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Wir brauchen mehr Visionen – digitalen Optimismus wagen

In ihrem Beitrag zum Z2X Digital Summit ruft Julia Kloiber zu mehr digitalem Optimismus auf. Die Angst vor der Technologie führt nämlich nicht zu einer besseren Zukunft. Wer immer nur Angst vor dem Neuen hat, wird sich im Alten verkriechen und die Chancen der Zukunft verpassen. Deswegen wünscht sich Kloiber, dass die Menschen mehr Mut für neue Technologien und positive Visionen für eine bessere Gesellschaft entwickeln.

Der Mensch neigt zur Katastrophe

Zahlreiche Studien belegen, dass der Mensch sich von Dystopien und Schreckensszenarien angezogen fühlt. Sie helfen ihm dabei, seine Welt zu verstehen und leichter mit ihr umzugehen.

Wenn morgen die Welt untergeht, muss ich mir heute keine Gedanken über die Zukunft machen. Ich muss mich nicht fürchten, dass sich meine Welt, die ich kenne und liebe, verändern wird, sondern kann mich ganz darauf konzentrieren, den Status Quo zu bewahren und das zu genießen, was ich habe.

Deswegen sind Dystopien laut Julia Kloiber „einfach und konservativ“ (Video am Ende des Artikels). Ganz gleich, ob morgen ein Komet auf die Erde stürzt, tödliche Seuchen ausbrechen oder die Maschinenwesen die Herrschaft übernehmen, immer ist eines gleich: Ich darf heute so unbeschwert und gedankenlos weiterleben, wie ich es immer getan habe.

Digitale Schreckensbilder überwinden

digitaler Optimismus und digitale Visionen
Digitaler Optimismus braucht konkrete Visionen, offene Debatten und bessere digitale Werkzeuge. (Symbolbild)

Diese menschliche Strategie wird leider auch viel zu häufig auf die Digitalisierung angewendet. Viele Menschen fürchten sich vor künstlicher Intelligenz (KI), virtuellen Realitäten (VR) und Smart Homes, weil sie einen Kontrollverlust in ihrem Leben fürchten.

Die Maschinen könnten einmal mächtiger als die Menschheit werden und diese ausrotten. Solche Ängste führen dazu, dass ich mich mit solchen Technologien nicht auseinandersetzen muss.

Ich meide einfach das komplette Thema und konzentriere mich ausschließlich auf die Technologien und Möglichkeiten, die es bereits gibt. Dass aber Fernseher, Telefone und Autos von Menschen von vor 150 Jahren noch als Hexenwerk verstanden worden wären und nur der Mut zu Neuem diese Technologien hat Wirklichkeit werden lassen, wird hierbei geflissentlich ignoriert.

Stattdessen werden die alten, bekannten Vorurteile und Ängste gepflegt, die vor einem Kontakt mit den Möglichkeiten der Digitalisierung warnen. Wenn unser gesamter Lebensraum digitalisiert ist, können Hacker darauf zugreifen und die Kontrolle über unser Leben übernehmen.

Tatsächlich ist immer häufiger wieder von „dem Russen“ die Rede, wenn es um die Angst vor Datenklau und digitalem Missbrauch geht. Die Rhetorik des kalten Krieges ist zurück.

Zudem fürchten sich viele Menschen vor einem Überwachungsstaat á la George Orwell und sehen ihre Privatsphäre in Gefahr. Ob diese Gefahr nun von einer machthungrigen Regierung oder von den Maschinen selbst ausgeht, ist hierbei egal.

Ebenso sorgen sich zahlreiche Menschen vor maschinellen Fehlern. Ein falsch programmierter Algorithmus und die Maschinen schicken die Atombomben los.

Das Ende der Menschheit wäre gekommen.

Solche Dystopien haben ihren Wert. Sie helfen uns dabei, die mit einer neuen Technologie verbundenen Risiken realistisch einzuschätzen und sie nach Möglichkeit aus der Welt zu räumen.

Sie dürfen uns aber nicht den Blick in die Zukunft versperren und den Mut zu neuen Taten nehmen. Wer sich vor dem Neuen immer nur fürchtet, wird niemals eine bessere Zukunft erleben.

Deswegen sind Utopien so wichtig. Wir müssen daran glauben, dass es eine bessere, glücklichere Zukunft gibt, an der wir aktiv mitarbeiten können.

Wir müssen die digitalen Schreckensbilder überwinden und neue, mutige Visionen entwickeln. Nur dann wird die Digitalisierung ein Erfolg und die Zukunft besser als die Gegenwart.

