3,1 Prozent – so viel mehr Gehalt bekommen Beschäftigte 2026 im Schnitt. Klingt okay, oder? Ist es aber nicht. Denn nach Jahren mit Inflationsausgleich und Fachkräfte-Bonus dreht sich der Wind. Unternehmen kürzen Budgets, bauen Stellen ab und spielen die Karte „schwierige Wirtschaftslage“. Wer jetzt mehr Geld will, braucht eine andere Strategie als noch vor zwei Jahren. Hier kommt sie.
Mal ehrlich: Die goldenen Jahre für Gehaltsforderungen sind vorbei. 2023 konnten Sie mit einem lockeren „Ich habe ein Angebot der Konkurrenz“ noch locker 10 oder 15 Prozent rausholen. Der Fachkräftemangel war Ihr bester Freund. Unternehmen haben sich gegenseitig überboten, um Leute zu halten.
Das hat sich gedreht.
Die Kienbaum-Vergütungsstudie zeigt es schwarz auf weiß: Die durchschnittliche Gehaltserhöhung sinkt seit drei Jahren – von 4,9 Prozent (2023) über 4,7 Prozent (2024) und 3,8 Prozent (2025) auf jetzt 3,1 Prozent. In der Automobilindustrie sind es sogar nur 2,5 Prozent. Und Firmen mit schlechtem Geschäftsjahr? Die planen mit mageren 2,3 Prozent.
Der Grund ist kein Geheimnis: Deutschland steckt wirtschaftlich fest. Die Industrie schwächelt, Exporte stocken, und Konzerne wie SAP, Bosch oder Continental haben 2025 massiv Personal abgebaut. Wenn Ihr Arbeitgeber gerade Stellen streicht, kommen Sie mit einer Gehaltsforderung etwa so gut an wie mit einer Urlaubsanfrage am ersten Arbeitstag.
Aber – und das ist der springende Punkt – „schwierig“ heißt nicht „unmöglich“. Es bedeutet nur: Sie müssen klüger verhandeln.
Kennen Sie das? Sie arbeiten seit Jahren im selben Team, machen denselben Job wie Ihre Kollegin am Nebentisch – und ahnen, dass die deutlich mehr verdient. Bisher konnten Sie nur raten. Ab Juni 2026 ändert sich das.
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie zwingt Deutschland, das bestehende Entgelttransparenzgesetz massiv zu verschärfen. Was das konkret heißt:
Was bedeutet das für Ihre nächste Gehaltsverhandlung? Eine Menge. Sie gehen nicht mehr mit einem Bauchgefühl rein, sondern mit Daten. Sie wissen, was die Gehaltsspanne für Ihre Position ist. Sie kennen den Median. Und wenn Ihr Chef sagt „Mehr ist leider nicht drin“ – dann können Sie fragen: „Warum verdiene ich dann 15 Prozent unter dem Durchschnitt meiner Vergleichsgruppe?“
Das ist ein Gamechanger. Wir bei digital-magazin.de sind überzeugt: Dieses Gesetz wird Gehaltsverhandlungen in Deutschland stärker verändern als jeder Karriereratgeber der letzten zehn Jahre.

Vergessen Sie die Standard-Tipps aus dem Internet. „Seien Sie selbstbewusst“ und „Kennen Sie Ihren Wert“ – geschenkt. Das weiß jeder. Hier kommt, was in einer angespannten Wirtschaftslage wirklich zieht.
Ihr Chef interessiert sich nicht dafür, dass Sie „sich mehr Wertschätzung wünschen“. Was ihn interessiert: Was haben Sie dem Unternehmen gebracht? In Euro. In Prozent. In konkreten Ergebnissen.
„Ich habe das Onboarding-System umgestellt und dadurch die Einarbeitungszeit neuer Teammitglieder von 8 auf 5 Wochen reduziert“ – das ist ein Argument. „Ich arbeite viel und bin engagiert“ – das ist keins.
Führen Sie ab sofort ein Erfolgsjournal. Jede Woche, fünf Minuten. Projekt abgeschlossen, Kosten gespart, Prozess verbessert, Kundenfeedback bekommen. In sechs Monaten haben Sie eine Liste, gegen die kein Vorgesetzter etwas sagen kann.
Fragen Sie nicht im Januar nach mehr Geld. Da laufen Budgetplanungen, und jeder Manager hat den Rotstift in der Hand. Warten Sie auf einen guten Quartalsabschluss. Wenn die Zahlen stimmen, ist die Stimmung besser – und der Spielraum größer.
