Lisa Hartmann 
Der aggregierte Ertragspool deutscher Banken, Sparkassen und Genossenschaftsinstitute ist 2023 auf rund 171 Milliarden Euro gewachsen – ein Plus von knapp sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Klingt nach einem ruhigen Erfolg. Doch rechnen wir nach: Zwei Drittel dieser Summe stammen aus dem Zinsgeschäft, das der EZB-Leitzinsanstieg auf über vier Prozent befeuert hat. Der Haken? Genau dieser Rückenwind dreht sich gerade, und die FinTechs warten bereits in der Kurve.
Konkret sieht die Verteilung laut Finanz-Szene-Auswertung der Jahresabschlüsse 2023 so aus: 38 große Banken, 342 Sparkassen und 646 Genossenschafts-Primärinstitute kommen zusammen auf exakt 170,5 Milliarden Euro Gesamterträge – in der Kommunikation gerne auf 171 Milliarden gerundet. Das Plus von 5,5 Prozent klingt solide, verbirgt aber eine gefährliche Monokultur. Rund 65 Prozent, also etwa 111 Milliarden Euro, entfallen auf Zinsüberschüsse. Nur 35 Prozent kommen aus Provisionen, Depot- und Handelsgebühren sowie sonstigen Ertragsquellen.
Zum Vergleich: Noch 2021, als der EZB-Leitzins bei null Prozent lag, war das Verhältnis deutlich ausgewogener – Provisionen hatten ein strukturell höheres Gewicht. Heute subventioniert das Zinsumfeld die Profitabilität der Institute massiv. Das ist keine Strategieleistung, das ist Windfall-Profit.
Wer führt die Rangliste an? Die Sparkassen mit 40,5 Milliarden Euro Ertragspool, allerdings nur plus ein Prozent Wachstum. Die Deutsche Bank folgt mit 32,1 Milliarden Euro und einem Plus von sieben Prozent – rund zwei Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Primärgenossenschaften kommen auf 28,1 Milliarden Euro (+4%), Commerzbank auf 12,2 Milliarden und die DZ Bank auf 9,5 Milliarden Euro.
Bemerkenswert ist dabei das schwache Wachstum der Sparkassen trotz ihrer marktführenden Position. Das Plus von nur einem Prozent deutet darauf hin, dass das flächendeckende Filialnetz zunehmend zur Kostenbürde wird, während die Ertragsseite stagniert. Genossenschaftliche Primärinstitute schneiden mit vier Prozent Wachstum besser ab – was teilweise auf ihre regionale Verwurzelung und engere Kundenbindung zurückzuführen ist. Doch auch hier gilt: Das Wachstum ist überwiegend zinsgetrieben, nicht provisionsbasiert. Wer diese Unterscheidung nicht trifft, liest die Zahlen falsch.
Die Banken-Profitabilität der vergangenen zwei Jahre ist in wesentlichen Teilen eine direkte Funktion des EZB-Leitzinses. Als die Notenbank den Leitzins ab 2022 von null auf zeitweise über vier Prozent anhob, explodierten die Zinserträge – schlicht weil Einlagen nicht oder kaum verzinst wurden, während Kreditzinsen stiegen. Diese Zinsmarge, also der Spread zwischen Einlagen- und Kreditkosten, war der eigentliche Motor hinter den 111 Milliarden Euro Zinsüberschuss.
Unter dem Strich bedeutet das: Die Banken-Profitabilität des Jahres 2023 ist zu einem erheblichen Teil nicht durch operative Exzellenz erkämpft, sondern durch Makro-Glück entstanden. Wer das in Strategiepräsentationen nicht transparent kommuniziert, betreibt Selbstbetrug. Ich sage das ohne Häme – aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache.
Bereits ab 2024 begann die EZB, den Leitzins schrittweise zu senken. Dieser Sinkflug komprimiert die Nettomarge direkt. Erste Konsequenz: Der Zinsüberschuss-Anteil am Ertragspool wird strukturell sinken. Was bleibt, sind die 35 Prozent Provisionsgeschäft – und genau dort lauert das FinTech-Problem.
Das verwaltete ETF-Vermögen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Anlegerinnen und Anleger haben Milliarden in passive Produkte umgeschichtet, was Depotgebühren und Transaktionsvolumen bei Banken und Sparkassen steigert. Klingt gut für die 35-Prozent-Provisionssäule. Der Haken ist allerdings ein klassisches Margenproblem.
Rechnen wir nach: Ein ETF-Sparplan über 200 Euro monatlich auf einem klassischen Bankdepot kostet oft 1,5 bis 2,5 Prozent Ausgabeaufschlag oder pauschale Depotgebühren von 12 bis 36 Euro pro Jahr. Dasselbe Produkt kostet bei Trade Republic, Scalable Capital oder Smartbroker teils null Prozent Ordergebühr und minimale Jahresgebühren. Bei einem Depot mit 50.000 Euro ETF-Vermögen bedeutet das konkret: Die Filialbank kassiert möglicherweise 500 bis 750 Euro pro Jahr an Gebühren, der Neobroker verlangt 36 Euro Pauschale oder weniger.
