Das Bundesinnenministerium hat schon in früheren Jahren mit Rahmenverträgen für Microsoft-Software Schlagzeilen gemacht, meist wegen der Summen, die dabei fließen. Jetzt kommt Bewegung von der anderen Seite: Ein neues Open-Source-Rahmenwerk des Bundes soll Linux und offene Standards in der Verwaltung zur Regel machen, nicht zur Ausnahme. Laut einem Bericht von Borncity vom 23. Juli 2026 rechnen IT-Leiterinnen und IT-Leiter in Ländern und Kommunen bereits mit sinkenden Volumenverträgen bei Microsoft-Lizenzen und einer Verschiebung der Investitionsschwerpunkte hin zu Linux-Workstations, webbasierten Fachverfahren und Open-Source-Server-Stacks. Für jemanden, der seit Jahren beobachtet, wie oft solche Ankündigungen im Sand verlaufen, ist das eine der interessanteren Meldungen der Woche – nicht weil sie neu ist, sondern weil sie diesmal mit konkreten Zahlen unterlegt wird.
Was das Rahmenwerk konkret vorsieht
Details zum Rahmenwerk selbst sind noch dünn, aber die Stoßrichtung ist klar umrissen: Linux und offene Standards sollen bei Neubeschaffungen und Migrationen bevorzugt werden, wo es fachlich machbar ist. Das betrifft nicht nur Betriebssysteme auf dem Desktop, sondern auch Serverinfrastruktur und die Frage, in welchem Format Behörden künftig Dokumente austauschen. Der Borncity-Bericht zum Rahmenwerk beschreibt eine interne Schätzung einer Länder-IT-Organisation, wonach sich bei Office- und Betriebssystem-Lizenzen ein Einsparpotenzial von 20 bis 30 Prozent ergeben könnte, sofern die Umstellung wie geplant läuft.
Das ist eine Schätzung, kein geprüftes Rechnungshof-Ergebnis, und das sollte man bei aller Begeisterung für offene Software nicht unterschlagen. Trotzdem ist die Zahl bemerkenswert, weil sie aus der Verwaltung selbst kommt und nicht von einem Open-Source-Anbieter mit offensichtlichem Eigeninteresse. Auffällig ist außerdem, dass das Rahmenwerk offenbar nicht als reines Sparprogramm gedacht ist, sondern als strategisches Dokument, das die IT-Beschaffung der nächsten Jahre in eine bestimmte Richtung lenken soll. Wer öffentliche Ausschreibungen kennt, weiß, wie viel Wirkung allein die Formulierung von Vergabekriterien entfalten kann – wenn offene Standards dort als Vorgabe statt als Kann-Option auftauchen, verändert das die Marktlogik spürbar, auch ohne dass ein einziger Rechner sofort ausgetauscht wird.
Die Zahlen hinter dem Kostendruck
Kostendruck entsteht nicht im luftleeren Raum. Nach Auswertungen der Open Source Business Alliance, über die die Computerwoche berichtet hat, zahlte der Bund für Microsoft-Produkte 2023 rund 274,1 Millionen Euro, 2024 bereits 347,4 Millionen Euro, und der jüngste Rahmenvertrag liegt bei 481,1 Millionen Euro. Wer diese Kurve sieht, versteht, warum in Ministerien und Landesbehörden inzwischen offener über Alternativen gesprochen wird als noch vor einigen Jahren. Die Computerwoche-Auswertung der Bundesausgaben spricht sogar von „digitaler Geiselhaft“ – eine zugespitzte Formulierung, aber sie trifft einen Nerv.
Laut Borncity-Bericht plant die nächste Migrationswelle, zunächst 10 bis 15 Prozent der Behörden-Arbeitsplätze auf Linux umzustellen. Das ist kein Big Bang, sondern ein vorsichtiger erster Schritt, der bewusst so klein gehalten ist, dass er im Fall von Problemen wieder eingefangen werden kann. Parallel dazu soll laut derselben Quelle bis zu ein Viertel des bisherigen Lizenzbudgets in Schulung und Open-Source-Support umgeschichtet werden – ein Detail, das zeigt, dass diesmal offenbar mitgedacht wurde, dass Open-Source-Migrationen nicht durch Lizenzverzicht allein funktionieren, sondern Personal und Wissen brauchen.