Eine neue Science Fiction

In seiner Zeit war Star Trek ein Sammelbecken von Visionen für die Zukunft. Im 23.

Jahrhundert hat die Menschheit die Konflikte auf der Erde überwunden. Es herrscht globaler Frieden, es gibt keine Kriege mehr und die Menschheit konzentriert sich auf die Erforschung des Alls und neuer Lebenswelten.

Wenn Gefahren drohen, dann ausschließlich von außen. Die Serie befasst sich mit Themen wie Überbevölkerung, künstlicher Intelligenz, dem wahren Wesen des Menschen und vielem mehr.

Hierbei war der Blick stets in die Zukunft gerichtet und es wurden Vorschläge für eine bessere Welt gemacht, die immer möglich war, wenn sich alle um sie bemühten.

Das Problem an der Science Fiction ist jedoch, dass auch sie dem Zahn der Zeit unterworfen ist. Die Ursprungsserie ist bereits über 50 Jahre alt und wirkt heute – obwohl einige der Themen so aktuell sind wie eh und je – etwas altbacken und überholt.

Einige Dialoge, Themen und Handlungen wirken wie aus der Zeit gefallen und haben mit unserer Gegenwart nichts mehr zu tun. Und das, obwohl wir das 23.

Jahrhundert, in dem die Serie spielt, noch längst nicht erreicht haben. Es ist daher Zeit für eine neue Science Fiction, in der wir neue Visionen für unsere Zukunft entwerfen.

Aber ebenso wie bei Star Trek sollten diese Visionen positiv sein, den Menschen Mut machen und die Chancen aufzeigen, die mit der Digitalisierung und neuen Technologien einhergehen. Die Menschen müssen Lust und Mut entwickeln, an einer besseren Zukunft mitzuarbeiten, wie sie die Science Fiction in Ansätzen entwirft.

Schon heute gibt es zahlreiche Autorinnen und Schriftsteller, die genau diese Art von Science Fiction verfassen und ihre Visionen für die Zukunft in Worte kleiden. Es dürfen gern noch mehr werden.

Optimistisch in die Zukunft gehen

Laut Julia Kloiber brauchen wir mehr digitalen Optimismus, wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Sie stellt sich zum Beispiel eine Welt vor, in der die Menschen dank digitaler Technologien keinen Müll mehr produzieren.

Es gibt aber noch viele weitere Hoffnungen, die mittlerweile nicht mehr nur als Utopien, sondern als tatsächlich umsetzbar erscheinen. Wie wäre es mit einer Gesellschaft, in der wir unsere Alten und Kranken würdevoll pflegen und ihnen die Möglichkeit geben, ihren Lebensabend in einem sicheren und vertrauten Umfeld zu verbringen?

Wie wäre es mit Schulen, in denen Kinder selbstbestimmt und ihrem eigenen Lerntempo gemäß lernen? Wie wäre es mit einem Verkehr, der keine umweltschädlichen Giftstoffe produziert und der so sicher ist, dass Unfälle und Tote quasi nicht vorkommen?

Wie wäre es mit einer Arbeitswelt, in der Menschen an Projekten arbeiten, die sie interessieren, und nicht als moderne Sklaven irgendwelcher Konzerne ausgebeutet werden? All dies und vieles mehr ist möglich.

Wir müssen nur daran glauben, dass die Zukunft gelingen kann. Wir müssen unsere Ängste überwinden und aktiv an dieser Zukunft mitarbeiten.

Visionen sind hierbei eine große Hilfe.

Digitaler Optimismus ist kein naiver Technikglaube

Digitaler Optimismus bedeutet nicht, jedes neue Tool beklatschen zu müssen. Er bedeutet, Risiken ernst zu nehmen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Gerade bei künstlicher Intelligenz, Plattformmacht und Datenschutz ist das wichtig: Wer nur warnt, überlässt die Gestaltung anderen. Wer nur begeistert ist, übersieht Schäden. Der brauchbare Weg liegt dazwischen.

Deshalb passt Kloibers Forderung gut in eine Zeit, in der viele Debatten über Digitalisierung im Alarmmodus laufen. Ein nüchterner Optimismus fragt: Welche Technologie löst ein echtes Problem? Wer profitiert? Wer wird ausgeschlossen? Und welche Regeln braucht es, damit aus einer Idee kein Kontrollverlust wird? Der Überblick zur Definition von Digitalisierung und ihren praktischen Folgen zeigt, warum Technik immer auch Organisation, Kultur und Verantwortung berührt.