Genau hier entsteht, was die Branche Margin-Kompression nennt. Das ETF-Vermögen wächst zwar, aber die Margen je verwaltetem Euro schrumpfen. Wer seine Kundschaft nicht aktiv zu den Plattformen der FinTechs treibt, verliert sie trotzdem – nur langsamer und unter falschem Sicherheitsgefühl. Das ist keine Prognose, das ist ein laufender Prozess.
Hinzu kommt ein generationeller Effekt, der in vielen Branchenanalysen unterschätzt wird. Jüngere Anlegerinnen und Anleger unter 40 Jahren eröffnen ihre ersten Depots überwiegend bei Neobrokern – nicht bei der Hausbank. Das bedeutet: Die traditionellen Institute verlieren nicht nur Marktanteile bei bestehenden Kunden, sie versäumen auch die Erstkundenbindung in einer der wachstumsstärksten demografischen Gruppen. Selbst wenn ein Neobroker-Nutzer später zu einer Direktbank wechselt, ist die Gewöhnung an niedrige Gebühren bereits tief verankert. Die Preissensibilität, die digitale Plattformen erzogen haben, lässt sich kaum rückgängig machen.
Man könnte meinen, steigende Banken-Profitabilität sei automatisch schlecht für FinTechs. Das Gegenteil ist teilweise wahr. Höhere Zinsen bedeuten, dass auch Neobroker und digitale Vermögensverwalter auf Cash-Bestände ihrer Kunden Zinsen erwirtschaften – ein Modell, das Trade Republic und Co. konsequent nutzen. Der Zinsertrag auf nicht investierte Kundengelder wurde zum neuen Nebengeschäft.
Gleichzeitig aber stehen FinTechs vor einer fundamentalen Herausforderung im Provisionsgeschäft: Wer günstige Konditionen als Markenkern hat, kann Preise kaum erhöhen. Das ETF-Vermögen der Kunden wächst zwar, aber die Ertragsmarge je Euro bleibt dünn. Laut Handelsblatt-Analysen zum FinTech-Sektor stehen zahlreiche Neobroker vor dem strukturellen Problem, dass ihr Wachstum nicht proportional zu ihren Erträgen skaliert – Nutzerzahlen steigen, Umsatz pro Nutzer stagniert.
Zum Vergleich: Eine klassische Privatbank rechnet pro Kunde mit durchschnittlichen Erträgen von mehreren Hundert Euro jährlich über Beratungsgebühren, Depotkosten und Kreditprodukte. Ein typischer Neobroker-Nutzer bringt einen Bruchteil davon. Wer also die schiere Nutzerzahl als Erfolgsmetrik feiert, muss sich die Frage gefallen lassen: Wann wird daraus ein profitables Geschäftsmodell?

Der Oliver Wyman Bankenreport Deutschland vom März 2025 zeichnet ein ernstes Bild. Die Unternehmensberatung warnt vor Milliarden-Ertragseinbußen für deutsche Institute durch schärfere Regulierungen – strengere Kapitalanforderungen, höhere Mindestgrößen und verschärfte Kreditvergabestandards. Banken-Profitabilität, die auf dünnen Margen aufgebaut ist, gerät unter Druck.
Konkret bedeutet das: Institute, die 2023 von Zinsen profitiert haben, müssen jetzt strukturelle Effizienz aufbauen. Für FinTechs ist das eine zweischneidige Situation. Einerseits schwächt Regulierung traditionelle Akteure und öffnet möglicherweise Marktnischen. Andererseits treffen dieselben Regeln – Stichwort BaFin-Anforderungen, MiFID II, DORA ab Januar 2025 – auch die digitalen Herausforderer, und zwar überproportional, weil ihnen Skalenvorteile bei Compliance-Kosten fehlen.
Rhetorische Frage an dieser Stelle: Wenn eine Regulierung einen Neobroker mit 50 Mitarbeitern proportional genauso belastet wie eine Sparkasse mit 2.000 Beschäftigten – wer hat dann den strategischen Vorteil?
Bleiben wir praktisch. Was bedeutet das alles für jemanden, der heute entscheidet, wo er sein ETF-Vermögen parkt? Drei Szenarien, konkret durchgerechnet:
Der Rendite-Unterschied zwischen Szenario 1 und 3 klingt bei 30.000 Euro im ersten Jahr klein. Über 20 Jahre Zinseszinseffekt und wiederangelegte Gebührenersparnisse summiert er sich jedoch auf mehrere Tausend Euro – je nach Marktentwicklung. Das ist keine Kleinigkeit, das ist Altersvorsorge.
Die Deutsche Bank meldete für das vierte Quartal 2025 einen Netto-Gewinn von 1,3 Milliarden Euro – ein Rekordwert, getrieben primär durch das Investmentbanking. Das klingt nach Stärke. Ich sehe das differenzierter. Investmentbanking-Erträge sind volatil und konjunkturabhängig; sie kompensieren heute, was morgen fehlt. Das Retailgeschäft – also Kredite, Einlagen, Depot-Provisionen – bleibt strukturell unter Margendruck.
