Ein Wochenende. Ich hatte einen Raspberry Pi 5 auf dem Schreibtisch, eine vage Vorstellung davon, was ich damit anstellen wollte – und am Ende hatte ich einen laufenden Media-Center, einen Pi-hole im Netzwerk und ungefähr vier angefangene Projekte, die alle gleichzeitig interessanter aussahen als das, was ich eigentlich vorhatte. Willkommen in der Welt des kleinen Computers, der zu groß denkt.
Für alle, die noch nie von dem kleinen Platinenwunder gehört haben: Der Raspberry Pi ist ein Einplatinencomputer im Kreditkartenformat, entwickelt von der Raspberry Pi Foundation aus Cambridge. Ursprünglich als Lehrcomputer für Schüler gedacht. Was daraus geworden ist? Kult.
Der Pi 5, erschienen Ende 2023, ist ein echter Generationssprung. Prozessor: Broadcom BCM2712, 4 Kerne à 2,4 GHz. RAM: 4 oder 8 GB LPDDR4X. Dazu erstmals ein eigener I/O-Chip (RP1), der endlich USB 3.0 und korrekte PCIe-Anbindung bringt. Und – das ist neu – ein Echtzeituhr-Anschluss, damit der Pi auch nach Neustart die Uhrzeit kennt. Klingt nach einem Detail, macht in der Praxis aber einen großen Unterschied.
Preis: Die 4-GB-Version kostet rund 60 Euro, die 8-GB-Variante liegt bei knapp 80 Euro. Dazu kommen Netzteil (offiziell empfohlen: das neue 27-Watt-USB-C-Netzteil für rund 12 Euro), eine microSD-Karte oder besser ein NVMe-SSD-HAT. Budget für ein komplettes Starter-Setup: 100-130 Euro. Das ist der Einstiegspreis für Stunden Frust und noch mehr Stunden Begeisterung.
Die offizielle Produktseite mit allen technischen Specs, Bezugsquellen und Zubehör: Raspberry Pi 5 – Offizielle Produktseite. Dort gibt es auch die offiziellen Dokumentationen und GPIO-Pinbelegungen.
Das ist das erste Projekt, das ich bei jedem neuen Pi aufsetze. Und das aus gutem Grund.
Pi-hole ist ein DNS-Sinkhole – also ein lokaler DNS-Server, der Werbe- und Tracking-Domains für alle Geräte im Netzwerk blockiert. Das Schöne: Es läuft auf dem Pi, alle anderen Geräte im Heimnetz profitieren automatisch davon. Kein Browser-Plugin pro Gerät mehr, auch der Smart-TV oder das Tablet wird sauber gehalten.
Installation: Ein Bash-Script, ein paar Minuten warten, fertig. Die Weboberfläche unter der lokalen IP sieht hübsch aus und zeigt live, wie viele DNS-Anfragen geblockt wurden. Bei mir: Rund 28 % aller DNS-Anfragen im Haushalt sind Tracker oder Werbung. Im Ernst.
Einziger Nachteil: Wenn der Pi aus ist, funktioniert das Netz schlecht. Zwei Lösungen: Der Pi läuft einfach immer (Stromverbrauch im Idle: rund 3-4 Watt, also kleiner als eine LED-Nachtlampe), oder man setzt eine Fallback-DNS im Router. Ansonsten gibt’s kein Internet, wenn der Pi rebooted. Habe ich einmal erlebt. Nie wieder.
Die Pi-hole-Projektseite erklärt alle Installationsoptionen und Konfigurationsmöglichkeiten: pi-hole.net – Netzwerkweiter Werbeblocker. Wer Docker nutzt, kann Pi-hole auch als Container betreiben – das bietet mehr Flexibilität bei Updates.
Der Pi 5 ist der erste Raspberry Pi, der wirklich gut als Mediacenter funktioniert. Und das liegt vor allem daran, dass er endlich Hardware-Videodekodierung für H.265 (HEVC) mitbringt – was beim Pi 4 noch Softwaresache war und entsprechend ruckelig war.
Zwei Richtungen:
Kodi ist das klassische Mediacenter – läuft als eigenständiges System (LibreELEC ist das empfohlene Betriebssystem dafür), sieht gut aus auf dem TV, braucht null Vorkenntnisse und spielt alles ab, was auf einer externen Festplatte oder dem Netzwerkspeicher liegt. Add-ons für Podcasts, YouTube, sogar Live-TV-Streams über DVB-T2-USB-Stick. Das reicht für 90 % aller Mediacenter-Ansprüche.
