
Der Digital Services Act hat die Spielregeln der Internet-Regulierung in Europa grundlegend verändert. Was das für die Pornhub-Sperrungen in Deutschland bedeutet, warum das Herkunftslandprinzip deutsche Medienanstalten in die Enge treibt — und was die EU-Kommission eigentlich mit sehr großen Plattformen machen kann.
Seit dem 17. Februar 2024 gilt der Digital Services Act vollständig in allen EU-Mitgliedstaaten. Das klingt nach bürokratischer Routine, ist es aber nicht. Der DSA hat etwas Entscheidendes geändert: Er definiert, wer im digitalen Raum das Sagen hat. Und er macht deutlich, dass nationale Behörden nicht einfach machen können, was sie wollen — egal wie legitim ihr Anliegen ist.
Nirgendwo wird das gerade deutlicher als bei den deutschen Pornhub-Sperren.
Der Digital Services Act (Verordnung EU 2022/2065) ist kein Jugendschutzgesetz im engeren Sinne. Er ist ein umfassendes Regelwerk für digitale Dienste aller Art — von Hosting-Diensten über Suchmaschinen bis zu sozialen Netzwerken. Sein Kerngedanke: Was offline illegal ist, soll auch online illegal sein. Und: Wer als Plattform Inhalte vermittelt, trägt Verantwortung für die Prozesse, nicht notwendigerweise für jeden einzelnen Inhalt.
Für den Jugendschutz enthält der DSA konkrete Pflichten für sogenannte sehr große Online-Plattformen (VLOPs — Very Large Online Platforms). Diese müssen Systemic Risks durch ihre Dienste bewerten, und dazu gehört explizit auch der Schutz Minderjähriger. Plattformen ab 45 Millionen monatlichen Nutzern in der EU fallen in diese Kategorie.
Pornhub hatte diese Nutzerzahlen wohl überschritten — ist aber inzwischen von der VLOP-Liste der EU-Kommission gestrichen worden, nachdem die Nutzerzahlen unter die Schwelle gefallen sind. Das ist kein Zufall: Die Sperrungen in mehreren europäischen Ländern haben messbar Traffic gekostet.
Hier liegt der entscheidende Knackpunkt, den das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße in seinem Urteil vom Januar 2026 herausgearbeitet hat.
Das Herkunfts
landprinzip besagt: Eine Plattform muss sich primär nach dem Recht des Landes richten, in dem sie niedergelassen ist. Für alle anderen EU-Mitgliedstaaten gilt: Sie dürfen keine zusätzlichen nationalen Anforderungen stellen, die über das EU-Recht hinausgehen. Art. 3 der E-Commerce-Richtlinie hat dieses Prinzip schon früh verankert; der DSA führt es fort und präzisiert es.
Aylo, die Muttergesellschaft von Pornhub und YouPorn, ist in Zypern registriert. Zuständig ist damit die zypriotische Regulierungsbehörde — nicht die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, nicht die BLM, nicht die Landesmedienanstalt NRW.
Was folgt daraus? Deutsche Medienanstalten können Aylo keine eigenen Anforderungen auferlegen. Sie können das zypriotische Recht nicht durch nationale Sperrverfügungen ersetzen. Das hat das VG Neustadt klar festgestellt. Ähnlich hatte bereits das VG Düsseldorf argumentiert.
Mehr zu den spezifischen Gerichtsverfahren und dem aktuellen Stand des Berufungsverfahrens lesen Sie im Artikel Pornhub-Sperrung Deutschland: Das Gerichtsurteil und was es bedeutet.
Zypern ist nicht zufällig der Sitz vieler großer Tech- und Medienunternehmen. Das Land hat attraktive Steuerstrukturen und war lange bekannt für eine vergleichsweise liberale Auslegung europäischer Regularien. Für Unternehmen, die von strengeren Regimes in anderen Ländern betroffen sein könnten, ist Zypern ein attraktiver Standort.
Im Kontext des Herkunftslandprinzips bedeutet das: Wer sich in Zypern ansässig macht, unterliegt zypriotischer Aufsicht. Die zypriotischen Behörden müssen dann DSA-konform handeln — aber sie entscheiden, wie sie das tun. Solange sie die DSA-Mindestanforderungen erfüllen, haben andere EU-Staaten wenig Möglichkeiten, direkt zu intervenieren.
Die EU-Kommission kann das jedoch. Sehr große Plattformen werden direkt von der Kommission beaufsichtigt — unabhängig vom Herkunftsland. Das ist der eigentliche Mechanismus, den der DSA für grenzüberschreitende Fälle vorsieht.
Der DSA gibt der EU-Kommission starke Instrumente gegenüber VLOPs. Sie kann Risikobewertungen einfordern, Audits durchführen und bei Verstößen empfindliche Bußgelder verhängen — bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Bei wiederholten Verstößen ist sogar eine vorübergehende Aussetzung des Dienstes in der EU möglich.
Der Haken: Die Kommission muss aktiv werden. Ein automatischer Jugendschutzmechanismus ist der DSA nicht. Er schafft Pflichten, aber ihre Durchsetzung hängt von Kapazitäten und politischem Willen der Kommission ab.