Schleswig-Holstein als Referenzfall
Wer wissen will, wie so eine Umstellung in der Praxis aussieht, landet fast automatisch bei Schleswig-Holstein. Das Land hat den politischen Kurs bereits 2017 festgelegt und arbeitet seither an der Ablösung von Windows und Microsoft Office durch Linux und LibreOffice, betroffen sind laut PC-Welt rund 25.000 Rechner in Verwaltung und Schulen. Der Bericht zur Umstellung in Schleswig-Holstein nennt für 2020 jährliche Lizenzkosten von rund 2,5 Millionen Euro, die durch das Einfrieren des Microsoft-Rahmenvertrags binnen fünf Jahren um 6,8 Millionen Euro gesenkt werden sollten. Nach vollständiger Umstellung auf Open Source werden weitere jährliche Einsparungen in Millionenhöhe erwartet.
Wichtig für die Einordnung: Das sind Zahlen und Zeitpläne eines einzelnen Bundeslandes, kein bundesweiter Standard. Aber Schleswig-Holstein liefert etwas, das dem neuen Rahmenwerk bisher fehlt – nämlich mehrjährige Erfahrungswerte statt nur Absichtserklärungen. Genau deshalb wird das Land in Fachkreisen so oft als Blaupause zitiert, wenn es um Linux in der Verwaltung geht. Interessant ist dabei auch, dass die Umstellung dort nicht linear verlief: Einzelne Fachverfahren mussten länger als geplant parallel auf Windows-Rechnern laufen, weil Hersteller ihre Software nicht rechtzeitig für Linux-Umgebungen angepasst hatten. Diese Erfahrung dürfte auch in das neue Bundesrahmenwerk eingeflossen sein, denn genau solche Verzögerungen sind es, die Migrationsprojekte in der Vergangenheit regelmäßig ausgebremst haben.
Warum Microsoft-Lizenzen gerade jetzt zum Problem werden
Microsoft-Lizenzen waren nie billig, aber sie waren lange politisch unproblematisch, weil kaum jemand eine ernsthafte Alternative sah. Das ändert sich, weil zwei Dinge zusammenkommen: steigende Vertragssummen auf Bundesebene und ein politisches Klima, in dem digitale Souveränität kein Nischenthema für IT-Nerds mehr ist, sondern eine Frage geopolitischer Abhängigkeit. Wenn zentrale Verwaltungsprozesse an einem einzigen ausländischen Anbieter hängen, ist das für viele Entscheiderinnen und Entscheider inzwischen ein Risiko, das man beziffern will – und genau das tut das neue Rahmenwerk mit seiner Einsparschätzung.
Hinzu kommt ein Vergleichsfall, der in Debatten immer wieder auftaucht: Frankreich hat in Teilen seiner Verwaltung und bei der Gendarmerie Windows durch Linux ersetzt und wird häufig als Beispiel für einen Kurswechsel angeführt, der über Jahre trägt statt nach einer Legislaturperiode wieder einzuschlafen. Ob Deutschland ähnlich konsequent bleibt, ist offen. Meine Einschätzung: Solange der Kostendruck bei Microsoft-Lizenzen weiter steigt, bleibt der politische Wille wach – sinkt er wieder, verliert auch die Open-Source-Strategie schnell an Priorität. Das war schon bei früheren Vorstößen so.

Was tatsächlich migriert wird – und was nicht
Ein Rahmenwerk ist kein Migrationsplan für jede einzelne Behörde. Realistisch ist, dass zunächst Arbeitsplätze mit überschaubaren Anforderungen umgestellt werden: Sachbearbeitung, Verwaltung, Bereiche ohne tiefe Abhängigkeit von spezialisierter Windows-Software. Webbasierte Fachverfahren spielen dabei eine Schlüsselrolle, weil sie browserbasiert laufen und damit vom Unterbau – Windows oder Linux – weitgehend unabhängig sind. Auf der Serverseite ist der Umstieg ohnehin schon länger Realität, viele Behörden setzen dort seit Jahren auf Open-Source-Stacks, weil Server ohnehin selten mit Desktop-Software verwechselt werden und der Umstieg dort technisch unauffälliger verläuft.
Schwieriger wird es bei Fachanwendungen, die seit Jahrzehnten fest an Windows gebunden sind – Personalverwaltung, Fachsoftware für Ordnungsämter, teils auch Justiz-IT. Diese Programme lassen sich nicht einfach neu kompilieren, sie müssen entweder ersetzt, virtualisiert oder über Kompatibilitätsschichten weiterbetrieben werden. Genau an dieser Stelle scheitern viele Migrationsprojekte in der Praxis, nicht am Desktop selbst. Wer sich mit dem Thema digitale Souveränität auf Bundesebene beschäftigt, stößt regelmäßig auf die gleiche Erkenntnis: Die eigentliche Hürde ist selten das Betriebssystem, sondern die über Jahre gewachsene Softwarelandschaft, die niemand von heute auf morgen ersetzen kann, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.
