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Microsoft-Lizenzen, Kostendruck, Open-Source-Strategie

Ein Rechtsgutachten aus Berlin, eine Großmigration in Kiel und ein neues Paket aus Brüssel: Innerhalb weniger Wochen hat sich der Druck auf die Microsoft-Lizenzen in deutschen…

Microsoft-Lizenzen, Kostendruck, Open-Source-Strategie –
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Ein Rechtsgutachten aus Berlin, eine Großmigration in Kiel und ein neues Paket aus Brüssel: Innerhalb weniger Wochen hat sich der Druck auf die Microsoft-Lizenzen in deutschen Behörden merklich verdichtet. Ein einzelnes, bundesweit verbindliches Linux-Rahmenwerk gibt es zwar nicht – aber die Summe der aktuellen Entwicklungen wirkt wie eines. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat Mitte Juli klargestellt, dass Behörden Open-Source-Software in Ausschreibungen ausdrücklich verlangen dürfen. Schleswig-Holstein zieht mit der größten öffentlichen Linux-Migration Europas durch. Und aus Brüssel kommt mit dem Tech-Souveränitätspaket politischer Rückenwind, der die Kostendruck-Debatte weiter befeuert. Für IT-Leiterinnen und IT-Leiter in Ländern und Kommunen ergibt sich daraus ein Muster, das man ernst nehmen sollte, auch wenn die Schlagzeile „Linux erobert die Verwaltung“ reichlich zugespitzt ist.

Das Gutachten, das die alte Ausrede beerdigt

Jahrelang war die Standardantwort auf die Frage, warum Behörden nicht einfach auf Open Source wechseln, immer dieselbe: Das Vergaberecht lasse das kaum zu. Diese Ausrede hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags Mitte Juli 2026 entkräftet. Sein Gutachten zum Vergaberecht kommt zu dem Ergebnis, dass Behörden Open-Source-Software in Ausschreibungen ausdrücklich fordern dürfen, wenn das sachlich begründet ist – etwa mit IT-Sicherheit, Interoperabilität oder der Möglichkeit, Code eigenständig weiterzuentwickeln. Für Aufträge unterhalb der EU-Schwellenwerte gehen die Gutachter sogar weiter: Der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit könne in solchen Fällen eine Bevorzugung von Open Source geradezu verlangen.

Das klingt nach einer juristischen Feinheit, ist aber praktisch relevant. Wer als Vergabestelle bislang aus Unsicherheit lieber die vertraute Microsoft-Lösung ausgeschrieben hat, kann sich künftig schlechter darauf berufen, Open Source sei rechtlich riskant. Damit verschiebt sich die Beweislast: Wer weiterhin proprietäre Software beschafft, muss das stärker begründen als bisher – nicht umgekehrt. Für Microsoft bedeutet das im Kleingedruckten vieler Landesausschreibungen künftig mehr Konkurrenz durch Linux-Desktops, LibreOffice-Varianten und selbstgehostete Kollaborationsplattformen. Das Gutachten schreibt niemandem etwas vor. Es öffnet aber eine Tür, die vorher von vielen Vergabejuristinnen und -juristen aus Vorsicht verschlossen gehalten wurde.

Bemerkenswert ist dabei auch der Zeitpunkt. Das Gutachten fällt in eine Phase, in der viele öffentliche Haushalte unter erheblichem Konsolidierungsdruck stehen und gleichzeitig die Diskussion um digitale Souveränität an Fahrt gewinnt. Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie eine unabhängige digitale Infrastruktur für Deutschland aussehen könnte, stößt fast automatisch auf Konzepte wie den Aufbau eines eigenen digitalen Software-Stacks, der genau an dieser Stelle ansetzt: weniger Abhängigkeit von einzelnen US-Anbietern, mehr Kontrolle über Daten, Updates und Preisgestaltung. Das Gutachten liefert dafür nun die rechtliche Rückendeckung, die in Vergabestellen bislang gefehlt hat.

