Thomas Weber 
eBay hat seit März 2023 alle Gebühren für private Verkäufer dauerhaft gestrichen – und positioniert sich damit als nachhaltige Alternative zu Temu und Co. Doch was steckt hinter der Strategie, und welche Chancen ergeben sich konkret für Verkäufer und gewerbliche Händler? Klartext zu Gebührenmodell, Eco-Ambitionen und dem, was davon wirklich belegt ist.
Temu drückt. Das ist die schlichte Ausgangslage für jeden etablierten Marktplatz in Deutschland. Die chinesische Plattform hat mit aggressivem Preisdumping und schier unbegrenztem Werbebudget innerhalb weniger Jahre Millionen Nutzer gewinnen können. Die Antwort von eBay ist interessant: keine Preisschlacht, sondern Repositionierung. Das Gebührenmodell wird zum strategischen Hebel, Second-Hand wird zur Nachhaltigkeitsbotschaft, und die Marktplatz-Logik dreht sich.
Das Problem dabei: Viele der kursierenden Berichte über angebliche Sonderrabatte speziell für „grüne Produkte“ oder Eco-Labels im Checkout lassen sich schlicht nicht belegen. Was sich belegen lässt, ist für Seller dennoch relevant genug, um genauer hinzuschauen. Denn eBays Nachhaltigkeitsstrategie hat reale Gebührenkonsequenzen – nur eben anders verteilt, als vielfach behauptet wird.
Meine Einschätzung: eBay hat mit der Gebührenabschaffung 2023 den mutmaßlich klügsten Zug in der jüngeren Plattformgeschichte gemacht. Nicht weil er altruistisch ist, sondern weil er wirtschaftlich Sinn ergibt – mehr Angebote, mehr Verkehr, mehr Daten, mehr Marge auf der gewerblichen Seite.
Seit dem 1. März 2023 erhebt eBay dauerhaft keine Verkaufs- und Einstellgebühren mehr für private Anbieter auf ebay.de. Die Kampagne lief unter dem Slogan „Lass es los. Kostenlos.“ und wurde über TV und Social Media gestreut. Das Handelsblatt ordnete die Maßnahme als direkten Schachzug gegen aufstrebende Second-Hand-Plattformen und neue Billigkonkurrenz ein.
eBay selbst formulierte das so: „Mit dem Wegfall der Gebühren beseitigt eBay die größte Hürde, die deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher bislang in Bezug auf das Verkaufen bei ebay.de gesehen haben.“ Jenny Schmaler, Senior Director Consumer Selling bei eBay, bestätigte in einem Podcast der Kreislaufwirtschaftsplattform Circulture, dass diese Entscheidung den privaten Handel und die Kreislaufwirtschaft messbar angekurbelt habe. Konkrete Volumenzahlen nannte eBay dabei nicht öffentlich.
Für private Verkäufer bedeutet das: null Einstellgebühr, null Verkaufsprovision, keine Mindestpauschale. Das neue Bezahlverfahren ist in diese Regelung eingeschlossen. Die einzige relevante Einschränkung kommt nicht von eBay, sondern vom Fiskus.
Für gewerbliche Seller sieht das eBay Gebührenmodell anders aus. Provisionen fallen weiterhin an – die genaue Höhe variiert nach Kategorie, liegt aber traditionell im Bereich von rund 11 Prozent des Gesamtpreises zuzüglich einer Fixgebühr pro Transaktion. Das Problem dabei ist bekannt: Bei Produkten mit ohnehin dünnen Margen – und das sind nachhaltige oder fair produzierte Waren häufig – drückt diese Provision direkt auf die Rentabilität.
Genau hier liegt die strategische Frage für 2026: Wenn eBay nachhaltige Marktplätze als Differenzierungsmerkmal gegen Temu aufbauen will, müsste das Gebührenmodell für gewerbliche Händler mit zertifizierten Nachhaltigkeitsprodukten eigentlich attraktiver werden. Bislang gibt es dafür keine belegte, dedizierte Rabattstruktur. Was es gibt: vereinfachte Gutscheinaktionen für Händler, die eBay ab März 2026 ausgerollt hat, und den „Circular Fashion Fund“ mit Fördergeldern statt Gebührennachlässen.
