75 Prozent. Diese Zahl sollte IT-Verantwortliche hellhörig werden lassen. Bis 2030 wird praktisch jedes Unternehmen außerhalb der USA eine Strategie für digitale Souveränität entwickeln müssen – oder im geopolitischen Sturm untergehen. Was heute noch als IT-Nischenthema gilt, wird morgen zur Überlebensfrage.
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie plötzlich merken, dass Ihr gesamter Tech-Stack von einem einzigen Land abhängt? Genau hier beginnt die Geschichte der digitalen Souveränität. Und sie ist weniger abstrakt, als Sie vielleicht denken.
Digitale Souveränität bedeutet schlicht: Kontrolle. Kontrolle über Daten. Kontrolle über Infrastruktur. Kontrolle über technologische Entscheidungen, die nicht von politischen Launen jenseits des Atlantiks abhängen. Während deutsche Unternehmen jahrelang begeistert in die Cloud migrierten – AWS hier, Azure da, Google Cloud überall – haben sich Abhängigkeiten aufgebaut, die heute zum Problem werden.
Der Knackpunkt? Es geht nicht nur um Datenschutz. Natürlich spielt die DSGVO eine Rolle, klar. Aber wir reden hier von geopolitischen Schachzügen, Handelskonflikten und der sehr realen Gefahr, dass US-Behörden jederzeit auf europäische Unternehmensdaten zugreifen können – CLOUD Act sei Dank.
Mal ehrlich: Wie souverän ist ein Unternehmen, dessen komplette digitale Existenz auf Servern liegt, die einem anderen Rechtssystem unterliegen?
Geopatriation. Klingt sperrig, ist aber das Gegenteil von dem, was wir die letzten 15 Jahre gemacht haben.
Während die Globalisierung uns lehrte, alles zentral zu speichern und global zu vernetzen, dreht Geopatriation die Uhren zurück – allerdings intelligent. Der Begriff beschreibt die bewusste Rückverlagerung von Daten, Anwendungen und Workloads aus globalen Hyperscaler-Clouds in regionale, national kontrollierte Infrastrukturen. Nicht aus technischen Gründen. Sondern aus Angst.
Angst vor Sanktionen. Angst vor politischer Willkür. Angst davor, dass der Zugang zu kritischen Cloud-Ressourcen über Nacht gekappt werden könnte, weil irgendein Handelsstreit eskaliert.
Die Analysten von Gartner haben berechnet: Weniger als 5 Prozent der Nicht-US-Unternehmen hatten 2025 eine echte Geopatriation-Strategie. Aber – und jetzt wird’s spannend – bis 2030 werden es über 75 Prozent sein. Das ist eine Vervierfachung in nur fünf Jahren. So schnell haben sich selbst Social Media und Mobile nicht durchgesetzt.
Was treibt diese radikale Wende an? Ein Cocktail aus Geopolitik, Regulierung und einem wachsenden Misstrauen gegenüber der Stabilität amerikanischer Tech-Politik. 61 Prozent der westeuropäischen CIOs gaben in einer Gartner-Umfrage an, künftig stärker auf lokale oder regionale Cloud-Anbieter zu setzen. Noch deutlicher: 53 Prozent sagten klipp und klar, dass geopolitische Faktoren ihre Nutzung globaler Provider einschränken werden.
Diese Zahlen sind kein statistisches Rauschen. Sie sind ein Paradigmenwechsel.
Stellen Sie sich vor, drei von vier Ihrer Wettbewerber hätten bis 2030 einen Plan, während Sie noch überlegen, ob das Thema überhaupt relevant ist. Genau das passiert gerade.
Gartners Prognose ist unmissverständlich: Mehr als 75 Prozent aller Unternehmen außerhalb der USA werden bis 2030 eine umfassende Strategie zur digitalen Souveränität implementiert haben. Nicht „darüber nachdenken“. Nicht „irgendwann mal“. Sondern implementiert.
Die Ausgangslage? Katastrophal. Von unter 5 Prozent auf über 75 Prozent in fünf Jahren – das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von über 100 Prozent. Haben wir bei digital-magazin.de jemals einen so drastischen Strategiewechsel gesehen? Kaum.
Besonders interessant: In Westeuropa ist der Trend noch ausgeprägter. Die Region, die mit DSGVO bereits Datenschutz-Vorreiter ist, will auch bei der Cloud-Souveränität führen. Und das aus gutem Grund.
