0 Euro. Mehrere Dutzend ETFs. Und ein Datum, an dem noch niemand etwas abschließen kann. Am 13. Oktober hat Trade Republic in einer EQS-Mitteilung ein „komplett kostenloses“ Altersvorsorgedepot angekündigt – gemeint sind laut Trade Republic Depot- und Ausführungskosten, Produktkosten entfallen nur bei ausgewählten ETFs – vier Tage nach Scalable Capital, das am 9. Oktober sein eigenes Modell vorgestellt hat. Rechnen wir nach, was hinter dem Wort „kostenlos“ steckt.
Abschließen lässt sich noch nichts: Die neuen Altersvorsorgeprodukte können laut Bundesfinanzministerium erst ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden. Und „kostenlos“ heißt bei Trade Republic: keine Depot- und Ausführungskosten sowie keine Produktkosten für mehrere Dutzend ausgewählte ETFs – nicht für alles.
Der Preiskampf läuft also, bevor ein einziges Produkt gekauft werden kann. Wir bei digital-magazin.de halten das für einen guten Anlass, die Kosten sauber zu sortieren, statt Schlagzeilen nachzuplappern. Dieser Text ist keine Anlage- oder Steuerberatung, und er spricht keine Empfehlung für einen Anbieter aus. Er soll Ihnen die Fragen liefern, die Sie stellen sollten.
Was das Altersvorsorgedepot ist und wie die Zulage rechnet
Zunächst der Rahmen, und zwar nach der FAQ des Bundesfinanzministeriums. Das Ministerium nennt die Vorlage „Altersvorsorgereformgesetz“ und schreibt: „Die Reform der privaten Altersvorsorge ist beschlossene Sache!“ An anderer Stelle heißt es, die Produkte stünden zur Wahl, „wenn die Reform in Kraft getreten ist und von den Anbietern umgesetzt wird“. Mehr zum Verfahrensstand sagt die Quelle nicht, und mehr behaupte ich hier nicht.
Ein Altersvorsorgedepot ist laut BMF ein Vertrag mit einem Anbieter, bei dem auf Garantien verzichtet wird, um chancen- und renditeorientierte Anlageformen zu ermöglichen; auch ETFs sind darüber besparbar. Wer ein Garantieprodukt möchte, kann laut BMF weiterhin eines wählen, mit mindestens 100 Prozent oder 80 Prozent der eingezahlten Beträge zu Beginn der Auszahlungsphase. Dazu kommt das Standardprodukt, das „Standarddepot Altersvorsorge“: ein besonders einfach gehaltenes Depot mit Voreinstellungen, bei dem Anlegende nur entscheiden müssen, wenn sie davon abweichen wollen. Ein öffentlicher Träger soll zusätzlich ein Standarddepot anbieten dürfen, doch das braucht laut BMF „eine Verordnung der Bundesregierung, die derzeit noch nicht vorliegt“.
Nun zur Zulage, dem staatlichen Zuschuss auf Ihre Eigenbeiträge. Die Grundzulage beträgt laut BMF 50 Cent je gespartem Euro bis 360 Euro Eigenbeitrag; für weitere 1.440 Euro (also 361 bis 1.800 Euro) sind es 25 Cent je Euro. Das ergibt höchstens 540 Euro im Jahr. Voraussetzung sind laut BMF eine unmittelbare Zulageberechtigung und jährlich mindestens 120 Euro Einzahlung.
Hinzu kommt: „Für jedes Kind erhält ein Elternteil zusätzlich eine Kinderzulage von 100 Prozent auf jeden eingezahlten Euro“, höchstens 300 Euro pro Kind bei 300 Euro Eigenbeitrag. Wer vor dem 25. Geburtstag abschließt, bekommt laut BMF einmalig 200 Euro Berufseinsteigerbonus.
Und der Steuerteil? Beim Sonderausgabenabzug – Sie setzen Ihre Beiträge in der Steuererklärung ab – nennt das BMF als Beispiel „künftig 2.340 Euro (= 1.800 Euro + 540 Euro Grundzulage)“, und zwar ohne Ehegatten-Zulageberechtigung und ohne Kinderzulage. Das Finanzamt prüft laut BMF in der Veranlagung, ob ein darüber hinausgehender Steuervorteil zusteht. Ein ähnlich verwickeltes Steuerthema haben wir zuletzt beim Referentenentwurf zur Haltefrist für Krypto-Gewinne beleuchtet, nur um zu zeigen: Das Finanzministerium baut gerade an mehreren Stellen um.