Ein Blick zurück: Warnsignal aus München
Wer über Linux in der Verwaltung spricht, kommt an einem Beispiel kaum vorbei: München hatte mit dem LiMux-Projekt schon vor Jahren einen ambitionierten Versuch unternommen, große Teile der Stadtverwaltung auf Linux umzustellen. Das Projekt lief über viele Jahre, geriet aber zunehmend in Kritik wegen Kompatibilitätsproblemen mit Fachverfahren und wurde später politisch teilweise wieder zurückgerollt. Diese Geschichte wird von Kritikern des neuen Bundesrahmenwerks gerne als Warnung zitiert: Wenn schon eine einzelne Großstadt an der Komplexität scheitert, wie soll das auf Bundesebene über Dutzende Behörden mit völlig unterschiedlichen IT-Landschaften funktionieren?
Die Gegenposition lautet, dass München vor allem an mangelnder politischer Kontinuität und an zu wenig konsequenter Standardisierung der Fachverfahren gescheitert sei, nicht an der Technik selbst. Beide Lesarten haben etwas für sich, und genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf das neue Rahmenwerk: Es wiederholt bewusst nicht den Fehler eines großen Sprungs, sondern setzt auf eine kleine, kontrollierbare erste Welle und eine klare Budgetlinie für Schulung. Ob das reicht, um die Fehler von München zu vermeiden, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Erfahrungsberichte aus der laufenden Migration vorliegen.
Die Kehrseite: Migration ist nicht kostenlos
Wer jetzt denkt, Linux sei per se die billigere Lösung, sollte einen Blick auf gescheiterte oder teuer gewordene Projekte werfen – Dortmund wird in Fachkreisen oft als Beispiel genannt, wo Migrationskosten unterschätzt wurden. Open-Source-Software verursacht keine Lizenzgebühren, aber Migration, Schulung, Support und die Anpassung von Prozessen kosten Geld und Zeit, oft mehr als vorher kalkuliert. Genau deshalb ist die im Rahmenwerk angedeutete Umschichtung von bis zu 25 Prozent des Lizenzbudgets in Schulung und Support ein realistischer Ansatz – vorausgesetzt, das Geld kommt tatsächlich dort an, wo es gebraucht wird, und verschwindet nicht in externen Beraterverträgen.
Ist Linux deshalb automatisch sicherer als Windows, wie es in politischen Debatten gerne behauptet wird? Nicht per se. Offener Quellcode ermöglicht Auditierbarkeit, das stimmt, aber echte Sicherheit entsteht durch Härtung, Patchmanagement und saubere Prozesse – unabhängig vom Betriebssystem. Das Argument der Monokultur, wie es unter anderem von früheren Bundesinnenministern vorgebracht wurde, ist politisch nachvollziehbar, ersetzt aber kein solides Betriebskonzept.
Personalfrage: Wer betreut die neuen Linux-Arbeitsplätze?
Ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht, ist die Personalfrage. Viele IT-Abteilungen in Behörden sind seit Jahrzehnten auf Windows-Umgebungen ausgerichtet, entsprechend ist das vorhandene Wissen tief in diesem Ökosystem verwurzelt. Eine Umstellung auf Linux bedeutet nicht nur neue Software auf den Rechnern, sondern auch neue Anforderungen an Administratoren, Helpdesk-Mitarbeiter und Fachanwender, die über Jahre mit anderen Werkzeugen gearbeitet haben. Ohne ausreichende Schulung drohen genau die Reibungsverluste, die frühere Projekte belastet haben: Anwender, die sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfinden, Support-Teams, die überlastet sind, und am Ende eine gefühlte Verschlechterung der IT-Erfahrung, die politisch schwer zu vermitteln ist.
Deshalb ist die geplante Umschichtung von Budget in Schulung mehr als eine Randnotiz. Sie entscheidet mit darüber, ob die erste Migrationswelle als Erfolg oder als abschreckendes Beispiel wahrgenommen wird. Wer intern für die Umstellung wirbt, tut gut daran, frühzeitig Multiplikatoren in den Fachabteilungen einzubinden, statt die Entscheidung allein von oben zu verordnen. Erfahrungsgemäß akzeptieren Beschäftigte technische Veränderungen deutlich leichter, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre alltäglichen Arbeitsabläufe mitgedacht wurden – und nicht nur eine Kostentabelle im Innenministerium.
