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Künstliche Intelligenz

Generative KI und Kreativität: Interview mit Guillaume Vaslin

Generative KI hat die Kreativbranche aus der Experimentierphase geholt. Im Design, in der Ideenfindung und in der Visualisierung entstehen neue Workflows, aber auch neue Fragen zu Verantwortung, Originalität und Qualität. Das Interview mit Guillaume Vaslin zeigt, warum KI für Kreative Werkzeug bleibt und nicht automatisch gute Gestaltung ersetzt.

Guillaume Vaslin, Gründer und CEO von ENNOstudio, gibt uns in einem Interview Einblicke in die Rolle der generativen KI in der Kreativbranche, beschreibt ihre Chancen und Herausforderungen und zeigt auf, wie Kreative diese Technologie nutzen können, um ihre Arbeit zu bereichern.

Generative KI in der Kreativbranche: Was heute anders ist

Seit der ersten Welle generativer Bild- und Textmodelle hat sich die Debatte verschoben. Am Anfang stand die Frage, ob KI überhaupt kreativ sein kann. Inzwischen ist für viele Teams wichtiger, wie sich KI sinnvoll in Recherche, Moodboards, Variantenbildung, Prototyping und Kundenpräsentationen einfügt. Genau dort liegt der praktische Wert: nicht im fertigen Meisterwerk auf Knopfdruck, sondern im schnelleren Denken in Varianten.

Für Agenturen und Designstudios bedeutet das aber auch mehr Verantwortung. Wer KI-Ausgaben ungeprüft übernimmt, produziert schnell austauschbare Bilder, generische Texte und visuelle Konzepte ohne Haltung. Unser Blick auf professionelle KI-Bildbearbeitung im Design-Workflow zeigt denselben Punkt aus Tool-Perspektive: Die Software wird stärker, aber die Entscheidung bleibt menschlich.

Generative KI und Kreativität im professionellen Design-Workflow
Generative KI verändert kreative Workflows, ersetzt aber keine gestalterische Entscheidung (Symbolbild)

Warum Kreativität mehr als Prompting bleibt

Prompting ist eine neue Basiskompetenz, aber keine Ersatzdisziplin für Gestaltung. Kreative Arbeit entsteht aus Kontext, Zielgruppe, Marke, Material, Timing und kulturellem Gespür. KI kann Vorschläge liefern, doch sie versteht nicht automatisch, warum ein Entwurf für eine Branche passend, für eine andere aber völlig daneben ist.

Das macht Vaslins Aussagen weiterhin aktuell. Besonders im Produktdesign reicht ein gutes Bild nicht aus. Ein Interface muss bedienbar sein, ein visueller Stil muss zur Positionierung passen, und ein Konzept muss in technische, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen passen. Wer nur Outputs sammelt, verwechselt Inspiration mit Designarbeit.

Hinzu kommt die rechtliche Ebene. Der EU AI Act setzt für KI-Systeme neue Transparenz- und Risikoregeln; für Kreativteams sind außerdem Urheberrecht, Trainingsdaten, Markenrechte und Offenlegung relevant. Das ist weniger glamourös als ein neues Bildmodell, entscheidet aber darüber, ob KI im Kundenprojekt belastbar eingesetzt werden kann.

Das Interview: Guillaume Vaslin über KI und Design

dm: Welche Fortschritte wurden in den vergangenen Monaten durch generative KI in der Kreativbranche gemacht und in welchen Bereichen sehen Sie das größte Potenzial?

G.V.: Die Fortschritte, die die KI-Modelle in den letzten Monaten gemacht haben, sind faszinierend und die Abstände, zwischen denen diese Fortschritte gemacht werden, werden immer kürzer. Besonders beeindruckend finde ich die Entwicklungen im Bereich der Bild- und Textgenerierung. Während die von ChatGPT erstellten Texte aber immer noch einmal überarbeitet werden müssen, kann man generierte Bilder teilweise kaum noch von der Realität unterscheiden. Das größte Potential als Product Designer sehe ich in der Visualisierung von Ideen und Konzepten ganz am Anfang eines Projekts oder auch im Pitch. Man könnte innerhalb weniger Stunden ein komplettes Look & Feel für ein Produkt auf verschiedenen Kanälen generieren – vom Poster bis zur App. Bei einem kompletten Produktdesign wird es schon deutlich schwieriger – hier sind zu viele technische, Unternehmens- und Zielgruppendaten zu berücksichtigen – aber die Ideenphase kann durch generative KI auf jeden Fall drastisch verkürzt werden.

