80 Prozent aller Unternehmen werden bis Ende 2026 generative KI produktiv einsetzen. Gleichzeitig werden 75 Prozent aller neuen Anwendungen mit Low-Code entstehen – entwickelt von Menschen ohne IT-Hintergrund. Was zunächst nach zwei getrennten Trends klingt, verschmilzt gerade zu etwas Größerem: KI wird unsichtbar. Und genau das macht sie gefährlich mächtig.
Unsichtbare KI – der Begriff klingt paradox. Wie kann etwas unsichtbar sein, über das alle reden? Die Antwort liegt in einem fundamentalen Wandel, der sich 2026 vollzieht. KI hört auf, ein separates Werkzeug zu sein. Sie wird zur Grundschicht, auf der alles andere aufbaut. Wie Elektrizität. Niemand denkt mehr über Strom nach, wenn er den Lichtschalter betätigt. Genau das passiert gerade mit künstlicher Intelligenz.
Mark Roberts, CTO bei Capgemini, bringt es auf den Punkt: „Wir erreichen ein Stadium, in dem KI in das Gewebe von Organisationen eingewoben wird. Wir werden nicht mehr über Innovation mit KI sprechen, sondern über die Integration von KI in Prozesse.“ Das ist keine Zukunftsmusik. Das passiert jetzt.
Wenn wir bei digital-magazin.de von unsichtbarer KI sprechen, meinen wir keine versteckte Technologie. Wir meinen KI, die so tief in Anwendungen und Prozesse integriert ist, dass Nutzende sie nicht mehr als solche wahrnehmen. Der Chatbot auf der Website? Offensichtliche KI. Die automatische Textvervollständigung in Ihrer E-Mail-App? Unsichtbare KI. Die Vorschläge, welche Datei Sie als nächstes öffnen sollten? Unsichtbare KI.
Der Unterschied ist nicht technischer Natur. Er ist psychologischer Natur. Offensichtliche KI erfordert bewusste Interaktion. Sie stellen eine Frage, Sie bekommen eine Antwort. Unsichtbare KI arbeitet im Hintergrund. Sie antizipiert Bedürfnisse, bevor Sie sie artikulieren. Sie optimiert Prozesse, ohne dass jemand einen Knopf drückt.
Laut Gartner werden bis 2026 mehr als 80 Prozent der Unternehmen generative KI-APIs nutzen oder GenAI-fähige Anwendungen produktiv einsetzen – gegenüber weniger als fünf Prozent im Jahr 2023. Das ist ein Sprung von 5 auf 80 Prozent in drei Jahren. Kein anderer Technologietrend hat jemals eine solche Adoptionsgeschwindigkeit erreicht.
Nicht jede unsichtbare KI ist gleich. Je nachdem, wie tief sie in Unternehmensprozesse eingebettet ist, unterscheiden wir fünf Ebenen:
Die oberflächlichste Form. KI schlägt vor, korrigiert, vervollständigt. Sie kennen das von Rechtschreibprüfungen, die plötzlich ganze Sätze umformulieren. Oder von E-Mail-Programmen, die Antworten vorschlagen. Technisch gesehen ist das bereits KI. Aber die meisten Menschen denken nicht darüber nach.
In Unternehmen zeigt sich das etwa bei der automatischen Kategorisierung eingehender E-Mails, der Erkennung von Duplikaten in Datenbanken oder der Priorisierung von Support-Tickets. Kleine Helfer, die in Summe Stunden sparen.
Hier wird es interessanter. KI analysiert Abläufe und schlägt Verbesserungen vor – oder setzt sie gleich selbst um. Ein Beispiel: Ein ERP-System, das automatisch Bestellmengen anpasst, basierend auf Verkaufsprognosen, Lieferzeiten und Lagerkapazitäten. Niemand muss mehr manuell nachrechnen.
