Digitalisierung in der Optikerbranche: Ein traditionelles Handwerk im modernen Wandel

Traditionelle Handwerke und die damit verknüpften Wirtschaftszweige haben längst damit begonnen, Teilprozesse mithilfe von digitalen Möglichkeiten zu automatisieren. Das eröffnet neue Wege, insbesondere im Hinblick auf Effizienz und Nachhaltigkeit. Gleichzeitig stellt die Digitalisierung vor allem traditionelle Handwerksbranchen vor Herausforderungen, denn um die neuen Möglichkeiten auszuschöpfen und gleichzeitig wertvolle Traditionen zu bewahren, ist es oft erforderlich, neue Wege zu beschreiten.

Das Berufsbild des Augenoptikers / der Augenoptikerin geht bis ins Mittelalter zurück. Der arabische Gelehrte und Astronome Ibn al-Heitam, der ungefähr von 965 bis 1040 n. Chr. gelebt haben soll, erwähnte in seinen Schriften bereits die Möglichkeit, Sehschwächen durch den Einsatz geschliffener Linsen zu verringern. Sein Werk „Schatz der Optik“ widmete er dieser Wissenschaft, die den Grundstein für ein traditionelles Handwerk legte, das aus der modernen Gesellschaft nicht wegzudenken ist.

Seit ihren Anfängen hat sich die Optik dramatisch weiterentwickelt und ermöglicht heute, zahlreiche Fehlsichtigkeiten, Augenerkrankungen und augenoptische Einschränkungen mithilfe modernster Technologie zu behandeln und auszugleichen. Das Handwerk des Augenoptikers folgt einer langen Tradition und gehörte dennoch immer zu den zukunftsweisenden Branchen überhaupt. Neue medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse haben das Handwerk weiterentwickelt und immer neue Möglichkeiten geschaffen, um Menschen mit Sehschwächen unterschiedlichster Ursachen und Ausprägungen zu helfen.

Mit der Digitalisierung ist dem hoch technologisierten Handwerk ein neuer Aspekt hinzugefügt worden, der Chancen und Herausforderungen gleichermaßen bietet. Wie können digitale Möglichkeiten die Serviceleistungen des Augenoptikers bereichern und welche Veränderungen sind erforderlich, um die Branche nachhaltig mit der digitalen Welt in Einklang zu bringen?

Virtueller Besuch beim Optiker: Was ist möglich und sinnvoll?

Augenoptiker sind hoch qualifizierte Fachkräfte, die ein breites Spektrum an Dienstleistungen rund um das Thema Fehlsichtigkeit anbieten. Die Vorstellung, dass vor der Anpassung einer neuen Sehhilfe zwingend der Besuch in der Augenarztpraxis stehen sollte, ist weitverbreitet, häufig aber nicht zutreffend. In der Augenarztpraxis kann eine Fehlsichtigkeit zwar diagnostiziert und eine adäquate Sehhilfe verordnet werden, der Schwerpunkt liegt hier aber im medizinischen Bereich und in der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen rund um den menschlichen Sehapparat.

Für die Beratung und Anpassung der richtigen Sehhilfe sind Augenoptiker oft sogar der bessere Ansprechpartner, da ihre fundierte Aus- und Weiterbildung sich auf Sehhilfen und ihre vielfältigen Ausprägungen und Anpassungsmöglichkeiten konzentriert. Mit hochmodernen optischen Messgeräten und neuester Technologie kann die Auswertung der Fehlsichtigkeit und die Anpassung einer entsprechenden Unterstützung von qualifiziertem Fachpersonal direkt vor Ort durchgeführt werden. Der Sehtest beim qualifizierten Augenoptiker ersetzt den Besuch in der Augenarztpraxis, sofern keine Erkrankung im Bereich des Sehapparates vorliegt. Stellt der Optiker beim Sehtest Anzeichen für ein Krankheitsbild fest, empfiehlt er den weiterführenden Besuch in der Augenarztpraxis, um medizinische Fragen abklären zu lassen.

