4,6 Milliarden Pakete. Pro Jahr. Allein aus China in die EU – und das meiste davon zollfrei. Ab Juli 2026 ist damit Schluss. Die EU schafft die 150-Euro-Zollfreigrenze ab und führt eine Pauschalabgabe ein. Was das für Temu, Shein und den deutschen E-Commerce bedeutet, hat sich digital-magazin.de genauer angeschaut.
754 Millionen Bestellungen pro Monat. Das ist keine Jahreszahl, das ist Temus monatliches Bestellvolumen allein in der EU. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen – 754 Millionen. Das sind mehr als 24 Millionen Bestellungen am Tag, rund 280 pro Sekunde. Und jedes einzelne dieser Päckchen kam bislang zollfrei durch, solange der deklarierte Warenwert unter 150 Euro lag.
Das Problem dabei: Wer glaubt, dass ein Bluetooth-Kopfhörer für 2,47 Euro wirklich 2,47 Euro wert ist, glaubt vermutlich auch an den Osterhasen. Die systematische Unterbewertung von Waren ist seit Jahren ein offenes Geheimnis. Die EU-Kommission schätzt die jährlichen Zollausfälle auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Und während europäische Händlerinnen und Händler brav ihre 19 Prozent Umsatzsteuer abführen, ihre Waren CE-zertifizieren lassen und REACH-konform produzieren, unterlaufen Plattformen wie Temu und Shein diese Spielregeln seit Jahren mit chirurgischer Präzision.
Im November 2025 einigten sich die EU-Ministerinnen und -Minister auf einen historischen Schritt: Die sogenannte De-minimis-Regelung – also die Zollfreigrenze von 150 Euro für Importe aus Drittstaaten – wird abgeschafft. Ursprünglich war das für 2028 geplant. Mehrere Mitgliedstaaten drängten auf eine Beschleunigung. Frankreich und Italien machten massiv Druck, Deutschland zog nach.
Ab dem 1. Juli 2026 gilt zunächst eine Übergangsregelung: Auf jedes Paket mit geringem Warenwert wird eine pauschale Abgabe von 3 Euro pro Artikeltyp fällig. Klingt harmlos? Rechnen wir nach. Bei einem typischen Temu-Warenkorb mit fünf verschiedenen Artikeln – Handyhülle, USB-Kabel, LED-Lichterkette, Kühlschrankmagnet und Socken – sind das 15 Euro Zusatzkosten. Bei einer Bestellung über 12,80 Euro ist das ein Aufschlag von 117 Prozent.
Klartext: Der Billig-Trick funktioniert nicht mehr.
| Regelung | Bisher | Ab Juli 2026 | Geplant ab 2028 |
| Zollfreigrenze | 150 Euro | Entfällt | Entfällt |
| Pauschalabgabe | Keine | 3 Euro pro Artikeltyp | Reguläre Zollsätze |
| Umsatzsteuer | Ab 1. Cent (IOSS) | Ab 1. Cent (IOSS) | Ab 1. Cent |
| Produktsicherheit | Stichproben | Verschärfte Kontrollen | Plattformhaftung |
| Haftung | Plattform = Vermittler | Erweiterte Sorgfaltspflicht | Plattform = Importeur |
Die Pauschalabgabe ist dabei nur der Anfang. Ab 2028 sollen dann reguläre Zollsätze greifen – und die liegen je nach Produktkategorie zwischen 6,5 und 12 Prozent. Bei Textilien, Temus Kerngeschäft, sogar bei bis zu 12 Prozent. Wer sich fragt, was aus dem 3-Euro-T-Shirt wird: Es wird zum 5-Euro-T-Shirt. Das ist immer noch billig, aber der psychologische Effekt ist enorm – denn der Zusammenhang zwischen Preisanstieg und Conversion-Einbruch ist gut dokumentiert.
Um zu verstehen, warum Brüssel jetzt handelt, muss man sich die Zahlen anschauen. Und die sind – schlicht und einfach – absurd.
Die EU-Kommission beziffert die Zahl der Geringwertsendungen aus Drittstaaten auf 4,6 Milliarden Artikel pro Jahr. Das entspricht rund 12 Millionen Sendungen am Tag. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Paketmarkt – DHL, Hermes, DPD, GLS und UPS zusammen – kommt auf etwa 4,5 Milliarden Sendungen pro Jahr. Die Billigimporte aus China übersteigen also das Gesamtvolumen des deutschen Paketmarkts.
Temus Bruttohandelsvolumen in Deutschland lag 2024 laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI und der Datenplattform ECDB bei 3,4 Milliarden Euro. Zusammen mit Shein, AliExpress und Wish machten chinesische Plattformen rund ein Drittel des Umsatzes aus, den ausländische Online-Händler in Deutschland erzielen.
| Plattform | Geschätzter Umsatz DE 2024 | Monatl. Bestellungen EU | Hauptkategorien |
| Temu | 3,4 Mrd. Euro | 754 Mio. | Elektronik, Mode, Haushalt |
| Shein | 1,8 Mrd. Euro (geschätzt) | ca. 200 Mio. | Fast Fashion, Accessoires |
| AliExpress | 0,9 Mrd. Euro (geschätzt) | ca. 80 Mio. | Elektronik, Gadgets |
| Wish | 0,3 Mrd. Euro (geschätzt) | ca. 15 Mio. | Gadgets, Haushalt |
Und das ist nur der direkte Handelseffekt. Was in diesen Zahlen nicht auftaucht: die entgangenen Zolleinnahmen, die Kosten für den Zoll bei der Abwicklung und die Belastung der Paketinfrastruktur. Ein einzelnes Temu-Paket durchläuft im Schnitt drei Sortierzentren, bevor es an der Haustür landet – und der Zoll kommt mit der Überprüfung schlicht nicht hinterher.
