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16 Monate ohne Digitalimporte sind ein Durchschnitt, kein Exit-Plan

Bitkom nennt 16 Monate, die Unternehmen ohne Digitalimporte durchhielten. Der Wert beruht auf Selbsteinschätzungen. Aussagekräftiger ist die Lücke: 93 % der importierenden Unternehmen erwarten Folgen, nur 40 % bereiten einen Wechsel vor.

Serverraum mit Netzwerkkabeln als Sinnbild für die Abhängigkeit von DigitalimportenDieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptCompany office with a wall of servers and network cables seen through a glass partition, a manager at a desk looking at an abstract world map with connection lines to other continents, thoughtful mood, daylight. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.
Wie lange ein Betrieb ohne Digitalimporte auskäme, ist meist eine Schätzung und keine Messung (Symbolbild)

Der Bitkom-Wert „16 Monate ohne Digitalimporte“ taugt kaum als Beruhigung: Er ist ein Durchschnitt aus Selbsteinschätzungen von 602 befragten Unternehmen, keine gemessene Widerstandskraft. Für Ihre Exit-Planung aussagekräftiger ist die Lücke in der Gruppe der importierenden Unternehmen, also jener, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen: 93 % erwarten bei einem Ausfall Folgen für Produktion oder Leistungserbringung, aber nur 40 % bereiten sich darauf vor, wichtige Anbieter und Systeme auszuwechseln.

Woher die 16 Monate stammen und was sie bedeuten

Der Digitalverband Bitkom hat über Bitkom Research 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt, in den Kalenderwochen 33 bis 39 des Jahres 2026. Laut Presseinformation vom 19. Oktober 2026 beziehen 96 % der Unternehmen digitale Technologien oder Leistungen aus dem Ausland. Ohne diese Importe kämen sie im Durchschnitt 16 Monate aus; im Vorjahr 2025 lagen die Befragten bei 14 Monaten.

Bitkom ist ein Interessenverband der Digitalbranche, die Befragung erscheint anlässlich des Digital-Gipfels der Bundesregierung. Das macht die Zahlen nicht falsch, aber Sie sollten sie als Verbandsangabe lesen. Die Studie ist als repräsentativ ausgewiesen.

Entscheidend ist die Art des Werts. Jemand im Unternehmen schätzt, wie lange der Betrieb ohne ausländische Technik und Dienste liefern könnte. Das ist keine Notfallübung und kein Test. Ein Durchschnitt über sehr unterschiedliche Betriebe verdeckt zudem, dass einzelne Firmen nach Wochen stillstehen könnten, andere nach Jahren.

Was die Meldung nicht hergibt

Die Pressemitteilung schlüsselt die 16 Monate nicht nach Branche, Unternehmensgröße oder Importart auf. Sie nennt auch nicht, wie die Frage genau gestellt wurde, und liefert keine Zahlen zu Exit-Klauseln, Datenexport oder Migrationskosten. Werte für Cloud-Dienste allein fehlen ebenfalls. Das bedeutet nicht, dass es dazu nichts gäbe, nur dass die Meldung es nicht belegt. Für Ihre eigene Planung ist der Durchschnitt damit nicht übertragbar.

Wie groß die Lücke zwischen Erwartung und Vorbereitung ist

Unter den importierenden Unternehmen sehen sich 94 % selbst als abhängig, und 49 % erwarten, dass diese Abhängigkeit steigt. Bei den Herkunftsländern nennen 88 % die USA, 83 % die EU und 80 % China; Japan (33 %) und das Vereinigte Königreich (24 %) spielen eine kleinere Rolle. Von den USA fühlen sich 87 % abhängig (47 % stark, 40 % eher), von China 88 % (61 % sehr, 27 % eher).