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Schleswig-Holstein als Testlabor für 60.000 Linux-Arbeitsplätze

Während in Berlin über Gutachten diskutiert wird, ist Schleswig-Holstein längst in der Umsetzung. Das Land plant, rund 60.000 Verwaltungs-PCs von Microsoft-basierten Systemen auf Linux und andere Open-Source-Software umzustellen – nach eigenen Angaben eine der größten Migrationen dieser Art im öffentlichen Sektor weltweit. Begründet wird das Vorhaben in Kiel unter anderem mit sinkenden Lizenzkosten und dem Wunsch, sich aus der Abhängigkeit von einzelnen proprietären Anbietern zu lösen.

Was in Kiel passiert, ist deshalb interessant, weil es zeigt, wie eine Open-Source-Strategie in der Praxis über den reinen Behördenrechner hinausgeht. Es geht nicht um das Betriebssystem allein, sondern um einen kompletten Software-Stack aus Mail, Kollaboration und Office-Anwendungen, der Microsoft an mehreren Stellen gleichzeitig ersetzen soll. Für andere Bundesländer und Kommunen ist das Projekt damit eine Art Referenz – im Erfolgsfall ein Argument für eigene Migrationen, im Fall größerer Reibungsverluste ein Warnschild.

Wichtig für die Einordnung: Ein bundesweiter Linux-Standarddesktop existiert dadurch nicht. Andere Länder befinden sich überwiegend noch in Pilotphasen oder setzen nur einzelne Open-Source-Bausteine ein, während der Großteil der Arbeitsplätze weiter mit Windows und Microsoft 365 läuft. Schleswig-Holstein ist der Ausreißer nach oben, nicht der Durchschnitt.

Welche Linux-Version steckt eigentlich hinter den Rollouts?

Öffentlich ist bislang nicht im Detail dokumentiert, welche genaue Distribution und Desktop-Version in Schleswig-Holstein am Ende auf den 60.000 Rechnern läuft. In vergleichbaren Verwaltungsprojekten sind Ubuntu-LTS-Reihen wie 24.04 oder Debian-Stable-Versionen wie 12 die typische Basis, weil sie mehrjährigen Support bieten und sich zentral verwalten lassen. Wer eine Migration in dieser Größenordnung plant, braucht genau diese Kontinuität: Ein System, das nach zwei Jahren komplett ausgetauscht werden muss, ist für 60.000 Arbeitsplätze schlicht nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Neben der reinen Betriebssystemfrage entscheidet vor allem das Zusammenspiel mit Fachverfahren über Erfolg oder Misserfolg. Viele Verwaltungen arbeiten mit spezialisierter Software für Meldewesen, Personalverwaltung oder Bauanträge, die historisch eng an Windows-Umgebungen gekoppelt ist. Ob diese Anwendungen unter Linux über Kompatibilitätsschichten laufen, komplett neu entwickelt oder durch webbasierte Alternativen ersetzt werden müssen, entscheidet am Ende darüber, ob aus einer ambitionierten Ankündigung ein funktionierender Regelbetrieb wird. Erfahrungen aus früheren Linux-Vorstößen in deutschen Kommunen zeigen, dass genau an dieser Stelle – bei den Fachanwendungen, nicht beim Desktop selbst – die größten Reibungsverluste entstehen.

Das EU-Souveränitätspaket als Brandbeschleuniger

Parallel zu den nationalen Entwicklungen hat die Europäische Union ein Paket vorgelegt, das auf technologische Unabhängigkeit von außereuropäischen Anbietern abzielt. Für sich genommen ist das kein neues Thema – die Debatte um digitale Souveränität wird in Brüssel seit Jahren geführt. Neu ist aber der Ton: Wo früher vorsichtig von „Diversifizierung“ gesprochen wurde, ist inzwischen offener von Abhängigkeitsrisiken die Rede, die im Ernstfall handfeste politische und wirtschaftliche Konsequenzen haben können. Lizenzänderungen, Preiserhöhungen oder geopolitische Spannungen mit einzelnen Anbieterstaaten gelten nicht mehr als rein theoretisches Risiko, sondern als Faktor, den öffentliche Auftraggeber in ihre Beschaffungsstrategie einpreisen sollen.

