Dr. Robot – der Einfluss der Digitalisierung auf die Medizin

Der Einfluss der Digitalisierung auf die Medizin
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Schon heute spielt die Digitalisierung im Gesundheitswesen eine wichtige Rolle. Laut Erwin Böttinger, dem Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam wird diese Bedeutung in den kommenden Jahren noch weiter wachsen. Vor allem ein professioneller Einsatz von Daten ist entscheidend, um Leben zu retten und die Lebensqualität von Menschen zu erhöhen. Wir stellen Böttingers Kernaussagen vor, die er im Interview mit lead-digital.de getroffen hat.

Diese Funktionen übernimmt die Digitalisierung in der Medizinbranche

Digitale Technologien sind im Gesundheitswesen bereits heute stark verbreitet, dennoch steht die Medizin in diesem Punkt noch ganz am Anfang. Die Einführung der elektronischen Patientenakte ist ein Schritt, um den Datenaustausch zwischen Medizinern und die Diagnose von Krankheiten zu erleichtern. In Zukunft könnten zudem Sensoren stärker genutzt werden, die heutzutage zum Beispiel schon in Wearables zu finden sind. Mit diesen könnten Patientendaten besonders leicht erhoben und für die Diagnose und Therapie von Krankheiten genutzt werden.

Weitere wichtige Einflüsse der Digitalisierung auf das Gesundheitswesen sieht Böttinger in der Robotik und beim 3D-Druck. Gerade in der Pflege könnten Roboter sehr viele Aufgaben übernehmen, die Menschen stark belasten. Auf diese Weise könnten sich Pflegekräfte auf ihre Kernkompetenzen besinnen und Roboter wären eine Alltagsbegleitung und eine interessante Abwechslung für pflegebedürftige Menschen. Perspektivisch könnten Roboter dereinst sogar einfache Operationen durchführen und die Chirurgie hierdurch massiv unterstützen. Der 3D-Druck eröffnet zudem langfristig die Möglichkeit, Knochen, Haut oder andere Dinge nachzubilden und Therapiemaßnahmen hierdurch zu optimieren und zu beschleunigen.

Ebenfalls ein sinnvoller Ansatz ist für Böttinger die sogenannte Telemedizin. Patientinnen und Patienten werden hierbei von Ärzten per Videokonferenz untersucht. Gerade für Kennenlerntermine, Check-ups und Nachsorgeuntersuchungen empfehlen sich solche digitalen Sprechstunden. Böttinger schätzt, dass sich die Telemedizin in den kommenden Jahren weiter etablieren und zu einer festen Größe im Gesundheitswesen werden dürfte.

Digitalisierung in den drei großen Bereichen der Medizin

In der Medizin geht es eigentlich immer um drei große Bereiche: Prävention, Diagnose und Therapie. Im Bereich der Prävention und Diagnose spielt die Digitalisierung bereits heute eine wichtige Rolle. So sammeln zum Beispiel Wearables Daten über den Gesundheitszustand ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Das gilt sowohl für Sportgeräte als auch für Tools, die ausdrücklich einen medizinischen Ansatz verfolgen. Durch eine regelmäßige Kontrolle der individuellen Vitalwerte ist es möglich, die eigene Gesundheit zu fördern und das Entstehen von Krankheiten zu vermeiden. Vor allem bei der Vermeidung von Diabetes leisten solche Tools gute Dienste.

Ebenso gibt es für die Diagnose bereits einige Tools. Manche Apps sind zum Beispiel in der Lage, Symptome bestimmter Krankheiten zu erkennen. Die Nutzerinnen und Nutzer können sich dann gegebenenfalls durchchecken und gegebenenfalls therapieren lassen. Bei einigen Krankheiten ist es extrem wichtig, sie frühzeitig zu diagnostizieren und zu behandeln. Hier leisten solche Tools gute Dienste. Zudem kommen Chatbots bei der Diagnose von Krankheiten zum Einsatz. Anhand eines Fragenkatalogs ermitteln diese wahrscheinliche Ursachen für ein Unwohlsein oder vorhandene Symptome. Anschließend geben sie eine Empfehlung ab, ob schnellstmöglich ein Arzt aufgesucht werden sollte oder ob Abwarten und Beobachten die richtigen Schritte sind.

Bei der Therapie von Krankheiten stehen die digitalen Möglichkeiten noch ganz am Anfang. Aktuell gibt es aber bereits Ansätze in der Neuropsychiatrie, um digitale Technologien zur Heilung von Krankheiten zu nutzen. So gibt es Erkrankungen, bei denen die molekularen Signalprozesse gestört sind. In einigen Fällen lassen sich solche Signalübertragungen mittels Spielen und Apps auslösen, ohne dass eine Zugabe von Medikamenten notwendig ist.

Die Bedeutung von Daten im Gesundheitswesen

Anhand vieler Indizien zeigt sich die Bedeutung von Daten im Gesundheitswesen. So werden demnächst elektronische Patientenakten eingeführt. Deren Daten sind so aufbereitet, dass sie leicht von Algorithmen und KI ausgelesen und bewertet werden können. Das erlaubt eine Früherkennung von Krankheiten ebenso wie einen besseren Austausch von Patientenakten zwischen Ärzten einzelner Fachrichtungen. Außerdem interessieren sich große Konzerne wie Google und Facebook verstärkt für die Gesundheitsbranche. Da deren Geschäftsmodelle auf Daten basieren, muss hier also etwas zu holen sein.

Für Böttinger gilt der Grundsatz: Je mehr Daten, desto besser. Denn die Daten erlauben neben einer Früherkennung von Krankheiten die Ergreifung geeigneter Therapien. Sie erhöhen somit die Lebensqualität von Menschen und retten in vielen Situationen sogar leben. Ihm zufolge kann der Wert von Daten für die Medizin kaum hoch genug eingeschätzt werden. Allerdings ist ein sinnvoller Umgang mit den Informationen zwingend erforderlich, um Missbrauch und Fehler zu vermeiden.

Deutschland hat bei der Medizin Nachholbedarf

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie zur Digitalisierung im Gesundheitswesen durchgeführt. Hierbei landete Deutschland zusammen mit Polen auf dem vorletzten Platz. Die Defizite betreffen nicht nur einen Teilbereich der Medizin, sondern sind in nahezu allen Bereichen vorhanden. Das zeigt, dass trotz einer riesigen Menge verfügbarer Gelder die Zukunft der Medizin in Deutschland noch nicht angebrochen ist. Es ist somit noch viel zu tun, wenn die Telemedizin vorankommen und eines Tages Roboter Operationen an Patienten durchführen sollen.

Böttinger ruft zu mehr Weitblick und Engagement auf. Er kritisiert, dass der medizinische Fortschritt in Deutschland über Jahrzehnte stillgestanden habe und dass jetzt mit den Konsequenzen dieser Versäumnisse zu wenig aktiv umgegangen würde. Er betont, dass sich der Wert elektronischer Patientenakten und digitaler Hilfsmittel wie Apps erst noch zeigen müsse. Es sei aber wichtig, sich auf solche neuen Entwicklungen einzulassen und sie auszuprobieren, um den Anschluss an die moderne Medizin und die digitalen Technologien anderer Länder nicht zu verlieren.

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