Als Folgen eines Ausfalls erwarten die importierenden Unternehmen:

  • Produktion beziehungsweise Leistungserbringung: 93 %
  • Vertrieb: 91 %
  • Logistik und Lieferketten: 87 %
  • Einkauf: 79 %
  • Kundenservice: 78 %
  • IT-Betrieb: 69 %

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst formuliert es so: „Wenn digitale Importe aus wichtigen Herkunftsländern ausfallen, trifft das nicht nur die IT-Abteilung, es trifft das Kerngeschäft.“ Beachten Sie: Die 93 % beziehen sich auf Produktion beziehungsweise Leistungserbringung, „Kerngeschäft“ ist der Wortlaut des Verbands.

dm-Rechnung: 53 Prozentpunkte

Gegenüber stehen die Maßnahmen, wiederum nur bei den importierenden Unternehmen: Anbieter aus Deutschland oder Europa nutzen 44 %, größere Vorräte halten 41 %, auf einen Anbieter- oder Systemwechsel bereiten sich 40 % vor. Eigenes Know-how bauen 32 % auf, mehrere Lieferanten nutzen 31 %, auf offene Standards setzen 13 %. Keine Maßnahmen ergreifen 3 %.

dm-Rechnung auf gleicher Basis, nämlich den importierenden Unternehmen: 93 % erwarten Folgen für Produktion oder Leistungserbringung, 40 % bereiten einen Wechsel vor. Das ergibt 53 Prozentpunkte Abstand. Es ist der Abstand zweier Antwortanteile auf unterschiedliche Fragen, mehr nicht. Aus der Meldung lässt sich nicht ableiten, wie viele Firmen konkret beides zugleich betrifft, also Folgen erwarten und keinen Wechsel vorbereiten.

Auffällig ist die Zahl der offenen Standards. Wer Daten und Schnittstellen in offenen Formaten hält, kommt leichter ohne den Anbieter heraus, doch nur 13 % nennen das als Maßnahme.

Warum Alternativen oft fehlen

Die Befragten sehen wenig Spielraum. Bei Unternehmen, die importieren oder exportieren, gehen 73 % bei der Verlässlichkeit der Politik am Sitz des Partners „gezwungenermaßen“ Risiken ein (2024: 53 %). 59 % sehen keine Möglichkeit, sich gegen Druck zu wehren (2024: 39 %), 68 % erkennen für bestehende Abhängigkeiten keine Alternative, und 85 % halten Wertschöpfungsketten für zu verflochten.

Über alle befragten Unternehmen betrachtet halten 94 % Deutschland für abhängig, 66 % erwarten in fünf Jahren mehr Abhängigkeit. Die Sorge vor China nennen 79 % (2024: 69 %), die vor den USA 73 % (2024: 38 %). Der Anstieg bei den USA ist deutlich, gilt aber für alle Unternehmen und gegenüber 2024, nicht gegenüber dem Vorjahr.

Bemerkenswert sind die Auswahlkriterien für ausländische Partner: finanzielle Konditionen 97 %, technologisches Know-how 93 %, IT-Sicherheitsstandards 89 %, Rechtssicherheit 82 %, Einfluss ausländischer Regierungen 78 %, langfristige Beziehung 50 %. Beim Einkauf zählt also zuerst der Preis. Wie leicht sich ein Anbieter später verlassen lässt, taucht in dieser Liste nicht auf.

Prüffragen für die eigene Exit-Planung

Digitalimporte ersetzen: Team plant am Whiteboard alternative AnbieterDieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptMeeting room with a small team planning on a whiteboard covered with abstract boxes and arrows representing alternative cloud and software providers, sticky notes, laptops on the table, constructive mood. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.
Wer Digitalimporte ersetzen will, braucht einen konkreten Plan (Symbolbild)

Ein belastbarer Wert für Ihr Unternehmen entsteht nur aus Ihren Systemen. Gehen Sie jedes importierte Produkt einzeln durch und beantworten Sie für jedes dieselben Fragen:

  1. Lässt sich der Datenbestand vollständig und in einem offenen Format exportieren, und haben Sie das je getestet?
  2. Was regelt der Vertrag zu Kündigung, Übergangsfristen und Datenherausgabe, und wer im Haus kennt diese Klauseln?
  3. Gibt es einen zweiten Anbieter, der die Funktion ersetzen könnte, und läuft er mit Ihren Schnittstellen?
  4. Welche Prozesse hängen an proprietären Funktionen, die ein anderer Anbieter nicht kennt?
  5. Wer im Unternehmen kann die Migration durchführen, wenn der Anbieter nicht mehr hilft?
  6. Welche Hardware, Chips oder Sensoren sind nicht kurzfristig beschaffbar, und reichen die Vorräte?

