Kränkungen des Menschen – so verändert die Digitalisierung unser Selbstverständnis

Es war Sigmund Freud, der als erster von den drei großen Kränkungen des Menschen sprach. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine vierte Kränkung diagnostiziert und jetzt bahnt sich eine fünfte an: die Digitalisierung. Der Mensch kann durch Algorithmen in vielen Fällen nicht nur unterstützt, sondern ersetzt werden. Während digitale Technologien rein vernünftig und faktenbasiert agieren, handeln Menschen häufig irrational und emotionell. Nur wer das akzeptiert, versteht den Menschen wirklich und kann die Digitalisierung in seinem Sinne gestalten.

Die klassischen drei Kränkungen des Menschen

Was ist der Mensch? Diese Frage ist so alt wie die Menschheit selbst. Für frühere Generationen war die Antwort klar: Der Mensch ist ein von Gott geschaffenes, vernunftbegabtes Wesen, der als Stellvertreter Gottes die Herrschaft über die gesamte Schöpfung übernehmen sollte. Dieses Selbstbild hat im Laufe der Jahrhunderte massive Risse bekommen. Sigmund Freud hat als erster von den drei großen Kränkungen des Menschen gesprochen. Diese zeigen beispielhaft auf, wie das Selbstverständnis vom herrschenden Gotteskind immer mehr an Kraft verlor und der Mensch sich immer mehr mit einer Randstellung in der Schöpfung begnügen musste.

Die erste Kränkung bestand Freud zufolge darin, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Dass sich unser Planet um die Sonne bewegt und nur ein winziger Klumpen im großen Universum ist, rüttelte massiv am Weltbild und dem Selbstverständnis der Menschheit. Die zweite große Kränkung bestand in der Erkenntnis, dass der Mensch vom Affen abstammt. Er ist nicht das als Krone der Schöpfung von Gott geschaffene Wesen, das sich die Erde Untertan machen soll. Vielmehr hat er sich aus anderen Lebewesen entwickelt und ist dem Tier somit ähnlicher als Gott. Die dritte große Kränkung sah Freud in der von ihm begründeten Psychoanalyse. Der Mensch hat ein Unterbewusstsein, das ihn oft stärker steuert als sein Bewusstsein. Er ist also sogar in seinem eigenen Körper nicht Herr über das Geschehen.

Zwei neue Kränkungen kommen hinzu

Nach dem zweiten Weltkrieg definierte der Medienphilosoph Günther Anders die „Antiquiertheit des Menschen“ als vierte große Kränkung, berichtet Matthias Morgenroth in einem Beitrag auf br.de. Viele Maschinen können Dinge, für die früher die Schaffenskraft des Menschen benötigt wurde, schneller, besser und effizienter erledigen. In nahezu allen Bereichen sind Maschinen dem Menschen überlegen und lassen ihn vor allem in der Arbeitswelt immer mehr in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Die fünfte Kränkung des Menschen könnte nun die Digitalisierung sein. Diese Kränkung baut nahtlos auf den anderen auf. Denn die Algorithmen sorgen ebenfalls dafür, dass menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird. Computer erledigen schon heute viele Aufgaben in Sekundenschnelle, für die Menschen ein ganzes Leben lang bräuchten. Die Tatsache, dass solche Technologien als „Smart“ bezeichnet werden, zeigt, dass Computer und Algorithmen eine Intelligenz gewinnen und sogar kreativ werden können. Außerdem kennen sie jeden einzelnen Menschen durch die Analyse seiner Verhaltensweisen im Internet besser als dieser sich selbst und können ihn gezielt beeinflussen und manipulieren. Lediglich im Bereich der Emotionen haben Maschinen dem Menschen gegenüber noch Defizite.

Was bleibt vom Menschen nach der Digitalisierung übrig?

Weltbilder vergangener Epochen räumten dem Menschen eine Sonderstellung in der Welt ein, weil er vernunftbegabt ist. Keinem Tier wurde diese Eigenschaft zugesprochen und an intelligente Maschinen war noch lange nicht zu denken. Nun zeigt sich, dass es gar nicht die Ratio (Vernunft) ist, die den Menschen einzigartig macht. Diese kann von Maschinen kopiert und in vielen Fällen mühelos übertroffen werden. Dass der Mensch denkt und vernünftig ist, stellt kein Alleinstellungsmerkmal mehr dar. Das ist eine tiefe Kränkung, geht doch unser heutiges Weltbild noch immer davon aus, dass es nur die vernünftigen und intelligenten Menschen in der Welt zu etwas bringen.

Am Ende der Digitalisierung bleibt vom Menschen eigentlich nur noch seine soziale, emotionale Seite. Diese kann von Maschinen (noch) nicht kopiert und von den instinktgesteuerten Tieren nur in Grenzen erreicht werden. Gerade das Homeoffice zeigt, dass der Mensch nicht nur vernünftig und effizient arbeiten und leben will. Vielmehr sehnt er sich nach menschlicher Nähe, nach Begegnungen und sozialen Kontakten. Das zwischenmenschliche Miteinander ist ihm bei der Arbeit wichtig. Nur wenn es gelingt, diese sozialen und empathischen Fähigkeiten des Menschen mit der Effizienz der Computer und Algorithmen zu verbinden, kann die Digitalisierung ein Erfolg und zu einem Segen für die Menschheit werden.

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