Die Zollfrage ist das eine. Die Produktsicherheit das andere – und ehrlich gesagt das drängendere Problem. Diverse Tests von Verbraucherschutzorganisationen in den vergangenen zwei Jahren zeichnen ein Bild, das man nur als erschreckend bezeichnen kann.
Der TÜV Rheinland hat 2025 stichprobenartig 50 Elektronikprodukte von Temu getestet. Ergebnis: 78 Prozent fielen durch. Bei Shein lag die Durchfallquote bei Textilien – konkret: zu hohe Schadstoffbelastung – bei 15 Prozent. Die belgische Verbraucherschutzbehörde testete 2024 Kinderspielzeug von chinesischen Plattformen. Von 120 getesteten Produkten erfüllten 95 nicht die EU-Sicherheitsnormen. Das sind 79 Prozent.
Die Gründe sind systemisch. Produkte, die direkt aus chinesischen Lagern versendet werden, durchlaufen keine europäische Konformitätsprüfung. Das CE-Zeichen, das auf vielen dieser Produkte prangt, ist in den meisten Fällen schlicht gefälscht – oder steht für „China Export“ statt „Conformité Européenne“. Ein Witz, der in der Branche schon lange kursiert, aber leider ziemlich nah an der Realität liegt.
Die neue EU-Verordnung zur allgemeinen Produktsicherheit (General Product Safety Regulation, GPSR), die seit Dezember 2024 gilt, verschärft die Pflichten für Online-Marktplätze deutlich. Plattformen müssen künftig sicherstellen, dass jedes angebotene Produkt einen in der EU ansässigen Wirtschaftsakteur hat, der für die Konformität haftet. Temu hat darauf reagiert und Ende 2025 angekündigt, auf ein „lokales Fulfillment“-Modell umzustellen – das Problem dabei: Bisher betrifft das nur einen Bruchteil des Sortiments.
Wer mit Inhaberinnen und Inhabern mittelständischer Online-Shops spricht, hört seit drei Jahren dieselbe Klage: unfaires Spielfeld. Und sie haben recht.
Ein europäischer Händler, der ein T-Shirt für 15 Euro verkauft, zahlt darauf 19 Prozent Umsatzsteuer, hat Kosten für CE-Zertifizierung, REACH-Compliance, Verpackungsgesetz, Elektrogesetz, Datenschutzgrundverordnung, Widerrufsrecht und Impressumspflicht. Allein die regulatorischen Fixkosten pro Produkt liegen – je nach Kategorie – zwischen 0,30 und 2,50 Euro. Ein chinesischer Händler auf Temu? Zahlt davon exakt: nichts. Oder genauer: sollte zahlen, tut es aber faktisch nicht, weil die Kontrolldichte gegen null geht.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) beziffert den Wettbewerbsnachteil auf 20 bis 30 Prozent pro Produkt. Das ist keine Schätzung aus der Luft gegriffen – das sind kalkulierte Kosten, die europäische Händler tragen und chinesische Plattformen systematisch umgehen.
| Kostenfaktor | EU-Händler | Temu-Händler (bisher) | Ab Juli 2026 |
| Umsatzsteuer | 19% (DE) | Theoretisch via IOSS | IOSS + verschärfte Kontrolle |
| Zoll | Reguläre Sätze | 0% (unter 150€) | 3€ pauschal pro Artikeltyp |
| CE-Zertifizierung | 50–500€ pro Produkt | Oft nicht vorhanden | Nachweispflicht durch Plattform |
| REACH-Compliance | 200–2.000€ pro Stoff | Nicht kontrolliert | Stichprobenkontrollen verschärft |
| Verpackungsgesetz | Lizenzgebühren | Nicht registriert | Plattform haftet |
| Wettbewerbsnachteil | – | 20–30% | Reduziert auf ca. 10–15% |
Wir bei digital-magazin.de haben die Kalkulationen mehrerer mittelständischer Händler verglichen. Ein Beispiel: Ein deutscher Modeshop, der Basics wie T-Shirts und Hoodies verkauft, konkurriert direkt mit Temu-Angeboten, die 60 bis 70 Prozent günstiger sind. Nach der neuen Regulierung schrumpft dieser Preisvorteil auf 40 bis 50 Prozent. Besser, aber noch lange kein Level Playing Field.
Temu ist nicht dumm. Das Unternehmen hat die regulatorischen Zeichen an der Wand gelesen und reagiert seit Ende 2025 mit einer Doppelstrategie, die man als – sagen wir – pragmatisch bezeichnen kann.