Der springende Punkt dabei ist: Es geht nicht nur um neue EU-Regularien wie NIS2, die Unternehmen ohnehin zu mehr Cyberresilienz zwingen. Es geht um eine grundlegende Neubewertung dessen, was „sichere IT-Infrastruktur“ überhaupt bedeutet, wenn globale Spannungen zunehmen und Tech-Riesen zu geopolitischen Spielbällen werden.
„Sovereign Cloud“ klingt nach einem dieser Begriffe, die Beratungsunternehmen erfinden, um alte Services neu zu verkaufen. Ist es aber nicht – zumindest nicht komplett.
Eine Sovereign Cloud zeichnet sich durch drei Kernmerkmale aus: Erstens, die Daten liegen physisch in einem definierten Rechtsraum. Zweitens, der Betreiber unterliegt ausschließlich lokaler Gerichtsbarkeit – keine US-Mutterfirma, die amerikanischen Behörden Rechenschaft schuldet. Drittens, volle Transparenz über Datenverarbeitung, Zugriffe und Sicherheitsmechanismen.
Klingt simpel. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie verschachtelt moderne Cloud-Architekturen sind. Ein deutscher Server allein macht noch keine souveräne Cloud, wenn die Management-Software aus den USA kommt, der Support in Irland sitzt und die Verschlüsselungsschlüssel bei einem US-Hyperscaler liegen.
Echte Sovereign Clouds sind deshalb selten. OVHcloud aus Frankreich? Check. IONOS aus Deutschland? Check. Hetzner? Ebenfalls. Aber auch hier gilt: Die Kapazitäten sind begrenzt, die Feature-Vielfalt geringer als bei AWS oder Azure, und die Kosten oft höher.
Das wirklich Spannende passiert gerade bei den großen Enterprise-Anbietern. SAP hat mit seiner Sovereign Cloud-Lösung einen interessanten Mittelweg gewählt: Europäische Rechenzentren, europäische Betreiber, aber SAP-Technologie. Das adressiert die Kernbedenken, ohne dass Unternehmen komplett auf bewährte Lösungen verzichten müssen.
Ist das perfekt? Nein. Ist es besser als nichts? Definitiv.
Warum jetzt? Warum so schnell? Die Antwort liegt in einem toxischen Mix aus drei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.
Geopolitik ist der Elefant im Raum. Die US-Handelspolitik unter wechselnden Administrationen wird unberechenbarer. China baut seine eigene Tech-Sphäre auf. Europa versucht verzweifelt, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Und dann gibt es noch den CLOUD Act – ein US-Gesetz, das amerikanischen Behörden Zugriff auf Daten gewährt, die von US-Firmen verwaltet werden, egal wo sie physisch liegen. Ihr deutsches Rechenzentrum bei Microsoft Azure? Technisch in Frankfurt. Rechtlich? Potenziell in Reichweite des FBI.
Das allein wäre schon Grund genug zur Sorge. Aber dann kommt Regulierung ins Spiel. Die EU verschärft kontinuierlich die Anforderungen: DSGVO war erst der Anfang, NIS2 zieht die Schrauben weiter an, und der AI Act wird KI-Systeme unter die Lupe nehmen. Jede dieser Regularien erhöht den Aufwand, Compliance mit US-basierten Cloud-Providern zu gewährleisten.
Und schließlich Datenschutz – nicht als rechtliche Pflicht, sondern als Wettbewerbsvorteil. Deutsche und europäische Unternehmen können glaubwürdig mit „Made in Germany“ oder „EU-Datenschutz“ werben, wenn ihre Daten tatsächlich in Europa bleiben. Das ist kein abstraktes Versprechen mehr, sondern ein messbares Verkaufsargument.
Zusammengenommen ergeben diese drei Faktoren einen perfekten Sturm, der die aktuelle Entwicklung erklärt. Ein Faktor allein? Vermutlich zu wenig. Aber alle drei gleichzeitig? Unwiderstehlich.

Gut, die Theorie ist klar. Aber welche Anbieter gibt es konkret, die eine echte Alternative zu AWS, Azure und Google Cloud darstellen?
Die Liste ist überraschend lang – wenn auch die Kapazitäten noch weit hinter den US-Giganten zurückbleiben. Laut einer Studie namens „EuroCloud Pulse Check 2025“ nutzen bereits 66 Prozent der deutschen Unternehmen europäische Superscaler für Backup und Disaster Recovery. 64 Prozent setzen sie für Kubernetes und Container-Lösungen ein.