Der Circular Fashion Fund in seiner zweiten Runde 2026 schüttet immerhin je 50.000 US-Dollar an acht ausgewählte Finalisten aus – der globale Gewinner erhält zusätzlich 300.000 US-Dollar für Kreislaufideen in der Modeindustrie. Das ist Förderung, kein Kommissionsmodell. Wer als gewerblicher Händler auf eine Gebührenreduktion für nachhaltige Sortimente hofft, wartet noch.
Um das Marge-Dilemma für gewerbliche Händler greifbarer zu machen, lohnt ein kurzer Praxisblick. Angenommen, ein kleiner Händler für nachhaltig produzierte Textilien verkauft eine Jacke für 80 Euro. Bei einer Provision von rund 11 Prozent plus Fixgebühr verbleiben nach eBay-Gebühren etwa 70 bis 71 Euro – noch ohne Versandkosten, Verpackung und eventuelle Retouren. Zum Vergleich: Auf einer Plattform ohne Verkäufergebühren, aber mit käuferseitiger Servicegebühr wie Vinted, wären die Fixkosten für den Seller auf den ersten Blick niedriger. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Reichweite: eBay bringt als Generalist deutlich breiteren Traffic, was höhere Verkaufswahrscheinlichkeit bedeutet – und damit mehr Transaktionen trotz Provision.
Dieses Kalkül verschiebt sich, sobald eBay tatsächlich differenzierte Provisionsmodelle für nachhaltige Sortimente einführen sollte. Selbst eine moderate Reduktion um wenige Prozentpunkte würde bei Waren mit fair kalkulierten Herstellungskosten den Unterschied zwischen rentabel und nicht rentabel bedeuten. Es ist deshalb kein akademisches Thema, sondern eine echte Geschäftsentscheidung, ob und wann eBay diesen Schritt geht.
Das Thema Eco-Labels im Checkout ist im E-Commerce ein echter Trend. Plattformen wie Zalando oder About You experimentieren mit Nachhaltigkeitskennzeichnungen direkt im Kaufprozess, um Conversion zu steuern und Käufer zu sensibilisieren. Die Idee dahinter ist simpel: Wer beim Checkout sieht, dass ein Produkt secondhand, regional oder zertifiziert fair produziert ist, kauft möglicherweise eher – und die Plattform erzählt eine bessere Geschichte als Temu.
Bei eBay ist die Nachhaltigkeitskennzeichnung derzeit primär über die Produktkategorie „Secondhand“ und „B-Ware“ abgebildet. Eine technische Integration von standardisierten Eco-Labels in den eigentlichen Checkout-Prozess – vergleichbar mit Zertifikaten wie dem Blauen Engel oder GOTS direkt am Kaufbutton – ist für den deutschen Markt stand Mai 2026 nicht offiziell dokumentiert. Das kann sich ändern. Auf nachhaltige Marktplätze zu setzen ist als Strategie richtig, aber Verkäufer sollten zwischen Ankündigung und tatsächlicher Plattformfunktion unterscheiden.
Das schließt nicht aus, dass eBay in diese Richtung arbeitet. Es schließt nur aus, dass Seller heute ihre Listings auf eine noch nicht existierende Infrastruktur optimieren sollten. Pragmatisch gedacht: Wer jetzt auf eBay nachhaltige Produkte verkauft, profitiert von der gestiegenen Sichtbarkeit des Segments – nicht von einem technischen Eco-Label-System.

Wer durch die Gebührenfreiheit verleitet wird, massiv über eBay zu verkaufen, ohne die steuerlichen Konsequenzen zu kennen, sitzt auf einem echten Risiko. Die EU-Richtlinie DAC7 verpflichtet eBay seit 2023, Nutzerdaten an die Finanzbehörden zu melden, sobald ein Verkäufer 30 oder mehr Transaktionen pro Kalenderjahr abwickelt oder Erlöse von mindestens 2.000 Euro erzielt. Beide Schwellen sind für aktive Privatverkäufer schnell erreicht.
