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Gastartikel

Wenn KI-Agenten Produkte auswählen: Neue Spielregeln für den E-Commerce

Ein Gastartikel von ...

Romain Fouache

Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung an der Schnittstelle von Daten, KI und digitaler Transformation begleitet Romain Fouache Unternehmen dabei, datengetriebene Geschäftsmodelle erfolgreich zu entwickeln und zu skalieren. In internationalen Führungspositionen hat er sowohl globale Konzerne als auch schnell wachsende Technologieunternehmen auf ihrem Wachstumskurs unterstützt. Seine Expertise liegt darin, technologische Innovationen wie KI strategisch mit nachhaltigem Geschäftserfolg zu verbinden.

Agentic Commerce verändert die Produktauswahl im E-Commerce
Agentic Commerce verschiebt Produktauswahl und Sichtbarkeit im digitalen Handel. (Bild: Adobe Stock / Akeneo)

Noch vor wenigen Jahren bestand die größte Herausforderung im E-Commerce darin, bei Google gefunden zu werden. Später kamen Marktplätze hinzu. Händler mussten lernen, wie ihre Produkte auf Amazon, Otto oder Zalando sichtbar werden. Nun entsteht eine weitere Ebene, die eine neue Handelslogik erzeugt und die bisherigen Spielregeln grundlegend verändern.

Immer mehr Verbraucher nutzen LLMs wie ChatGPT, Perplexity oder Gemini, um Produkte zu recherchieren, zu vergleichen und Empfehlungen zu erhalten. Einer Analyse von Akeneo zufolge beginnen bereits heute 37 Prozent der Verbraucher ihre Produktsuche auf Sprachmodellen statt auf klassischen Suchmaschinen. Die Entwicklung steht jedoch erst am Anfang. Denn KI-Systeme sprechen nicht nur Empfehlungen aus, sondern treffen selbstständig Entscheidungen und begleiten ganze Kaufprozesse. Sie können diese sogar autonom ausführen.

Agentic Commerce beschreibt genau diesen Wandel: den Übergang von der KI-gestützten Produktsuche zum KI-gesteuerten Einkauf.

Für Händler und Marken stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Was passiert, wenn künftig Maschinen die wichtigsten „Kunden“ im digitalen Handel werden?

Vom suchenden zum handelnden Agenten

Der klassische E-Commerce basiert bis heute auf einem einfachen Prinzip. Ein Mensch formuliert eine Suchanfrage, vergleicht Produkte, liest Bewertungen und trifft anschließend eine Kaufentscheidung.

KI verändert diesen Prozess bereits heute. Statt Keywords einzugeben, beschreiben Nutzer ihre Anforderungen in natürlicher Sprache:

„Ich suche eine Waschmaschine für einen Vier-Personen-Haushalt, maximal 700 Euro, energieeffizient und innerhalb von drei Tagen lieferbar.“

Das Sprachmodell analysiert die Anfrage, durchsucht verfügbare Informationen und schlägt passende Produkte vor. Der eigentliche Kauf wird zwar weiterhin vom Menschen durchgeführt, doch die Vorauswahl erfolgt bereits durch die KI.

Agentic Commerce geht einen Schritt weiter. Hier übernehmen KI-Agenten zusätzliche Aufgaben: Sie recherchieren Produkte, vergleichen Angebote, prüfen Lieferzeiten, berücksichtigen individuelle Präferenzen und können anschließend selbstständig Bestellungen auslösen. Der Nutzer definiert lediglich das Ziel. Die operative Umsetzung übernimmt der Agent. Damit verändert sich nicht nur das Nutzerverhalten, sondern die gesamte Architektur des digitalen Handels.

Die neue Sichtbarkeitsfrage

Im klassischen E-Commerce war Sichtbarkeit vor allem eine Frage von Suchmaschinenoptimierung, Performance-Marketing oder Marktplatzstrategien. Im Agentic Commerce entsteht eine neue Herausforderung.

Produkte müssen nicht nur für Menschen verständlich sein. Sie müssen auch von Maschinen gefunden, interpretiert, bewertet und mit Alternativen verglichen werden können.

Genau hier gewinnen Produktdaten eine neue Bedeutung. Für einen menschlichen Käufer mag eine unvollständige Beschreibung lediglich ein kleiner Mangel sein. Für einen KI-Agenten kann dieselbe Lücke dazu führen, dass ein Produkt gar nicht erst in die engere Auswahl gelangt. Was nicht explizit vorhanden ist, kann nicht bewertet werden.

Die eigentliche Herausforderung liegt dabei in der Skalierung. Viele Unternehmen verwalten ihre Produktinformationen über gewachsene Strukturen hinweg: ERP-Systeme, Lieferantendaten, Tabellen, Marktplätze und unterschiedliche Teams. Über Jahre entstehen dadurch Datenbestände, die für Menschen ausreichend funktionieren, für automatisierte Bewertungssysteme jedoch erhebliche Schwächen aufweisen können.

