D-Wave Quantum und Nasdaq Verafin kündigten am 3. August 2026 eine Kooperation an, die Quanten-Annealing-Technologie zur Erkennung von Finanzkriminalität testet. Der erste Schritt ist ein Proof-of-Concept, der Kontoaktivität, Transaktionsmuster und Gegenparteinetzwerke auf ungewöhnliche Verhaltensmuster hin untersucht.
- D-Wave Quantum und Nasdaq Verafin kündigten am 3. August 2026 eine Kooperation zur Erkennung von Finanzkriminalität mit Quantencomputing an.
- Der erste Schritt ist ausdrücklich ein Proof-of-Concept; ein möglicher Pilotbetrieb folgt erst bei überzeugenden Zwischenergebnissen.
- Nasdaq Verafin setzt auf D-Waves Annealing-Technologie, um Kontoaktivität, Transaktionsmuster und Gegenparteinetzwerke gemeinsam zu analysieren.
- Nasdaq Verafin betreut nach eigenen Angaben mehr als 2.800 Finanzinstitute mit zusammen 13 Billionen US-Dollar an Vermögenswerten.
- Die Mitteilung nennt weder einen Zeitplan noch Testkennzahlen für den Proof-of-Concept, ein produktiver Einsatz ist deshalb noch nicht absehbar.
Ein Pressetext, kein fertiges Produkt
D-Wave Quantum Inc. und Nasdaq Verafin haben am 3. August 2026 in Palo Alto und New York eine Kooperation bekanntgegeben. Beide Unternehmen wollen gemeinsam prüfen, ob Quantencomputing die Erkennung von Finanzkriminalität verbessern kann. Das steht so in der offiziellen Mitteilung von D-Wave, die den Anlass mit Datum, Ort und Zitat belegt.
Wichtig ist die Reihenfolge: Erst kommt ein Proof-of-Concept, erst danach – falls die Ergebnisse überzeugen – ein möglicher Pilotbetrieb für ausgewählte Anti-Finanzkriminalitäts-Anwendungen. D-Wave nennt das selbst so, nicht als Nebensatz, sondern als Struktur der gesamten Ankündigung. Wer daraus schon ein einsatzbereites Erkennungssystem herausliest, hat den Pressetext offensichtlich übersprungen und den Konjunktiv überlesen, der die gesamte Meldung trägt.
Für Lisa Hartmann liegt der eigentliche Nachrichtenwert woanders: Ein Unternehmen mit annähernd 100 kommerziellen, staatlichen und wissenschaftlichen Kunden koppelt sich mit einem Anbieter, der über 2.800 Finanzinstitute betreut. Diese Kombination ist selten, unabhängig davon, was am Ende der Testphase herauskommt. Zwei etablierte Marken setzen ihren Namen für ein offenes Experiment ein, das öffentlich einsehbar bleibt.
Das unterscheidet diese Ankündigung von den üblichen Quantencomputing-Pressemitteilungen, die oft nur eine Absichtserklärung ohne benannten Partner enthalten. Hier steht ein Unternehmen mit konkreter Kundenbasis auf der einen und ein Hardwarehersteller mit kommerziellem Track Record auf der anderen Seite. Beide riskieren ihren Ruf, falls der Test nichts Verwertbares liefert. Das ist ein bewusster Unterschied zu Ankündigungen, die nur ein „strategisches Interesse“ formulieren, ohne einen zweiten Namen zu nennen.
Die konkrete Frage: D-Wave und Nasdaq Verafin am 3. August tatsächlich unterschrieben haben
D-Wave beschreibt sich selbst als einziges Unternehmen, das sowohl Annealing- als auch Gate-Model-Quantencomputing kommerziell anbietet. Nasdaq Verafin wiederum liefert Software für Betrugserkennung, AML/CFT-Compliance, Hochrisiko-Kundenmanagement, Sanktionsprüfung und Informationsaustausch zwischen Finanzinstituten. Die Vereinbarung verbindet damit zwei sehr unterschiedliche Kompetenzfelder unter einem gemeinsamen Testprojekt, das beide Seiten öffentlich verantworten.
Ziel ist laut Ankündigung, quanten-hybride Technologie für die Entwicklung von Vorhersagemodellen zu nutzen, die ungewöhnliche Verhaltensmuster bei Betrug, Scams und Geldwäsche erkennen. Diese Formulierung ist bewusst technisch nüchtern gehalten, sie verspricht kein fertiges Produkt und keine Ablösung bestehender Systeme. Sie beschreibt eine Forschungsrichtung, keinen Liefertermin.
Auffällig ist, dass beide Seiten die Zusammenarbeit als Erkundung bezeichnen, nicht als Implementierung. Diese Zurückhaltung passt zu einer Branche, in der falsch positive Betrugswarnungen echte Kunden verärgern und falsch negative Ergebnisse Aufsichtsbehörden auf den Plan rufen. Ein verfrühter Rollout wäre für beide Unternehmen teurer als ein sorgfältig dokumentierter Fehlschlag im PoC.
