Anna Meier

Stellen Sie sich vor: Ihr Arzt öffnet Ihre Patientenakte – und die läuft nicht über irgendein veraltetes System, sondern über eine Plattform, die wirklich mitdenkt. Keine langen Wartezeiten wegen Papierkram. Keine doppelten Untersuchungen. Keine Überweisungsformulare, die in der Post verlorengehen. Stattdessen: durchdachte Abläufe, die Zeit für das Wesentliche lassen – nämlich für Sie.
Genau das war die Stimmung Mitte April in Berlin. Die DMEA 2026 – Europas größte Messe für Digitalisierung im Gesundheitswesen – hat ihre Tore geöffnet. Und diesmal hatte ich das Gefühl, dass sich etwas Grundlegendes verschoben hat. Nicht nur bei den Ausstellern, sondern in der gesamten Branche.
Wenn Sie in den vergangenen Jahren auf der DMEA waren, kennen Sie das Bild: viele Aussteller, viel Hoffnung, aber auch viel Fragmentierung. Inseln der Innovation, die nicht so richtig miteinander sprachen. Praxen arbeiteten mit anderen Systemen als Kliniken. Apotheken wiederum hatten ihre eigenen Lösungen. Ein Flickenteppich, der zwar digital war – aber nicht vernetzt.
Heute war das anders. Das Motto „Connecting Digital Health“ war nicht nur ein Slogan für die Pressemappen. In den Messehallen sah ich, wie Startups, etablierte Softwareanbieter und Vertreter aus Praxen und Kliniken miteinander ins Gespräch kamen. Nicht mehr nebeneinander, sondern miteinander. Die Grenzen zwischen den Sektoren verschwammen – zumindest auf der Ebene der Ideen und Konzepte.
Ich habe auf der Messe mit mehreren Ausrichtern gesprochen, und ein Argument tauchte immer wieder auf: Die Technologie ist endlich gut genug, um auch außerhalb der Tech-Abteilungen zu funktionieren. Sprich: Ärzte und medizinisches Personal müssen keine IT-Experten mehr sein, um die Systeme zu nutzen. Die Benutzeroberflächen wurden simpler, die Integrationen einfacher, die Schulungszeiten kürzer.
Das ist ein entscheidender Punkt. Denn die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nicht an fehlender Technik gescheitert – sie ist an der Akzeptanz gescheitert. Oder genauer: an der Frustration derjenigen, die täglich mit den Systemen arbeiten müssen. Wenn eine neue Software mehr Probleme schafft als löst, wird sie nicht genutzt. Punkt.
Auf der DMEA 2026 habe ich gesehen, dass dieses Problem ernst genommen wird. Die Aussteller zeigten nicht nur ihre Produkte, sondern auch, wie diese in bestehende Workflows eingebettet werden können. Change Management als integraler Bestandteil, nicht als nachträglicher Anhang.
Ein Thema, das ich so auf einer Medizintech-Messe nicht erwartet hatte: Carbon-aware Software. Also Software, die ihren Energieverbrauch optimiert – im Kontext von KI ja kein kleines Thema. Sprachmodelle und Bildgeneratoren schlucken Rechenpower, und diese Rechenpower kostet Energie.
Der Ansatz ist clever: Weniger Rechenaufwand bedeutet weniger Energieverbrauch bedeutet weniger CO2. Und in Zeiten, in denen jede Branche ihren Beitrag zur Klimawende leisten soll, ist das einleuchtend. Auf der Messe habe ich mehrere Unternehmen gesehen, die ihre KI-Lösungen genau unter diesem Aspekt positionieren.
Das passt zu einem breiteren Trend, der auch jenseits der Gesundheitsbranche sichtbar wird. MasterCard hat gerade bekannt gegeben, dass das Unternehmen seine Hardware-Decommissioning-Kadenz im ersten Quartal 2026 nahezu verdoppelt hat – plus Solarpaneele am eigenen Tech Hub in St. Louis. Große Tech-Unternehmen nehmen Nachhaltigkeit ernst, und das überträgt sich zunehmend auf den Gesundheitssektor.
Für Arztpraxen und Kliniken ist das ein interessanter Gedanke: Software, die nicht nur funktioniert, sondern auch noch den ökologischen Fußabdruck minimiert. Das ist kein Luxus mehr, sondern wird zum Wettbewerbsvorteil.