Das bedeutet nicht automatisch Steuerpflicht. Entscheidend ist, ob eine Gewinnerzielungsabsicht vorliegt und ob das Auftreten als gewerblich eingestuft wird. Onlinemarketing.de hat diesen Trend im E-Commerce wiederholt aufgegriffen: Die Plattformregulierung verschiebt die Verantwortung zunehmend auf den Seller, nicht auf den Marktplatz. Wer also den kostenlosen Verkauf als Einladung zum ungeregelten Handel versteht, kann böse Überraschungen erleben – die Gebührenfreiheit bei eBay ändert an der DAC7-Meldepflicht gar nichts.
Für gewerbliche Händler gilt: Sie sind ohnehin meldepflichtig und müssen ihr Konto entsprechend verifizieren. Die DAC7-Transparenz ist bei eBay faktisch bereits Realität. Das ist eine Compliance-Anforderung, die beim Vergleich mit Temu – wo Steuerklarheit für Seller und Käufer oft deutlich undurchsichtiger ist – für eBay sogar ein Argument sein kann.
Temu konkurriert über Preis. eBay kann und will das nicht spielen. Die Antwort, die sich aus allen belegten Maßnahmen der letzten zwei Jahre ablesen lässt, ist eine andere: Vertrauen, Gebrauchtwarenkultur und Plattforminfrastruktur für Kreislaufwirtschaft. Das klingt weicher, hat aber eine klare wirtschaftliche Logik. Wer bei eBay kauft, hat Käuferschutz, eine etablierte Bewertungsstruktur und – bei Privatverkäufen – seit 2023 tatsächlich keine versteckten Gebühren mehr.
Temu hingegen steht unter wachsendem regulatorischem Druck in der EU. Das Digital Services Act und Produktsicherheitsanforderungen treffen chinesische Marktplätze spürbarer als etablierte europäische Plattformen. eBay spielt also auf Zeit und auf Regulierung – eine Kombination, die mittel- bis langfristig Conversion zugunsten des deutschen Marktes verschieben könnte.
Wer als Händler auf eBay heute Stellung beziehen will, sollte das Sortiment auf Secondhand, B-Ware und nachhaltig produzierte Neuware prüfen. Diese Kategorien genießen auf der Plattform gerade erhöhte Aufmerksamkeit – durch eBays eigenes Marketing, durch gestiegene Verbrauchernachfrage und durch die wachsende Medienpräsenz des Themas. Das ist kein Eco-Label-System, aber es ist ein Sichtbarkeitsvorteil.
Die Gutschein-Tools, die eBay ab März 2026 für gewerbliche Händler vereinfacht hat, sind ein konkreter operativer Hebel: weniger Aufwand beim Erstellen von Aktionen, direktere Integration in Listings. Wer diesen Hebel noch nicht nutzt, lässt bares Geld liegen – oder genauer: Conversion, die bei knappen Margen den Unterschied macht.
Außerdem lohnt sich der Blick auf den Circular Fashion Fund als Bewerbungsoption. Wer im Modebereich Kreislaufkonzepte entwickelt, kann sich für die nächste Runde qualifizieren – und 50.000 Dollar sind kein schlechtes Argument für eine Produktidee, die sonst an Finanzierungshürden scheitert. Nachhaltige Marktplätze brauchen nachhaltige Geschäftsmodelle dahinter. Das ist eBays eigentliche Botschaft, auch wenn sie selten so direkt kommuniziert wird.
Vinted hat im Secondhand-Segment eine klare Positionierung und zieht vor allem jüngere Käufer an, die Mode resellen wollen. Das Provisionsmodell bei Vinted ist käuferseitig – nicht verkäuferseitig – was für Seller auf den ersten Blick attraktiv wirkt. Aber: Die Plattformreichweite für kategorienfremde Produkte ist begrenzt. Wer nicht ausschließlich Kleidung verkauft, ist bei eBay besser aufgehoben.