Von der Angst zur Gestaltungsfrage

Der Unterschied zwischen Dystopie und Vision ist oft eine Frage der Perspektive. Nehmen Sie Smart Homes: Man kann sie als Überwachungsmaschine erzählen. Oder als Technik, die Pflege, Energieverbrauch und Alltagshilfe besser macht, wenn Datenschutz und Sicherheit mitgedacht werden. Beides ist möglich. Genau darum braucht es öffentliche Debatten, die mehr können als Schwarz-Weiß.

Bei KI-Agenten ist es ähnlich. Autonome Systeme können Arbeit erleichtern, Recherche beschleunigen und kleine Teams produktiver machen. Sie können aber auch Fehler automatisieren, wenn niemand Grenzen zieht. Unser Beitrag zu KI-Agenten und Agentic AI in Unternehmen zeigt diese Spannung sehr konkret: Die Technik wird erst dann nützlich, wenn Ziele, Rechte und Kontrolle geklärt sind.

https://digital-magazin.de/ki-agenten-unternehmen-agentic-ai/

Welche Visionen digital-magazin.de heute fehlen

Wir bei digital-magazin.de sehen in vielen Digitaldebatten ein merkwürdiges Loch: Es gibt sehr genaue Katastrophenszenarien, aber erstaunlich wenige konkrete Bilder einer besseren digitalen Gegenwart. Wie sähe eine Stadt aus, in der Behördengänge nicht nerven? Wie eine Schule, in der Lernsoftware Lehrkräfte entlastet statt ersetzt? Wie ein Gesundheitswesen, das Daten nutzt, ohne Menschen gläsern zu machen?

Solche Fragen wirken weich, sind aber praktisch. Sie entscheiden darüber, welche Projekte Geld, politische Aufmerksamkeit und gesellschaftliches Vertrauen bekommen. Organisationen wie Superrr Lab arbeiten genau an solchen gemeinwohlorientierten digitalen Zukünften: nicht als Werbeversprechen, sondern als Gestaltungsauftrag. Das ist der Punkt. Optimismus wird erst wertvoll, wenn er Arbeit auslöst.

Ein greifbares Beispiel ist das Smart Home. Vernetzte Geräte können bequem sein, aber sie werden erst dann gesellschaftlich interessant, wenn sie Energie sparen, Pflege erleichtern oder Barrieren abbauen. Unser Überblick zum Matter-Standard im Smart Home zeigt, wie sehr offene Standards darüber entscheiden, ob digitale Technik Menschen wirklich hilft oder nur neue Abhängigkeiten schafft.

Genau deshalb braucht digitaler Optimismus mehr als gute Laune. Er braucht technische Standards, öffentliche Kontrolle, Finanzierung für gemeinwohlorientierte Projekte und eine Sprache, die nicht jedes Problem sofort zur Apokalypse macht. Kloibers Punkt bleibt aktuell: Wer nur Angstbilder wiederholt, baut keine bessere digitale Zukunft.

Für Unternehmen, Verwaltungen und Medien heißt das: weniger Technikmythen, mehr konkrete Tests. Welche Prozesse werden schneller? Welche Menschen werden entlastet? Welche Nebenwirkungen treten auf? Erst diese Fragen machen aus einer Vision ein Projekt, das man prüfen, verbessern und notfalls stoppen kann.

Ein gutes Beispiel sind digitale Verwaltungsdienste. Niemand träumt nachts von Formularportalen. Trotzdem entscheidet genau dort, ob Digitalisierung als Fortschritt erlebt wird oder als zusätzliche Hürde. Wenn ein Antrag verständlich ist, Daten nicht dreimal eingegeben werden müssen und Menschen ohne technisches Vorwissen ans Ziel kommen, entsteht Vertrauen. Das klingt kleiner als Science Fiction, ist aber für Millionen Menschen relevanter als jede Hochglanz-Keynote.

Auch Medien tragen Verantwortung. Wer nur über Datenpannen, KI-Panik und Plattformskandale berichtet, bildet einen Teil der Wirklichkeit ab, aber eben nicht die ganze. Guter Tech-Journalismus muss Risiken zeigen und gleichzeitig erklären, welche Lösungen funktionieren. Sonst bleibt Digitalisierung ein Gruselkabinett. Und aus einem Gruselkabinett baut niemand eine bessere Gesellschaft.

Quelle: www.zeit.de

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