Der Haken, wenn man ehrlich sein will: Die Zulage wirkt je Euro unterschiedlich stark. Unsere Rechnung: 360 Euro Eigenbeitrag ergeben 180 Euro Zulage, also 50 Prozent; bei 1.800 Euro sind es 540 Euro, also 30 Prozent. Kleine Beiträge werden relativ am stärksten gefördert. Ich finde, das gehört in jede Diskussion über Gebühren, denn Kosten werden am Ende gegen diese Förderquote gehalten.
Wer bereits einen Riester-Vertrag hat: Für Verträge, die vor dem 1. Januar 2027 abgeschlossen wurden oder werden, gilt laut BMF Bestandsschutz.
Was „0 Euro“ bei Trade Republic umfasst
Gehen wir die Mitteilung Satz für Satz durch. Laut Trade Republic fallen für das Altersvorsorgedepot „keine laufenden Depotgebühren“ an. Weiter heißt es: „Auch die regelmäßige Ausführung von Sparplänen ist kostenlos.“ Das sind zwei Kostenarten: Depotführung und Ausführung, Letzteres ausdrücklich bei Sparplänen. Ob andere Ausführungen außerhalb von Sparplänen etwas kosten, steht in der Mitteilung nicht.
Die dritte Zusage betrifft die Produktkosten, also die laufenden Fondskosten (TER), die im Fondspreis stecken und dort nicht als Rechnung auftauchen. Laut Trade Republic bietet das Unternehmen „mehrere Dutzend der beliebtesten ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard langfristig ohne Produktkosten“ an. Das gilt also für ausgewählte ETFs, nicht für jede Anlage im Depot.
Welche ETFs genau gemeint sind, veröffentlicht die Mitteilung nicht. Was „langfristig“ zeitlich bedeutet, ebenfalls nicht. Das sind keine Vorwürfe, sondern schlicht die offenen Stellen. Wer „kostenlos“ liest, sollte sie als Fragen mitnehmen:
- Welche ETFs gehören zu den „mehreren Dutzend“, und wo steht die Liste verbindlich?
- Wie lange gilt „langfristig“, und kann sich das ändern?
- Fallen für andere Anlagen im Depot Kosten an?
- Was kosten Ausführungen außerhalb von Sparplänen?
Eine Randnotiz zur Werbung: Laut Trade Republic startet die bislang größte Werbekampagne des Unternehmens im TV, Radio und auf Plakaten. Das sagt etwas über den Wettbewerb, aber nichts über Ihre Kosten.
„Entscheidend ist jetzt, dass diese Förderung auch wirklich bei den Menschen ankommt und nicht in hohen Gebühren bei Banken und Versicherungen hängenbleibt. Deshalb bieten wir ein komplett kostenfreies Altersvorsorgedepot an.“
Christian Hecker, Mitgründer Trade Republic, laut Pressemitteilung
Man beachte das Wort „komplett“ im Zitat. Meiner Einschätzung nach ist es genau das, was die Einordnung braucht: Gemeint sind die genannten Kostenarten, nicht jede denkbare.
Beim Steuerthema formuliert Trade Republic, Kunden investierten „bis zur Rente steuerfrei am Kapitalmarkt“, und „Einzahlungen … können zudem von der Steuer abgesetzt werden“. Das ist Unternehmenssprache. Das BMF beschreibt die Systematik nüchterner: „Steuerfreistellung der Beiträge in der Ansparphase und einer nachgelagerten Besteuerung der Leistungen in der Auszahlungsphase“. Steuerfrei im Sinne von „nie besteuert“ ist das also nicht; die Besteuerung rückt nach hinten. Steuersätze nennen weder die Mitteilung noch wir.
Bleibt die Frage, was am Ende zählt. Ein Depot ohne Gebühren ist erst die halbe Rechnung, denn die Kosten der Anlage selbst laufen über Jahrzehnte mit. Was sie in einem Rechenmodell ausmachen können, rechnen wir als Nächstes durch.