Warum Produktdaten zum Wettbewerbsfaktor werden

Je stärker KI-Systeme in Kaufentscheidungen eingebunden werden, desto wichtiger werden vier Eigenschaften von Produktdaten:

  • Vollständigkeit. Alle relevanten Produktinformationen müssen vorhanden sein.
  • Konsistenz. Angaben dürfen sich nicht zwischen verschiedenen Kanälen widersprechen.
  • Struktur. Informationen müssen maschinenlesbar vorliegen und nicht ausschließlich in Marketingtexten verborgen sein.
  • Vergleichbarkeit. Produkte müssen anhand standardisierter Attribute miteinander verglichen werden können.

Diese Anforderungen sind grundsätzlich nicht neu. Neu ist jedoch ihre strategische Bedeutung. Bisher konnten Unternehmen Defizite in ihren Produktdaten häufig durch Marketingbudgets, Markenbekanntheit oder gute Platzierungen kompensieren. Im Agentic Commerce sinkt dieser Einfluss zumindest in der frühen Auswahlphase deutlich.

Bevor eine Marke ihre Wirkung entfalten kann, muss das Produkt zunächst überhaupt vom KI-Agenten berücksichtigt werden. Die Qualität der Produktdaten entwickelt sich damit von einer operativen Disziplin zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor.

Die Infrastruktur hinter Agentic Commerce

Parallel zur Entwicklung von KI-Agenten entsteht eine neue technische Infrastruktur, die den strukturierten Datenaustausch zwischen KI-Systemen und digitalen Plattformen standardisieren soll. Diese Entwicklung wird derzeit maßgeblich von drei Protokollen geprägt:

  • Das Model Context Protocol (MCP) ermöglicht es KI-Agenten, externe Datenquellen – etwa Produktdatenbanken oder Shop-Systeme – direkt und strukturiert abzufragen.
  • Das Universal Commerce Protocol (UCP) zielt darauf ab, Transaktionen zwischen Agenten und Händlern zu standardisieren.
  • Das Agent Communication Protocol (ACP) regelt die Kommunikation zwischen KI-Agenten, beispielsweise wenn ein Einkaufsagent mit einem Logistikagenten interagiert.

Für Händler sind die technischen Details dabei oft zweitrangig. Entscheidend ist: Diese Standards schaffen eine zweite Ebene im E-Commerce, die nicht für menschliche Nutzer, sondern für digitale Agenten gebaut wird. Wer dort nicht anschlussfähig ist, wird schlicht nicht berücksichtigt.

KI-Agent im Agentic Commerce unterstützt Produktsuche
KI-Agenten werden zu neuen Vermittlern zwischen Produktdaten, Shops und Kaufentscheidungen. (Bild: Adobe Stock / Akeneo)

Warum Agentic Commerce mehr ist als ein neuer Kanal

Viele technologische Entwicklungen im Handel wurden zunächst als zusätzliche Vertriebskanäle betrachtet. Mobile Commerce ergänzte den Desktop-Handel. Social Commerce ergänzte den Online-Shop. Marktplätze ergänzten bestehende Vertriebskonzepte.

Agentic Commerce folgt einer anderen Logik. Hier verändert sich nicht lediglich der Zugang zum Produkt. Es verändert sich die Art und Weise, wie Kaufentscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Damit entsteht eine neue Form digitaler Vermittlung. Nicht mehr Suchmaschinen oder Marktplätze allein bestimmen, welche Produkte sichtbar werden. Zunehmend übernehmen KI-Systeme diese Rolle. Für Händler bedeutet das, dass die Optimierung für menschliche Nutzer künftig allein nicht mehr ausreicht.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Agentic Commerce steht noch am Anfang. Dennoch sollten Händler die Entwicklung nicht als Zukunftsmusik betrachten. Die Voraussetzungen, um in KI-gesteuerten Kaufprozessen sichtbar zu bleiben, werden bereits heute geschaffen.

  • Produktdaten sollten zentral konsolidiert und in einem einzigen System als „Single Source of Truth“ geführt werden.
  • Attribute sollten vollständig ausgefüllt werden, auch die, die heute noch unwichtig erscheinen.
  • Widersprüche zwischen Kanälen sollten systematisch identifiziert und beseitigt werden.
  • Produktinformationen sollten konsequent maschinenlesbar strukturiert werden, etwa über standardisierte Datenformate und Schema.org-Auszeichnungen.
  • Datenmodelle sollten auf neue Protokolle wie MCP vorbereitet werden.

Unternehmen müssen dabei nicht auf den endgültigen Durchbruch autonomer Einkaufsagenten warten. Die Anforderungen, die Agentic Commerce an Produktdaten stellt, verbessern bereits heute die Sichtbarkeit in Suchmaschinen, auf Marktplätzen und in KI-gestützten Produktsuchen.

Fazit

Der nächste Entwicklungsschritt im digitalen Handel wird nicht allein durch neue Shop-Funktionen oder bessere KI-Modelle geprägt sein. Entscheidend wird sein, wie gut Produkte für Maschinen verständlich werden.

Mit Agentic Commerce vollzieht sich der Übergang zu einer Handelswelt, in der KI-Systeme nicht nur Produkte finden, sondern diese zunehmend auch bewerten, auswählen und kaufen. Wer dort sichtbar sein will, muss Produkte nicht nur für Menschen, sondern auch für Maschinen verständlich machen. Denn im Agentic Commerce entscheidet zunehmend nicht mehr die beste Werbung über Sichtbarkeit, sondern die beste Datenbasis.

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