Amazons Retouren-Vernichtungs-Skandal

Nach Berichten von ZDF und Wirtschaftswoche steht der Onlineriese Amazon massiv in der Kritik. Das Unternehmen vernichtet täglich Waren im Wert von mehreren tausend Euro, die teils neuwertig sind. Umweltverbände und Politiker geben sich empört und fordern Aufklärung von Amazon. Dabei gehört Retouren-Vernichtung zum Alltagsgeschäft nahezu aller Handelsunternehmen, da sie einfach wirtschaftlicher als eine Aufbereitung ist. Wie viel Schuld trifft Amazon also wirklich und wie sehr sind Verbraucher und Politik an dieser Fehlentwicklung schuld?

Retouren-Vernichtung ist gängige Praxis im Handel

Vorneweg: Retouren-Vernichtung ist weder ein Fehlverhalten noch ein Amazon-Skandal, sondern gängige Praxis im Handel. Viele Unternehmen, einschließlich Amazon, vernichten Waren, wenn sich deren Aufbereitung nicht lohnt, sie nicht mehr verkauft werden können, weil sie Gebrauchsspuren aufweisen oder abgelaufen sind, oder wenn sie einfach Lagerplatz einnehmen, ohne Gewinne zu bringen. Dass es aus umweltpolitischer Sicht sinnvoller Wäre, solche Artikel weiter zu verwerten und zu nutzen, statt sie zu vernichten, ist unbestritten. Aber sowohl die gesetzlichen Regelungen als auch das Konsumverhalten der Endverbraucher sorgt dafür, dass Retouren-Vernichtungen meist wirtschaftlicher sind.

Ein Beispiel hierfür sind die Steuern. So muss Inventar (also Ware im Lager) als Afa-Abschreibung verbucht werden, wohingegen zerstörte Artikel als Totalverlust geltend gemacht werden können. Das ist für ein Unternehmen sinnvoller. Zudem bestellen Kunden Waren oft einfach mal zur Ansicht, da sie wissen, dass sie sie jederzeit zurückschicken können. Außerdem neigen viele Verbraucher dazu, Waren nicht einmal dann rabattiert zu kaufen, wenn deutliche Gebrauchsspuren daran zu sehen sind. Solche Waren verkaufsfähig zu machen, ist für den Handel folglich mit hohen Aufbereitungskosten verbunden.

Es ist also bei Weitem nicht so, dass es sich bei der Retouren-Vernichtung um einen Amazon-Skandal handelt. Der Konzern hat kein Interesse an solchen Vernichtungen, sondern daran, seine Waren gewinnbringend zu verkaufen. Dass der Konzern aus der Not eine Tugend macht und gegen gutes Geld auch die Waren anderer Händler vernichtet, kann kritisiert werden, ist aus Sicht des Konzerns aber durchaus sinnvoll, weil wirtschaftlich und erklärt auch, warum Amazon bei Retouren so kulant ist.

Diese Artikel sind besonders von der Retouren-Vernichtung betroffen

Es gibt bestimmte Waren, die besonders häufig bei Retouren-Vernichtungen anzutreffen sind. Hierbei handelt es sich durchweg um Produkte, deren Wiederverkauf gesetzlich Verboten ist oder deren Wiederverkauf höhere Kosten als die Vernichtung verursachen würde. Hierzu gehören vor allem Hygieneartikel. Diese kommen mit dem Körper der Nutzer eng in Kontakt und können beziehungsweise dürfen anschließend nicht wiederverkauft werden. Das Gesetz bietet einige Regelungen, mit denen Händler davor geschützt werden, solche Artikel zurücknehmen zu müssen. Hierbei gibt es aber Ausnahmen. Zudem kommt es vor, dass Artikel erst nach der Retournierung bei einer Prüfung als gebraucht erkannt werden. Außerdem nehmen einige Händler solche Artikel aus Kulanz trotzdem zurück.

Viele Hersteller gehen mit den Händlern Vereinbarungen ein, die besagen, dass defekte Waren gar nicht erst zurückgeschickt, sondern direkt vernichtet werden sollen. Außerdem werden oft Regelungen für Waren getroffen, deren Versand, Prüfung, Reparatur und Verkauf teurer wären als der eigentliche Warenwert. Oft bieten Händler ihren Kunden an, diese Waren gar nicht zurücksenden zu müssen und trotzdem eine Erstattung oder einen Ersatz zu erhalten. Das ist wirtschaftlicher, führt aber dazu, dass eine Vielzahl funktionstüchtiger Waren weggeworfen beziehungsweise vernichtet wird.

Gerade Lebensmittel werden häufig vernichtet, da Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, weder verkauft noch gespendet werden dürfen. Das kommt gerade im Onlinehandel häufig vor, da hier die Versandlaufzeiten bei der Einschätzung der Mindesthaltbarkeit mitberücksichtigt werden müssen. Diese Regelung ist vom Gesetzgeber ausdrücklich so gewollt und hat das Ziel, Verbraucher vor verdorbenen Waren zu schützen. Die Folge ist aber, dass viele Artikel, die noch gut sind (mindesthaltbar heißt nicht automatisch, dass die Waren ab diesem Datum schlecht sind) vernichtet werden.