Neben Carbon-awareness war AI-Optimierung das zweite große übergreifende Thema. Gemeint sind nicht die großen, ressourcenhungrigen Sprachmodelle, sondern schlanke Lösungen, die spezifische Aufgaben effizient erledigen.
Ein Praxisbeispiel, das mir auf der Messe gezeigt wurde: Radiologen, die mit KI-Unterstützung Röntgenbilder auswerten. Die Software markiert Auffälligkeiten, priorisiert die Befundung, schlägt Differenzialdiagnosen vor. Der Arzt trifft weiterhin die Entscheidung – aber die Vorbereitung läuft schneller und strukturiert.
Das klingt nach Science-Fiction, ist aber bereits Realität. Auf der DMEA 2026 konnte man solche Systeme live erleben. Und das Feedback der Fachleute war durchweg positiv: Die Tools entlasten, ersetzen aber nicht. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Überschriften, die regelmäßig „KI ersetzt Ärzte“ verkünden.
Was mich besonders gefreut hat: Die KI-Lösungen auf der Messe waren nicht nur für große Kliniken gedacht. Auch kleinere Praxen können profitieren – etwa durch automatisierte Terminplanung, vorsortierte Patientendaten oder prädiktive Analysen für die Praxisorganisation. Hochrisiko-KI-Systeme unterliegen zwar strengen Regulierungen – aber für viele Anwendungen reichen schlankere Modelle, die schneller implementiert und betrieben werden können.
Wer die Hannover Messe verfolgt hat, kennt den Begriff: Digitale Twins – virtuelle Abbilder von Objekten oder Prozessen. In der industriellen Fertigung werden sie bereits seit Jahren genutzt, um Maschinen zu optimieren. Jetzt kommt die Technologie in der Medizin an.
Ein Startup auf der DMEA zeigte ein System, das Organe als digitale Modelle abbildet. So können Chirurgen komplexe Eingriffe am virtuellen Vorbild planen, bevor sie den realen Patienten anfassen. Das reduziert Risiken und verkürzt OP-Zeiten. Für den Patienten bedeutet das: weniger Narkose, schnellere Erholung.
Das erinnert an den Ansatz von SAP auf der Hannover Messe, wo digitale Twins für die industrielle Fertigung eingesetzt werden. In der Medizin passiert Ähnliches – nur mit lebenswichtigen Unterschieden. Denn hier geht es nicht um Produktionsabläufe, sondern um Menschenleben.
Die technischen Voraussetzungen sind gegeben: Genug Rechenpower, gute 3D-Modellierung, Schnittstellen zu bildgebenden Verfahren. Was noch fehlt, ist die Skalierung. Bisher sind digitale Twins vor allem in Unikliniken anzutreffen. Der Weg in die Fläche wird noch einige Jahre dauern.
Ein Bereich, der mir besonders aufgefallen ist: die videogestützte Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Was während der Pandemie als Notlösung startete, hat sich als fester Bestandteil der Versorgung etabliert.
Auf der DMEA 2026 wurde deutlich: Hybridversorgung ist kein Trend mehr, sondern Realität. Patienten können Termine wahrnehmen, ohne das Haus zu verlassen. Ärzte können Erstgespräche oder Nachkontrollen digital durchführen. Für ländliche Regionen oder mobilitätseingeschränkte Personen ist das ein Segen.
Die technischen Hürden sind weitgehend überwunden. Sichere Übertragung, Bildqualität, Integration in Praxisverwaltungssysteme – all das funktioniert mittlerweile out of the box. Was bleibt, ist die Frage der Vergütung. Und hier bewegt sich etwas: Immer mehr Krankenkassen erstatten digitale Sprechstunden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
Für Sie als Patient bedeutet das: Fragen Sie in Ihrer Arztpraxis nach, ob Videosprechstunden angeboten werden. Für Sie als Angehörige der Gesundheitsbranche: Ist Ihre Praxis oder Einrichtung für die digitale Kommunikation gerüstet? Wenn nicht, wird es Zeit.
Was noch fehlt – und das wurde auf der Messe unmissverständlich klar – ist die flächeckende Vernetzung aller Akteure. Die technischen Lösungen sind vorhanden. Aber sie sprechen nicht immer miteinander.
Telematikinfrastruktur, sichere Datentransfers, standardisierte Schnittstellen – die Schlagworte kennt jeder in der Branche. Auf der DMEA 2026 habe ich aber das Gefühl bekommen, dass die Umsetzung greifbarer wird. Auch Initiativen wie die gematik treiben die Interoperabilität voran.