Die wichtigsten Player im Überblick:
| Anbieter | Hauptsitz | Besonderheiten | Zielgruppe |
| OVHcloud | Frankreich | Größter europäischer Cloud-Provider, eigene Rechenzentren, keine US-Abhängigkeit | Mittelstand bis Enterprise |
| IONOS | Deutschland | Fokus auf DSGVO-Compliance, deutschsprachiger Support, SMB-optimiert | KMU und Mittelstand |
| Hetzner | Deutschland | Preis-Leistungs-Champion, starke Developer-Community | Startups, Developer |
| T-Systems/Telekom | Deutschland | Open Telekom Cloud, Partner von SAP und Huawei | Enterprise, Public Sector |
| plusserver | Deutschland | Spezialisiert auf hochregulierte Branchen, NIS2-ready | Finanz, Healthcare |
| Stackit (Schwarz Gruppe) | Deutschland | Backed by Lidl/Kaufland, starkes Wachstum | Retail, Mittelstand |
Was diese Anbieter eint: Sie alle haben ihre Rechenzentren in Europa, unterliegen europäischer Gerichtsbarkeit und sind nicht durch US-Mutterkonzerne kompromittiert. Was sie unterscheidet: Service-Portfolio, Preis und technologische Reife.
Wer erwartet, heute schon bei jedem dieser Anbieter dasselbe Feature-Set wie bei AWS zu finden, wird enttäuscht. Machine Learning? Eingeschränkt. Managed Services? Oft noch rudimentär. Global verfügbare Edge-Locations? Fehlanzeige.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt – die Lücke schließt sich. Schnell.
Für viele deutsche Unternehmen ist SAP nicht irgendeine Software. Es ist das Nervensystem des Unternehmens. ERP, CRM, Supply Chain – alles läuft über SAP.
Als SAP Ende 2024 seine Sovereign Cloud-Lösung vorstellte, war das deshalb mehr als nur ein weiteres Produkt-Launch. Es war ein Signal: Auch große Enterprise-Anbieter nehmen digitale Souveränität ernst.
Die SAP Sovereign Cloud kombiniert die Technologie des Walldorfer Software-Riesen mit europäischer Infrastruktur und lokalen Betreibermodellen. Konkret bedeutet das: Die Systeme laufen bei Partnern wie T-Systems oder OVHcloud, während SAP das Management übernimmt – aber ohne direkten Datenzugriff.
Klingt kompliziert? Ist es auch. Aber genau diese Komplexität zeigt, wie schwierig echte Souveränität in der Praxis ist. Es reicht nicht, Server in Frankfurt zu stellen. Man muss die gesamte Wertschöpfungskette durchdenken: Wer hat Zugriff? Wer betreibt? Wer wartet? Wer kann im Notfall eingreifen?
SAP hat hier eine pragmatische Lösung gefunden, die für viele Unternehmen attraktiv sein dürfte: Bewährte Enterprise-Software, aber mit souveränem Unterbau. Das ist kein Marketing-Gag. Das Team bei digital-magazin.de hat mit mehreren CIOs gesprochen, die genau so eine Lösung gesucht haben.
Der Haken? Kosten. Sovereign Cloud-Lösungen sind in der Regel 20-40 Prozent teurer als vergleichbare Hyperscaler-Angebote. Die Frage ist: Was ist Ihnen Unabhängigkeit wert?
Bevor Sie auch nur daran denken können, auf eine Sovereign Cloud zu migrieren, müssen Sie wissen, was Sie eigentlich haben. Und das ist komplizierter, als Sie glauben.
Ein Tech-Stack-Audit klingt nach Consulting-Geschwurbel. In Wahrheit ist es eine essenzielle Bestandsaufnahme Ihrer technologischen Abhängigkeiten. Welche Dienste laufen wo? Welche APIs nutzen externe Provider? Wo liegen Ihre Daten physisch? Und – ganz entscheidend – welche Services sind proprietär und lassen sich nur schwer migrieren?
Viele Unternehmen stellen bei dieser Analyse fest, dass sie viel tiefer im Hyperscaler-Ökosystem stecken als gedacht. AWS Lambda-Funktionen hier, Azure Cognitive Services da, Google Cloud BigQuery für Analytics. Alles praktisch. Alles schwer ersetzbar.
Die Realität: 26,3 Prozent der Entscheider geben laut einer Wire-Umfrage an, dass der Wechsel zu souveränen Alternativen nicht nur eine IT-Entscheidung ist, sondern eine organisatorische Transformation. Verträge müssen aufgelöst werden. Prozesse angepasst. Mitarbeiter umgeschult.