Noch besser: Verknüpfen Sie Ihre Forderung mit einem konkreten Erfolg. Sie haben gerade ein Projekt erfolgreich abgeschlossen? Perfektes Timing.
Ab Juni 2026 haben Sie das Recht auf Gehaltsauskunft. Nutzen Sie es. Aber stürmen Sie damit nicht direkt ins Chefbüro. Klüger: Sammeln Sie die Daten, vergleichen Sie mit externen Quellen wie dem Stepstone Gehaltsplaner oder Kununu, und bauen Sie sich ein sauberes Bild auf.
Dann formulieren Sie nicht: „Ich weiß, dass Peter mehr verdient.“ Sondern: „Nach meiner Recherche liegt mein Gehalt unter dem Median für vergleichbare Positionen in unserer Branche und Region. Ich würde gerne besprechen, wie wir das angleichen können.“
Sachlich. Datenbasiert. Ohne Anklage. Das zieht.
Wenn der Gehaltstopf leer ist – und das werden 2026 viele Unternehmen behaupten –, gibt es andere Hebel. Manche davon sind für Sie sogar mehr wert als 200 Euro brutto extra:
Ein guter Verhandlungsansatz: „Wenn das Gehaltsbudget gerade eng ist, können wir vielleicht über alternative Vergütungsbestandteile sprechen?“ Das zeigt Verständnis für die Unternehmenslage – und holt trotzdem etwas raus.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie 2026 ein glattes „Ja, klar, hier sind 10 Prozent mehr“ hören, ist gering. Stellen Sie sich mental darauf ein und planen Sie Ihre Reaktion.
Ein „Nein“ bedeutet nicht das Ende des Gesprächs. Es bedeutet: Fragen stellen. „Was müsste passieren, damit eine Gehaltsanpassung in sechs Monaten möglich ist?“ Oder: „Welche Ziele müsste ich erreichen, um beim nächsten Gespräch in einer besseren Position zu sein?“
Damit zwingen Sie Ihren Chef, konkret zu werden. Und Sie haben eine Messlatte, auf die Sie sich beim nächsten Mal berufen können.
Hand aufs Herz: Die meisten Menschen sind miserabel im Verhandeln. Nicht weil sie dumm wären, sondern weil es niemand lehrt. In der Schule nicht, im Studium nicht, im Job schon gar nicht.
2026 gibt es keine Ausrede mehr. Es gibt exzellente Online-Kurse – von Coursera über die Haufe Akademie bis zu YouTube-Kanälen, die Verhandlungstechniken vermitteln. Harvard hat sein „Getting to Yes“-Konzept kostenlos zugänglich gemacht. Investieren Sie ein Wochenende, und Sie sind besser vorbereitet als 90 Prozent Ihrer Kolleginnen und Kollegen.
Ein Tipp, der erstaunlich gut funktioniert: Üben Sie die Verhandlung vorher mit jemandem. Laut. Nicht im Kopf. Sprechen Sie die Sätze aus. „Ich möchte über mein Gehalt sprechen, weil…“ – wer das zum ersten Mal im echten Gespräch sagt, klingt unsicher. Wer es dreimal geübt hat, nicht.
Sie müssen nicht mit einem konkreten Konkurrenzangebot winken. Aber Sie sollten wissen, was der Markt für Ihre Position zahlt. Und das dürfen Sie auch erwähnen.
„Laut aktuellen Gehaltsstudien liegt die Spanne für meine Position bei 55.000 bis 68.000 Euro. Ich liege aktuell bei 52.000.“ Das ist keine Drohung. Das ist eine Information. Und eine ziemlich überzeugende.
Genauso wichtig wie die richtige Strategie: die typischen Fehler vermeiden. Einige davon sehen wir bei digital-magazin.de in unserer Recherche immer wieder.
Nicht mit Kündigung drohen, wenn Sie nicht wirklich gehen würden. Bluffs fliegen auf. Und wenn Ihr Chef sagt „Okay, dann alles Gute“ – stehen Sie ziemlich dumm da. Drohungen erzeugen Druck, aber keinen Respekt. In Krisenzeiten reagieren Unternehmen empfindlicher auf solche Manöver als in Boomjahren.
Nicht den Kollegenvergleich anführen. „Aber Meyer verdient doch auch…“ ist das Killerargument – gegen Sie. Es zeigt, dass Sie nicht über Ihren eigenen Wert sprechen können, sondern sich an anderen orientieren. Ab Juni 2026 haben Sie Daten. Nutzen Sie die sachlich, nicht emotional.