Wenn Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken endlich reibungslos Daten austauschen können, entsteht ein echter Mehrwert für alle Beteiligten. Doppelte Untersuchungen werden vermieden. Medikationsfehler durch unvollständige Informationen sinken. Der Patient steht im Mittelpunkt – nicht die Systemgrenzen.
Das ist der eigentliche Mehrwert von Events wie der DMEA: Dass Menschen zusammenkommen, die an verschiedenen Stellen an ähnlichen Problemen arbeiten. Der Austausch beschleunigt Dinge, die in der isolierten Einzelentwicklung Jahre bräuchten. Und oft reicht ein einziges gutes Gespräch auf einer Messe, um eine Kooperation anzustoßen, die beiden Seiten weiterbringt.
Ein Thema, das auf keiner Gesundheitsmesse fehlen darf: der Datenschutz. Patientendaten sind sensible Informationen – und die DSGVO macht da keine Ausnahme. Auf der DMEA 2026 habe ich gesehen, wie Anbieter dieses Thema ernst nehmen.
Sichere Datenübertragung, Verschlüsselung, Zugriffsrechte – all das sind keine optionalen Extras mehr. Patienten und Behörden erwarten einen sorgsamen Umgang mit Gesundheitsdaten. Wer das nicht garantieren kann, wird es schwer haben, sich am Markt zu behaupten.
Für Sie als Patient bedeutet das: Sie dürfen zu Recht erwarten, dass Ihre Daten geschützt sind. Und für Angehörige der Gesundheitsbranche: Investieren Sie in Sicherheit. Es ist nicht nur rechtlich geboten – es ist auch ein Vertrauensvorteil.
Ein Thema, das auf keiner Gesundheitsmesse fehlen darf: der regulatorische Rahmen. Der EU AI Act setzt seit Anfang 2026 neue Maßstäbe – auch für den Gesundheitssektor. Systeme, die als hochriskant eingestuft werden, durchlaufen strenge Konformitätsprüfungen.
Auf der Messe gab es mehrere Sessions dazu, wie Unternehmen und Einrichtungen mit diesen Anforderungen umgehen können. Die Botschaft war eindeutig: Compliance ist keine Hürde, sondern ein Qualitätsmerkmal. Wer seine KI-Systeme von Anfang an transparent und dokumentiert aufbaut, hat weniger Probleme bei der Zulassung.
Für Sie als Leserinnen und Leser bedeutet das: Wenn Sie mit KI-Lösungen im Gesundheitswesen arbeiten, beschäftigen Sie sich frühzeitig mit den Anforderungen. Informieren Sie sich über die deutschen Sonderwege beim KI-Recht. Denn zwischen EU-Vorgaben und nationaler Umsetzung gibt es oft Feinheiten, die entscheidend sind.
Wenn Sie mich fragen: Die Messe hat gezeigt, dass Digital Health nicht mehr nur ein Nischenthema für Tech-Enthusiasten ist. Die Lösungen werden konkreter, die Zusammenarbeit intensiver, die Akzeptanz höher.
Klar, es gibt noch Hürden. Datenschutz, Kosten, Widerstand gegen Veränderung – das alles lässt sich nicht mal eben überwinden. Aber die Richtung stimmt. Und das Tempo nimmt zu.
Ich bin nächstes Jahr wieder dabei. Und ich bin gespannt, welche der heute gezeigten Prototypen dann als Standardlösungen in Praxen und Kliniken laufen. Vielleicht sitze ich ja demnächst selbst in einer Videospprechstunde, deren Technik ich letzten Endes auf der DMEA gesehen habe.
Falls Sie im Gesundheitswesen arbeiten und noch zögern: Die Zeit zum Einstieg ist jetzt. Nicht, weil alle anderen es schon tun – sondern weil die Technologie so weit gereift ist, dass Sie wirklich davon profitieren können.
Schauen Sie sich um, sprechen Sie mit Anbietern, starten Sie small. Muss nicht gleich ein großes Kliniksystem sein. Auch eine gut implementierte Videosprechstunde kann schon einen Unterschied machen. Oder ein digitales Terminerinnerungssystem. Oder eine optimierte Patientenaufnahme.
Digital Health erreicht die Breite – und Sie können dabei sein.
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