Für Plattformen unterhalb der VLOP-Schwelle — und dazu gehört Pornhub derzeit — ist die Situation noch komplizierter. Hier sind die nationalen Aufsichtsbehörden zuständig, aber eben die des Herkunftslandes. Das zypriotische Digital Services Coordinator (DSC) hätte also zu handeln — eine Behörde, die bislang kaum in Erscheinung getreten ist.

Der DSA schreibt sehr großen Plattformen vor, Systeme zu implementieren, die sicherstellen, dass Minderjährige keine sie schädigenden Inhalte zu sehen bekommen. Das kann durch Altersverifikation geschehen, aber auch durch technische Zugangsbeschränkungen anderer Art.
Was der DSA nicht macht: Er schreibt keine spezifische Methode vor. Ausweisscan, Face-Estimation, Kreditkartenverifizierung oder integrierte eID-Lösungen — der DSA ist da technologieneutral. Das schafft Flexibilität, aber auch Interpretationsspielraum.
Kritiker bemängeln, dass der DSA damit den Jugendschutz auf dem Papier stärkt, in der Praxis aber noch keine konkreten Verbesserungen gebracht hat. Die großen Plattformen haben Jugendschutzsysteme implementiert, deren Wirksamkeit jedoch umstritten ist. Ob ein „Ich bin über 18“-Klick oder eine oberflächliche Gesich
tsanalyse echten Schutz bietet, bezweifeln Experten.
Die Pornhub-Debatte offenbart ein grundsätzliches Spannungsverhältnis in der europäischen Regulierung: Nationale Behörden wollen schnell und wirksam handeln. Das EU-Recht setzt dem Grenzen.
Frankreich hat das anders gelöst: Dort hat die Aufsichtsbehörde Arcom auf Basis des französischen Rechts Sperrverfügungen erlassen — und diese mit dem Herkunftslandprinzip vereinbar gemacht, indem auf eine spezielle Ausnahmeklausel des europäischen Rechts verwiesen wurde. Das Ergebnis: Frankreich hat Pornhub und andere Plattformen erfolgreich gesperrt, und diese Sperren halten bisher gerichtlicher Überprüfung stand.
Das britische Modell ist anders — UK ist zwar nach dem Brexit nicht mehr an den DSA gebunden, hat aber mit dem Online Safety Act eine eigene Lösung geschaffen, die Altersverifikation für Pornografie-Plattformen verpflichtend vorschreibt. Plattformen, die sich nicht anpassen, riskieren Netzsperren durch den britischen Regulator Ofcom.
Das zeigt: Jugendschutz im Netz ist durchaus durchsetzbar. Aber der Weg dahin muss europarechtlich sauber sein. Deutschland hat diesen Weg bisher nicht konsequent beschritten.
Wenn Deutschland wirksam Jugendschutz im Netz durchsetzen will, gibt es im Wesentlichen drei Optionen:
Erstens könnten Bund und Länder ihre Instrumente europarechtlich nachrüsten — ähnlich wie Frankreich das getan hat. Das erfordert aber präzise juristische Arbeit und möglicherweise neue Gesetze.
Zweitens könnten die deutschen Medienanstalten über die European Regulators Group for Audiovisual Media Services (ERGA) kooperieren und Druck auf zypriotische Behörden ausüben, endlich zu handeln.
Drittens könnten Bundesregierung und Bundestag in Brüssel auf eine Verschärfung der DSA-Anforderungen für Pornografie-Plattformen drängen — speziell auf verpflichtende, technisch robuste Altersverifikation.
Was nicht funktioniert: nationale Sperrverfügungen gegen EU-ansässige Plattformen, die vom Herkunftslandprinzip des DSA gedeckt sind. Das hat das Verwaltungsgericht Neustadt klargestellt.
Hinter der Pornhub-Debatte steckt eine größere regulatorische Frage: Wie viel Souveränität behalten Mitgliedstaaten im digitalen Raum? Der DSA ist ein Projekt der EU-Kommission, das bewusst auf Harmonisierung und Zentralisierung setzt. Das hat Vorteile — einheitliche Standards, keine Zersplitterung des digitalen Binnenmarkts. Aber es bedeutet auch, dass nationale Behörden Kompetenzen abgeben.
Für Länder wie Deutschland, die historisch au
f starke Länder-Medienaufsicht gesetzt haben, ist das ein Kulturschock. Die Landesmedienanstalten haben im analogen und frühen digitalen Zeitalter eine wichtige Rolle gespielt. Im Zeitalter des DSA müssen sie ihre Rolle neu definieren.
Eine sorgfältige Einordnung der gesamten Pornhub-Sperrungsdebatte bietet der Überblicksartikel Pornhub und YouPorn gesperrt: Deutschland und der Kampf um digitalen Jugendschutz.
Wie sich das technisch und praktisch für Nutzer auswirkt — Stichwort VPN und DNS-Blockaden — erklärt der Artikel Pornhub VPN: Ist das Umgehen der Sperre legal?. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Markt analysiert der Artikel Pornhub gesperrt: Wie der Streaming-Markt auf die Blockaden reagiert.
Weiterführende Quellen: EU-Verordnung über digitale Dienste (DSA) im EU-Amtsblatt | Heise: DSA und Pornhub-Nutzerzahlen | FAZ: Was der DSA für Nutzer ändert
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