Der European Accessibility Act sollte digitale Barrierefreiheit vom Spezialthema zum Pflichtprogramm machen. Eine Accessiway-Analyse zeigt nun: Viele große Börsenunternehmen scheitern weiter an Basics wie Kontrast, Textvergrößerung und Tastaturbedienung.
98 Prozent. Das ist die Zahl, die in der aktuellen Accessiway-Analyse hängen bleibt. Nicht, weil sie besonders elegant wäre. Sondern weil sie brutal einfach ist: Fast alle untersuchten verbraucherorientierten Websites großer börsennotierter Unternehmen in Europa weisen mindestens eine digitale Barriere auf.
Ein Jahr nach dem Anwendungsbeginn des European Accessibility Act ist das kein Randproblem mehr. Der European Accessibility Act der EU-Kommission soll zentrale Produkte und Dienstleistungen zugänglicher machen. In Deutschland wurde er über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz umgesetzt. Wer digitale Angebote für Verbrauchende baut, kann Barrierefreiheit also nicht mehr als nettes Extra behandeln.
Genau das passiert aber offenbar weiterhin. Accessiway hat im Mai 2026 insgesamt 107 verbraucherorientierte Websites führender Unternehmen aus Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Großbritannien untersucht. Darunter waren Angebote aus DAX, ATX Prime, FTSE MIB, CAC 40 und FTSE 100. Geprüft wurden neun ausgewählte Kriterien der Web Content Accessibility Guidelines 2.2, kurz WCAG 2.2.
Nur zwei Websites bestanden alle geprüften Kriterien. Das ist für die digitale Wirtschaft kein gutes Zwischenzeugnis. Eher ein lauter Wecker.
Digitale Barrierefreiheit scheitert oft an einfachen Dingen
Das Ärgerliche an den Ergebnissen: Viele der häufigsten Barrieren sind keine exotischen Spezialfälle. Es geht nicht zuerst um hochkomplexe Assistenztechnik, seltene Endgeräte oder Nischen-Szenarien. Es geht um Lesbarkeit, Bedienbarkeit und Layouts, die bei Vergrößerung nicht auseinanderfallen.
Laut Accessiway scheitern europaweit 71 Prozent der untersuchten Websites an ausreichenden Farbkontrasten. In Italien liegt der Anteil bei 84 Prozent, in Österreich bei 82 Prozent. Schlechte Kontraste treffen Menschen mit Sehbeeinträchtigungen besonders hart, aber eben nicht nur sie. Wer draußen in der Sonne auf dem Smartphone eine Banking-Seite nutzt, kennt das Problem ebenfalls.
Auf Platz zwei folgen Probleme bei der Textvergrößerung. Europaweit verfehlen 64 Prozent der Websites dieses Kriterium. Frankreich fällt mit 95 Prozent besonders stark auf, Großbritannien mit 83 Prozent ebenfalls. Dazu kommen Reflow-Probleme, also Layouts, die bei kleineren Bildschirmen oder vergrößerter Ansicht nicht sauber umbrechen. Accessiway nennt hier 60 Prozent.
Das klingt technisch, ist aber im Alltag simpel: Wenn Inhalte nur mit horizontalem Scrollen lesbar sind, Schaltflächen aus dem sichtbaren Bereich rutschen oder Text überlappt, wird ein digitaler Dienst schnell unbenutzbar.
Wir bei digital-magazin.de hatten das Thema schon beim Nachrüsten von Barrierefreiheit im E-Commerce auf dem Tisch. Damals klang manches noch nach nahender Regulierung. Jetzt ist die Regulierung da, und die Praxis hinkt trotzdem.
Deutschland steht besser da, aber nicht gut
Im Ländervergleich schneidet Deutschland laut Analyse am besten ab. Das ist die freundliche Lesart. Die unangenehme lautet: Auch hier fallen 89 Prozent der untersuchten verbraucherorientierten DAX-Websites bei mindestens einem Kriterium durch. In vier der fünf betrachteten Märkte liegt die Durchfallquote sogar bei 100 Prozent.
Der europäische Durchschnitt verfehlt 3,7 von neun geprüften Kriterien pro Website. Österreich und Italien liegen mit jeweils 3,9 verfehlten Kriterien am Ende der Tabelle. Deutschland kommt auf 3,2. Besser, ja. Aber noch weit entfernt von einer digitalen Landschaft, die Menschen zuverlässig einschließt.
Besonders brisant ist, welche Arten von Angeboten betroffen sind. Accessiway nennt Banking-Plattformen, Online-Shops, Telekommunikationsdienste und Kundenportale. Also genau die digitalen Orte, an denen Menschen Verträge abschließen, Rechnungen einsehen, Käufe erledigen, Services buchen oder Support suchen.
Digitale Barrierefreiheit ist damit kein ästhetisches Detail. Sie entscheidet darüber, ob Menschen selbstständig an Alltagsprozessen teilnehmen können.
