KI-Agenten bringen neue Dynamik ins Dokumentenmanagement. Sie analysieren Inhalte, bereiten Entscheidungen vor und stoßen Prozesse eigenständig an. Für Customer Service, Vertrieb, HR, Einkauf und Finance entstehen dadurch neue Möglichkeiten: Dokumentenbasierte Abläufe lassen sich schneller, transparenter und kundenorientierter gestalten.
Bis 2028 sollen bereits 38 % der Unternehmen menschliche Teams durch KI-Agenten ergänzen. So zeigt es eine aktuelle Studie des Capgemini Research Institute. Der Trend ist klar, doch die Umsetzung bleibt anspruchsvoll.
KI-Agenten gehen einen Schritt weiter als klassische KI-Systeme: Sie bewerten Informationen im Prozesskontext, leiten Folgeschritte ab und begleiten Abläufe über mehrere Stationen hinweg. Genau darin liegt aber auch die praktische Herausforderung. Damit Agenten verlässlich handeln, brauchen sie aktuelle Daten, klare Zugriffsrechte, belastbaren Kontext und eindeutige Regeln. Hier kommt das Dokumentenmanagement ins Spiel.
Im DMS liegen viele Informationen, die KI-Agenten für ihre Arbeit benötigen, bereits in über Jahre gewachsenen Beständen. Sie sind konform archiviert, strukturiert abgelegt, mit Metadaten angereichert und in definierte Prozesse sowie Regelwerke eingebettet. Damit entsteht eine belastbare Daten- und Kontextgrundlage, auf der KI-Agenten konkrete Aufgaben übernehmen können. Wie das künftig aussehen könnte, zeigen fünf Szenarien.
1. Intelligentes Wissensarchiv
Entscheidungsrelevantes Wissen liegt in vielen Unternehmen nicht nur in strukturierten Daten, sondern auch in Dokumenten. Verträge, E-Mails, Richtlinien oder Protokolle zeigen, welche Freigaben nötig sind, welche Abteilungen beteiligt sind, wer Verantwortung trägt und welche Regeln gelten. Genau diesen Kontext brauchen KI-Agenten, um Informationen nicht isoliert zu bewerten, sondern Aufgaben sinnvoll weiterzuführen.
Wird dieses Wissen systematisch verfügbar, kann der KI-Agent Recherche und Vorarbeit weitgehend eigenständig übernehmen. Steht beispielsweise ein Kundentermin, eine Eskalation oder eine Vertragsverlängerung an, muss sich das Team nicht mehr durch verschiedene Systeme arbeiten. Der Agent führt relevante Servicefälle, E-Mails, Verträge und Zusagen zusammen, erkennt Zusammenhänge und bereitet die wichtigsten Informationen auf. Mitarbeitende aus Service, Vertrieb und Customer Success sehen offene Punkte, mögliche Risiken und nächste Schritte auf einen Blick.
2. Automatisierte Rechnungsprozesse
Auch das Rechnungsmanagement bietet großes Potenzial für Agentic AI. Unternehmen verarbeiten täglich große Mengen an Eingangsrechnungen. Schon kleine Abweichungen von Bestellungen, Liefernachweisen oder Vertragsbedingungen können falsche Zahlungen, Verzögerungen oder Compliance-Risiken auslösen. KI-Systeme unterstützen hier bereits heute bei Klassifizierung, Inhaltserkennung und Datenabgleich.
Mit KI-Agenten kann dieser Prozess einen Schritt weitergehen. Weicht eine Rechnung vom erwarteten Rahmen ab, erkennt der Agent den Fall, stoppt die Weiterverarbeitung und prüft die relevanten Dokumente. Der intelligente Helfer gleicht Rechnungsdaten mit Bestellung, Vertrag und Liefernachweis ab, bewertet die Abweichung und bereitet Rückfragen an den Lieferanten vor. Für die Buchhaltung entstehen so vorbereitete Vorgänge mit klar benannten Unstimmigkeiten und konkreten Entscheidungsoptionen.
3. Beschaffung autonom koordinieren
Im Einkauf treffen mehrere Entwicklungen aufeinander, die den Einsatz von KI-Agenten besonders interessant machen: wachsende Datenmengen, schwankende Märkte und komplexe Lieferketten. Dadurch ist es schwierig, schnell fundierte Entscheidungen zu treffen. An dieser Stelle kann Agentic AI entlasten: Laut einer McKinsey-Analyse können KI-Agenten die Effizienz von Einkaufsteams um bis zu 30 % steigern. Bislang unterstützen KI-Systeme vor allem bei Analysen und Entscheidungsgrundlagen.
