Ein PDF ist keine Digitalisierung: Warum das Handwerk seinen größten Trugschluss überwinden muss

Automatisch gespeicherter Entwurf – Ein PDF ist keine Digitalisierung: Warum das Handwerk seinen größten Trugschlu

Handwerksbetriebe glauben, sie seien digital – weil sie PDFs verschicken und Angebotssoftware nutzen. Experte Daniel Fellhauer zerlegt diese Illusion und zeigt: Der wahre Fachkräftemangel heißt Digitalisierungsmangel. Und die Lösung liegt ausgerechnet in WhatsApp-Verläufen.

Inhalt

Stellen Sie sich vor, Sie digitalisieren Ihr Geschäft. Klingt modern, oder? Sie scannen Ihre handschriftlichen Notizen ein, erstellen daraus ein PDF und verschicken es per E-Mail. Fertig. Digital. Mission accomplished. Falsch.

Was Sie gemacht haben, ist genau das: einen analogen Prozess abfotografiert. Sie haben nicht digitalisiert – Sie haben lediglich das Papier durch Pixel ersetzt. Der Prozess dahinter? Genauso verstaubt wie vorher.

Der PDF-Irrtum: Wenn analoges Denken digital aussieht

Daniel Fellhauer, Seriengründer und CEO der FEBESOL GmbH, hat eine unbequeme Botschaft für die deutsche Handwerksbranche: „Das Handwerk glaubt digital zu sein – ist es aber nicht.“ Nach über 20 Jahren Praxiserfahrung in der Branche stellt der Transformationsexperte eine These auf, die schmerzt, aber präzise trifft. Ein PDF sei „lediglich das digitale Abbild eines analogen Prozesses, keine echte Digitalisierung“.

Mal ehrlich: Wie viele Betriebe kennen Sie, die stolz ihre neue Angebotssoftware präsentieren? Die Zahlen aus der aktuellen Bitkom-Studie 2025 bestätigen das Bild – 68 Prozent der Handwerksbetriebe nutzen digitalen Angebots- und Rechnungsversand. Klingt beeindruckend. Ist es aber nicht.

Denn was bringt Ihnen die schickste PDF-Rechnung, wenn der Prozess davor ein einziges Chaos ist? Wenn Ihre Mitarbeiter noch immer manuell Stundenlisten führen, Materialbestellungen per Fax durchgeben (ja, 25 Prozent der Handwerksbetriebe nutzen 2025 noch ein Faxgerät!) und Projektstatus in Excel-Tabellen pflegen, die niemand versteht außer dem Kollegen, der sie vor fünf Jahren angelegt hat?

Die Digitalisierung im Handwerk muss bei der Abbildung von Abläufen beginnen, nicht beim Enddokument. Fellhauer bringt es auf den Punkt: „Viele Betriebe nutzen zwar Angebotssoftware, verstehen aber nicht, dass Digitalisierung bei der Abbildung von Abläufen beginnt.“

Die traurige Wahrheit zeigt sich in der Selbsteinschätzung: Deutsche Handwerksbetriebe geben sich für ihren Digitalisierungsgrad die Schulnote 3,0 – exakt dieselbe Bewertung wie schon 2022. Drei Jahre später, gleiche Note. Das ist kein Stillstand. Das ist Stagnation mit Ansage.

Fachkräftemangel als Symptom, nicht als Ursache

Jetzt wird es kontrovers.

Fellhauer stellt eine These auf, die in Handwerkskammern für hochgezogene Augenbrauen sorgen dürfte: Der vielzitierte Fachkräftemangel im Handwerk sei „künstlich erzeugt“ – ein Resultat aus fehlender Spezialisierung und ineffizienten Prozessen.

Warten Sie. Atmen Sie durch. Bevor Sie jetzt empört den Browser schließen.

Seine Argumentation ist bestechend einfach: Wenn ein Betrieb keine klare Spezialisierung hat, braucht er Allrounder für alles. Wenn Prozesse nicht standardisiert sind, frisst jeder Auftrag unnötig Zeit. Wenn jede Aufgabe individuell gelöst wird statt nach bewährten Mustern, dann brauchen Sie tatsächlich mehr Hände. Aber nicht, weil die Menschen fehlen – sondern weil die Prozesse fehlen.

„Das Handwerk klagt über fehlende Hände, doch tatsächlich fehlt es vor allem an strukturierter Spezialisierung und modernen Prozessen“, so Fellhauers Analyse, die auf jahrzehntelanger Erfahrung fußt, unter anderem als CEO bei S.U.N. Solar und Chief Transformation Officer bei Thermondo.

Die Bitkom-Studie liefert ihm unfreiwillig Munition: 72 Prozent der Handwerksbetriebe geben an, sie hätten „zu viel zu tun, um sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen“. Das ist die klassische Feuerwehr-Mentalität – permanent Brände löschen, statt das Gebäude feuerfest zu machen. Und genau diese Überlastung entsteht, weil Prozesse nicht verschlankt sind, weil Standardisierung fehlt, weil jeder Auftrag wie ein Unikat behandelt wird, obwohl 80 Prozent der Arbeitsschritte identisch sind.