Ein sinnvolles Audit sollte folgende Bereiche abdecken:
Erst wenn Sie diese Fragen beantwortet haben, können Sie eine informierte Entscheidung treffen. Spoiler: Die meisten Unternehmen sind überrascht, wie abhängig sie wirklich sind.
Genug Theorie. Wie startet man konkret? Hier ein Fahrplan, der sich in der Praxis bewährt hat:
Schritt 1: Bestandsaufnahme und Risikobewertung
Machen Sie das Tech-Stack-Audit, das wir gerade besprochen haben. Aber hören Sie nicht bei der Technik auf. Bewerten Sie auch geopolitische Risiken: Wie wahrscheinlich sind Sanktionen? Wie abhängig ist Ihr Geschäftsmodell von Cloud-Services? Was wäre das Worst-Case-Szenario? Erstellen Sie eine Matrix aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe für verschiedene Risikoszenarien.
Schritt 2: Quick Wins identifizieren
Nicht alles muss sofort migriert werden. Beginnen Sie mit Low-Hanging Fruits: Backup-Systeme, Development-Umgebungen, unkritische Workloads. Das gibt Ihrem Team Erfahrung mit den neuen Providern, ohne geschäftskritische Systeme zu gefährden. Definieren Sie klare Erfolgskriterien: Performance, Kosten, Verfügbarkeit.
Schritt 3: Hybrid-Strategie entwickeln
Totale Migration? Unrealistisch für die meisten. Setzen Sie auf eine kluge Hybrid-Architektur: Kritische, regulierte oder sensible Daten wandern auf souveräne Clouds. Weniger kritische Workloads können vorerst bleiben – mit klarem Monitoring und Ausstiegsplänen. Definieren Sie Kategorien: Was muss souverän sein? Was kann bleiben? Was ist unklar?
Schritt 4: Partnerschaften aufbauen
Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Arbeiten Sie mit spezialisierten Systemintegratoren zusammen, die Erfahrung mit Sovereign-Cloud-Migrationen haben. Nutzen Sie Managed Services europäischer Anbieter. Tauschen Sie sich in Branchennetzwerken aus – viele haben ähnliche Herausforderungen. Prüfen Sie, ob Ihr Hyperscaler selbst Sovereign-Optionen anbietet.
Schritt 5: Kontinuierliche Überprüfung
Digitale Souveränität ist kein Projekt mit Enddatum. Es ist ein fortlaufender Prozess. Neue Services kommen hinzu. Regularien ändern sich. Geopolitische Lagen verschieben sich. Planen Sie vierteljährliche Reviews ein, um Ihre Strategie anzupassen. Etablieren Sie KPIs: Anteil souveräner Workloads, Compliance-Score, Abhängigkeitsgrad.
Ein Hinweis noch: Erwarten Sie keinen schnellen ROI. Die Investition in digitale Souveränität zahlt sich oft erst aus, wenn es darauf ankommt – also im Krisenfall. Das ist wie eine Versicherung: Man hofft, sie nie zu brauchen, aber ist froh, wenn man sie hat.
Reden wir Klartext über Geld. Digitale Souveränität ist nicht billig.
Gartner schätzt, dass eine ungeplante Cloud-Migration zwischen 500.000 und mehreren Millionen Euro kosten kann – je nach Unternehmensgröße und IT-Landschaft. Da sind nur die direkten Kosten: Exit-Fees der alten Provider (die können saftig sein), neue Hardware-Investitionen, Beratungskosten, Personalschulung.
Dazu kommen versteckte Kosten: Produktivitätsverluste während der Migration. Bugfixing in der neuen Umgebung. Möglicherweise Performance-Einbußen, weil europäische Rechenzentren nicht die gleiche Skalierung bieten. Und natürlich die laufenden Mehrkosten – souveräne Cloud-Services sind durchschnittlich 20-40 Prozent teurer als vergleichbare Hyperscaler-Angebote.
Warum? Skaleneffekte. AWS, Azure und Google betreiben Tausende Rechenzentren weltweit und können Fixkosten auf Millionen Kunden umlegen. IONOS oder OVHcloud haben diese Skala (noch) nicht. Das schlägt sich im Preis nieder.