Wer einen Online-Shop betreibt, kennt die Debatte längst. In unserem älteren Beitrag zu barrierefreiem Onlinehandel ging es schon um die Frage, warum Bedienbarkeit nicht erst am Checkout beginnen darf. Genau dort wird es jetzt geschäftlich relevant: Barrieren kosten Reichweite, Vertrauen und Umsatz.
Automatische Tests sehen nicht alles
Ein besonders wichtiger Befund der Accessiway-Analyse betrifft automatisierte Tests. Parallel wurde mit Google Lighthouse geprüft. Mehrere Websites schnitten dort gut ab, obwohl die vertiefende Analyse weiterhin relevante Barrieren fand. Der durchschnittliche Lighthouse-Score lag laut Accessiway bei 89 Prozent und damit deutlich freundlicher als die manuelle Bewertung.
Das ist kein Angriff auf Lighthouse. Automatisierte Werkzeuge sind nützlich. Sie finden offensichtliche Fehler schnell, skalieren gut und gehören in jede Entwicklungs-Pipeline. Aber sie sind kein Ersatz für echte Prüfung.
Der Grund ist simpel: Viele Barrieren entstehen im Nutzungskontext. Eine Tastaturfalle fühlt man erst, wenn man ohne Maus durch eine Seite navigiert. Ein Fokuszustand ist erst dann wirklich hilfreich, wenn Nutzende erkennen können, wo sie gerade sind. Ein Formular ist erst dann zugänglich, wenn Fehlermeldungen, Labels und Reihenfolge zusammenpassen.
Jacopo Deyla, Chief Accessibility Officer bei Accessiway, bringt es in der Mitteilung auf den Punkt: Ein hoher Score könne gut aussehen, während Nutzende im Alltag trotzdem scheitern. Unternehmen bräuchten kontinuierliche Prüfprozesse, klare Verantwortlichkeiten und fachliche Expertise. Barrierefreiheit sei kein einmaliges Audit.
Genau dieser Satz sollte in Produktteams hängen. Nicht als Poster. Als Arbeitsanweisung.

Warum Barrierefreiheit ein Produktproblem ist
Viele Organisationen behandeln digitale Barrierefreiheit noch wie einen Compliance-Anhang. Erst wird gebaut, dann geprüft, dann wird geflickt. Das funktioniert ungefähr so gut, wie nach dem Tapezieren festzustellen, dass die Tür an der falschen Wand sitzt.
Barrierefreiheit muss in die frühen Entscheidungen: Informationsarchitektur, Designsystem, Komponentenbibliothek, Content-Modell, Frontend-Framework, Testing, Redaktion. Wer erst am Ende reagiert, zahlt doppelt. Mit zusätzlicher Entwicklungszeit und mit einem Produkt, das für Teile der Zielgruppe schlechter funktioniert.
Das gilt besonders für Kontraste und Reflow. Wenn ein Designsystem zu schwache Farbkombinationen zulässt, reproduziert jede neue Seite denselben Fehler. Wenn Komponenten bei Textvergrößerung brechen, ist das kein einzelner Bug, sondern ein Muster. Und wenn sichtbarer Fokus nur in einigen UI-Elementen existiert, wirkt eine Tastaturnavigation wie ein Glücksspiel.
Nach unserer Recherche bei digital-magazin.de ist das auch organisatorisch ein heikler Punkt. Barrierefreiheit sitzt oft zwischen UX, Entwicklung, Recht, Marketing und Content. Alle fühlen sich ein bisschen zuständig. Niemand besitzt das Thema wirklich. Genau daraus entstehen Lücken.
Bei digitalen Vertragsstrecken ist dieser Punkt noch schärfer. Wer sich anschaut, wie digitale Abschlüsse zum Standard geworden sind, sieht schnell: Wenn ein Abschlussprozess nicht zugänglich ist, wird aus Komfort ein Ausschlussmechanismus.
Der EAA macht aus UX eine Haftungsfrage
Der European Accessibility Act verschiebt die Diskussion. Früher konnten Unternehmen Barrierefreiheit als freiwilligen Anspruch formulieren. Schön, wenn man es macht. Schade, wenn nicht. Diese Haltung trägt nicht mehr.
In Deutschland verpflichtet das BFSG bestimmte Produkte und Dienstleistungen zur Barrierefreiheit. Dazu zählen unter anderem Elemente des elektronischen Geschäftsverkehrs, Bankdienstleistungen für Verbrauchende und digitale Kommunikationsangebote. Nicht jedes Unternehmen fällt mit jedem Angebot automatisch unter jede Pflicht. Aber die Richtung ist klar: Digitale Teilhabe wird regulatorisch eingefordert.
Das hat Folgen für Produktteams. Wer Barrierefreiheit nur als juristische Mindestanforderung betrachtet, wird vermutlich immer hinterherlaufen. Besser ist die andere Perspektive: Gute Barrierefreiheit verbessert digitale Produkte für mehr Menschen. Größere Schrift, klare Kontraste, verständliche Fehlermeldungen, Tastaturbedienbarkeit, stabile mobile Layouts. Das sind keine Sonderwünsche. Das ist solide Produktqualität.