Für Landesregierungen und Kommunen bedeutet dieses politische Signal vor allem eines: Wer jetzt eine Open-Source-Strategie vorantreibt, kann sich auf eine europäische Rückendeckung berufen, die es vor wenigen Jahren in dieser Form noch nicht gab. Das erleichtert interne Abstimmungsprozesse, weil sich IT-Verantwortliche nicht mehr allein gegen etablierte Beschaffungsgewohnheiten stellen müssen, sondern auf eine übergeordnete politische Linie verweisen können. Gleichzeitig bleibt das Paket auf europäischer Ebene naturgemäß unverbindlich für einzelne Vergabeentscheidungen vor Ort – die eigentliche Arbeit der Migration, samt aller technischen und organisatorischen Hürden, müssen Länder und Kommunen weiterhin selbst leisten.

Kostendruck: Was Microsoft-Lizenzen wirklich kosten

Der am häufigsten genannte Grund für den Wechsel ist der Kostendruck. Microsoft hat in den vergangenen Jahren mehrfach an der Preisschraube gedreht, Lizenzmodelle umgebaut und zusätzliche Funktionen zunehmend in höherpreisige Abo-Stufen verschoben. Für einzelne Arbeitsplätze mögen die Aufschläge moderat wirken, in der Summe über zehntausende Verwaltungs-PCs hinweg addieren sie sich jedoch zu Beträgen, die in klammen Landeshaushalten durchaus ins Gewicht fallen. Hinzu kommt ein Effekt, der in der öffentlichen Diskussion oft unterschätzt wird: Wer einmal tief in ein proprietäres Ökosystem aus Betriebssystem, Office-Paket, Cloud-Speicher und Identitätsmanagement eingebunden ist, zahlt nicht nur für Software, sondern auch für die Kosten des Ausstiegs, die mit jeder weiteren Integration steigen.

Open-Source-Software verspricht hier zunächst spürbare Einsparungen bei den direkten Lizenzkosten, weil Betriebssysteme wie Linux und Office-Alternativen wie LibreOffice keine laufenden Gebühren pro Arbeitsplatz verursachen. Wer diese Rechnung jedoch nur auf Lizenzkosten reduziert, unterschätzt die andere Seite der Gleichung: Migration, Schulung, Support und die Anpassung von Fachverfahren verursachen eigene, teils erhebliche Kosten, die sich erst über mehrere Jahre amortisieren. Seriöse Kalkulationen in vergleichbaren Projekten gehen deshalb selten von schnellen Einspareffekten aus, sondern von einer mittelfristigen Kostenreduktion, die sich erst nach der eigentlichen Umstellungsphase einstellt. Wer eine Migration allein mit dem Argument „spart sofort Geld“ verkauft, weckt Erwartungen, die in der Praxis selten eins zu eins erfüllt werden.

Gegenargumente und Risiken der Open-Source-Migration

So plausibel die Argumente für mehr Open Source in der Verwaltung klingen, so wichtig ist es, die Gegenposition nicht zu unterschlagen. Kritiker verweisen regelmäßig auf mehrere Punkte, die sich in der Praxis als hartnäckig erweisen können.

  • Kompatibilität mit Fachverfahren: Viele Spezialanwendungen im öffentlichen Sektor sind seit Jahrzehnten auf Windows ausgelegt. Eine vollständige Ablösung erfordert oft Neuentwicklungen, für die weder Zeit noch Budget in beliebiger Höhe zur Verfügung stehen.
  • Schulungsaufwand: Beschäftigte, die seit Jahren mit denselben Office-Programmen arbeiten, müssen sich an neue Bedienlogiken gewöhnen. Der damit verbundene Produktivitätsverlust in der Übergangsphase wird in öffentlichen Debatten häufig unterschätzt.
  • Support-Strukturen: Für proprietäre Software existieren etablierte Support- und Wartungsverträge mit klaren Reaktionszeiten. Bei Open-Source-Lösungen muss dieser Support oft erst über spezialisierte Dienstleister aufgebaut werden, was zusätzliche Verträge und Abstimmungsaufwand bedeutet.
  • Politische Kontinuität: IT-Großprojekte im öffentlichen Sektor laufen über mehrere Legislaturperioden. Ein Regierungswechsel kann Prioritäten verschieben und angestoßene Migrationen verzögern oder sogar stoppen.