Aber – und das ist der Clou – die Kosten für Nicht-Handeln können höher sein. Ein Cyber-Angriff über eine kompromittierte Cloud-Infrastruktur? Kann Millionen kosten. Ein Verstoß gegen NIS2 oder DSGVO? Bußgelder bis zu 4 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Ein politisch motivierter Zugriffsstopp auf US-Cloud-Services? Könnte Ihr Geschäft lahmlegen.
Die Rechnung ist komplex. Eine einfache Kosten-Nutzen-Analyse greift zu kurz. Sie müssen Risikokosten mit einberechnen – und die sind schwer zu quantifizieren, bis das Risiko eintritt.
Unser Tipp bei digital-magazin.de: Starten Sie mit Pilotprojekten. Testen Sie souveräne Provider in nicht-kritischen Bereichen. Sammeln Sie Erfahrungswerte. Und dann skalieren Sie schrittweise, basierend auf echten Daten statt Schätzungen.
Wer glaubt, digitale Souveränität sei ein Nice-to-Have, unterschätzt die regulatorische Dynamik der EU. Drei Regelwerke machen das Thema zur Pflicht – nicht zur Kür.
NIS2 verschärft die Cybersicherheitsanforderungen massiv. Mehr Unternehmen – geschätzt 30.000 statt bisher 4.500 in Deutschland – fallen unter die Richtlinie. Die Anforderungen? Incident Reporting innerhalb von 24 Stunden. Nachweispflichtige Sicherheitsmaßnahmen. Persönliche Haftung der Geschäftsführung bei Verstößen. Ja, richtig gelesen: Persönliche Haftung.
Das zwingt Unternehmen, genau zu wissen, wo ihre Daten liegen und wer darauf zugreifen kann. Eine US-Cloud mit CLOUD-Act-Exposition? Potentielles Compliance-Risiko. Eine souveräne europäische Lösung? Deutlich einfacher zu dokumentieren und zu verteidigen.
DSGVO kennen Sie – theoretisch. Praktisch haben viele Unternehmen noch immer Grauzonen. Besonders beim Thema Datenübermittlung in Drittstaaten. Der Schrems-II-Beschluss hat den Privacy Shield gekippt. Das Nachfolge-Framework ist unsicher. Wer seine Daten bei US-Hyperscalern hat, muss zusätzliche Schutzmaßnahmen nachweisen – oder riskiert Bußgelder.
Und dann kommt der EU AI Act. Ab 2026 gelten neue Regeln für KI-Systeme – mit besonderem Augenmerk auf Hochrisiko-Anwendungen. Wenn Ihre KI-Modelle bei OpenAI oder Google trainiert werden, deren Server in den USA stehen, haben Sie ein Problem: Sie müssen Transparenz und Kontrolle nachweisen, die Sie faktisch nicht haben.
Die Kombination dieser drei Regelwerke schafft einen regulatorischen Druck, der digitale Souveränität vom strategischen Wunsch zur operativen Notwendigkeit macht. Wer 2026 noch vollständig auf US-Clouds setzt, wird massive Compliance-Aufwände haben – oder rechtliche Risiken eingehen.
Was bedeutet digitale Souveränität konkret für mein Unternehmen?
Kurz gesagt: Kontrolle über Ihre digitale Infrastruktur, unabhängig von ausländischen Rechtssystemen und politischen Einflüssen. Das bedeutet nicht zwingend eigene Rechenzentren, aber bewusste Entscheidungen darüber, wo Daten liegen, wer sie verarbeitet und unter welcher Rechtsordnung das geschieht. Es geht um technische, rechtliche und organisatorische Unabhängigkeit.
Muss ich komplett auf US-Cloud-Provider verzichten?
Nein. Eine Hybrid-Strategie ist für die meisten Unternehmen der realistischste Weg. Kritische, personenbezogene oder regulierte Daten gehören auf souveräne Clouds. Weniger sensible Workloads können auf Hyperscalern bleiben – mit klarem Risikomanagement. Entscheidend ist die Kategorisierung: Was ist wirklich kritisch? Was kann warten?
Sind europäische Cloud-Anbieter technisch auf Augenhöhe mit AWS oder Azure?
Ehrlich? Noch nicht ganz. Das Feature-Set ist kleiner, die globale Reichweite begrenzt, und manche Services fehlen. Aber die Lücke schließt sich schnell. Für viele Standard-Anwendungen – Web-Hosting, Datenbanken, Compute – sind europäische Anbieter absolut konkurrenzfähig. Bei spezialisierten Services wie Machine Learning hinken sie noch hinterher.
