Deutschlands Telekommunikationsmarkt rangiert nur auf Platz 15 von 20 europäischen Ländern im neuen Telecom Health Index der Unternehmensberatung Kearney. Trotz solider Renditen: Die deutschen Netzbetreiber verdienen ihr Geld mit veralteter Infrastruktur. Während Europa insgesamt 174 Milliarden Euro Investitionslücke aufreißt, kämpft der größte Markt des Kontinents mit niedrigen Glasfaser-Anschlussquoten, vier Mobilfunkanbietern und einer gefährlichen Komfortzone.
Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Deutschland – größte Volkswirtschaft Europas, Exportnation, Ingenieursstolz – liegt im European Telecom Health Index auf Rang 15. Hinter Portugal. Hinter Polen. Selbst Österreich überholt uns locker.
Die aktuelle Kearney-Studie „European telecoms 2026“ hat erstmals die Gesundheit der Telekommunikationsmärkte in 20 europäischen Ländern systematisch vermessen – und das Ergebnis für den deutschen Telekommunikationsmarkt ist ernüchternd. 64 von 100 möglichen Punkten. Unteres Drittel. Während Norwegen, Schweden und die Schweiz die Spitzenplätze belegen, dümpelt Deutschland irgendwo zwischen „geht so“ und „kritischer Patient“ herum.
Kennen Sie das Gefühl, wenn man beim Arzt sitzt und der mit besorgter Miene auf die Blutwerte schaut? Genau so fühlt sich diese Diagnose an.
Was die Kearney-Analyse so spannend macht: Sie schaut nicht nur auf Finanzkennzahlen. Der Index misst entlang von fünf Dimensionen – finanzielle Performance, kommerzielle Fähigkeit, Technologie-Einsatz, Geschäftsumfeld und Kundenstimmung. 21 standardisierte Metriken. Plus eine Umfrage unter 20.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern.
Deutschland schneidet dabei höchst unterschiedlich ab: Beim Geschäftsumfeld gibt’s satte 93 Punkte – klar, wirtschaftlich starkes Land, gute Rahmenbedingungen. Aber bei der Technologiebereitstellung? Magere 53 Punkte. Das ist das Problem mit der veralteten Infrastruktur.
Hier wird’s richtig interessant. Die Glasfaserabdeckung liegt in Deutschland mittlerweile bei knapp 50 Prozent – Ende 2024 waren es 48,8 Prozent der Haushalte, die theoretisch ans Glasfasernetz angeschlossen werden könnten. Klingt doch gut, oder?
Falsch.
Die Anschlussquote – also die Haushalte, die tatsächlich Glasfaser nutzen – liegt gerade mal bei 24,5 bis 27,3 Prozent. Das nennt man in der Branche „Slow Take-up Trap“, die Falle der langsamen Akzeptanz. Milliarden werden in „Homes Passed“ (verfügbare Anschlüsse) investiert, aber niemand will die verdammten Leitungen nutzen.
Warum? Weil die alten Kupfer- und Koaxialnetze noch erstaunlich gut funktionieren. Die Deutschen hängen am DSL wie an einer alten Lederjacke – bequem, vertraut, und wozu was Neues, wenn das Alte noch läuft?
Jetzt kommt der Teil, wo die Zahlen trügerisch aussehen: Deutschland erzielt eine Kapitalrendite (ROCE) von rund zehn Prozent – auf dem Niveau der führenden europäischen Märkte. Christoph Neunkirchen, Partner bei Kearney, bringt es auf den Punkt: „Der aktuelle ROCE zeigt, dass vergangene Investitionen gut genutzt werden. Entscheidend ist jedoch, ob neue Investitionen in moderne Netzinfrastruktur unter den heutigen regulatorischen und wettbewerblichen Rahmenbedingungen wirtschaftlich tragfähig sind.“
Übersetzt heißt das: Die alten Netze werfen noch Geld ab. Aber die neuen? Die lohnen sich unter den aktuellen Bedingungen kaum. Die Betreiber melken die Kupferleitungen, während sie gleichzeitig Glasfaser verlegen müssen – nur dass auf der Glasfaser niemand fahren will.
Das ist, als würde man eine neue Autobahn bauen, während alle noch auf der alten Bundesstraße unterwegs sind. Irgendwann verfällt die Bundesstraße. Aber bis dahin verdient man an der Maut.
Deutschland hat vier Mobilfunknetzbetreiber: Telekom, Vodafone, Telefónica (O2) und 1&1. Die Kearney-Studie zeigt glasklar: Märkte mit drei Netzbetreibern performen besser. Zwölf europäische Länder mit Drei-Spieler-Struktur erreichen einen durchschnittlichen Index-Score von 70 Punkten. Vier-Spieler-Märkte? Nur 67 Punkte.
Der Unterschied wird bei der EBITDA-Marge deutlich: Drei-Spieler-Märkte erzielen 35 Prozent, Vier-Spieler-Märkte nur 31 Prozent. Das sind vier Prozentpunkte, die fehlen – Geld, das nicht in den Netzausbau fließt.