Die Formulierung „key anti-financial crime use cases“ aus der englischsprachigen Mitteilung lässt bewusst offen, welche konkreten Fälle gemeint sind. Das kann Kontoübernahmen, Zahlungsbetrug, Geldwäschenetzwerke oder Sanktionsverstöße betreffen. Erst der Proof-of-Concept wird zeigen, auf welchen dieser Fälle sich die Zusammenarbeit tatsächlich konzentriert.
Der Auftrag: Muster finden, die Menschen übersehen
Nasdaq Verafin will D-Waves Annealing-Quantencomputing nutzen, um komplexe Zusammenhänge zwischen Kontoaktivität, Transaktionsmustern und Netzwerken von Gegenparteien aufzudecken. Genau diese Verknüpfungen, so die Mitteilung, übersehen klassische Analyseansätze häufig. Das ist eine konkrete technische Aussage, keine Marketingfloskel, denn sie benennt drei separate Datenebenen, die zusammengeführt werden sollen. Wer diese drei Ebenen getrennt betrachtet, verpasst häufig genau die Verbindung, die einen Betrugsfall erst erkennbar macht.
Der erste Proof-of-Concept soll dabei Hunderte potenzielle Datensignale gleichzeitig auswerten, um Vorhersagemodelle für auffälliges Kontoverhalten zu schärfen. Wer im Finanzsektor arbeitet, kennt das Problem: zu viele Signale, zu wenig Kontext, zu späte Alarme. Ob Quantencomputing das ändert, bleibt an dieser Stelle offen – die Ankündigung liefert die Aufgabenstellung, nicht das Ergebnis.
Vergleichbare Ambitionen kursieren in der Branche bereits seit Jahren. Ein früherer Digital-Magazin-Bericht zeigt, dass Banken Quantenpiloten meist klein starten und erst nach belastbaren Zwischenergebnissen ausweiten. D-Wave und Nasdaq Verafin folgen mit dem PoC-Ansatz demselben vorsichtigen Muster, das sich in der Branche als Standardvorgehen etabliert hat.
Der Unterschied zu früheren Pilotprojekten liegt in der Kombination aus etabliertem Softwareanbieter und kommerziell verfügbarer Quantenhardware. Frühere Experimente liefen häufig als reine Forschungskooperationen mit Universitäten, ohne dass ein Produkt mit echten Kunden im Hintergrund stand. Nasdaq Verafin bringt genau das mit.

Annealing-Technologie als bewusste Wette
D-Wave bietet zwei Quantenarchitekturen an, entschieden hat sich Nasdaq Verafin für die Annealing-Variante. Annealing-Systeme sind auf Optimierungsprobleme spezialisiert, also darauf, unter vielen möglichen Lösungen die beste oder eine sehr gute herauszufiltern. Betrugsnetzwerke sind genau solche Optimierungsprobleme: unzählige Konten, Transaktionen und Verbindungen, aus denen ein verdächtiges Muster herausgerechnet werden muss.
Diese Wahl ist plausibel, aber sie ist auch eine Wette. Annealing-Hardware ist kein Allzweckwerkzeug, sie eignet sich für bestimmte Problemklassen besonders gut und für andere schlecht. Ob Finanzkriminalitätserkennung tatsächlich in die Kategorie fällt, in der Quantenannealing klassische Verfahren schlägt, ist eine empirische Frage – und genau die soll der Proof-of-Concept beantworten, nicht die Pressemitteilung.
Bemerkenswert ist außerdem, was die Mitteilung nicht behauptet: Sie verspricht keine Rechenzeitvorteile gegenüber klassischen Machine-Learning-Verfahren, keine Fehlerquoten und keine Kostenersparnis. Diese Lücke ist keine Nachlässigkeit der Kommunikationsabteilung, sie ist ehrlich für ein Projekt, das offiziell erst am Anfang steht und dessen Kennzahlen erst noch entstehen müssen.
D-Wave betreibt seine Annealing-Systeme über den Leap-Cloud-Dienst, der laut eigenen Angaben 99,9 Prozent Verfügbarkeit bietet und in mehr als 40 Ländern nutzbar ist. Für einen ersten Test reicht dieser Zugang aus, ohne dass Nasdaq Verafin eigene Quantenhardware betreiben müsste. Das senkt die Einstiegshürde für den Proof-of-Concept erheblich.
Zwei Unternehmen mit unterschiedlichen Baustellen
D-Wave-CEO Dr. Alan Baratz kommentierte die Vereinbarung mit den Worten, sie biete eine wichtige Gelegenheit, das Potenzial von Quantencomputing für einige der komplexesten Probleme der Finanzdienstleistungsbranche zu erforschen. Er ergänzte, Nasdaq Verafin stärke damit seine Rolle als technologisch fortschrittliche Organisation, die die Zukunft der Finanzdienstleistungsinnovation mitgestalte.
