Raum ableiten lassen.

Was die Regierungskanzlei sperrt und was bleibt

Zuerst berichtete Sveriges Radio Ekot über die Maßnahme. Der schwedische Rundfunk SVT meldete sie am 23. Oktober, aktualisierte die Meldung am 24. Oktober und stützt sich auf Ekot: Das Regeringskansliet sperre die KI-Dienste ChatGPT und Claude, und die Sperre gelte ab Montag, dem 26. Oktober. Das Personal könne die Werkzeuge dann nicht mehr von seinen Dienstrechnern aus erreichen.

Als Ersatz verweist die Regierungskanzlei laut SVT auf Microsofts KI-Werkzeug Copilot. Der Dienst soll von der Regierungskanzlei freigegeben sein, die nach einer Überprüfung (schwedisch: översyn) des Dienstes die Sicherheit erhöht habe. Alle Beschäftigten haben demnach Zugang zu diesem Werkzeug. Wie viele Beschäftigte von der Sperre betroffen sind, ist nicht angegeben, ebenso wenig Zugriffszahlen.

Die Regierungskanzlei selbst hat sich in einer E-Mail an SVT geäußert. Der entscheidende Satz lautet im Original: „Webbläsargränssnittet för AI-tjänsterna ChatGPT och Claude kommer inte längre att nås från Regeringskansliets tjänstedatorer från och med den 26 oktober. Inom ramen för Intric har medarbetare fortfarande tillgång till språkmodellerna ChatGPT och Claude.“ In der dm-Übersetzung: Die Browseroberfläche von ChatGPT und Claude ist von den Dienstrechnern der Regierungskanzlei ab dem 26. Oktober nicht mehr erreichbar; im Rahmen von Intric haben Beschäftigte weiterhin Zugang zu den Sprachmodellen.

Die Formulierung ist präzise gewählt. Gesperrt wird ein Zugangsweg, nämlich die Weboberfläche, die jede beschäftigte Person ohne Rückfrage öffnen kann. Die Modelle als solche, also die Sprachmodelle hinter ChatGPT und Claude, bleiben im Rahmen von Intric nutzbar. Wer „Schweden verbietet ChatGPT“ liest, versteht die Meldung deshalb falsch, und auch „alle gesperrt“ wäre unzutreffend.

Etwas anders gelagert ist die Angabe von Ekot. Der Bericht von Sveriges Radio vom 23. Oktober stammt von Mikael Grill Pettersson. Laut der Pressestelle der Regierungskanzlei behält ein Teil des Personals weiter Zugang zu einer besonderen Plattform für KI-Assistenten, die die Regierungskanzlei selbst entwickelt hat und über die ChatGPT und Claude erreichbar sind. Einen Namen nennt Ekot dafür nicht.

SVT nennt dagegen Intric. Beide Angaben stammen aus unterschiedlichen Meldungen: Die Mail der Regierungskanzlei an SVT spricht von Intric, die Pressestelle gegenüber Ekot von einer hauseigenen Plattform für KI-Assistenten. Ob und wie weit beides dieselbe Anwendung beschreibt, geht aus den Meldungen nicht hervor. Belegt ist in beiden Fällen: Der Modellzugang besteht fort, nur nicht mehr über den freien Browser.

Warum setzt die Regierungskanzlei auf freigegebene Dienste?

Die Regierungskanzlei will, dass Beschäftigte die von ihr freigegebenen Dienste nutzen, und Copilot gehört dazu. So fasst Ekot das Motiv der Sperre zusammen. Laut Ekot richtet sich die Maßnahme gegen die Nutzung von Diensten, die die Organisation nicht freigegeben hat.

Zur Absicherung von Copilot gibt es nur eine knappe Angabe. Laut interner Information, die Ekot einsehen konnte, wurde nach einer Überprüfung die Sicherheit in Copilot erhöht. Die Pressestelle nennt dazu aus Sicherheitsgründen keine Details. Welche Einstellungen, Verträge oder technischen Schutzmaßnahmen gemeint sind, ist daher nicht bekannt.

Aufschlussreich ist, wer sich nicht äußert und wer doch. Digitalisierungsdirektor Mikael Wettercrantz lehnte ein Interview mit Ekot ab. In einem Kommentar im Intranet der Regierungskanzlei, den Ekot wiedergibt, schreibt er jedoch, die Nutzung von KI-Diensten ohne Vereinbarung könne „konsekvenser för vår informationssäkerhet“ haben, auf Deutsch: Konsequenzen für die Informationssicherheit. Das ist die einzige Begründung, die über die Formel „freigegebene Dienste“ hinausgeht, und sie bleibt allgemein gehalten.

