Amazon goes Poland – Eine Chance für deutsche Händler? 

Ein Gastbeitrag von Sascha Stockem für digital-magazin.de

Schon seit einiger Zeit verdichten sich in der E-Commerce-Branche die Hinweise, dass Amazon den polnischen Markteintritt plant. Mit einem eigenen länderspezifischen Marktplatz, also amazon.pl, würde der Online-Handel in Polen kräftig aufgemischt werden. Unter anderem auch deutsche Händler können von dieser Expansion Amazons maßgeblich profitieren.

Der Status Quo zeigt, warum Amazon in Polen aktuell noch weit von dem Erfolg entfernt ist, den es in anderen Ländern gewohnt ist: Wer heute aus Polen bei Amazon bestellt, muss dafür den deutschen Marktplatz des Global Players nutzen. Für die Lieferung nach Polen ist Pocztex, ein Tochterunternehmen der polnischen Post, zuständig. Trotzdem nutzen viele polnische Kunden und Verkäufer bereits heute Amazon. Um die Sprachbarriere abzubauen ist sogar der deutsche Marketplace in polnischer Sprache verfügbar, was nicht zuletzt zu einer enormen Auslastung etlicher Übersetzungsbüros geführt hat. Diese waren in den letzten Jahren damit beschäftigt, im Auftrag von Amazon die deutschen Produktbeschreibungen ins Polnische zu übersetzen. Allein zwischen 2016 und 2017 ist der polnische E-Commerce um 17,2 Prozent gewachsen. Wie die Statista Global Consumer Survey belegt, wird der Gesamtumsatz im E-Commerce bereits in diesem Jahr an der 10-Milliarden-Euro-Marke kratzen. Da scheint es nahe zu liegen, dass sich Amazon mit einer Expansion nach Polen wichtige Marktanteile sichern möchte.

Hinzu kommt, dass Amazon in diesem Jahr nicht nur an polnischen E-Commerce-Veranstaltungen wie der Retail Summit teilnehmen wird, sondern auch selbst Fortbildungen für polnische Händler wie bei der AWS Summit in Warschau veranstaltet. All dies deutet auf eine gründliche Vorbereitung des Markteintritts in Polen hin. Dementsprechend ist höchstwahrscheinlich im zweiten Quartal diesen Jahres mit einem Launch von Amazon in Polen zu rechnen. Spätestens könnte sich dieser auf Anfang des nächsten Jahres hinauszögern.

Was amazon.pl für den polnischen Online-Handel bedeutet

In anderen Ländern hat Amazon bereits gezeigt, wie erfolgreich so ein Markteintritt verlaufen kann. Nicht nur für Händler, sondern insbesondere für die Käufer bietet die Plattform ein enormes Potenzial. Als Alternative zum bisherigen Monopol Allegro bietet der eigene Amazon-Marktplatz die Möglichkeit polnischen Konsumenten zu gewinnen. Das Internetauktionshaus mit Sitz in Posen besteht seit 1999 und konnte sich durch die frühe Internetpräsenz im deutschen Nachbarland eine Vormachtstellung aufbauen. Über 16 Millionen Nutzer kann die Plattform, die auch in der Tschechischen Republik, Ungarn, der Ukraine und Russland waltet, vorweisen.

Bereits jetzt nimmt der digitale Einzelhandel in Polen eine ernstzunehmende Marktgröße ein. Der Statista Global Consumer Survey zufolge beträgt der Umsatz im E-Commerce 2020 knapp zehn Milliarden Euro. Während der Umsatz im Online-Handel 2017 noch 6,6 Milliarden Euro betrug, steigt der Umsatz Prognosen zufolge im aktuellen Jahr um rund ein Drittel an. Auch die Zahl der Nutzer, die online einkaufen, legt stetig zu: Während es 2017 noch 24,4 Mio. Nutzer waren, haben 2019 bereits 26,3 Mio. Nutzer in Polen online eingekauft – Tendenz steigend. Mit Amazons Expansion in den polnischen Markt werden diese Zahlen noch stärker anwachsen.

Viele Fakten sprechen dafür, dass der Markteintritt des globalen E-Commerce-Unternehmens in Polen ein voller Erfolg wird. Es ist zu erwarten, dass jeden Tag rund 3.000 neue polnische Verkäufer auf Amazon ein Verkäuferkonto eröffnen werden. Hinzu kommt, dass Amazon bereits im Jahr 2019 trotz des ausschließlichen Zugangs über die deutsche Seite zu den 20 größten Onlineshops in Polen gehörte.