Mal ehrlich: Wer hätte gedacht, dass weniger Wettbewerb manchmal besser ist? Die Zahlen lügen nicht. Konsolidierung würde Investitionskraft freisetzen. Aber die Regulierungsbehörden haben Angst vor Monopolen und halten an der Vier-Spieler-Struktur fest.
Europaweit klafft bis 2030 eine Investitionslücke von 174 Milliarden Euro. Das ist die Summe, die fehlt, um die Gigabit- und 5G-Ziele der EU zu erreichen. 114 Milliarden für Glasfaser (FTTP), 34 Milliarden für vollständige 5G-Abdeckung, 26 Milliarden für Transportwege (Backbone).
Telekommunikationsbetreiber können diese Summen nicht allein stemmen. Zu hohe Verschuldung. Zu moderate Renditen. Zu unsichere Rahmenbedingungen.
Hier kommen Private Equity und Infrastrukturfonds ins Spiel. Deals wie der Verkauf von 51 Prozent der GD Towers für 10,7 Milliarden Euro oder milliardenschwere Rechenzentrum-Investments zeigen: Deutschland ist als Investitionsstandort interessant. Aber nur, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen verlässlich bleiben.
Wissen Sie, was mich wirklich fassungslos macht? Während der Verbraucherpreisindex in der EU von 2016 bis 2024 um 31 Prozent gestiegen ist, sind die Einnahmen aus Mobilfunkdiensten nominal um 10 Prozent gefallen. Real bedeutet das einen Wertverlust von 41 Prozent.
Olivenöl? Plus 85 Prozent. Internationale Flüge? Plus 47 Prozent. Brot? Plus 46 Prozent. Drahtlose Telekommunikation? Minus 10 Prozent.
Die Branche hat es versäumt, den Wert ihrer Dienstleistungen im Einklang mit der Inflation zu steigern. Stattdessen: Preiskämpfe auf veralteter Infrastruktur. Flatrates ohne Ende. Und niemand fragt, ob das auf Dauer funktioniert.
Die Umfragedaten zeigen eine stärkere Unzufriedenheit deutscher Kunden mit Geschwindigkeit und Servicequalität. Deutschland gehört zur unteren Hälfte des Index, in der Kunden eine höhere Wechselbereitschaft und einen erhöhten Wunsch nach stabileren Netzen äußern.
Spannend dabei: Der Preis spielt nur eine untergeordnete Rolle. „Wir sehen, dass der Preis nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Märkte, in denen Kunden am zufriedensten sind, sind nicht zwangsläufig die günstigsten“, erklärt Kearney-Experte Neunkirchen.
Kunden wollen Qualität. Zuverlässigkeit. Stabilität. Nicht den billigsten Tarif auf dem langsamsten Netz.
In den leistungsstärksten Ländern sinkt die Abwanderungsquote um 10 bis 15 Prozent, während der Umsatz pro Kunde um bis zu 15 Prozent steigt. In Deutschland? Fehlanzeige.
Die Kearney-Studie schlägt sieben strategische Wege aus der Krise vor. Ich picke mir die drei wichtigsten raus:
1. Kupfer-Abschaltung forcieren: Frankreich macht’s vor. Die Regulierungsbehörde ARCEP hat klare Zeitpläne für die Stilllegung des Kupfernetzes etabliert. Das zwingt Kunden zur Migration und schafft Investitionssicherheit. Deutschland? Lässt jeden selbst entscheiden, wann er umsteigt. Das Ergebnis sehen wir.
2. KI-gestütztes Customer Value Management: Statt Kunden in grobe Segmente einzuteilen, braucht es Hyper-Personalisierung in Echtzeit. KI kann vorhersagen, wann ein Kunde für ein Upgrade bereit ist oder abwandern will – und ihm im richtigen Moment das passende Angebot unterbreiten.
3. Private Equity einbinden: Die strukturelle Trennung von Netz (NetCo) und Dienstleistung (ServeCo) kann Kapital freisetzen. PE übernimmt die kapitalintensive Infrastruktur, während sich Telcos auf Kunden und Services konzentrieren.
Europa hat 2025 noch immer 90 Mobilfunknetzbetreiber – fast genauso viele wie 2010. Die USA? Drei Anbieter, die für über 97 Prozent der Mobilfunkumsätze verantwortlich sind. China? Ebenfalls drei.
„Die Fragmentierung in Europa und die komplexe Regulierung kosten Investitionskraft“, so Christoph Neunkirchen. „Eine Wettbewerbsfähigkeit auf Augenhöhe wird so nicht möglich sein und ein unabhängiges Europa mittelfristig unterbunden.“
Hand aufs Herz: Wollen wir wirklich, dass Europa digital von den USA und China abgehängt wird, nur weil wir Angst vor Konsolidierung haben?