Scalables Rentenbonus: andere Mechanik, andere Bedingungen
Wer „0 Euro“ liest, denkt an einen einzigen Preis, der gestrichen wurde. Bei Scalable Capital steckt dahinter eine andere Konstruktion. Laut Scalable wird mit dem „Rentenbonus“ die laufende Produktkostenquote (TER, also die jährlich im Fondspreis verrechneten Kosten eines ETFs) des „Scalable MSCI AC World Xtrackers UCITS ETF 1C“ sowie „beliebter ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard“ gutgeschrieben und reinvestiert. Die aktuelle Liste finden Kundige laut Scalable in App und Web. Die Kosten fallen also zunächst an und werden anschließend ausgeglichen.
Laut Scalable sind Sparpläne gebührenfrei, der Handel ist „für 0 Euro pro Trade mit PRIME+ oder 0,99 Euro in FREE“ möglich. Der Rentenbonus gilt laut Scalable schon jetzt: Für Bestände in Rentenbonus-ETFs im Broker-Depot, die ab sofort durch Käufe oder Sparpläne aufgebaut werden, wird die bis Jahresende anfallende TER dem neuen Altersvorsorgedepot gutgeschrieben. Die Details stehen in der Mitteilung von Scalable Capital.
Der Haken beim Vergleichen: Bei Trade Republic entfallen laut Mitteilung die Produktkosten für mehrere Dutzend ausgewählte ETFs, bei Scalable wird die TER ausgewählter ETFs gutgeschrieben. Das sind zwei Mechaniken. Dazu kommt, dass die ETF-Listen in beiden Mitteilungen nicht vollständig veröffentlicht sind. Die Angebote sind deshalb nicht auf gleicher Basis vergleichbar, und ein Ranking wäre unseriös. Ehrlich gesagt finde ich, dass genau das in der Werbesprache untergeht.
Eine Besonderheit betrifft das „Standarddepot“ von Scalable. Laut Scalable entfallen dort „die Gebühren der ETFs“ bis mindestens 31. Dezember 2027. Der Aktienanteil sinkt laut Scalable fünf Jahre vor Rentenbeginn auf höchstens die Hälfte und zwei Jahre vorher auf 30 Prozent. Beachten Sie die Befristung: „bis mindestens“ ist keine Zusage für Jahrzehnte.
Der 1-Prozent-Deckel: Obergrenze, keine Preisangabe
Das Bundesfinanzministerium (BMF) beschreibt für das „Standarddepot Altersvorsorge“ eine Kostengrenze. Ein Standardprodukt ist ein Altersvorsorgevertrag mit Standardeinstellungen, bei dem Anlegende nur entscheiden müssen, wenn sie davon abweichen wollen. Das Standarddepot ist laut BMF ein besonders einfach zu handhabendes Altersvorsorgedepot mit zwei Fonds, von denen einer vorsichtiger und einer risikoreicher angelegt ist; vor Rentenbeginn wird schrittweise umgeschichtet.
Laut BMF wird „bei Standardprodukt-Verträgen die durchschnittliche jährliche Renditeminderung durch Kosten (Effektivkosten) auf 1,0 Prozent begrenzt“. Effektivkosten geben an, in welchem Umfang sich die jährliche Wertentwicklung eines Vertrags durch Kosten im Durchschnitt mindert. Das BMF rechnet vor: Bei 5 Prozent vor Kosten und 1,0 Prozent Effektivkosten bleiben 4 Prozent Nettorendite.
Wichtig ist, was daraus nicht folgt. Der Deckel ist eine Obergrenze. Er sagt nicht, dass Produkte 1 Prozent kosten, und er ist keine Kostenschätzung für jedes beliebige Depot. Nach unserer Einordnung fällt ein Altersvorsorgedepot ohne Standardprodukt-Status nicht automatisch darunter. Ein Vertrag kann also deutlich darunter liegen, und das ist unter dem Strich genau die Frage an den Anbieter.
Ein weiterer Punkt wird gern verwechselt. Das BMF nennt auch ein Standarddepot, das ein öffentlicher Träger anbieten könnte. Dafür braucht es laut BMF „eine Verordnung der Bundesregierung, die derzeit noch nicht vorliegt“. Das Standarddepot von Scalable ist ein Angebot eines Unternehmens und damit etwas anderes. Und abschließen lässt sich ohnehin noch nichts: Die neuen Produkte können laut BMF von den Anbietern ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden.
