Weil der Ausfall einer einzigen Cloud-Zone offenkundig mehr lahmlegen kann, als der Satz „nur ein Rechenzentrum“ vermuten lässt: Laut Google ließ ein „power event“ die Zone europe-west2-b in London ausfallen, und bei Revolut waren Anmeldung, Karten, Überweisungen, Geldautomat und Krypto betroffen. Ein einzelner Zonenausfall genügte für stundenlange Störungen, wer dafür haftet, ist damit aber nicht geklärt. Die britische FCA spricht mit Google und den betroffenen Firmen; in der EU ist Google Cloud EMEA Limited bereits als kritischer IKT-Drittdienstleister (CTPP) unter DORA benannt.
Was am 20. Oktober bei Google Cloud und Revolut geschah
Der Vorfall dauerte laut Googles Statusseite von 23:08 Uhr am 19. Oktober bis 07:00 Uhr am 20. Oktober, jeweils Zeit der US-Westküste (US/Pacific); in mitteleuropäischer Sommerzeit entspricht das dem 20. Oktober von etwa 08:08 bis 16:00 Uhr. Google beschreibt die Lage zunächst breit: „Multiple services are experiencing issues in the europe-west2 region.“ Als betroffener Standort ist London (europe-west2) angegeben.
Im Update vom 20. Oktober, 04:58 Uhr PDT (13:58 Uhr MESZ), wird Google konkreter: „A power event caused an outage within europe-west2-b zone. The power event is mitigated.“ Ein Stromereignis habe also einen Ausfall innerhalb der Zone verursacht und sei inzwischen eingedämmt. Weitere Angaben zur Ursache macht Google nicht. Dann folgt der Satz, der den schleppenden Wiederanlauf erklärt: „We are seeing the recovery of services and are prioritizing the recovery of existing workloads. Customers may not be able to yet create new workloads.“ Bestehende Anwendungen werden also zuerst wieder hochgefahren, neue lassen sich womöglich noch nicht anlegen. Als Symptome nennt Google, dass Dienste in der Zone nicht verfügbar waren und dass einige Dienste der Region mit „elevated errors and intermittent network issues“ zu kämpfen hatten, also erhöhten Fehlerraten und zeitweisen Netzproblemen. Unter den betroffenen Produkten stehen unter anderem Virtual Private Cloud (VPC), VMware Engine und Speech-to-Text.
Die Folgen für Endkundschaft beschreibt der Guardian. Laut dem Bericht von Kalyeena Makortoff und Julia Kollewe waren Gerichte und Banken offline, Millionen Menschen konnten bei Lloyds, HSBC und Revolut nicht auf Geld zugreifen oder Geld senden. Google meldete demnach ab 13 Uhr Londoner Zeit (14 Uhr MESZ) erste wiederkehrende Dienste, für die meisten sei der Betrieb bis 15 Uhr (16 Uhr MESZ) wiederhergestellt gewesen. Halifax, eine Marke von Lloyds, schrieb auf X, einige Kundschaft habe sich nicht per App und online anmelden können. Ein HSBC-Sprecher erklärte: „Our services have returned to normal following earlier access issues.“
Revolut sprach von einer „service disruption“, die mehrere Dienste betreffe, und versicherte: „We can confirm that all our customers’ money and data are safe.“ Man arbeite seit dem Morgen an der Behebung und entschuldige sich. Laut Guardian betraf die Störung neue wie bestehende Kundschaft: Registrierung, Anmeldung, Kartenzahlung, Überweisung, Geldautomaten-Abhebung und Krypto-Dienste. Besonders aufschlussreich ist die Statusseite: Gegen 17 Uhr Londoner Zeit (18 Uhr MESZ) waren laut Guardian nur 6 von 27 aufgeführten Revolut-Diensten als funktionierend markiert, darunter Support-Chat und interne Überweisungen. Zu diesem Zeitpunkt lag das von Google genannte Ende des Vorfalls bereits hinter den Beteiligten.
Warum legt der Ausfall einer Zone so viele Dienste lahm?
Weil eine Zone nur ein Teilstück der Cloud-Infrastruktur ist und digitale Dienste aus vielen Bausteinen bestehen, die voneinander abhängen. Eine Region ist ein geografisch abgegrenzter Cloud-Standort wie London, eine Zone ein abgegrenzter Bereich innerhalb dieser Region. Googles Bezeichnungen folgen diesem Muster: europe-west2 ist die Region, europe-west2-b die Zone. Die Anbieter werben damit, dass Anwendungen über mehrere Zonen verteilt laufen und den Ausfall einer einzelnen verkraften. Das ist die Behauptung. Ob und wie Revolut oder andere Betroffene ihre Systeme verteilt hatten, ist öffentlich nicht bekannt.