Arbeitsmarkt und neue Anforderungen

dm: Wie hat sich die KI auf den Arbeitsmarkt für Kreative ausgewirkt? Gibt es Veränderungen in den Anforderungen an kreative Fachkräfte? 

G.V.: Da wir KI regelmäßig als Inspirationsquelle nutzen, sollten Kreative sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt haben und wissen, wie man zielführende Prompts erstellt. Doch auch jemand, der die richtigen Prompts finden kann, reicht nicht aus. Die Gesetze der Gestaltung und der Nutzerpsychologie müssen gelernt und verstanden werden und ein ästhetischer Geschmack ist für unsere Branche nach wie vor notwendig.

Klar ist aber auch: Wer eine natürliche Neugier für technologische Trends mitbringt und sich proaktiv mit KI auseinandersetzt, wird einen Vorteil haben. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich Kurse zu KI im Design an den Hochschulen als Standard etabliert haben und flächendeckend angeboten werden.

Künstlerische Vielfalt und Standardisierung

dm: Hat der verstärkte Einsatz von KI-Technologien in der Kreativbranche Auswirkungen auf Ihre künstlerische Vielfalt? 

G.V.: Definitiv. KI ermöglicht uns, kreative Ideen schneller zu finden und umzusetzen. Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir nicht in die Standardisierungsfalle tappen und unsere Arbeit austauschbar wird. Daher ist es notwendig, KI als ein zusätzliches Werkzeug zu sehen, das unsere Kreativität anregt und unterstützt, anstatt sie zu ersetzen – der menschliche Touch muss immer erhalten werden. Ich denke, die Analogie zum Schnellkochtopf passt hier gut. Man kann vielleicht schneller und einfacher kochen, aber der Topf allein macht noch keinen Coq au Vin, sondern der Koch, seine Erfahrung und die Qualität der Zutaten! 

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Chancen für kleinere Kreativunternehmen

dm: Wie können kleine und unabhängige Kreativunternehmen von KI profitieren? Gibt es erschwingliche Lösungen für sie?

G.V.: Je kleiner ein Unternehmen ist, desto mehr kann es von KI profitieren. Auch wenn die KI den Menschen nicht ersetzen kann, so kann sie doch vor allem Routineaufgaben, wie Datenverarbeitung und -analyse übernehmen und dem Unternehmen so Zeit für das Kerngeschäft verschaffen.

Erschwingliche Lösungen gibt es durchaus – ChatGPT beispielsweise ist noch immer kostenlos. Auch in anderen Anwendungsbereichen gibt es günstige oder sogar kostenlose Anwendungen, wobei man sagen muss, dass KI-Modelle, die kostenpflichtig sind, auch deutlich mehr Funktionen bieten. Ein weiterer Vorteil kleiner Strukturen ist der schnelle Zugang zu neuen Technologien. Wir selbst haben viele Kunden, die monatelang mit ihren Compliance- und Rechtsabteilungen sprechen müssen, bevor sie eine Technologie überhaupt im Arbeitskontext testen dürfen. 

dm: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie in der Zusammenarbeit zwischen Kreativschaffenden und generativen KI-Systemen, insbesondere im Hinblick auf die Förderung menschlicher Kreativität und Innovation? 

G.V.: Die größte Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen Mensch und Maschine zu finden. Während KI die genannten repetitiven Aufgaben vollständig übernehmen kann, basieren menschliche Kreativität und Innovation auf Erfahrungen, Emotionen und Kontexten, die der KI nicht zur Verfügung stehen.
Die Chance liegt ganz klar darin, KI als kreativen Partner zu sehen, der uns bei der Inspiration und Erweiterung von Ideen unterstützt. Dadurch können wir noch schneller und effizienter werden, auch wenn wir im Umgang mit der KI auch immer ein gewisses Maß an Geduld aufbringen müssen. Der Fokus der Kreativen im wirtschaftlichen Kontext wird sich noch stärker auf das Verständnis menschlicher Bedürfnisse richten. Unsere emotionale Intelligenz ist hier immer noch der Vorteil gegenüber der künstlichen Intelligenz, um zum Beispiel kontextuelle Nuancen, Trends, Generationsunterschiede oder kulturelle Bedürfnisse zu verstehen und zu interpretieren.

dm: Wie beeinflusst KI die Art und Weise, wie Sie Kunst und Kreativität definieren? Gibt es neue Formen der Kunst oder kreative Ausdrucksweisen, die durch KI ermöglicht wurden?