Wichtig ist, was der Satz nicht sagt. Er nennt keinen Vorfall in der Regierungskanzlei, keine abgeflossenen Daten und keinen konkreten Dienst als Auslöser. dm-Einordnung: Die Formulierung „ohne Vereinbarung“ legt als Maßstab fest, ob die Organisation mit dem Anbieter etwas geregelt hat, das sie steuern und prüfen kann.

Dazu passt, dass die Regierungskanzlei bereits früher gegenüber einem anderen Dienst vorgegangen ist: Die Nutzung von DeepSeek wurde dort schon zuvor eingeschränkt. Die Sperre von ChatGPT und Claude wäre damit ein weiterer Schritt in einer Linie, bei der die Organisation festlegt, welche Dienste auf Dienstrechnern laufen dürfen. Für diese Einordnung bleibt es bei den Angaben von Ekot, genauere Zeitpunkte nennt der Sender nicht.

Die Mail der Regierungskanzlei an SVT spricht von „vissa AI-tjänster“, also bestimmten KI-Diensten, die ab Montag abgeschaltet werden. Genannt werden darin ChatGPT und Claude. Welche weiteren Dienste unter diese Formulierung fallen könnten, geht aus der Mail nicht hervor. Ebenso fehlen Angaben dazu, ob später zusätzliche Dienste folgen oder ob der Kreis bei den beiden Namen bleibt. Die offene Formulierung lässt der Kanzlei Spielraum, den Kreis der gesperrten Dienste später anzupassen, ohne dass dafür bislang ein Hinweis vorliegt.

Wie Freigaben in Behörden praktisch ablaufen und wo sie Projekte verzögern, beschreibt ein Artikel über Sicherheitsfreigaben in Behörden. Bei einer solchen Sperre bildet die Freigabe von Alternativen den Kern der Maßnahme. Gesperrt wird, weil es etwas Freigegebenes gibt, auf das Beschäftigte ausweichen können.

Andere schwedische Behörden und das Muster dahinter

Schatten-KI: Schweden: Büroangestellter vor einem Rechner mit gesperrtem BrowserfensterDieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptOffice worker at a desk looking at a computer screen with an abstract padlock symbol over a blurred browser window, a smartphone next to the keyboard, neutral office light. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.
Gesperrter Zugriff im Browser (Symbolbild)

Die Regierungskanzlei ist nach Ekots Kartierung nicht allein. Sperren gab es zuvor bei Skatteverket, der Steuerbehörde, und bei Statens institutionsstyrelse (Sis), der Behörde für staatliche Einrichtungen. SVT nennt diese beiden Fälle ebenfalls. Dabei beruft sich SVT auf Ekot, es handelt sich also nicht um zwei unabhängige Recherchen.

Bei Kronofogden, der Vollstreckungsbehörde, ist die Frage in Vorbereitung. Ekot beschreibt, dass die Behörde sie vor einem kommenden Ställningstagande vorbereitet, also vor einer Positionierung oder einem Beschluss. Ein Ergebnis ist nicht bekannt. Ob am Ende eine Sperre, eine Freigabe oder eine Mischform steht, ist deshalb nicht belegt.

Warum so viele Behörden das Thema aufgreifen, zeigt das Beispiel Trafikverket, der Verkehrsbehörde. Dort entdeckte die interne Revision früher im Jahr 2026 eine verbreitete und riskante Nutzung von rund zehn verschiedenen KI-Diensten. dm-Einordnung: Zehn Dienste in einer Organisation bedeuten zehn Anbieter ohne gemeinsame Regelung, ein Zustand, den der Begriff Schatten-KI beschreibt.

In Ekots Bericht heißt es wörtlich: „Vi har tagit del av flera exempel på problematisk användning av öppna AI-tjänster. Exemplen rör både känsligheten i den information som matats in och hur de AI-genererade svaren hanterats.“ In der dm-Übersetzung: Man habe mehrere Beispiele problematischer Nutzung offener KI-Dienste gesehen; sie beträfen sowohl die Sensibilität der eingegebenen Informationen als auch den Umgang mit den KI-Antworten. Das Zitat nennt zwei getrennte Problemfelder, die Eingabe und die Weiterverwendung der Ausgabe.

Aus den Einzelfällen lässt sich ein Muster ableiten, das als dm-Einordnung zu verstehen ist und nicht als Aussage der Behörden: Erstens wird der offene Einzelzugang gesperrt. Zweitens gibt es eine freigegebene Alternative, im Fall der Regierungskanzlei Copilot. Drittens bleibt ein kontrollierter Zugang zu den Modellen bestehen, hier über Intric beziehungsweise die hauseigene Plattform. Dass alle drei Bausteine bei jeder genannten Behörde vorliegen, ist nicht belegt, bei der Regierungskanzlei jedoch ausdrücklich.