Die Integration von KI in ERP-Systeme ist einer der Bereiche, in denen unsichtbare KI bereits heute massiv Mehrwert schafft. Die Software denkt mit, ohne dass Nutzende es bemerken.
KI bereitet Entscheidungen vor, indem sie Daten analysiert, Szenarien durchspielt und Empfehlungen ausspricht. Der Mensch trifft die finale Entscheidung – aber auf Basis von Informationen, die ohne KI nicht verfügbar wären.
Ein klassisches Beispiel: Kreditwürdigkeitsprüfungen. Die KI wertet hunderte Datenpunkte aus und gibt eine Einschätzung. Die Sachbearbeitenden können zustimmen, ablehnen oder hinterfragen. Aber der Großteil der Arbeit ist bereits erledigt.
Hier handelt KI eigenständig. Sie erkennt Situationen, bewertet Optionen und führt Aktionen aus – ohne menschliches Eingreifen im Einzelfall. Capgemini nennt dies die „Intelligent Ops“: KI-Agenten, die in Kernprozesse eingebettet sind und Workflows über Finanzen, Lieferkette, HR und Kundenservice hinweg orchestrieren.
Das klingt nach Science-Fiction? Ist es nicht. Unternehmen setzen bereits heute autonome Agenten für Aufgaben wie Rechnungsprüfung, Terminkoordination oder Lagerbestandsmanagement ein. Der Mensch definiert die Regeln. Die KI führt aus.
Die höchste Stufe. KI-Systeme, die nicht nur Aufgaben ausführen, sondern sich selbst verbessern. Sie erkennen Muster in ihren eigenen Fehlern, passen Algorithmen an und werden mit der Zeit besser – ohne dass jemand nachjustiert.
Diese Ebene ist noch selten. Aber sie kommt. Und wenn sie kommt, wird sie alles verändern, was wir über Softwareentwicklung und -wartung wissen.
Große Konzerne haben KI-Teams. Sie können experimentieren, Pilotprojekte starten, aus Fehlern lernen. Der Mittelstand hat diesen Luxus oft nicht. Und genau deshalb ist unsichtbare KI so gefährlich – im positiven wie im negativen Sinn.
Positiv, weil sie den Einstieg erleichtert. Sie müssen kein KI-Projekt starten, um von KI zu profitieren. Sie kaufen einfach Software, die KI bereits integriert hat. Ihr CRM denkt mit. Ihre Buchhaltungssoftware erkennt Muster. Ihre Kommunikationstools übersetzen automatisch.
Negativ, weil Sie nicht merken, wie abhängig Sie werden. Wenn die KI-Komponente ausfällt – was passiert dann? Wenn der Anbieter die Preise erhöht? Wenn regulatorische Anforderungen sich ändern? Viele Unternehmen haben keine Ahnung, wie viel KI bereits in ihrer Infrastruktur steckt.
Eine Celonis-Studie zeigt, dass 72 Prozent der Führungskräfte Bedenken haben, dass bestehende Prozessmängel die KI-Effektivität beeinträchtigen. Das ist die Crux: Unsichtbare KI funktioniert nur so gut wie die Prozesse, in die sie eingebettet ist. Garbage in, garbage out – das gilt auch hier.
Hier kommt der zweite Megatrend ins Spiel, der unsichtbare KI erst richtig explosiv macht: Low-Code und No-Code.
Gartner prognostiziert, dass bis 2026 rund 75 Prozent aller neuen Anwendungen mit Low-Code-Technologien entstehen – gegenüber weniger als 25 Prozent im Jahr 2020. Der Markt wird auf 44,5 Milliarden Dollar anwachsen. Und das Entscheidende: 80 Prozent der Nutzenden werden keine klassischen IT-Fachleute sein.
Wir reden von sogenannten Citizen Developern. Vertriebsleute, die sich ihre eigenen Dashboards bauen. Controlling-Teams, die Reportingtools anpassen. HR-Abteilungen, die Onboarding-Workflows automatisieren. Ohne eine Zeile Code zu schreiben. Ohne auf die überlastete IT-Abteilung warten zu müssen.