Hand aufs Herz: Viele dieser Punkte würden auch Menschen ohne Behinderung sofort unterschreiben. Niemand liebt grauen Text auf hellgrauem Hintergrund. Niemand freut sich über Formulare, die bei Zoom zerfallen. Niemand möchte auf einer Seite den Fokus verlieren und mit der Tab-Taste im Nirgendwo landen.
Der Unterschied ist nur: Für manche Menschen ist das nicht nervig, sondern ausschließend.
Was Unternehmen jetzt praktisch tun sollten
Die Accessiway-Zahlen legen nahe, dass punktuelle Audits allein nicht reichen. Unternehmen brauchen eine Arbeitsweise, in der Barrierefreiheit regelmäßig geprüft und verbessert wird. Nicht als Projekt mit Enddatum, sondern als Teil der digitalen Qualitätssicherung.
Ein realistischer Start sieht weniger spektakulär aus, als manche erwarten. Erstens: kritische Nutzungswege identifizieren. Login, Suche, Produktdetailseite, Warenkorb, Checkout, Kundenportal, Kontaktformular. Zweitens: Designsystem und Komponenten prüfen. Drittens: automatisierte Tests in CI/CD einbauen. Viertens: manuelle Tests mit Tastatur, Screenreader und Vergrößerung durchführen. Fünftens: Content-Teams schulen, weil Überschriften, Linktexte und Alternativtexte nicht aus dem Nichts entstehen.
Der letzte Punkt wird gern unterschätzt. Barrierefreiheit ist nicht nur Frontend-Code. Ein nichtssagender Linktext, eine unklare Fehlermeldung oder eine Grafik ohne brauchbaren Alternativtext kann genauso blockieren wie ein kaputter Button.
Unternehmen sollten außerdem Verantwortlichkeiten festlegen. Wer darf eine Komponente freigeben? Wer priorisiert Barrierefreiheits-Bugs? Wer prüft neue Kampagnenseiten, bevor sie live gehen? Wenn diese Fragen nicht beantwortet sind, wird Barrierefreiheit zur Glückssache.
Das Team von digital-magazin.de sieht hier eine Parallele zu anderen Digitalthemen: Was nicht in Prozessen verankert ist, verschwindet im Tagesgeschäft. Barrierefreiheit braucht deshalb keine schönen Absichtserklärungen, sondern Tickets, Testfälle und Budget.
Die blinde Stelle ist nicht technisch, sondern kulturell
Die Accessiway-Analyse zeigt vor allem eines: Europas große Unternehmen kennen das Thema, aber sie haben es offenbar noch nicht tief genug in ihre digitale Arbeit eingebaut. Sonst wären die Basisfehler nicht so verbreitet.
Das Problem ist selten böser Wille. Eher Gewohnheit. Teams optimieren auf Conversion, Geschwindigkeit, Kampagnendruck, CI-Vorgaben, Designtrends und interne Freigaben. Barrierefreiheit rutscht nach hinten, weil ihre Wirkung oft erst dann sichtbar wird, wenn jemand scheitert. Und Menschen, die scheitern, schreiben selten einen perfekten Bugreport. Sie gehen einfach.
Für Börsenunternehmen ist das besonders bitter. Sie investieren enorme Summen in Markenführung, Kundenerlebnis und digitale Transformation. Wenn dann ausgerechnet Kontraste, Textvergrößerung und Tastaturbedienung brechen, wirkt das nicht wie ein fehlendes Spezialbudget. Es wirkt wie fehlende Sorgfalt.
Der EAA macht diese Sorgfalt messbarer. Kunden, Aufsichtsstellen, Verbände und Wettbewerber werden genauer hinsehen. Unternehmen, die jetzt nur Lighthouse-Scores feiern, könnten unsanft lernen, dass ein grüner Automatentest noch keine zugängliche Website ist.
Der bessere Zeitpunkt dafür war gestern. Der zweitbeste ist der nächste Sprint.
Was bleibt?
Digitale Barrierefreiheit ist nicht kompliziert, weil Menschen kompliziert sind. Sie ist kompliziert, weil digitale Produkte oft ohne ausreichend viele Nutzungssituationen gedacht werden.
Die Accessiway-Zahlen sind deshalb mehr als ein Compliance-Hinweis. Sie zeigen, dass Europa beim Zugang zu digitalen Alltagsdiensten noch eine Menge Reparaturarbeit vor sich hat. Der European Accessibility Act liefert den Druck. Die Umsetzung muss jetzt aus Produktteams, Entwicklungsprozessen und Geschäftsleitungen kommen.
Und ja, das kostet Arbeit. Aber eine Website, die 98 Prozent einer Stichprobe ähnlicher Großunternehmen schlecht aussehen lässt, ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen.





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