Die Modellrechnung: 2.340 Euro im Jahr, 40 Jahre
Dieses Bild wurde komplett mit KI generiertProviderhiggsfieldModellgpt_image_2PromptTwo stacks of coins growing at different heights on a wooden table, symbolizing fees eating into long-term savings, soft studio lighting, clean minimal composition. Photorealistic editorial magazine photo, 16:9. Absolutely no text, no letters, no numbers, no logos, no brand marks.Wir bei digital-magazin.de haben nachgerechnet, was ein Prozentpunkt laufende Kosten im Modell bedeuten kann. Wichtig vorab: Das ist ein Rechenbeispiel, keine Prognose und keine Anlage- oder Steuerberatung. Unser Modell beruht auf diesen Annahmen:
- Sie zahlen jedes Jahr 2.340 Euro ein, also 1.800 Euro eigenen Beitrag plus 540 Euro Grundzulage.
- Die Laufzeit beträgt 40 Jahre, die Einzahlung erfolgt jeweils am Jahresende (nachschüssig, die Einzahlung des ersten Jahres verzinst sich also erst ab dem zweiten Jahr).
- Wir unterstellen eine konstante Rendite von 6 Prozent vor Kosten. Das ist eine Annahme, keine Erwartung.
- Kosten von 1 Prozentpunkt pro Jahr ziehen wir als Renditeabzug ab, rechnen also mit 5 Prozent.
- Wir rechnen ohne Steuern, ohne Inflation, ohne Kursschwankungen, ohne Kinderzulage und Berufseinsteigerbonus, bei durchgehender Zulageberechtigung.
Die Formel lautet: Endwert = 2.340 × ((1 + i)⁴⁰ − 1) / i. Eingezahlt werden insgesamt 93.600 Euro, davon 72.000 Euro Eigenbeitrag und 21.600 Euro Grundzulage. Bei 6 Prozent ergibt unser Modell einen Endwert von 362.143 Euro, bei 5 Prozent sind es 282.671 Euro. Die Differenz beträgt im Modell 79.472 Euro, das sind rund 21,9 Prozent weniger Endwert.
Würde ein Vertrag den Deckel voll ausschöpfen, ergäbe sich in unserem Modell also diese Lücke von rund 79.000 Euro. Mehr nicht. Die Zahl sagt nichts darüber, was ein konkretes Produkt kostet.
Das Ergebnis hängt an Rendite, Dauer und Kosten; bei kürzerer Laufzeit oder geringeren Kosten fällt die Differenz kleiner aus. Rechnen wir nach, mit 0,2 Prozentpunkten Kosten (6 Prozent gegen 5,8 Prozent, sonst gleiche Annahmen): Unser Modell liefert 362.143 Euro gegen 344.437 Euro, eine Differenz von 17.706 Euro, rund 4,9 Prozent weniger Endwert. Dieselbe Mechanik, aber ein deutlich kleinerer Abstand.
Meiner Einschätzung nach ist das die eigentliche Lehre: Der Preiskampf läuft, bevor ein einziges Produkt abgeschlossen werden kann. Was zählt, sind Ihre Fragen an jeden Anbieter:
- Welche Kostenarten fallen an, und für welche Produkte gilt die Kostenfreiheit genau?
- Was heißt „langfristig“ oder „bis mindestens“ zeitlich, und was passiert danach?
- Welche ETFs sind erfasst, und wo steht die vollständige Liste?
- Entfallen Produktkosten, oder werden sie nur gutgeschrieben?
- Gibt es Kosten außerhalb von Sparplänen, etwa bei Einmalkäufen, anderen Anlagen oder einem Wechsel?
- Handelt es sich um ein Standardprodukt mit dem Kostendeckel oder um ein Angebot ohne diese Grenze?
Wer diese Fragen schriftlich beantwortet bekommt, hat mehr in der Hand als jede Werbezahl.