Temu ist das Gegenteil von nachhaltigen Marktplätzen: Neuwaren aus Fernostproduktion, minimale Transparenz zu Lieferketten, maximaler Preisdruck. Für Käufer kurzfristig verlockend, für Händler strukturell nicht konkurrierbar ohne Margenopfer. Für Seller, die auf Qualität und Wiederkäufer setzen, ist Temu kein sinnvoller Vergleichspunkt – eher ein Warnsignal für die eigene Sortimentsstrategie.
eBay spielt eine andere Rolle: Generalist mit historischer Stärke in Gebraucht- und Sammlerwaren, jetzt mit ernsthafter Investition in Kreislaufwirtschaft und gebührenfreiem Privathandel. Handelsblatt E-Commerce fasst diese Positionierung treffend zusammen: Established Players wie eBay müssen nicht schneller werden als Temu – sie müssen vertrauenswürdiger sein.
Es wäre unvollständig, eBays Nachhaltigkeitskurs unkritisch zu lassen. Denn die Gebührenfreiheit für private Verkäufer kostet eBay zunächst Einnahmen – das Unternehmen setzt darauf, diese über höheres Transaktionsvolumen, stärkere Händlerbindung und Datenwert zu refinanzieren. Das ist ein nachvollziehbares Kalkül, aber kein reiner Umweltbeitrag. Secondhand-Plattformen, die ihr Modell ausschließlich über Kreislaufwirtschaft kommunizieren, ohne die dahinterliegende Wachstumslogik zu benennen, laufen Gefahr, als Greenwashing wahrgenommen zu werden.
Konkret: eBay profitiert davon, wenn mehr Gebrauchtware auf der Plattform gehandelt wird – weil es mehr Nutzer bringt, mehr Seitenaufrufe, mehr Werbepotenzial. Die Entscheidung, Gebühren zu streichen, war also primär eine Wachstumsentscheidung, die sich gut als Nachhaltigkeitsbotschaft verpacken lässt. Das macht sie nicht falsch, aber Seller sollten den Unterschied kennen: Die Plattform handelt in ihrem Interesse, das zufällig mit dem Seller-Interesse übereinstimmt. Solange das der Fall ist, ist es eine gute Partnerschaft. Sobald eBay die Gebührenstruktur wieder ändert – was nicht ausgeschlossen ist – wird diese Übereinstimmung auf die Probe gestellt.
Für Händler bedeutet das: Plattformabhängigkeit bleibt ein Risiko, auch auf einem vermeintlich seller-freundlichen Marktplatz. Wer eBay als einzigen Absatzkanal nutzt, sollte zumindest die eigene E-Mail-Liste oder einen ergänzenden Shop aufbauen, um nicht vollständig von Plattformentscheidungen abhängig zu sein. Nachhaltige Marktplätze sind ein gutes Argument für die Kundenkommunikation – aber kein Ersatz für eine diversifizierte Vertriebsstrategie.
Die Strategie stimmt. Gebührenfreiheit für Private, Förderung von Kreislaufkonzepten, vereinfachte Händler-Tools – das ist kein Zufallsprodukt, sondern eine konsistente Antwort auf Temu-Druck und wachsenden Nachhaltigkeitsanspruch der Käufer. Was fehlt, ist der nächste konkrete Schritt im eBay Gebührenmodell für gewerbliche Händler mit nachweislich nachhaltigen Sortimenten.
Die eigentliche Frage, die im Raum steht: Wann zieht eBay die logische Konsequenz und schafft tatsächlich ein differenziertes Provisionsmodell, das Eco-Labels und zertifizierte Nachhaltigkeitsstandards mit messbaren Gebührenvorteilen verknüpft? Andere Plattformen testen das bereits. eBay hat die Infrastruktur, die Reichweite und jetzt auch die Positionierung – es fehlt nur noch die Umsetzung in konkreten Zahlen.
Wer als Seller nicht warten will, bis eBay das entscheidet: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, das eigene Listing-Portfolio auf Secondhand und B-Ware auszurichten, DAC7-Compliance zu prüfen und Gutschein-Tools aktiv zu nutzen. Die Plattform zeigt gerade, wohin die Reise geht. Mitfahren ist günstiger als aufholen.
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