Frühere Versuche einzelner deutscher Städte, komplett auf Linux umzusteigen, sind teilweise genau an diesen Punkten gescheitert oder wurden nach Jahren wieder teilweise zurückgedreht. Das bedeutet nicht, dass die aktuellen Vorhaben in Schleswig-Holstein zwangsläufig ein ähnliches Schicksal erwartet – die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen haben sich seither deutlich verändert. Es bedeutet aber, dass Erfolg keine Selbstläufer-Angelegenheit ist, sondern von sorgfältiger Planung, ausreichenden Ressourcen und einem realistischen Zeitplan abhängt.

Was IT-Leiter jetzt konkret prüfen sollten

Für IT-Verantwortliche in Ländern und Kommunen, die die aktuelle Gemengelage aus Gutachten, Kieler Migration und EU-Paket nicht nur beobachten, sondern für die eigene Behörde nutzen wollen, ergeben sich daraus mehrere praktische Handlungsschritte.

  1. Bestandsaufnahme der Fachverfahren: Bevor über Desktop-Betriebssysteme diskutiert wird, sollte geklärt sein, welche Fachanwendungen im Haus laufen und wie eng sie an Windows gebunden sind. Diese Analyse liefert die realistische Grundlage für jeden weiteren Schritt.
  2. Kostenvergleich über mehrere Jahre: Statt einer einmaligen Gegenüberstellung von Lizenzpreisen empfiehlt sich eine Kalkulation über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren, die Migrationskosten, Schulungsaufwand und laufende Supportverträge einbezieht.
  3. Pilotprojekte statt Vollmigration: Ein kleinerer Fachbereich oder eine einzelne Abteilung kann als Testfeld dienen, bevor eine Umstellung auf die gesamte Behörde ausgeweitet wird. So lassen sich technische und organisatorische Probleme frühzeitig erkennen.
  4. Rechtliche Beratung zur Ausschreibung: Das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes bietet eine Argumentationsgrundlage, ersetzt aber keine fallspezifische vergaberechtliche Prüfung. Wer Open Source ausschreiben will, sollte diesen Schritt frühzeitig mit der eigenen Vergabestelle abstimmen.
  5. Beobachtung der Referenzprojekte: Die Entwicklung in Schleswig-Holstein liefert in den kommenden Monaten wichtige Erkenntnisse darüber, wo bei einer Migration in dieser Größenordnung tatsächlich Probleme auftreten – und wo sich die Vorbereitung ausgezahlt hat.

Diese Schritte klingen nüchtern, sind aber genau der Unterschied zwischen einer Migration, die nach einem Jahr als Erfolgsgeschichte gilt, und einem Projekt, das nach zwei Jahren in der Presse als gescheitert beschrieben wird. Öffentliche IT-Projekte stehen unter besonderer Beobachtung, weil sie mit Steuergeld finanziert werden und politische Symbolkraft besitzen. Das erhöht den Druck, Zwischenschritte transparent zu kommunizieren, auch wenn nicht jede Phase reibungslos verläuft.

Ein vorsichtiges Fazit

Keiner der drei Entwicklungssträngen – Gutachten, Kieler Migration, EU-Paket – zwingt eine Behörde zum sofortigen Wechsel weg von Microsoft-Lizenzen. Zusammen erzeugen sie aber ein Klima, in dem eine Open-Source-Strategie leichter zu begründen und politisch leichter durchzusetzen ist als noch vor wenigen Jahren. Die rechtliche Grauzone, die früher als Ausrede diente, ist kleiner geworden. Der Kostendruck in öffentlichen Haushalten bleibt hoch. Und mit Schleswig-Holstein gibt es erstmals ein Referenzprojekt in einer Größenordnung, an der sich andere Länder in den kommenden Jahren orientieren können – im positiven wie im mahnenden Sinn.

Wer als IT-Verantwortlicher in Land oder Kommune jetzt beginnt, die eigene Software-Landschaft ehrlich zu kartieren, verschafft sich einen Vorsprung, egal wie die politische Debatte in den nächsten Monaten weiterläuft. Denn ob am Ende ein kompletter Wechsel steht oder nur eine punktuelle Ergänzung des bestehenden Microsoft-Stacks durch einzelne Open-Source-Bausteine, entscheidet sich nicht in Brüssel oder Berlin, sondern in der konkreten Abwägung vor Ort – zwischen Kosten, Kompatibilität und der Bereitschaft, einen mehrjährigen Umstellungsprozess konsequent durchzuhalten.

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