Ekot ordnet die Sperren so ein, dass die Risiken unregulierter KI-Nutzung bei mehreren Behörden erkannt wurden und mehrere deshalb Maßnahmen ergriffen haben. Die Maßnahmen unterscheiden sich in Art und Zeitpunkt. Für weitere Behörden liegen keine belegten Angaben zu Maßnahmen oder Terminen vor. Ein einheitliches Vorgehen lässt sich daraus bisher nicht ableiten.

Wie Organisationen unter ungeordneter Werkzeugvielfalt leiden, zeigt der Artikel über KI-Wildwuchs in Unternehmen aus Sicht der Organisation: Wer viele Werkzeuge ohne Ordnung zulässt, handelt sich Aufwand ein. Die schwedischen Fälle zeigen die behördliche Variante davon. Die Revision bei Trafikverket zeigte rund zehn genutzte KI-Dienste, Sperren bei anderen Behörden und die hauseigene Plattform in der Regierungskanzlei stehen daneben, ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch nicht belegt.

Was sich aus Stockholm für Behörden und Unternehmen im deutschsprachigen Raum mitnehmen lässt

Alles in diesem Abschnitt ist dm-Einordnung. Sie leitet sich allein aus den schwedischen Angaben ab und sagt nichts über deutsche, österreichische oder Schweizer Behörden. Die Fragen sind als Prüfpunkte gedacht und enthalten keine Warnung; eine Handlungsempfehlung geben die schwedischen Stellen nicht.

Der erste Prüfpunkt betrifft die Reihenfolge: Gibt es ein freigegebenes Werkzeug, bevor gesperrt wird? Die Regierungskanzlei nennt Copilot als Alternative, und laut SVT haben alle Beschäftigten Zugang dazu. Eine Sperre ohne Ausweichmöglichkeit ließe die Nachfrage unberührt, die Nutzung würde sich nur auf Wege verlagern, die keine Dienstrechner-Sperre erreicht. Ob das Privatgeräte oder andere Kanäle wären, geben die schwedischen Meldungen nicht her; es ist eine Überlegung, kein Befund.

Der zweite Prüfpunkt: Wer entscheidet über Freigaben? In Schweden ist von einer Überprüfung durch die Regierungskanzlei selbst die Rede, an deren Ende eine erhöhte Sicherheit in Copilot stand. Für eine Organisation kann das bedeuten, dass eine benannte Stelle ein Werkzeug prüft und über seine Nutzung entscheidet, während Teams sich ihre Werkzeuge nicht selbst aussuchen. Wie diese Stelle in der Regierungskanzlei organisiert ist, ist nicht bekannt.

Der dritte Prüfpunkt: Läuft der Modellzugang über eine kontrollierte Plattform? Das Beispiel Intric zeigt, dass sich der Zugang zu ChatGPT und Claude von der Browseroberfläche trennen lässt. Wettercrantz spricht im Intranet von einer Vereinbarung. dm-Einordnung: Wer Modelle über einen von der Organisation bestimmten Weg wie Intric nutzt, bewegt sich vermutlich in einem anderen Rahmen als jemand, der ein Konto im Browser anlegt; welche Bedingungen Intric setzt, ist offen. Welche Bedingungen Intric konkret setzt, ist nicht bekannt.

Der vierte Prüfpunkt gilt dem Browser: Wo bleibt der Einzelzugang? Die schwedische Sperre trifft ausdrücklich die Weboberfläche der beiden Dienste und nur auf Dienstrechnern der Regierungskanzlei. Organisationen, die eine ähnliche Maßnahme erwägen, müssten klären, welche Geräte und welche Zugangswege sie damit überhaupt erfassen. Eine Organisation, die ähnlich vorgeht, könnte klar benennen, dass es um die Sperre einzelner Dienste auf Dienstrechnern geht und die Technologie als Ganzes davon unberührt bleibt.

Ein weiterer belegter Punkt relativiert die Idee, es gebe eine einheitliche Lösung für alle: Ekot beschreibt die Plattform als Eigenentwicklung der Regierungskanzlei, die nur einem Teil des Personals zur Verfügung steht. Selbst in einer Behörde mit eigener Technik ist der kontrollierte Zugang zu den Sprachmodellen also nicht für alle gleich. Copilot erreicht nach Angaben der Regierungskanzlei alle Beschäftigten, die Plattform dagegen nur eine Gruppe, deren Zusammensetzung nicht genannt wird. Eine Abstufung nach Aufgabe oder Bedarf liegt damit nahe, ist aber nicht belegt.