In deutschen Unternehmen ist das bereits Realität. Die digitale Transformation erfordert zunehmend die schnelle Entwicklung und Anpassung von Softwarelösungen – und Low-Code-Plattformen liefern genau das. 84 Prozent der Unternehmen setzen bereits solche Tools ein, um IT-Rückstände abzubauen.
Was hat das mit unsichtbarer KI zu tun? Alles. Denn moderne Low-Code-Plattformen integrieren KI-Funktionen automatisch. Wer heute eine App per Drag-and-Drop zusammenklickt, bekommt KI-gestützte Features gratis dazu. Intelligente Formulare, automatische Datenvalidierung, vorausschauende Suche. Die Citizen Developer wissen oft gar nicht, dass sie KI einsetzen.

Einer der provokantesten Trends, den Capgemini für 2026 identifiziert, heißt „AI is Eating Software“. Das Paradigma verschiebt sich: Vom „Code schreiben“ zum „Absichten ausdrücken“. Entwickelnde artikulieren, was sie wollen. Die KI liefert – und integriert und wartet die Systeme im Hintergrund.
Das klingt utopisch. Ist es aber nicht mehr. Tools wie GitHub Copilot, Amazon CodeWhisperer oder Googles Gemini Code Assist sind bereits Alltag für Millionen Entwickelnde weltweit. Sie schreiben nicht mehr jede Zeile selbst. Sie beschreiben, was sie brauchen, und die KI generiert den Code.
Die nächste Stufe: Software, die sich selbst zusammensetzt und selbst heilt. Wenn ein Modul ausfällt, erkennt die KI das Problem, findet eine Lösung und implementiert sie – ohne dass jemand aufwacht. Das ist keine Fantasie. Das ist die Roadmap der großen Cloud-Anbieter.
Für Unternehmen bedeutet das: Der Wettbewerbsvorteil liegt nicht mehr im manuellen Programmieren. Er liegt in der Orchestrierung und Governance. Wer die besten Prompts schreibt, wer die klarsten Anforderungen formuliert, wer die richtigen Guardrails setzt – der gewinnt.
Das Team von digital-magazin.de hat kürzlich das Phänomen Vibe Coding analysiert – die Idee, dass Programmieren künftig mehr mit Intuition und Kommunikation zu tun hat als mit technischem Handwerk. 2026 wird zeigen, ob das stimmt.
Jetzt mal Butter bei die Fische. Unsichtbare KI ist nicht nur Fortschritt. Sie birgt Risiken, über die kaum jemand spricht.
Wenn Sie nicht wissen, wo überall KI in Ihren Prozessen steckt, können Sie sie auch nicht kontrollieren. Das ist problematisch, wenn etwas schiefgeht. Wer ist verantwortlich, wenn eine KI-gestützte Entscheidung falsch war? Die Sachbearbeitenden, die auf den Knopf gedrückt haben? Die IT, die das System eingerichtet hat? Der Softwareanbieter?
Diese Fragen werden 2026 dringender. Der EU AI Act stellt neue Anforderungen an Transparenz und Dokumentation. Unternehmen müssen nachweisen können, wie ihre KI-Systeme funktionieren. Bei unsichtbarer KI ist das oft schwieriger als gedacht.
Gartner warnt: Bis 2026 werden 50 Prozent der Organisationen weltweit „KI-freie“ Kompetenztests einführen. Der Grund? Die Sorge, dass kritisches Denken verkümmert, wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt.
Das ist keine theoretische Gefahr. Wenn Beschäftigte sich daran gewöhnen, dass die Software ihnen sagt, was richtig ist, hören sie auf, selbst nachzudenken. Was passiert, wenn die KI falsch liegt? Fällt das überhaupt auf?