Mehr als 600 Millionen Produkte stehen momentan auf der US-amerikanischen Seite Amazons zum Verkauf, während es auf amazon.de aktuell etwa 200 Millionen Artikel sind. Mittelfristig wird sich auch das Angebot auf amazon.pl auf mehr als 100 Millionen Produkte ausweiten, so dass Hunderttausende Händler aus der ganzen Welt ihre Produkte künftig auch über den polnischen Marketplace Amazons anbieten können.

Das erwartet lokale Händler in Polen bei Amazons Markteinstieg

Dass der E-Commerce-Riese, der im September 2018 mit einem Börsenwert von einer Billionen Dollar bewertet wurde, sich auch in Polen sehr schnell zum Spitzenreiter unter den Onlineshops entwickeln wird, steht außer Frage. Kein anderer Online-Händler, der bereits auf dem polnischen Markt agiert, bietet eine derartig breite Produktauswahl oder ausgereifte Infrastruktur wie der amerikanische Bezos-Riese. Hinzu kommen mit Amazon Prime etliche Services, mit denen der Online-Versandhändler den Einkauf seiner Kunden so angenehm wie möglich gestalte. Ob kostenlose Lieferungen, sichere Retouren oder das hauseigene Video-on-Demand-Angebot: Die Vorteile, die Prime-Kunden genießen, sind einzigartig. Es ist zu erwarten, dass diese Tatsache auch den polnischen Kunden bewusst wird, die so lange Zeit auf amazon.pl warten mussten.

Polens Heimvorteil

Auf die lokalen Händler würde bei einer Expansion Amazons nach Polen allerdings neue Konkurrenz zukommen. Sobald es zu einem Markteintritt kommt, wird auch eine riesige Anzahl ausländischer Unternehmen ihre Produkte nach Polen verkaufen. Dieser Globalisierung des digitalen Einzelhandels werden sich die polnischen Händler also verstärkt stellen müssen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen Unternehmen schnellstmöglich anfangen, amazon.pl für den eigenen Verkauf zu nutzen, da hier mit Abstand das größte Potenzial für polnische Händler liegt.

Prinzipiell sind polnische Händler gut für die steigende Nachfrage seitens des E-Commerce gerüstet und haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite: Günstige und schnelle Versandmöglichkeiten, sowohl innerhalb Polens als auch ins Ausland. Das haben auch schon etablierte europäische Einzelhändler erkannt und Polen längst als Logistikstandort für sich entdeckt. Amazon selbst führt bereits seit Jahren diverse Logistiklager in Polen, um von den Kostenvorteilen zu profitieren. Da liegt es auf der Hand, Polen als interessanten Absatzmarkt ins Portfolio des Marketplaces aufzunehmen.

Der Online-Einzelhandel globalisiert sich zunehmend

Langfristig betrachtet wird es ohnehin keine Rolle mehr spielen, von wo wir wohin verkaufen. Vielmehr ermöglicht globaler E-Commerce, dass jeder Händler seine Produkte von überall aus in alle Teile der Welt verkaufen kann. Außerdem profitieren Händler von Chancen, die verschiedene Märkte bezüglich auf Nachfrage oder Marge bieten.

Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg wird sein, wie schnell sämtliche Sortimente lokaler sowie internationaler Händler auf allen Marktplätzen Amazons verfügbar sein werden. Während bei Eigenmarken ein guter Product-Content ausschlaggebend für den Erfolg ist, müssen sich Wiederverkäufer von Markenwaren vor allem auf die Automatisierung von Prozessen und den Einsatz neuer Technologien konzentrieren.

Und natürlich gilt für alle die oberste Direktive von Amazon: Ein erstklassiger Kundenservice! Kundenzufriedenheit wird auch für polnische Händler der Erfolgsfaktor Nummer eins auf Amazon sein, um hier dauerhaft erfolgreich zu sein.

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Sascha Stockem
Sascha Stockemhttps://www.nethansa.com/
Sascha Stockem ist Gründer und CEO von Nethansa, einer KI-gesteuerten E-Commerce-Software-Lösung. Nach einem Management & Marketing-Studium an der Fachhochschule der Wirtschaft (Köln/Bergisch Gladbach) sowie einem MBA am Starway Institut in Warschau, gründete er mehrere Technologie-Start-ups sowie Einzel- und Großhandelsunternehmen und belieferte namhafte Händler wie TK Maxx, OBI oder Kik.
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