G.V.: Kunst und Kreativität müssen unterschieden werden. Kunst muss nicht unbedingt ein Ziel erreichen, außer vielleicht eine Botschaft zu vermitteln, während kreative Aktivitäten wie bei uns Designern einem wirtschaftlichen Ziel dienen sollten. Es ist noch zu früh, um das zu sagen, aber was wir festgestellt haben, ist, dass kreative Disziplinen wie Copywriting oder Illustration stark negativ beeinflusst wurden. Mit dem Zugang zu KI-Anwendungen denken viele, dass sie Artikel schreiben oder gute Illustrationen produzieren können. Man merkt, wenn ein Text mit ChatGPT oder Bard AI produziert wurde, man merkt, wenn ein Visual mit Stable Diffusion gemacht wurde. Wenn KI das Streben nach automatisierter Perfektion die Kreativbranche bedrohen, kann uns die menschliche Imperfektion retten. 

https://digital-magazin.de/claude-design-code-design-handoff/

Was Kreative aus dem Gespräch mitnehmen können

Die wichtigste Lehre aus dem Interview ist nüchtern: KI beschleunigt kreative Arbeit, aber sie nimmt niemandem die Verantwortung ab. Gute Teams definieren deshalb klare Einsatzbereiche. KI darf Varianten erzeugen, Texte vorbereiten, Bildrichtungen testen und Recherche verdichten. Sie sollte aber nicht ungeprüft Strategie, Kundenaussage oder finale Gestaltung bestimmen.

Praktisch heißt das: Legen Sie fest, welche Tools genutzt werden dürfen, welche Daten nicht in externe Systeme gehören und wo menschliche Freigabe zwingend ist. Besonders bei Kundenprojekten lohnt ein Blick auf die Kompetenzen, an denen KI-Umsetzung in Unternehmen oft scheitert. Kreativteams brauchen nicht nur Neugier, sondern auch Prozessdisziplin.

dm: Welche Ratschläge würden Sie angehenden Kreativen geben, die generative KI in ihre Arbeit integrieren möchten, um ihre kreativen Prozesse zu verbessern? 

G.V.: Experimentieren und lernen! Es gibt so viele KI-Tools und Plattformen, die speziell für uns Kreative entwickelt wurden. Man muss sich mit ihnen vertraut machen und experimentieren, um herauszufinden, welche am besten zu den eigenen Anforderungen passen. Ich denke, dass wir die KI bei uns als Unterstützung genau richtig einsetzen, sodass auch angehende Kreative die Technologie so nutzen sollten. KI ist kein Wundermittel, welches sämtliche Arbeit abnimmt und eine Kreativagentur in neue Sphären befördert – dessen sollten sich Angehende in der Branche bewusst sein. Aber sie bleibt ein Werkzeug im Werkzeugkasten der Kreativen. Als Designer sollte man sich von der Arbeit der Architekten, Werber, Maler, Typografen und Schriftstellern von heute und gestern inspirieren lassen. Ich bin überzeugt, dass diese Mischung von Einflüssen zu Originalität und einzigartigem Design führt.

Für Kreative ist deshalb weniger die Frage spannend, welches Modell gerade den saubersten Output liefert. Wichtiger ist, wie Ideen, Freigaben und Übergaben organisiert werden. Beim Design-Handoff zwischen Claude Design und Code-Workflows wird genau diese Brücke sichtbar: KI hilft, wenn sie Arbeitsschritte verbindet, nicht wenn sie gestalterische Verantwortung nur tarnt. Das ist der Unterschied zwischen produktiver Assistenz und schön lackierter Automatisierung.

Über den Interviewten Guillaume Vaslin:

Guillaume Vaslin, Gründer und CEO von ENNOstudio
© ENNO studio GmbH

Guillaume Vaslin ist Gründer und CEO von ENNOstudio, ein Unternehmen, das sich auf die Integration von KI in kreative Prozesse spezialisiert hat. Er verfügt über einen soliden Hintergrund in Design und Technologie. Seit über zehn Jahren arbeitet er in der Branche und erforscht die Schnittstelle zwischen Kunst und KI. Vaslin nimmt regelmäßig an Fachkonferenzen teil, wo er sein Fachwissen mit anderen teilt.

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