Offene Standards als eigentlicher Hebel
Fast wichtiger als die Wahl des Betriebssystems ist die Frage der Dateiformate. Bayerische Rechnungshof-Prüfer haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass proprietäre Formate faktisch die Wahlfreiheit bei Betriebssystemen verhindern, weil jedes Dokument mit Makros oder komplexer Formatierung eine stille Bindung an genau die Software erzeugt, mit der es entstanden ist. Offene Formate wie ODF sind deshalb die eigentliche Voraussetzung für eine funktionierende Open-Source-Strategie, nicht nur ein nettes Extra. LibreOffice und vergleichbare ODF-kompatible Programme gewinnen dadurch an Bedeutung, weil sie diese Bindung lösen können – zumindest bei neu erstellten Dokumenten. Der Bestand an Altdokumenten mit Word-Makros bleibt ein Reibungspunkt, der in keiner Ankündigung verschwiegen werden sollte.
Bemerkenswert ist auch, dass der Bund mit openDesk bereits an einer eigenen, offenen Arbeitsumgebung für Bundesbehörden arbeitet – ein Hinweis darauf, dass es nicht nur um den Austausch von Windows gegen Linux geht, sondern um eine ganze Software-Plattform, die unabhängig von einem einzelnen Anbieter funktionieren soll. Diese Bemühungen fügen sich in eine breitere Debatte über einen souveränen Deutschland-Stack für digitale Verwaltungsdienste, in der Linux nur ein Baustein unter mehreren ist – neben Cloud-Infrastruktur, Identitätsmanagement und einheitlichen Schnittstellen zwischen Behörden.
Was IT-Leiterinnen und IT-Leiter jetzt konkret tun können
Wer in einer Behörde IT verantwortet, sollte das Rahmenwerk nicht als fernes Politikpapier abtun, sondern als Anlass, den eigenen Lizenzbestand ehrlich zu prüfen. Sinnvoll ist ein Blick auf drei Punkte: Welche Arbeitsplätze hängen tatsächlich zwingend an Windows-Software, und welche könnten mit einem Linux-Desktop plus Browser problemlos arbeiten? Welche Dokumentenformate erzeugt die eigene Behörde, und wie viele davon enthalten Makros oder Formatierungen, die eine spätere Migration erschweren? Und wie realistisch ist es, einen Teil des Lizenzbudgets tatsächlich in Schulung umzuschichten, ohne dass am Ende beides fehlt – altes Know-how und neues Personal?
Pragmatisch betrachtet lohnt sich ein kleiner Pilotbereich vor jeder größeren Ankündigung. Genau das scheint mit der geplanten 10-bis-15-Prozent-Welle ja auch der Ansatz zu sein. Ergänzend könnte es helfen, den Piloten mit klaren Erfolgskriterien zu versehen, etwa Supportaufwand pro Arbeitsplatz oder Ausfallzeiten in den ersten Monaten, statt erst am Ende der Legislaturperiode eine Gesamtbilanz zu ziehen. Ob daraus eine breite Bewegung wird oder ob das Rahmenwerk in ein paar Jahren als gut gemeinte Absicht in der Schublade landet, hängt weniger von der Technik ab als vom politischen Durchhaltevermögen – und von der Frage, ob die nächste Regierung den Kurs überhaupt fortsetzen will.
Was bleibt?
Das neue Rahmenwerk ist kein Beweis, dass Microsoft aus deutschen Verwaltungen verschwindet. Dafür sind die Abhängigkeiten zu tief, die Rahmenverträge zu groß, die Fachverfahren zu spezifisch. Aber es ist ein Signal, dass der Kostendruck bei Microsoft-Lizenzen politisch nicht mehr ignoriert wird und dass eine ernstzunehmende Open-Source-Strategie inzwischen mit Zahlen statt nur mit Idealismus argumentiert. Ob die geschätzten 20 bis 30 Prozent Einsparung am Ende Realität werden, lässt sich frühestens in ein, zwei Jahren beurteilen, wenn die erste Migrationswelle abgeschlossen ist. Bis dahin bleibt es eine Wette auf Durchhaltevermögen – und die hat die deutsche Verwaltungs-IT in der Vergangenheit nicht immer gewonnen.





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