Was kostet eine Migration zu einer Sovereign Cloud?
Das hängt massiv von Ihrer aktuellen Infrastruktur ab. Rechnen Sie mit 500.000 bis mehreren Millionen Euro – plus 20-40 Prozent höheren laufenden Kosten. Klingt viel. Aber ein schwerer Compliance-Verstoß kann teurer sein. Kalkulieren Sie auch Opportunitätskosten: Was passiert, wenn Sie nicht migrieren und ein geopolitisches Ereignis Ihre Cloud-Verfügbarkeit einschränkt?
Wie lange dauert eine solche Migration?
Für ein mittelgroßes Unternehmen mit komplexer IT: 12-24 Monate. Große Konzerne können 3-5 Jahre brauchen. Starten Sie mit Pilotprojekten, dann skalieren. Wichtig: Planen Sie Puffer ein – Migrationen dauern immer länger als gedacht. Technische Schulden, unerwartete Abhängigkeiten und Legacy-Systeme sind die üblichen Verzögerungsfaktoren.
Gilt die Gartner-Prognose auch für kleinere Unternehmen?
Ja und nein. Die 75-Prozent-Marke bezieht sich primär auf größere Unternehmen. KMU haben oft weniger Ressourcen für aufwändige Migrationen. Aber: Auch sie spüren den Druck durch Regulierung und Kundenanforderungen. Souveränität wird zum Wettbewerbsfaktor. KMU können mit Managed-Service-Providern arbeiten, die Souveränität as-a-Service anbieten.
Was passiert, wenn ich nichts tue?
Kurzfristig: vermutlich nichts. Mittelfristig: steigende Compliance-Risiken, mögliche Bußgelder, Wettbewerbsnachteile gegenüber souveräner aufgestellten Konkurrenten. Langfristig: potenzielle Geschäftskontinuitätsrisiken bei geopolitischen Krisen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann Sie handeln müssen. Früher handeln gibt Ihnen mehr strategische Optionen und niedrigere Migrationskosten.
Digitale Souveränität ist keine Mode. Sie ist eine Reaktion auf eine Welt, die instabiler, fragmentierter und konfliktreicher wird.
Die Gartner-Prognose – 75 Prozent aller Nicht-US-Unternehmen mit Souveränitätsstrategie bis 2030 – ist ambitioniert. Aber sie ist nicht unrealistisch. Die Treiber sind zu stark: Geopolitische Spannungen nehmen zu, nicht ab. Regulierung wird schärfer, nicht lockerer. Und das Bewusstsein für technologische Abhängigkeiten wächst.
Wird Europa eine echte Alternative zu US-Hyperscalern aufbauen? Teilweise ja. OVHcloud, IONOS und andere werden wachsen – aber sie werden nie die globale Dominanz von AWS erreichen. Das müssen sie auch nicht. Sie müssen nur gut genug sein für die Unternehmen, die Souveränität brauchen oder wollen.
Die spannende Frage ist: Wie reagieren die US-Riesen? Microsoft, Google und Amazon investieren bereits in europäische „Sovereign Zones“ – separate Infrastrukturen, die versuchen, Souveränitätsanforderungen zu erfüllen, ohne das globale Geschäftsmodell zu gefährden. Ob das ausreicht, entscheiden Regulierer und Kunden.
Und dann ist da noch KI. Der nächste große Kampfplatz. Wer heute souveräne KI-Infrastruktur aufbaut – Rechenzentren, Trainingsdaten, eigene Modelle – hat morgen einen strategischen Vorteil. Europa könnte hier eine Chance haben, wenn es die richtige Balance findet zwischen Regulierung und Innovation. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat das erkannt und fördert entsprechende Initiativen.
Was bedeutet das für Sie? Drei Dinge. Erstens: Ignorieren ist keine Option mehr. Zweitens: Sie müssen nicht heute alles perfekt machen – aber Sie sollten heute anfangen. Drittens: Digitale Souveränität ist kein IT-Projekt, sondern eine strategische Entscheidung, die Geschäftsführung und Aufsichtsrat involvieren muss.
Die Cloud-Ära war geprägt von Zentralisierung und globaler Integration. Die Sovereign-Cloud-Ära wird geprägt sein von Regionalisierung und kontrollierter Fragmentierung. Unternehmen, die das früh verstehen und umsetzen, werden einen Vorsprung haben.
Die Frage ist nicht mehr ob Sie eine Souveränitätsstrategie brauchen. Die Frage ist: Wann fangen Sie an?
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