Jellyfin ist eher für Leute mit eigenem Heimserver-Anspruch. Jellyfin läuft als Server auf dem Pi, und man streamt von überall auf beliebige Clients – Browser, App, Smart TV. Wie Netflix, nur mit der eigenen Filmsammlung. Der Pi 5 schafft damit 1-2 gleichzeitige Streams in FullHD locker, 4K mit H.265 wird schon sportlicher.
Nerd-Alarm: Wer Jellyfin ernsthaft betreibt, sollte eine NVMe-SSD als Systemspeicher nehmen (via HAT-Board, das es mittlerweile direkt von Raspberry Pi gibt). MicroSD-Karten nerven bei dauerhaftem Schreibzugriff und gehen früher oder später ein.
Kodi und die verfügbaren Add-ons sind auf der offiziellen Projektseite dokumentiert: kodi.tv – Open Source Media Center. Für den Einstieg empfiehlt sich LibreELEC als einfachste Betriebssystem-Variante.
Zugegeben, das ist das unproduktivste Projekt in dieser Liste. Aber auch das Spaßigste.
RetroPie ist ein Betriebssystem-Image, das man einfach auf eine SD-Karte flasht und in den Pi steckt. Danach bootet das Ding direkt in EmulationStation, einer hübschen Spieleoberfläche, die Emulatoren für gefühlt alle Spielkonsolen der 80er und 90er startbereit hält. NES, SNES, Sega Mega Drive, PlayStation 1, Game Boy Advance – alles mit dabei.
Was man selbst mitbringen muss: Die ROMs (Spieledateien) – die sind rechtlich grau und man möge selbst die Entscheidung treffen. Controller funktionieren am besten mit USB- oder Bluetooth-Gamepads. Ich nutze Xbox-Controller, die der Pi 5 sofort erkennt.
Der Pi 5 ist für RetroPie ehrlich gesagt Overkill – der läuft auch auf einem Pi 3 oder 4 problemlos. Aber wenn der Pi eh schon da ist, warum nicht. Ein SNES-Controller via Bluetooth und ein HDMI-Kabel zum Fernseher, und der Freitagabend ist gerettet.
Das ist das coolste Projekt, das ich in letzter Zeit auf einem Pi ausprobiert habe. Und ja, der Pi 5 schafft das – mit Einschränkungen.
Mit Tools wie Ollama lassen sich kleine Sprachmodelle (LLMs) lokal auf dem Pi laufen. Modelle wie Phi-3 Mini oder Llama 3.2 (3B-Parameter-Variante) funktionieren auf dem 8-GB-Modell einigermaßen – mit rund 2-5 Tokens pro Sekunde, was gemütlich ist, aber für einfache Aufgaben reicht. Kein ChatGPT-Ersatz, aber ein lokaler Assistent, der keine Daten nach außen schickt.
Interessanter wird es in Kombination mit Home Assistant oder einem eigenen Smarthome-Controller. Wie Home Assistant als zentrale Schaltzentrale für das Smarthome funktioniert, haben wir separat beschrieben – die Kombination mit einem lokalen LLM auf dem Pi ist der nächste Schritt für Bastler mit Ehrgeiz.
Wer genau das will – einen Sprachassistenten, der lokal läuft und nicht zu Amazon oder Google spricht: Wie man sich einen eigenen lokalen Sprachassistenten baut und Alexa damit ersetzt, ist ebenfalls lesenswert. Der Pi 5 ist die ideale Hardware dafür.

Für alle, die Dropbox satt haben oder einfach keine Lust mehr auf monatliche Abo-Gebühren für Cloud-Speicher: Ein kleines NAS auf Pi-Basis ist eine echte Alternative.
OpenMediaVault (OMV) ist dabei die beliebteste Lösung. Es verwandelt den Pi in einen Netzwerkspeicher mit Weboberfläche, Benutzeranmeldung, Samba-Freigaben für Windows und sogar Docker-Support für zusätzliche Dienste. Eine 2-TB-USB-Festplatte anschließen, OMV installieren, Freigaben anlegen – und schon hat man seinen eigenen Cloud-Ersatz.