Für D-Wave ist das Geschäft mit Finanzkriminalitätserkennung ein Türöffner in einen Markt, in dem verlässliche Referenzkunden zählen. Für Nasdaq Verafin ist es umgekehrt eine Absicherung: Wer Quantencomputing früh testet, muss es später nicht hastig nachrüsten, falls Wettbewerber damit werben. Beide Motive lassen sich aus der Pressemitteilung direkt ableiten, ohne dass man zwischen den Zeilen lesen müsste.
Beide Motive schließen sich nicht aus, sie erklären aber, warum die Mitteilung bewusst zurückhaltend formuliert ist. Ein Pilotprojekt, das öffentlich scheitert, schadet beiden Marken mehr als ein Proof-of-Concept, der leise im Hintergrund läuft und erst bei Erfolg kommuniziert wird. Genau deshalb bleibt die Sprache im gesamten Text konjunktivisch und vorsichtig.
D-Wave nennt sich selbst weltweit ersten kommerziellen Anbieter von Quantencomputern und verweist auf mehr als 100 Organisationen aus Wirtschaft, Staat und Forschung als Kunden. Diese Zahl stammt aus der Unternehmensbeschreibung in derselben Mitteilung und liefert den Kontext, warum Nasdaq Verafin überhaupt auf D-Wave als Partner gesetzt hat.
Die konkrete Frage: in der Pressemitteilung fehlt – und warum das zählt
Nasdaq Verafin gibt an, mehr als 2.800 Finanzinstitute mit zusammen 13 Billionen US-Dollar an Vermögenswerten zu betreuen. Diese Zahl belegt die Reichweite des Unternehmens, sagt aber nichts darüber aus, wie viele dieser Institute später Zugriff auf eine quantengestützte Erkennung erhalten könnten. Diese Verbindung zieht die Mitteilung an keiner Stelle, und das ist auffällig für einen Text, der sonst sehr konkret bleibt.
Ebenso fehlt jede Aussage zu Zeitplänen. Es gibt kein Datum für den Abschluss des Proof-of-Concept, keine genannte Testgröße und keine Angabe, welche Verafin-Kunden – falls überhaupt welche – am Pilotversuch beteiligt sein werden. Wer aus dieser Ankündigung ein konkretes Rollout-Datum ableitet, erfindet Informationen, die in der Quelle schlicht nicht existieren.
Genau hier lohnt der Vergleich mit dem regulatorischen Rahmen, in dem Finanzinstitute ohnehin arbeiten. Ein Digital-Magazin-Überblick zu BaFinTech-Anforderungen zeigt, wie streng neue Erkennungssysteme in Deutschland und der EU geprüft werden müssen, bevor sie produktiv eingesetzt werden dürfen. Ein Proof-of-Concept in den USA ändert an diesen Prüfpflichten für europäische Institute nichts.
Auch die im Pressetext übliche Klausel zu zukunftsgerichteten Aussagen verweist ausdrücklich darauf, dass tatsächliche Ergebnisse erheblich von den geäußerten Erwartungen abweichen können. Diese rechtliche Absicherung ist Standard bei börsennotierten Unternehmen wie D-Wave, sie ist aber gleichzeitig ein nützlicher Hinweis für Leserinnen und Leser, die Ankündigung nicht mit Zusicherung zu verwechseln.
Die konkrete Frage: Compliance-Teams jetzt tatsächlich tun sollten
Wer bei einer Bank, einem Zahlungsdienstleister oder einer Aufsichtsfunktion arbeitet, muss aus dieser Meldung keine Sofortreaktion ableiten. Es gibt kein verfügbares Produkt, keine Preisliste und keinen Termin für eine breitere Markteinführung. Beobachten reicht für den Moment völlig aus, ein Investitionsentscheid wäre verfrüht.
Sinnvoll ist trotzdem, die eigene Datenarchitektur schon jetzt daraufhin zu prüfen, ob sie mit externen Analysepartnern überhaupt kompatibel wäre – unabhängig davon, ob dieser Partner klassisches Machine Learning oder eines Tages Quantenverfahren einsetzt. Saubere Kontodaten, dokumentierte Transaktionshistorien und klare Schnittstellen helfen so oder so, egal welche Technologie am Ende zum Einsatz kommt.
Wer bereits mit Nasdaq Verafin arbeitet, kann die Ankündigung als Anlass nehmen, im nächsten Lieferantengespräch konkret nachzufragen, welche Use Cases im Proof-of-Concept getestet werden und wann erste Zwischenergebnisse zu erwarten sind. Anbieter, die an einem solchen Test beteiligt sind, geben solche Informationen erfahrungsgemäß bereitwilliger an Bestandskunden weiter als an die Presse.
Am Ende bleibt eine nüchterne Bilanz: D-Wave und Nasdaq Verafin haben eine plausible technische Hypothese formuliert und einen realistischen Zeitrahmen dafür gewählt – erst testen, dann eventuell ausbauen. Ob Annealing-Quantencomputing Finanzkriminalität tatsächlich früher erkennt als bestehende Systeme, weiß im August 2026 noch niemand, auch die beiden Unternehmen nicht.





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