Mit zunehmender Digitalisierung haben verschiedene Anbieter ihre Serviceleistungen um einen virtuellen Sehtest erweitert. Auch der Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen bietet auf seiner Homepage inzwischen drei digitale Sehtests an, mit denen Sehschärfe, Farb- und Kontrastsehen direkt am heimischen Bildschirm getestet werden können. Das Angebot ist ein Bestandteil der Kampagne „Einmal im Jahr zum Optiker“ und dient als Orientierungshilfe für Verbraucherinnen und Verbraucher, die überprüfen möchten, ob sie eine Sehhilfe benötigen oder ob ihre vorhandene Sehhilfe noch die gewünschte Unterstützung bringt. Der Verband betont allerdings, dass der digitale Sehtest lediglich eine Tendenz liefern kann und keinesfalls den professionellen Sehtest beim Augenoptiker ersetzt. Dieser Konsens begleitet auch die digitalen Services anderer Anbieter und eine neue Brille allein auf der Basis der digital ermittelten Spezifikationen zu bestellen, ist bislang nicht möglich. Zu wichtig ist der ganzheitliche Blick auf den Sehapparat und die individuellen Parameter, die bei der Anpassung einer Sehhilfe eine Rolle spielen.

Der virtuelle Sehtest beim Optiker wird in Zukunft immer stärker als Zusatzleistung in Anspruch genommen werden. Der professionelle Sehtest beim Fachmann mit persönlicher Beratung verliert seinen Stellenwert dadurch aber nicht. 

3D-Druck und digitale Fertigung für moderne Brillenfassungen

Ein Aspekt der Digitalisierung, der dem Handwerk der Augenoptiker einen großen Mehrwert bietet, sind moderne 3D-Drucker. Die intelligenten Helfer aus der Fertigungstechnik haben die Herstellung von Brillengestellen auf ein neues Level gebracht. Mit der Technologie auf Basis des sogenannten Rapid Prototyping (Schnelle Herstellung eines Prototyps) können Brillengestelle aus dem 3D-Drucker nach individuellen Vorgaben für den Kunden maßgeschneidert werden.

Für das Brillengestell nach Maß werden beim Augenoptiker relevante Daten zur Kopfform und zu Spezifikationen für die Sehhilfe erhoben und in eine spezielle Software eingespeist. Hierbei finden insbesondere Parameter wie Breite der Nasenauflage, die optimale Bügellänge, sowie die für die Kopfform empfohlene Gesamtgröße der Fassung Berücksichtigung. Je nach digitaler Ausrichtung des Augenoptikers oder des Anbieters kann die Analyse der Kopfform auch digital über ein Tool vorgenommen werden, das die Spezifikationen des Kunden mit einer Kamera aufnimmt und weiterverarbeitet.

Die Software erstellt anschließend einen computergestützten Entwurf, der ideale Grundparameter für die Brillenfassung berücksichtigt. Den Entwurf kann der Kunde nun digital an seine Designwünsche anpassen und einen finalen Entwurf erstellen lassen, der optische Aspekte mit der Analyse der Kopfform in Einklang bringt. Diesen Entwurf stellt die Software anschließend 3D-Drucker zur Verfügung. Aus Rohkunststoff, meist auf der Basis von pulverförmigen Polyamid, fertigt der Drucker auf der Basis eines Querschnittes Schicht für Schicht das gewünschte Brillenmodell.

Die Maße werden für den 3D-Druck millimetergenau erhoben und machen es möglich, ein Brillengestellt in perfekter Passform zu entwerfen. Auch individuelle Designwünsche können dabei berücksichtigt werden und machen die Fassung zu einem einzigartigen, modischen Accessoire. Hinzu kommt das geringe Eigengewicht des verwendeten Kunststoffs, das die Brillenfassung um bis zu 30 Prozent leichter ausfallen lässt als in den meisten anderen Fertigungsprozessen und damit einen höheren Tragekomfort bietet. Gleichzeitig ist Polyamid so stabil wie Gusseisen und gleichzeitig biegsam, was die Formung erleichtert. Die Vorteile des individuellen 3D-Drucks werden in der Herstellung heute in großem Umfang genutzt und viele moderne Brillenfassungen sind bereits in speziellen 3D-Drucken mit neuester Technologie gefertigt worden.

Auch das immer relevantere Thema Nachhaltigkeit kann mit Brillengestellen aus dem 3D-Drucker besser abgebildet werden. Der Materialverbrauch ist im Vergleich zu anderen Fertigungstechniken geringer, da beim passgenauen 3D-Druck kein Verschnitt anfällt. Außerdem können Brillenfassungen mit der modernen Technologie standortnah, der Nachfrage entsprechend und ohne großen logistischen Aufwand hergestellt werden. Alte Brillengestelle können häufig recycelt und in hohem Maße dem Fertigungsprozess wieder zugeführt werden. So kann der 3D-Druck als Alternative zu klassischen Herstellungsverfahren eine ressourcenschonende und effiziente Produktion fördern und eine nachhaltige Entwicklung der Branche unterstützen.