Warum Kosten über Jahrzehnte so stark wirken
Der Zinseszins ist ein simpler Mechanismus, der sich im Kopf nur schwer vorstellen lässt: Erträge, die in einem Jahr entstehen, bleiben im Depot und erzeugen im Folgejahr selbst wieder Erträge. Über Jahrzehnte hinweg stammt ein wachsender Teil des Vermögens nicht aus den Einzahlungen, sondern aus den Erträgen der Erträge. Das Bundesfinanzministerium spricht in seinen FAQ ausdrücklich vom Zinseszinseffekt auf eingezahlte Beiträge, Zulagen und Erträge.
Jetzt der Haken. Laufende Kosten werden nicht einmal am Anfang fällig und dann vergessen. Sie mindern jedes Jahr die Wertentwicklung, und zwar bezogen auf den gesamten bis dahin angesparten Betrag. Wer früh wenig angespart hat, merkt davon kaum etwas. Wer nach 30 Jahren ein hohes Guthaben verwaltet, trägt denselben prozentualen Abzug auf einer viel größeren Basis. Hinzu kommt der zweite Effekt: Was durch den Abzug nicht im Depot bleibt, kann in den Folgejahren auch keine Erträge mehr erzeugen. Der Abzug wirkt also doppelt, einmal im Jahr selbst und dann Jahr für Jahr in der Zukunft.
Deshalb ist die Frage nach den laufenden Kosten keine Fleißaufgabe für Zahlenfreunde. Produktkosten und Effektivkosten sind prozentuale Abzüge, und genau deshalb wirken sie wie ein dauerhaft angezogenes Handbremsen-Prozent: kaum spürbar im einzelnen Jahr, deutlich sichtbar am Ende.
Ich finde, dass dieser Mechanismus in der öffentlichen Debatte zu selten erklärt wird, während Schlagworte wie „0 Euro“ sofort hängen bleiben. Meiner Einschätzung nach liegt das auch daran, dass Werbung mit klaren, kurzen Zahlen arbeitet, während Zinseszins Geduld verlangt. Wie stark Werbebotschaften und Influencer das Anlegeverhalten prägen können, haben wir in unserem Beitrag zu BaFin, Krypto und Finfluencern aufgegriffen; dort geht es um das Muster, nicht um Altersvorsorge.
Wichtig bleibt: Ein Rechenmodell zeigt die Größenordnung eines Effekts, nicht Ihr Ergebnis. Rendite, Dauer und Kosten bestimmen gemeinsam, was am Ende herauskommt, und keine dieser drei Größen kann jemand verlässlich vorhersagen.
Fragen, die Sie jedem Anbieter stellen sollten
Nachrechnen heißt zuerst: die richtigen Fragen stellen. Abschließen lässt sich ohnehin noch nichts, denn die neuen Produkte können laut BMF ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden. Bis dahin bleibt Zeit, eine Liste vorzubereiten. Die folgenden Punkte sind eine Checkliste, keine Bewertung irgendeines Anbieters.
- Welche Kostenarten gibt es überhaupt? Fragen Sie getrennt nach Depotgebühren, nach den Kosten für die Ausführung von Sparplänen, nach den Produktkosten (TER) der ETFs und nach den Kosten für Handel außerhalb von Sparplänen. Eine Zusage zu einer Kostenart sagt nichts über die anderen.
- Welche ETFs stehen auf der Liste? Wenn Produktkosten nur für ausgewählte Fonds entfallen oder gutgeschrieben werden, ist die konkrete Liste entscheidend. Fragen Sie, ob sie vollständig einsehbar ist und ob Ihr gewünschter ETF darauf steht.
- Wie lange gilt die Gebührenfreiheit, und wer kann sie ändern? „Langfristig“ ist kein Datum. Lassen Sie sich erklären, ob es Befristungen gibt, ob der Anbieter Preise einseitig anpassen darf und wie er Sie darüber informiert.
- Welche Bedingungen sind an das Angebot geknüpft? Möglicherweise hängt ein günstiger Preis an einem Abo-Modell, an einem bestimmten Kontotyp oder an weiteren Produkten. Fragen Sie nach, was ohne diese Bedingung gilt.
- Wie hoch sind die Effektivkosten insgesamt? Der Deckel von 1,0 Prozent gilt laut BMF für Standardprodukt-Verträge, also für das besonders einfach zu handhabende Standarddepot mit festgelegten Standardeinstellungen. Fragen Sie, ob das angebotene Produkt ein solches Standardprodukt ist und welche Gesamtkosten der Anbieter ausweist.