Nicht zuletzt werden Lagerüberhänge häufig vernichtet. Wenn eine warenwirtschaftliche Kalkulation ergibt, dass ein Produkt niemand will und es schon lange Zeit im Lager gelegen hat, wird es vernichtet, um Platz zu sparen. Denn ungenutzte Lagerfläche kostet jeden Händler bares Geld.

Warum nicht einfach spenden?

Ein natürlicher Impuls vieler Menschen, die von Retouren-Vernichtung und dem Schreddern von Neuware hören, ist, dass diese Waren doch besser an Bedürftige gespendet werden sollten. Das ist allerdings nicht so einfach. Denn Hilfsorganisationen brauchen nicht jede Art von Spende, sondern haben einen konkreten Bedarf. Diesen genau zu ermitteln und den Organisationen genau die Waren zukommen zu lassen, die sie brauchen, ist die Aufgabe von Marktplätzen wie Innatura (deutschlandweit) und In Kind Direct (international). Und tatsächlich arbeitet Amazon eng mit diesen Marktplätzen zusammen und spendet jährlich Waren im Wert von über 100.000 Euro. Das könnte deutlich mehr sein, ist allerdings ein kostbarer Beitrag zur Unterstützung Bedürftiger und zum Umweltschutz. Allerdings stehen solchen Spenden auch rechtliche Hindernisse im Weg. So fallen bei Spenden in Höhe von 100.000 Euro beispielsweise fast viermal so hohe Steuern an wie bei der Vernichtung von Waren.


Imagefilm der Innatura Sachspendenvermittlung (Quelle: YouTube)

Das geschieht mit den zerstörten Waren

Ein Großteil der zerstörten Waren gelangt nach der Vernichtung wieder in den Wirtschaftskreislauf. Denn es ist ja nicht so, dass die zerstörten Waren auf großen Mülldeponien vor sich hin gammeln. Vielmehr werden die Rohstoffe genutzt, um neue Waren daraus herzustellen. Kein Unternehmen – und schon gar nicht Amazon – hat ein Interesse an zerstörten Waren, weil diese immer Kosten verursachen ohne einen Mehrwert zu bringen. Deswegen bemüht sich der Handel durch Nachfrageprognosen genau die Produkte anzubieten, die gewollt sind, und setzt möglichst exakte Produktbeschreibungen ein, damit Kunden genau wissen, welches Produkt sie kaufen. Und tatsächlich wird ein Großteil aller retournierten Amazon-Artikel – wortfilter.de spricht von 99% – dem Warenkreislauf in irgendeiner Form wieder zugeführt. Die Retouren-Vernichtung betrifft somit 1% und selbst dieses würde der Handel gerne vermeiden.

Das eigentliche Problem ist die Wegwerfgesellschaft

Amazon hat kein Interesse daran, Waren zu vernichten. Woran Amazon allerdings sehr wohl ein Interesse hat, ist Wirtschaftlichkeit. Solange also die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so sind, dass Retouren-Vernichtungen ökonomischer als Spenden und Wiederaufbereitung sind, wird der Handel – denn diese Praxis betrifft ja nicht allein Amazon – dieses Vorgehen weiter betreiben. Wenn es politisch gewollt wäre, könnte man Recycling deutlich attraktiver machen, indem zum Beispiel höhere Steuern bei Vernichtungen als bei Spenden anfallen. Ebenso könnte dafür gesorgt werden, dass die Umweltkosten komplett in die Produktionskalkulation eingefügt werden müssen. Sobald Rohstoffpreise und Herstellungskosten steigen, lohnt es sich mehr, ein Produkt zu reparieren beziehungsweise wiederzuverwenden. Der Nachteil: Produkte würden hierdurch deutlich teurer werden, wogegen sich vor allem Verbraucher sperren.

„Würden politische Kräfte die Variable der Umweltkosten zwingend in die Produktionskalkulation einfügen, würde es rentabler, Produkte zu reparieren und zu aktualisieren!“

Zitat: von Jochen G. Fuchs in seinem Artikel „Der Amazon-Skandal, der keiner war: Retouren-Vernichtung ist Standard im Handel“ auf t3n.de

Genau diese Verbraucher sind es, die Retouren-Vernichtungen durch ihr Konsumverhalten fördern und unterstützen. Viele Käufer – sowohl im stationären als auch im Onlinehandel – gehen davon aus, dass Waren bei Nichtgefallen zurückgeschickt werden können. Händler, die solche Angebote nicht machen, werden von den Verbrauchern gemieden. Zudem werden Waren häufig weggeworfen, statt sie zu reparieren, weil Neuware in vielen Fällen preiswerter ist. Es ist somit das Konsumverhalten unserer Wegwerfgesellschaft, das für Retouren-Vernichtungen verantwortlich ist. Der Handel ist lediglich ein Rädchen in dieser Konsummaschinerie, das sich an die Spielregeln der Ökonomie halten muss, wenn es überleben will. Das gilt sogar für so große Player wie Amazon. Solange sich also nicht grundlegend etwas an unserem Konsumverhalten ändert, wird kein Weg an Retouren-Vernichtungen vorbeiführen.

Retouren-Vernichtung – wie skandalös ist Amazons Geschäftsverhalten?
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