Zum Vergleich: 2021 kämpfte dieselbe Bank noch mit Restrukturierungskosten und schwachen Erträgen. Heute profitiert sie von Marktbedingungen. Das zeigt: Banken-Profitabilität ist zyklisch, kein Beweis für strukturelle Überlegenheit gegenüber dem FinTech-Sektor. Wer heute Gewinne feiert, ohne die Kostenbasis zu senken und das Digitalgeschäft auszubauen, bereitet die nächste Talsohle vor.
Die relevante Frage für den Sektor insgesamt lautet daher nicht, wer 2023 den dicksten Ertragspool hatte. Sondern: Welche Institute nutzen diesen Windfall, um die eigene Kostenbasis und Digitalinfrastruktur zu modernisieren – und welche verteilen ihn als Dividende, ohne in die Zukunft zu investieren? Finanznachrichten.de beobachtet diese Dynamik kontinuierlich im FinTech-Sektor.
Der Zinsrückenwind des Jahres 2023 war ein seltenes Zeitfenster. Institute, die es genutzt haben, um Technologieschulden abzubauen, Kernsysteme zu modernisieren oder digitale Vertriebskanäle ernsthaft auszubauen, stehen strukturell besser da. Jene, die primär auf Dividende und Kapitalausschüttung gesetzt haben, stehen vor denselben Problemen wie 2019 – nur mit weniger Zeit.
Was konkret auf der Agenda stehen sollte, lässt sich aus der Ertragsstruktur ableiten:
Diese Maßnahmen klingen nach Lehrbuch – und das sind sie auch. Die eigentliche Frage ist, ob Führungsgremien bereit sind, kurzfristige Profitabilitätsziele zu opfern, um mittelfristig Marktanteile zu sichern. In der Realität sind diese Zielkonflikte der Hauptgrund, warum Transformation in regulierten Branchen so langsam verläuft.
An dieser Stelle ist ein Gegenargument angebracht, das in der digitalen Begeisterung oft untergeht. Filialbanken und Sparkassen haben strukturelle Vorteile, die Neobroker nicht replizieren können – zumindest nicht kurzfristig. Erstens: die Kreditvergabe. Hypothekendarlehen, Unternehmenskredite und komplexe Finanzierungsstrukturen bleiben weitgehend in der Hand traditioneller Institute. Das Provisionsgeschäft rund um Kreditvermittlung und -begleitung ist substanziell und nicht leicht zu digitalisieren.
Zweitens: das Vertrauen älterer Kundensegmente. Ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung – insbesondere über 55 Jahre – verwaltet Vermögen nach wie vor bevorzugt bei etablierten Instituten. Dieses Kundensegment wächst nicht, bringt aber heute noch erhebliche Erträge. Drittens: die Einlagensicherung und das psychologische Sicherheitsgefühl einer regulierten Vollbank überzeugten viele Kundinnen und Kunden, gerade nach den Turbulenzen rund um kleinere Digitalbanken in anderen europäischen Märkten.
Diese Vorteile sind real – aber sie sind keine Garantie. Sie verlängern den Spielraum traditioneller Institute, ersetzen aber keine Strategie. Wer sich ausschließlich auf bestehende Kundenbindung verlässt, ohne neue Kundengruppen zu erschließen, schrumpft strukturell, auch wenn die Ertragspool-Zahlen das kurzfristig noch überdecken.
Die 171 Milliarden Euro Ertragspool sind eine Momentaufnahme unter optimalen Zinsbedingungen. Das Zinsumfeld dreht, Regulierung steigt, FinTechs greifen gezielt die provisionsstärksten Produktkategorien an – allen voran ETF-Depots und Sparprodukte. Wer glaubt, die Zahlen von 2023 seien ein Normalzustand, täuscht sich.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das konkret: Gebührenstruktur des eigenen Depots überprüfen. Nicht jede Filialbank-Dienstleistung ist die Mehrkosten wert – aber pauschale Neobroker-Euphorie ist ebenfalls kein Konzept. Wer komplexe Produkte braucht oder aktive Beratung schätzt, zahlt dafür zu Recht. Wer einen einfachen ETF-Sparplan betreibt, hat keinen rationalen Grund, dafür 60 bis 90 Euro jährlich mehr zu zahlen als nötig.
Für FinTechs bleibt die entscheidende Frage offen: Wie hoch kann das ETF-Vermögen der Kunden wachsen, bevor aus Nutzeranzahl echte Profitabilität wird? Und für die traditionellen Institute: Reicht ein Zinsbonus-Jahr, um den digitalen Transformationsdruck zu bezahlen – oder wird daraus ein weiterer Aufschub?
Was denken Sie: Haben deutsche Banken den Rückenwind der vergangenen zwei Jahre genutzt, um strukturell besser zu werden – oder war es vor allem ein teurer Aufschub?
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