Nicht um den heißen Brei reden. Kommen Sie zum Punkt. Ihr Chef hat wenig Zeit und noch weniger Geduld für eine 20-minütige Einleitung. „Ich möchte heute über mein Gehalt sprechen. Ich halte eine Anpassung auf X Euro für angemessen, und hier sind meine Gründe.“ Zack. Fertig. Professionell.
Nicht die eigene Leistung kleinreden. „Ich weiß, die Zeiten sind schwierig, und eigentlich ist es vielleicht nicht der richtige Moment, aber…“ – damit haben Sie verloren, bevor Sie angefangen haben. Schwierige Zeiten sind genau der richtige Moment. Wer in der Krise Leistung bringt, hat das stärkste Argument überhaupt.
Manchmal ist die beste Gehaltsverhandlung gar keine Verhandlung – sondern ein Wechsel. Auch 2026, trotz schwierigerer Arbeitsmarktlage, gibt es Bereiche, in denen Fachkräfte händeringend gesucht werden.
Die IT-Branche zahlt weiterhin überdurchschnittlich. Laut Bitkom fehlen in Deutschland über 140.000 IT-Fachkräfte – Tendenz steigend. Wer KI-Kompetenz mitbringt, Datenanalyse beherrscht oder Cloud-Infrastrukturen aufsetzen kann, hat Verhandlungsmacht. Dort sind 15 bis 25 Prozent mehr beim Wechsel realistisch.
Auch im Gesundheitswesen, in der Energiebranche und im Bereich Cybersecurity sieht es gut aus. Wer in einer dieser Branchen Erfahrung hat, sollte den eigenen Marktwert regelmäßig checken. Nicht um ständig zu wechseln – aber um zu wissen, wo man steht.
Spannend wird es bei den sogenannten „Hybrid-Profilen“: Menschen, die Fachwissen mit digitalen Kompetenzen verbinden. Eine Controllerin, die Python kann. Ein Vertriebsprofi, der mit KI-gestützten CRM-Systemen arbeitet. Das sind die Profile, für die Unternehmen 2026 bereit sind, tiefer in die Tasche zu greifen – weil sie selten sind.
Das neue Entgelttransparenzgesetz ist mehr als nur ein juristisches Update. Es verändert, wie wir über Geld reden – oder besser gesagt: dass wir endlich darüber reden.
In Deutschland war Gehalt jahrzehntelang Tabuthema. Wer nach dem Verdienst der Kolleginnen und Kollegen fragte, galt als indiskret. Unternehmen profitierten davon: Wer nicht weiß, was andere verdienen, fordert weniger. Die Informationsasymmetrie lag immer auf Seiten des Arbeitgebers.
Das kippt jetzt. Und zwar nicht nur durch das Gesetz, sondern durch einen generationalen Wandel. Jüngere Beschäftigte – die Generation Z und die späten Millennials – haben kein Problem damit, offen über Gehalt zu sprechen. Plattformen wie Glassdoor, Kununu oder Levels.fyi haben längst eine Transparenz geschaffen, die kein Gesetz je hätte erzwingen können.
Für Sie als Arbeitnehmende heißt das: Die Verhandlungsposition verschiebt sich. Langsam, aber stetig. Unternehmen, die weiterhin auf Geheimhaltung setzen, werden Schwierigkeiten haben, Talente zu gewinnen. Und Firmen, die faire, transparente Gehaltsstrukturen aufbauen, werden attraktiver – für bestehende und neue Teammitglieder.
Nach unserer Recherche bei digital-magazin.de zeigt sich: Skandinavische Länder, wo Gehälter seit Jahrzehnten öffentlich sind, haben deutlich kleinere Gender Pay Gaps und höhere Arbeitszufriedenheit. Deutschland hat da Nachholbedarf. Aber der Anfang ist gemacht.
Gehaltsverhandlungen 2026 sind kein Sprint, sondern ein strategisches Spiel. Hier ist, was Sie diese Woche tun können – ja, diese Woche:
Die Zeiten, in denen Gehälter automatisch gestiegen sind, sind vorbei. Aber die Zeiten, in denen Sie mit den richtigen Argumenten und Daten echte Fortschritte erzielen können – die fangen gerade erst an. Das Entgelttransparenzgesetz gibt Ihnen Werkzeuge an die Hand, die es so in einer sich wandelnden Arbeitswelt noch nie gab. Nutzen Sie sie.
Denn am Ende gilt, was immer gegolten hat: Wer nicht fragt, kriegt auch nichts. Und wer klug fragt, kriegt mehr als erwartet.
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