Aber: Der PCIe-Anschluss des Pi 5 ist hier Gold wert. Mit einem HAT-Board kann man eine NVMe-SSD direkt anschließen, was die Lese- und Schreibgeschwindigkeiten auf NAS-taugliche Werte bringt. USB 3.0 an einer Festplatte schafft theoretisch rund 100 MB/s, NVMe auf PCIe 2.0 (was der Pi 5 offiziell unterstützt) kommt auf 400-500 MB/s. Das ist ein erheblicher Unterschied.
OpenMediaVault ist als Community-Projekt kostenlos erhältlich und gut dokumentiert: openmediavault.org – NAS-Software für den Raspberry Pi. Die Community-Foren helfen bei Problemen schnell weiter.
Klingt aufwendiger als es ist.
Mit einer Pi-Kamera (das offizielle Modul gibt es ab rund 25 Euro) oder einer USB-Webcam lässt sich auf dem Pi 5 ein vollständiges Überwachungssystem aufsetzen. Motion ist die einfachste Lösung – erkennt Bewegung, speichert Videos und schickt auf Wunsch eine E-Mail-Benachrichtigung. Frigate ist die ambitioniertere Variante mit KI-basierter Objekterkennung direkt auf dem Pi.
Was das mit dem Pi 5 besser macht als früher: Der neue I/O-Chip RP1 hat deutlich bessere Kamera-Support, und die gestiegene CPU-Leistung macht Echtzeit-Videoauswertung überhaupt erst sinnvoll praktisch. Mit einem Coral USB-Accelerator für rund 60 Euro lässt sich die KI-Erkennung auf dedizierte Hardware auslagern, was die Erkennungsrate und -geschwindigkeit nochmal deutlich steigert.
Der eigentliche Grund, warum der Raspberry Pi zu einem Kult-Gerät wurde: die GPIO-Pins.
Diese 40 Steckpins auf der Platine sind der Weg in die Welt der Elektronik. Temperatursensoren, Luftfeuchtigkeitsmesser, CO₂-Sensoren, LEDs, Displays, Relais – alles lässt sich direkt anschließen, und Python-Bibliotheken machen die Auswertung so einfach, dass man wirklich keinen Elektrotechnik-Hintergrund braucht.
Eine einfache Wetterstation mit DHT22-Sensor (Temperatur + Luftfeuchtigkeit, kostet rund 5 Euro) und einer kleinen Datenbank auf dem Pi ist ein Nachmittagsprojekt. Die Daten lassen sich mit Grafana visualisieren, der Pi sendet Warnungen wenn’s zu trocken wird – oder auch einfach als Hintergrundprozess laufen. Im Ernst, das macht mehr Spaß als man erwarten würde.
Für Profis: Wenn mehrere Pis in einem Netzwerk Daten sammeln und zusammenführen sollen, ist das bereits ein vollwertiges IoT-Projekt. Die CES 2026 hat gezeigt, wohin die Reise in der Consumer-Tech-Welt geht – und viele dieser Trends lassen sich mit einem Pi 5 im Kleinen selbst umsetzen und ausprobieren.
Kurze Orientierungshilfe:
Die 8-GB-RAM-Variante des Pi 5 lohnt sich immer dann, wenn man mehrere Dienste parallel betreibt oder lokale KI-Modelle nutzen will. Für reine Mediacenter-Zwecke reichen 4 GB locker.
Raspberry Pi OS (früher Raspbian) ist die offizielle Empfehlung und funktioniert gut. Ubuntu Server 24.04 LTS läuft ebenfalls ausgezeichnet auf dem Pi 5 und ist für alle, die schon Linux-Kenntnisse mitbringen, oft die angenehmere Wahl.
Wichtig: Seit dem Pi 5 empfiehlt sich der Start mit einem NVMe-SSD-HAT statt microSD. Die offizielle microSD-Alternative von Raspberry Pi ist die Pi SSD – günstig, schnell, direkt aufs Board gesteckt. SD-Karten sterben bei dauerhaftem Schreibzugriff früher oder später, und nichts ist ärgerlicher als ein kaputtes System nach drei Monaten Heimserver-Betrieb.
Kurz gesagt: Der Raspberry Pi 5 ist der vielseitigste Kleincomputer, den man für unter 100 Euro bekommt. Ob Media-Center, Netzwerk-Tool, KI-Spielplatz oder Elektronik-Werkzeug – irgendwo passt er immer rein. Das Schwierigste ist, sich auf ein Projekt zu konzentrieren. Bei mir stehen gerade vier angefangene, und ich bereue nichts.
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