Unsichtbare KI bedeutet oft: KI von Dritten. Die Algorithmen laufen in der Cloud, bei Microsoft, Google, Amazon oder spezialisierten Anbietern. Sie haben keinen Einblick in die Modelle. Sie können sie nicht anpassen. Wenn der Anbieter seine Preise verdoppelt oder den Dienst einstellt – haben Sie ein Problem.
Für sicherheitskritische Branchen ist das ein echtes Hindernis. Banken, Versicherungen, Gesundheitswesen – überall dort, wo Daten sensibel sind, stößt das Cloud-Modell an Grenzen. Souveräne KI-Lösungen werden wichtiger. Aber sie sind teurer und komplexer.
Hand aufs Herz: Die meisten Unternehmen haben keine KI-Strategie, die über „wir probieren mal ChatGPT“ hinausgeht. Für unsichtbare KI ist das ein Problem. Hier ein pragmatischer Fahrplan:
Wo steckt bereits KI in Ihren Systemen? Die Antwort ist vermutlich: an mehr Stellen, als Sie denken. Gehen Sie Ihre Software-Landschaft systematisch durch. Fragen Sie Ihre Anbieter. Viele ERP-, CRM- und Kommunikationstools haben in den letzten zwei Jahren KI-Features aktiviert – oft ohne große Ankündigung.
Unsichtbare KI verstärkt bestehende Prozesse – gute wie schlechte. Bevor Sie mehr KI einführen, sollten Sie Ihre Prozesse auf Automatisierungspotenzial prüfen. Was funktioniert bereits gut? Was ist ineffizient? Wo würde KI helfen, wo würde sie Chaos verstärken?
Wer darf KI-gestützte Tools einführen? Wer prüft sie? Wer ist verantwortlich, wenn etwas schiefgeht? Diese Fragen müssen beantwortet sein, bevor jede Abteilung ihr eigenes KI-Experiment startet. Das gilt besonders für Citizen Developer, die mit Low-Code-Tools arbeiten.
Nicht jeder muss Prompts schreiben können. Aber alle sollten verstehen, was KI kann und was nicht. Wo sie Stärken hat und wo Grenzen. Wann man ihr vertrauen kann und wann Skepsis angebracht ist. Diese KI-Literacy wird zur Kernkompetenz – quer durch alle Hierarchieebenen.
Was passiert, wenn ein KI-Anbieter ausfällt oder zu teuer wird? Haben Sie Alternativen? Können Sie kritische Prozesse auch ohne KI weiterführen – zumindest vorübergehend? Diese Fragen klingen pessimistisch. Aber sie sind wichtig.
2026 markiert einen Wendepunkt. Nicht weil KI plötzlich besser wird – das tut sie kontinuierlich. Sondern weil sie aufhört, ein Thema für sich zu sein. Sie wird Teil von allem anderen.
Das ist paradox. Je mächtiger KI wird, desto weniger werden wir über sie reden. Sie verschwindet in der Infrastruktur, in den Prozessen, in den Werkzeugen des Alltags. Wie Elektrizität. Wie das Internet. Wie all die Technologien, die wir nicht mehr bemerken, weil sie einfach funktionieren.
Für Unternehmen bedeutet das: Der Zeitpunkt für strategisches Handeln ist jetzt. Nicht weil KI neu ist – sie ist es nicht mehr. Sondern weil die Weichen gerade gestellt werden. Wer heute versteht, wie unsichtbare KI funktioniert, wird morgen die Vorteile ernten. Wer es ignoriert, wird sich in zwei Jahren fragen, warum die Konkurrenz plötzlich so viel schneller ist.
Die Frage ist nicht, ob unsichtbare KI Ihr Unternehmen verändert. Sie tut es bereits. Die Frage ist, ob Sie es bemerken – und ob Sie es steuern.
Sind Sie bereit für das Unsichtbare?
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