„Gerade in Anbetracht der globalen, geopolitischen Lage wird Europa und damit vor allem auch Deutschland mehr auf sich gestellt sein als je zuvor“, warnt Neunkirchen. „Insofern ist eine leistungsfähige digitale Infrastruktur unabdingbar und die Grundvoraussetzung für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.“
Satellitenkonstellationen wie Starlink werden oft als Bedrohung gesehen. Die Studie plädiert für einen Perspektivwechsel: Satelliten sollten als Ergänzung integriert werden – für die letzten 1-3 Prozent der Haushalte, wo Glasfaser unökonomisch ist. Aber: Die Abhängigkeit von US-Anbietern bleibt ein Risiko. Die EU-Initiative IRIS² will eine souveräne europäische Konstellation schaffen.
Die Diagnose ist gestellt. Platz 15 von 20. Deutschland ist der kranke Mann Europas – zumindest was Telekommunikation angeht. Die Renditen sehen gut aus, aber sie basieren auf Technik von gestern. Die Glasfaser liegt in der Erde, aber niemand nutzt sie. Vier Mobilfunkanbieter kämpfen um Marktanteile, während drei effizienter wären.
174 Milliarden Euro fehlen in Europa. Deutschland trägt als größter Markt eine besondere Verantwortung. Aber wie soll ein fragmentierter Markt mit niedrigen Take-up-Raten diese Summe stemmen?
Die Lösung? Mut zur Konsolidierung. Regulatorische Klarheit. Aggressive Glasfaser-Migration. Investitionen in die digitale Transformation, nicht nur in die Infrastruktur. Und vor allem: Das Verständnis, dass Telekommunikation keine Commodity ist, sondern die Lebensader der digitalen Wirtschaft.
Norwegen, Schweden und die Schweiz machen es vor. Sie zeigen, dass ein profitabler, kundenorientierter und technologisch fortschrittlicher Sektor möglich ist.
Deutschland kann das auch. Aber nicht auf Platz 15.
Warum liegt Deutschland nur auf Platz 15 im Telecom Health Index?
Deutschland kombiniert niedrige Glasfaser-Nutzung (nur 24-27% Anschlussquote trotz knapp 50% Abdeckung), hohe Marktfragmentierung (vier Mobilfunkanbieter statt drei) und veraltete Infrastruktur bei gleichzeitig soliden Renditen – die jedoch auf alten Netzen basieren, nicht auf zukunftsfähigen Investitionen.
Was bedeutet die 174-Milliarden-Euro-Investitionslücke konkret?
Bis 2030 fehlen in Europa 174 Milliarden Euro, um die Gigabit- und 5G-Ziele zu erreichen: 114 Milliarden für Glasfaser, 34 Milliarden für vollständige 5G-Abdeckung, 26 Milliarden für Backbone-Infrastruktur. Ohne externes Kapital (Private Equity) sind diese Summen nicht zu stemmen.
Warum nutzen so wenige Deutsche Glasfaser trotz Verfügbarkeit?
Die alte Kupfer- und Koaxial-Infrastruktur funktioniert noch gut genug für die meisten Nutzer. Dazu kommt: fehlende Kupfer-Abschaltung (anders als in Frankreich), unzureichende Vermarktung von Glasfaser als Premium-Service und Preisdruck statt Qualitätsdifferenzierung.
Sind vier Mobilfunkanbieter wirklich zu viel?
Die Kearney-Daten sind eindeutig: Märkte mit drei Netzbetreibern erzielen durchschnittlich 35% EBITDA-Marge, Vier-Spieler-Märkte nur 31%. Die höhere Profitabilität geht NICHT zulasten der Kunden – Kundenzufriedenheit und Technologiebereitstellung sind vergleichbar. Konsolidierung würde Investitionskraft freisetzen.
Warum sinken Telekommunikationspreise, während alles andere teurer wird?
Von 2016 bis 2024 ist der Verbraucherpreisindex in der EU um 31% gestiegen, die Einnahmen aus Mobilfunkdiensten nominal um 10% gefallen (real -41%). Die Branche hat es versäumt, Wert im Einklang mit der Inflation zu steigern – stattdessen gab es Preiskämpfe und Flatrate-Eskalation.
Welche Rolle spielt Private Equity beim Netzausbau?
Infrastrukturfonds suchen langfristige, stabile Renditen. Durch die Trennung von Netz (NetCo) und Dienstleistung (ServeCo) können Telcos Kapital freisetzen. Beispiel: Verkauf des Telecom-Italia-Festnetzes an KKR für 19 Milliarden Euro. PE übernimmt kapitalintensive Infrastruktur, Telcos fokussieren sich auf Kunden.
Was können deutsche Unternehmen aus der Studie lernen?
Verlässt euch nicht auf veraltete Infrastruktur, nur weil sie noch Rendite abwirft. Investiert in moderne Technologie. Fokussiert auf Qualität statt Preis. Und: Konsolidierung ist kein Feind, sondern kann ein strategischer Hebel für Investitionskraft sein.
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