In der Praxis könnte der Agent Lagerbestände, Forecasts und bestehende Verträge prüfen und daraus einen konkreten Beschaffungsbedarf ableiten. Eingehende Angebote analysiert der intelligente Helfer automatisch, vergleicht Preise, Konditionen und Lieferzeiten. Zeichnen sich Risiken ab, schlägt der KI-Agent alternative Lieferanten vor und priorisiert Bedarfe neu. Für den Einkauf entsteht daraus ein neues Zusammenspiel. Agentic AI bereitet Entscheidungen vor, macht Risiken und Optionen sichtbar und hält Informationen aktuell. Einkaufsteams bewerten die Vorschläge und steuern den Prozess gezielt weiter.
4. Vertragsprozesse neu denken
Viele Entscheidungen hängen direkt an vertraglichen Grundlagen. Sie regeln Konditionen, Laufzeiten, Service-Level, Risiken und Verantwortlichkeiten. Im DMS können KI-Systeme heute bereits Vertragstypen erkennen, relevante Daten extrahieren, Risiken markieren und Zusammenfassungen erstellen. Agentic AI eröffnet hier neue Möglichkeiten.
Noch vor Arbeitsbeginn hat der KI-Agent zentrale Vorarbeiten erledigt. Neue Vertragsanfragen wurden analysiert, passende Entwürfe auf Basis bestehender Playbooks und Klauselbibliotheken vorbereitet und nach Risikoprofil sortiert. Wenn interne Abstimmungen oder Verhandlungen mit externen Partnern beginnen, liegen die relevanten Vorschläge bereits strukturiert vor. Für die Vertragsabteilung verändert sich damit die Rolle: Weniger Zeit fließt in Koordination und Vorarbeit; der Fokus liegt auf Bewertung, Verhandlung und Risikosteuerung.
5. Der digitale HR-Assistent
Auch in HR können KI-Agenten Routineprozesse deutlich entlasten. Personalabteilungen stehen unter hohem Druck: Sie müssen Bewerbungen schneller bearbeiten, administrative Aufgaben bewältigen und Mitarbeitende gleichzeitig individueller begleiten. In HR kommen KI-Lösungen bereits punktuell zum Einsatz, etwa bei der Formulierung von Stellenanzeigen oder der Auswertung von Bewerbungsunterlagen. IBM beziffert das Einsparpotenzial durch KI-Agenten und Self-Service-HR-Systeme bei HR-Serviceprozessen auf 50 bis 60 %.
Künftig könnte das im Arbeitsalltag so aussehen: Geht eine Bewerbung ein, analysiert der Agent das Profil, ordnet relevante Qualifikationen ein und bereitet eine fundierte Entscheidungsgrundlage vor. Wird später eine neue Mitarbeiterin eingestellt, koordiniert der Agent die Onboarding-Dokumente, erinnert an offene Schritte und stößt die Einrichtung von IT-Zugängen an. Für HR-Teams sinkt damit der manuelle Koordinationsaufwand. Gleichzeitig bleibt mehr Zeit für persönliche Betreuung, Mitarbeiterbindung und strategische Personalentwicklung.
Fazit
Agentic AI ist kein Selbstläufer. Die größte Herausforderung liegt darin, KI-Agenten nicht nur mit Daten, sondern mit verlässlichem Kontext zu versorgen: mit klaren Rollen, sauberen Berechtigungen, aktuellen Informationen und überprüfbaren Entscheidungen. Fehlt dieser Kontext, können Agenten aus falschen oder unvollständigen Informationen fehlerhafte Prozessschritte ableiten. Das sieht dann KI-gewohnt äußerst selbstsicher aus, ist aber dennoch bei näherer Betrachtung falsch. Aus einem Datenproblem wird so schnell ein Risiko für Prozesse, Kundenbeziehungen und Compliance.
Das Potenzial bleibt dennoch groß. Ein modernes DMS hilft dabei, die nächste Automatisierungswelle aktiv zu nutzen und Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Kontrolle und Compliance zu berücksichtigen. Entscheidend ist dabei der gezielte Einsatz von Agentic AI: mit transparenten Regeln, klaren Freigabeprozessen und dem Menschen als letzte Instanz.
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Über den Autor:
Marcel Etzel ist seit 2018 bei easy und seit Januar 2022 Produkt- und Entwicklungsleiter (CPTO). Als ehemaliger Gründer und Experte für Innovation im Bereich der B2B-Software steuert er das easy Produktportfolio in Richtung Zukunft mit Hilfe neuer Technologien wie Cloud und KI.





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