Fellhauers Rat ist radikal simpel: „Welche Arbeit machst du am liebsten – oder womit verdienst du am meisten Geld?“ Diese betriebswirtschaftliche Grundfrage müsse der Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle und konsequente Spezialisierung sein. Statt alles für alle anzubieten, lieber ein oder zwei Bereiche perfektionieren und dort wirklich konkurrenzlos werden.

Meiner Einschätzung nach liegt Fellhauer hier richtig – auch wenn es wehtut, das zuzugeben. Denn die Alternative wäre ja, dass Deutschland plötzlich keine handwerklich begabten Menschen mehr hervorbringt. Was offensichtlich Unsinn ist.

WhatsApp: Der unerkannte Goldschatz auf der Baustelle

Und jetzt wird es richtig spannend.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet WhatsApp der heimliche Digitalisierungs-Champion im Handwerk ist?

Die Bitkom-Studie zeigt: 62 Prozent der Handwerksbetriebe nutzen Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Telegram zur Kommunikation. Das ist mehr als die, die Cloud-Lösungen einsetzen (56 Prozent) oder Online-Meetings nutzen (36 Prozent). WhatsApp ist das meistgenutzte Tool auf dem Bau – nicht Excel, nicht SAP, nicht irgendeine teure ERP-Software.

Fellhauer erkennt darin das eigentliche Digitalisierungspotenzial: „In den sich ständig wiederholenden Fragen und Bildern auf WhatsApp liegen die Ansatzpunkte für echte Standardisierung und Softwarelösungen.“ Wenn Sie jeden Tag dreimal die gleiche Frage per WhatsApp bekommen – „Wie viel Estrich brauchen wir für 80 qm?“ oder „Welches Material nehmen wir bei Feuchträumen?“ –, dann ist das kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Standardisierungsproblem.

Diese wiederkehrenden Muster sind Gold wert. Nicht als nervige Unterbrechungen, sondern als Roadmap für Automatisierung. Jede Frage, die sich wiederholt, ist ein Kandidat für einen Prozess. Für eine Checkliste. Für ein digitales Tool. Für eine Wissensdatenbank.

Stellen Sie sich vor, ein Handwerksbetrieb würde tatsächlich mal drei Monate seine WhatsApp-Verläufe analysieren. Kategorisieren, was gefragt wird. Zählen, wie oft dieselben Informationen abgefragt werden. Und dann – verrückte Idee – diese Informationen standardisiert zur Verfügung stellen. Digital. Abrufbar. Ohne dass jemand extra nachfragen muss.

Das wäre Digitalisierung. Nicht das fünfzigste PDF, sondern die Analyse von Kommunikationsmustern und deren systematische Lösung.

Die „Boomer-Chef“-Falle: Prestige statt Prozesse

Digitalisierung Handwerk – Ein PDF ist keine Digitalisierung: Warum das Handwerk seinen größten Trugschlu

Jetzt wird es politisch – aber notwendig.

Fellhauer benennt ein Problem, über das in Branchenkreisen gerne geschwiegen wird: Viele „Boomer-Chefs“ würden das digitale Momentum verpassen und Innovation aus Prestigegründen blockieren statt den tatsächlichen Nutzen von Prozessautomatisierung zu erkennen.

Das ist keine pauschale Altersdiskriminierung. Das ist eine Beschreibung von Führungskultur. Von Betrieben, die nach dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht“ arbeiten. Oder die reflexartig abwehren mit „So wie bei euch geht das bei uns nicht“ – ohne es überhaupt mal ausprobiert zu haben.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nur 4 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe nutzen bisher Künstliche Intelligenz – trotz enormer Potenziale für Routineaufgaben. Weitere 9 Prozent planen den Einsatz. Das heißt im Umkehrschluss: 87 Prozent der Betriebe haben sich noch nicht einmal ernsthaft damit beschäftigt.

Warum? Laut Bitkom-Studie haben 96 Prozent der Betriebe Bedenken hinsichtlich IT-Sicherheit und Datenschutz. 69 Prozent nennen hohe Investitionskosten. 58 Prozent sehen mangelnde Digitalkompetenz bei Mitarbeitenden als Problem.

Aber mal ehrlich: Sind das wirklich die Gründe? Oder sind das Ausreden?

Wenn 72 Prozent der Betriebe sagen, sie seien zu beschäftigt für Digitalisierung – ist das dann ein Zeitproblem oder ein Prioritätenproblem? Wenn jemand keine Zeit hat, Prozesse zu verbessern, die ihm langfristig Zeit sparen würden, dann ist das ein klassisches Führungsproblem.

Fellhauer fordert deshalb einen Paradigmenwechsel: Nicht in teure Prestige-Software investieren, sondern mit der Analyse beginnen. Welche Prozesse kosten am meisten Zeit? Welche Aufgaben wiederholen sich ständig? Wo liegt echter Mehrwert – und wo nur gefühlter?