- Depot oder Garantieprodukt? Ein Altersvorsorgedepot verzichtet laut BMF auf Garantien, ein Garantieprodukt sichert dagegen einen Teil der eingezahlten Beträge. Beides hat andere Kosten und andere Risiken, und die Frage lässt sich nicht an einem Preisschild beantworten.
Noch ein praktischer Hinweis: Rund um neue Vorsorgeprodukte werden Lockangebote per Mail kursieren. Das heißt nicht, dass seriöse Anbieter dergleichen tun, aber Sie sollten Links in solchen Nachrichten grundsätzlich misstrauisch begegnen. Wie Sie gefälschte Nachrichten erkennen, zeigt unser Beitrag zur Phishing-Kampagne im Namen der Bundesbank.
Preiskampf vor dem Start
Zeit für eine Einordnung, und zwar ausdrücklich als meine: Der Preiskampf um das Altersvorsorgedepot wird über Kostenarten geführt, die nicht alle gleich sichtbar sind – wer vergleichen will, muss nach der ETF-Liste und der Laufzeit der Gebührenfreiheit fragen.
Die beiden Angebote folgen unterschiedlichen Logiken und stützen sich auf Fondslisten, die in den Mitteilungen nicht vollständig veröffentlicht sind. Deshalb lassen sie sich nicht auf gleicher Basis vergleichen. Ich stelle bewusst keinen Vergleich an.
Zum Vergleich: Eine Geschäftsidee, die Kunden über Jahrzehnte binden soll, kann sich auf unterschiedliche Weise rechnen. Scalable-Gründer Erik Podzuweit beschreibt sein Modell so:
„Da Kunden bei Scalable im Schnitt bereits mehrere Produkte nutzen, setzen wir auf das Gesamtbild“
Erik Podzuweit, Gründer und Co-CEO von Scalable Capital, laut Pressemitteilung
Das ist eine Begründung des Anbieters, keine Prüfung. Ehrlich gesagt ist sie trotzdem aufschlussreich, denn sie zeigt, dass der Preis des Altersvorsorgedepots nicht isoliert betrachtet wird. Wer mit niedrigen Kosten wirbt, wird sich an diesen Versprechen messen lassen müssen. Eine Empfehlung für einen der beiden Anbieter folgt daraus nicht.
Bemerkenswert bleibt der Zeitpunkt. Der Preiskampf läuft, bevor ein einziges Produkt abgeschlossen werden kann. Wer in diesen Wochen „0 Euro“ liest, liest also eine Ankündigung zu Produkten, die erst noch zertifiziert und angeboten werden müssen.
Und jetzt?
Unter dem Strich bleibt weniger ein Ergebnis als ein Handwerkszeug. Das Altersvorsorgedepot steht laut BMF ab dem 1. Januar 2027 bereit, Zulagen und Sonderausgabenabzug sind beschrieben, ein Kostendeckel für Standardprodukte ist angekündigt, und zwei Anbieter haben ihre Preise schon öffentlich gemacht. Was fehlt, sind abschließbare Verträge und vollständige Produktlisten. Zahlen aus einem Modell helfen, die Größenordnung zu verstehen. Sie sind aber keine Prognose für Ihr eigenes Depot.
Offen ist vieles, und manche Frage wird erst die Zeit beantworten. Was bedeutet „langfristig ohne Produktkosten“ in zehn Jahren noch? Wer entscheidet dann über die ETF-Liste, und was passiert, wenn ein Fonds wegfällt? Gilt eine Gutschrift der TER auch dann, wenn sich Bedingungen ändern? Und wie wird ein öffentlicher Träger für das Standarddepot aussehen, für den laut BMF eine Verordnung der Bundesregierung nötig ist, die derzeit noch nicht vorliegt?
Wir bei digital-magazin.de beobachten, wie sich Angebote und Bedingungen entwickeln, sobald die Produkte tatsächlich abgeschlossen werden können. Bis dahin gilt: Vergleichen Sie Kostenarten statt Schlagzeilen, notieren Sie sich Fristen und Bedingungen, und lassen Sie sich Gesamtkosten nennen. Wer das tut, hat den Preiskampf nicht gewonnen, aber verstanden. Dieser Text ist keine Anlage- oder Steuerberatung.