Diese Fragen liefern keine Monatszahl, aber sie zeigen, ob ein Wechsel überhaupt vorgesehen ist. Systeme, bei denen Sie drei Fragen nicht beantworten können, gehören auf die Prioritätenliste. Kosten für eine solche Vorbereitung nennt die Bitkom-Studie nicht; sie müssen Sie je System selbst kalkulieren.

Ein Beispiel für einen echten Plattformwechsel

Wie ein Ausstieg konkret aussieht, lässt sich an Deno Deploy und dem Plattformwechsel für Agenten-Anwendungen ablesen: Das Deno-Team wechselt zu Cloudflare, Deno Deploy wird laut Deno nach sechs Monaten abgeschaltet. Wer dort Anwendungen wie KI-Agenten betreibt, braucht einen Exit-Plan, und zwar jetzt, nicht erst kurz vor dem Stichtag.

Was Anbieter aus Europa leisten und was nicht

44 % der importierenden Unternehmen setzen als Maßnahme auf Anbieter aus Deutschland oder Europa. Das ist die häufigste Antwort, aber kein Ersatz für eine Exit-Planung. Ein europäischer Anbieter mit proprietärem Datenformat bindet Sie genauso. Hinzu kommt: 68 % der importierenden oder exportierenden Unternehmen sehen für bestehende Abhängigkeiten keine Alternative. Wer das für sich genauso beantwortet, sollte umso früher klären, was bei einem Ausfall zuerst betroffen wäre.

Bei Cloud und KI gilt das besonders, weil Daten, Modelle und Anwendungslogik oft beim selben Anbieter liegen. Wie eng diese Bindung wird, wenn KI-Dienste und Cloud-Plattformen ineinandergreifen, sollten Sie bei jeder Neubeschaffung vorab klären, nicht erst bei der Kündigung.

Der Anlass der Debatte ist der Digital-Gipfel der Bundesregierung, der laut Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung am 2. und 3. November 2026 in Berlin stattfindet, unter dem Motto „Shaping AI: safe, sovereign, competitive“. Eröffnet wird er von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger. Die Seite liefert den Termin, keine Zahlen zur Lage der Unternehmen.

Wie Sie die Bitkom-Zahlen für sich nutzen

Behandeln Sie die 16 Monate als Stimmungsbild: Von 14 auf 16 Monate gestiegen sind die Selbsteinschätzungen, ohne dass die Meldung einen Nachweis nennt, dass Betriebe tatsächlich so lange durchhalten. Tragfähiger ist ein eigener Test. Wählen Sie ein kritisches System, exportieren Sie die Daten, spielen Sie sie in eine Alternative ein und messen Sie, wie lange das dauert.

Danach haben Sie eine Zahl, die tatsächlich etwas über Ihren Betrieb aussagt. Sie ersetzt keine Branchenstudie, aber sie zeigt, ob Sie zu den 40 % gehören, die einen Wechsel vorbereiten, oder zu den anderen. Im zweiten Fall ist der erste sinnvolle Schritt kein Strategiepapier, sondern die Liste aus den sechs Fragen oben, ausgefüllt für Ihre drei wichtigsten Systeme.

Welche Rolle die Politik dabei spielt

Dass 73 % der Unternehmen mit Auslandsbeziehungen gezwungenermaßen Risiken eingehen, lässt sich nicht allein im Betrieb lösen. Dennoch bleibt für Sie viel Handlungsraum: Vertragsklauseln, offene Formate und getestete Exporte hängen an Ihren eigenen Entscheidungen, nicht an Berlin.