Belegt ist die Wirkung. Googles Statusseite spricht nicht nur von einer Zone, sondern auch von erhöhten Fehlern und Netzproblemen in der Region. Und die Zahl der gestörten Revolut-Dienste lässt sich nachrechnen. Die dm-Rechnung: Gegen 17 Uhr Londoner Zeit funktionierten laut Guardian 6 von 27 Diensten, also 27 − 6 = 21 noch gestörte Dienste; 21 ÷ 27 ≈ 0,78, das sind rund 78 Prozent. Das Google-Fenster von 23:08 bis 07:00 Uhr (US/Pacific) umfasst 7 Stunden 52 Minuten, also 472 Minuten. Beide Werte sind mit Vorsicht zu lesen: Die 78 Prozent sind eine Momentaufnahme laut Statusliste, die nicht gewichtet, wie wichtig der einzelne Dienst für die Kundschaft ist. Und das Google-Fenster beschreibt Googles Vorfall, nicht die Gesamtdauer der Revolut-Störung.
Warum ein Teilausfall so weit trägt, erklärt die Logik von Abhängigkeitsketten (dm-Einordnung, allgemein und ohne Bezug auf die interne Technik eines bestimmten Unternehmens): Eine Kartenzahlung durchläuft typischerweise mehrere Stationen, etwa Identitätsprüfung, Kontostandsabfrage, Betrugserkennung und Freigabe. Fällt eine Station aus, auf die alle anderen warten, steht der gesamte Ablauf, auch wenn die übrigen Stationen intakt sind. Moderne Bank-IT zerlegt Funktionen zunehmend in modulare Kernbank-Architekturen. Das kann Ausfälle eingrenzen, beseitigt aber weder Abhängigkeiten zwischen den Modulen noch die gemeinsame Infrastruktur darunter.
Hinzu kommt der Wiederanlauf. Googles Hinweis, bestehende Workloads würden zuerst wiederhergestellt und neue könnten noch nicht überall angelegt werden, zeigt: Nach einem Stromausfall fährt nicht alles auf Knopfdruck hoch. Ob das bei Revolut eine Rolle spielte, ist öffentlich nicht belegt. Es erklärt aber, warum Dienste auch nach dem Ende der eigentlichen Störung gestaffelt zurückkehren können.
Was Aufsicht und DORA verlangen und welche Rolle Google als CTPP hat
Dieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptData center corridor with server racks partially dark due to a power outage, emergency lighting, technicians with flashlights. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.Die Aufsicht verlangt zunächst vor allem schnelle Behebung, ehrliche Information und Schadensvermeidung, und sie sammelt noch Fakten. Ein FCA-Sprecher erklärte laut Guardian: „We are aware of the incident affecting services provided by Google and are engaging with them and affected firms to understand the impact. People need to be able to access their money and make payments, so we expect firms to fix issues quickly, keep their customers informed and ensure no one is left out of pocket.“ Das ist eine Erwartung an die Firmen, formuliert als Aufsichtsposition. Eine Rechtsfolge, Frist oder Entschädigungsregel steht darin nicht.
Die Bank of England ist ebenfalls im Spiel: Ihre Prudential Regulation Authority (PRA) spricht dem Guardian zufolge ebenfalls mit Google. Brisant ist der Zeitpunkt. Der Ausfall sei, so der Guardian, der erste große Test für FCA und Bank of England, seit die Aufsichten in diesem Sommer Befugnisse erhielten, Google und andere Anbieter „kritischer“ Cloud-Dienste für britische Finanzfirmen zu regulieren. Der einflussreiche Treasury-Ausschuss des Unterhauses prüft bereits die Reaktion der Behörden. Konzentrationsrisiken durch geteilte digitale Infrastruktur beschäftigen Aufsichten und Notenbanken breit, wie etwa die Diskussion um Lagarde und KI im Finanzsystem zeigt.
In der EU läuft der Rahmen über DORA, den Digital Operational Resilience Act. Nach Artikel 31(9) veröffentlichten die Europäischen Aufsichtsbehörden (ESAs) am 18. November 2025 die Liste der benannten kritischen IKT-Drittdienstleister, der CTPP. Sie nennt 19 Namen in alphabetischer Reihenfolge, darunter Google Cloud EMEA Limited, Amazon web Services EMEA Sarl und Microsoft Ireland Operations Limited. Google selbst teilte im Cloud-Blog vom 18. November 2025 mit, Google Cloud EMEA sei „together with its subsidiaries“ als CTPP benannt und habe einen eigenen „Lead Overseer“ zugewiesen bekommen, also eine federführende Aufsicht.