Die gute Nachricht: Es gibt Hoffnung. 54 Prozent der Ausbildungsbetriebe im Handwerk profitieren bereits von den Digitalkompetenzen ihrer Auszubildenden. Die junge Generation bringt digitales Know-how mit – wenn man sie lässt. Wenn man ihnen zuhört statt ihnen zu erklären, warum alles beim Alten bleiben muss.

Was das Handwerk jetzt braucht – keine Buzzwords, sondern Taten

Schluss mit den Diagnosen. Was ist die Therapie?

Fellhauer fordert einen „dringenden Neustart“ – und wird dabei konkret, ohne in Beraterjargon zu verfallen:

Erstens: Fokus auf Standardisierung. Nicht jedes Projekt neu erfinden. Dokumentation und Personalplanung automatisieren. Wiederkehrende Abläufe in Prozesse gießen. Das ist nicht sexy, aber effektiv.

Zweitens: Ausbildung modernisieren. Digitalisierung muss fester Bestandteil in Meisterschulen und Berufsschulen werden – nicht als Zusatzmodul, sondern als Grundlage. Wer 2026 noch ohne digitale Kompetenzen ins Handwerk geht, ist vom ersten Tag an abgehängt.

Drittens: Institutionen als Treiber. Kammern und Verbände müssen zu Zukunftsgestaltern werden statt Status-quo-Verwaltern. Fellhauers Kritik ist deutlich: „Das Handwerk wirkt oft wie ein alter Stammtisch – es braucht endlich Zukunft.“

Ist das fair? Ich finde: ja. Wenn ich mir anschaue, wie viele Handwerkskammern noch Faxnummern auf ihrer Website prominent platzieren und deren „Digitalisierungsberatung“ aus einem zweistündigen Vortrag besteht, dann ist Fellhauers Appell mehr als berechtigt.

Die Zahlen zeigen übrigens: Das Handwerk will digitalisieren. 89 Prozent der Betriebe sehen die Digitalisierung als Chance, nur 6 Prozent als Risiko. 80 Prozent erwarten eine flexiblere Arbeitsorganisation, 76 Prozent Zeitersparnis, 75 Prozent eine erhöhte Sichtbarkeit. Das Bewusstsein ist da.

Es fehlt nur an der Umsetzung.

Und genau hier müssen wir bei digital-magazin.de ansetzen: Nicht mit weiteren Studien über Digitalisierung reden, sondern konkrete Lösungen zeigen. Keine Buzzwords wie „digitale Transformation“ in Endlosschleife wiederholen, sondern echte Handlungsanleitungen liefern.

Der Wendepunkt: Jetzt oder nie

Fellhauers Warnung hat Gewicht: Ohne echte digitale Strategie wird das Handwerk seine Attraktivität für junge, technikaffine Nachwuchskräfte endgültig verlieren.

Stellen Sie sich die Perspektive eines 18-Jährigen vor, der zwischen IT-Ausbildung und Handwerk wählt. In welche Branche würde er gehen? In die, wo er mit Excel 2007 und Fax arbeitet – oder in die, wo moderne Tools, Cloud-Lösungen und KI-Assistenten zum Standard gehören?

Die Antwort ist offensichtlich.

Das Handwerk muss sich entscheiden: Will es eine Branche sein, die von ihrer Vergangenheit zehrt und darauf wartet, dass „sich schon alles irgendwie fügt“? Oder will es eine Branche sein, die aktiv ihre Zukunft gestaltet, die Prozesse hinterfragt, die Digitalisierung nicht als Bedrohung sieht, sondern als die einzige Chance zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit?

Meiner Meinung nach ist Fellhauers Analyse schonungslos – aber genau deshalb so wertvoll. Denn nur wer das Problem ehrlich benennt, kann es auch lösen. Und das Problem ist nicht der Fachkräftemangel. Das Problem ist die Art, wie wir arbeiten, denken und führen.

Ein PDF ist keine Digitalisierung. Es ist ein gescanntes Stück Papier.

Echte Digitalisierung beginnt damit, Prozesse zu verstehen, zu hinterfragen und neu zu denken. Sie beginnt mit der Analyse von WhatsApp-Verläufen, nicht mit dem Kauf der teuersten Software. Sie beginnt mit der Frage „Womit verdienen wir wirklich Geld?“ statt mit „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Das Handwerk hat alle Voraussetzungen, um digital erfolgreich zu sein. Es hat kompetente Menschen, es hat Aufträge, es hat Potenzial. Was fehlt, ist der Mut zur Veränderung. Und genau diesen Mut braucht es jetzt.

Denn die Alternative? Weitermachen wie bisher. Und dann in zehn Jahren verwundert feststellen, dass die junge Generation lieber bei Tech-Startups arbeitet als in traditionsreichen Handwerksbetrieben.

Die Wahl liegt bei Ihnen.

Quellen: Bitkom Research 2025 (Studie zur Digitalisierung im Handwerk), Zentralverband des Deutschen Handwerks

0 0 Bewertungen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Ähnliche Artikel