Online-Anprobe und virtuelle Showrooms: AR-Technologie macht den Brillenkauf vielseitiger

Augmented und Virtual Reality zählen zu den jüngsten Errungenschaften der Digitalisierung. Die Technologie lässt uns ins digitale Welten eintauchen und fügt dem Alltag eine neue Ebene hinzu.

Augenoptiker nutzen die moderne AR- und VR-Technologie in Form von virtuellen Showrooms. Kunden können sich über das Internet einwählen und nach einem Scan ihres Kopfes mithilfe einer digitalen Kamera verschiedene Brillengestelle virtuell anprobieren. Eine moderne Gesichtserkennungssoftware erfasst über die Kamera am eigenen PC oder Smartphone die charakteristischen Merkmale des Kopfes und des Gesichts und erstellt einen digitalen Avatar. Dieser dient im virtuellen Showroom als Modell.

Die beim Anbieter zur Verfügung stehenden Brillengestelle sind für den Showroom ebenfalls digitalisiert worden und können für die Anprobe mit wenigen Klicks an den Avatar angepasst werden. Je nach Software können Farbe, Größe und verschiedene Designdetails bei der Anprobe angepasst werden. Kunden können so eine große Auswahl an Brillenmodellen bequem zu Hause anprobieren und sich die gewünschte Fassung oder mehrere Auswahlmodelle anschließend mit wenigen Klicks in eine Filiale in der Nähe liefern lassen.

Der Besuch im virtuellen Showroom ist zu einer beliebten Serviceleistung beim Brillenkauf geworden. Meist steht digital eine weitaus größere Auswahl an Brillenmodellen zur Verfügung, als dies in der Filiale möglich ist. Die Vorauswahl kann außerdem individuell und außerhalb der regulären Öffnungszeiten erfolgen. Das macht den Brillenkauf nicht nur für Kunden entspannter, sondern entlastet auch die Augenoptiker vor Ort, die durch die Nutzung virtueller Showrooms mehr Zeit in die individuellen Beratungen in der Filiale fließen lassen können.

Die AR-Technologie in Kombination mit virtuellen Showrooms ist eine gern genutzte Ergänzung zur persönlichen Beratung, ersetzt diese in der finalen Gestaltung der neuen Brille jedoch nicht. Details zu den Brillengläsern sowie die Anpassung des Gestells an die individuelle Kopfform bleiben eine Serviceleistung, die nur das geschulte Fachpersonal beim Augenoptiker durchführen kann.

Stationär oder digital: Hybridmodelle prägen den Markt von morgen

Die Digitalisierung hat neue Wege geebnet und technologische Möglichkeiten gebracht, die auch das Traditionshandwerk der Augenoptiker bereichern können. Eine Branche, die seit jeher mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischem Fortschritt gearbeitet hat, kann auch die Digitalisierung sinnvoll in die verschiedenen Teilprozesse der Diagnostik, Beratung und Fertigung integrieren.

Der stationäre Einzelhandel hat in vielen Bereichen Nachteile aus der digitalen Konkurrenz gezogen. Online-Shops haben regionalen Anbietern durch günstigere Angebote und komfortable Lieferbedingungen gravierende Umsatzeinbußen gebracht.

Die Branche der Augenoptiker steht durch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung ebenfalls vor großen Herausforderungen für die Zukunft. Traditionsanbieter müssen ihr Beratungs- und Serviceangebot anpassen, um von den neuen Technologien profitieren zu können. Insbesondere der medizinische Aspekt, der den Kauf einer Sehhilfe begleitet, macht die persönliche Beratung im Fachbetrieb aber nach wie vor unverzichtbar und lässt digitale Services zu einer sinnvollen Ergänzung zu den traditionellen Dienstleistungen des Handwerks werden.

Die Zukunft der Branche wird zunehmend von Hybridmodellen geprägt sein, bei denen Verbraucher auf ein Höchstmaß an Komfort durch digitale Services und traditionelles Handwerk zurückgreifen können.

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