Entscheidend für die Haftungsfrage ist ein weiterer Satz aus diesem Google-Blog: „CTPP oversight does not replace your own responsibilities under DORA.“ Die Aufsicht über den Dienstleister ersetzt demnach nicht die Pflichten der Finanzunternehmen selbst. Wie DORA auf den Londoner Vorfall anzuwenden ist, ist offen: Die britischen Befugnisse und die EU-Benennung sind getrennte Regime. Wer im Einzelfall wem gegenüber einstehen muss, hängt von Verträgen, Lizenzen und Rechtsordnung ab und ist bislang weder von Aufsicht noch von Gerichten entschieden.
Was Kundschaft und FinTechs für die Resilienz ableiten können
Zuerst die Rechtslage, soweit belegt: Eine Haftung oder Erstattung ist bislang nicht geklärt. Die FCA-Erwartung, dass „no one is left out of pocket“, ist eine Aufsichtserwartung an die Firmen, kein Anspruch der Einzelnen. Revolut versicherte, Geld und Daten der Kundschaft seien sicher. Ob daraus Ansprüche auf Gebührenerstattung oder Ersatz entstehen, hängt von den jeweiligen Vertragsbedingungen ab. dm-Einordnung: Wer finanziell betroffen war, sollte sich an den Kundendienst des eigenen Instituts wenden.
Für Kundschaft folgen aus dem Ablauf einige praktische Überlegungen (dm-Einordnung):
- Ein zweites Zahlungsmittel bei einem anderen Institut oder eine kleine Bargeldreserve überbrückt Ausfälle von mehreren Stunden, in denen Karte und App gleichzeitig streiken.
- Wer Gehalt, Miete und Lastschriften über ein einziges Konto laufen lässt, bündelt sein Ausfallrisiko an einer Stelle.
- Screenshots mit Uhrzeit von Fehlermeldungen und Statusseiten helfen, falls später Gebühren, Mahnungen oder Schäden geltend gemacht werden sollen.
Für FinTechs und deren Admins ist der Vorfall eher eine Prüfliste als eine Überraschung (ebenfalls dm-Einordnung):
- Eine Abhängigkeitskarte zeigt, welche Kernfunktionen an welcher Zone, Region und welchem Dienstleister hängen, einschließlich der Dienste, die nur indirekt betroffen sind.
- Ausfallübungen sollten den Verlust einer Zone und das gestaffelte Wiederhochfahren durchspielen. Gerade Googles Hinweis, neue Workloads seien zunächst womöglich nicht anlegbar, verlangt einen Plan für den Wiederanlauf.
- Ein Notbetrieb mit reduziertem Funktionsumfang kann die wichtigsten Pfade, etwa Kartenfreigabe und Kontostand, vor weniger wichtigen schützen.
- Die Kommunikation braucht einen Weg, der nicht von derselben Infrastruktur abhängt. Eine Statusseite, die selbst ausfällt, hilft niemandem.
- Ausstiegs- und Wechselszenarien gehören in die Risikobewertung, auch wenn sie teuer und langsam sind.
Wirtschaftlich ist das Muster nicht neu: Cloud-Anbieter bündeln Nachfrage, und mit der Bündelung wächst die Wirkung einzelner Störungen. DORA reagiert darauf mit der Benennung kritischer Dienstleister, ohne ihnen die Verantwortung für die Nutzenden abzunehmen. Ob die Sicherheitsnetze der Firmen halten, zeigt sich erst im Ernstfall, und dieser Ernstfall hat nun Zeitstempel und Statuslisten.
Offen ist vor allem die Ursachenklärung. Google nennt auf seiner Statusseite ein „power event“ in der Zone europe-west2-b und will laut Guardian eine Analyse veröffentlichen, sobald die interne Untersuchung abgeschlossen ist. Einen Termin dafür nennt das Unternehmen nicht. Einen Stichtag gibt es dagegen bei der Aufsicht: Meg Hillier, Vorsitzende des Treasury-Ausschusses, hat laut Guardian die Aufsichtsbehörden angeschrieben und um Details zu ihrer Reaktion und zur Gesamtwirkung auf das britische Finanzsystem gebeten. Eine erste Antwort erwartet sie bis zum 4. November.