Erstens: Der Aufbau lokaler Lagerhäuser in Europa. Temu betreibt mittlerweile Fulfillment-Center in Polen, Tschechien und Italien. Ware, die aus europäischen Lagern versendet wird, unterliegt nicht der De-minimis-Regelung – weil sie formal innereuropäisch verschickt wird. Der Zoll? Wurde beim Import in das europäische Lager bereits bezahlt. Zumindest theoretisch.
Zweitens: Die Öffnung des Marktplatzes für europäische Verkaufende. Seit Anfang 2026 können auch Händlerinnen und Händler mit Sitz in der EU auf Temu verkaufen. Das ist ein cleverer Schachzug – denn europäische Ware von europäischen Anbietenden unterliegt der normalen Regulierung, und Temu kann sich als „lokaler Marktplatz“ positionieren. Klingt nach Win-Win. In der Praxis ist es ein Trojanisches Pferd: Temu zieht europäische Kundschaft mit den Billigangeboten chinesischer Händler auf die Plattform – und bietet dann europäischen Anbietenden den Zugang zu diesem Traffic. Gegen saftige Provisionen, versteht sich.
Die Frage, die sich stellt: Reicht das? Die Antwort hängt davon ab, wie schnell Temu die Umstellung schafft. Branchenkenner schätzen, dass Temu bis Ende 2026 maximal 30 Prozent seines EU-Volumens über lokale Lager abwickeln kann. Der Rest – also 70 Prozent – wird weiterhin direkt aus China versendet und unterliegt der neuen Pauschalabgabe.

Jetzt wird es interessant. Die 3-Euro-Pauschale pro Artikeltyp klingt moderat, aber sie trifft das Geschäftsmodell von Temu und Shein ins Mark – weil es auf Volumen und Kleinstbeträge aufgebaut ist.
Schauen wir uns das an einem konkreten Warenkorb an:
| Artikel | Preis bisher | Pauschalabgabe | Neuer Endpreis | Aufschlag |
| USB-C-Kabel | 1,29 € | 3,00 € | 4,29 € | +233% |
| Handyhülle | 2,49 € | 3,00 € | 5,49 € | +120% |
| T-Shirt | 4,99 € | 3,00 € | 7,99 € | +60% |
| Bluetooth-Kopfhörer | 8,99 € | 3,00 € | 11,99 € | +33% |
| Smartwatch | 24,99 € | 3,00 € | 27,99 € | +12% |
| Gesamt | 42,75 € | 15,00 € | 57,75 € | +35% |
Bei Artikeln unter 5 Euro ist der Effekt brutal. Ein USB-C-Kabel für 4,29 Euro statt 1,29 Euro? Da überlegen plötzlich auch Schnäppchenjäger, ob der Weg zum nächsten Action-Markt nicht doch der bessere Deal ist. Bei teureren Produkten – Smartwatches, Kopfhörer, Tablets – ist der prozentuale Aufschlag überschaubar. Das Problem für Temu: Genau die Billigartikel unter 5 Euro sind der Traffic-Magnet, der die Kundschaft auf die Plattform zieht.
Shein hat ein ähnliches Problem, wenn auch mit einer wichtigen Nuance: Das Unternehmen hat bereits 2024 begonnen, seine Lieferketten stärker zu diversifizieren und Produktionsstätten in der Türkei und Bangladesch aufzubauen. Ware, die in der Türkei produziert und direkt in die EU verschickt wird, unterliegt anderen Zollsätzen – teilweise deutlich niedrigeren, dank des EU-Türkei-Zollabkommens.
Regulierung ist das eine. Durchsetzung das andere. Und hier wird es – Überraschung – kompliziert.
Der deutsche Zoll hat 2024 rund 360 Millionen Pakete aus Drittstaaten bearbeitet. Kontrolliert wurde davon ein Bruchteil. Die Kontrollquote bei Geringwertsendungen lag nach Schätzungen des Bundesrechnungshofs bei unter 1 Prozent. Ein Prozent. Von 360 Millionen Paketen. Das sind – rechnen Sie mit – weniger als 3,6 Millionen kontrollierte Sendungen bei einem Personalbestand, der seit Jahren am Limit arbeitet.
Die EU plant deshalb den Aufbau eines zentralen digitalen Zollsystems, das die Vorab-Deklaration aller Sendungen ermöglichen soll. Klingt gut auf dem Papier. In der Praxis steht aber noch nicht einmal die technische Infrastruktur. Die EU-Zollreform sieht die vollständige Digitalisierung bis 2032 vor – also sechs Jahre nach Inkrafttreten der Pauschalabgabe. In der Zwischenzeit sollen die nationalen Zollbehörden mit bestehenden Mitteln kontrollieren.
Sechs Jahre Übergangsfrist für die technische Infrastruktur, aber sofortige Durchsetzung der neuen Abgaben. Wie das funktionieren soll? Gute Frage. Die ehrliche Antwort: wahrscheinlich schlecht. Die Plattformen werden die Pauschalabgabe auf die Preise aufschlagen – das ist der einfache Teil. Die Kontrolle, ob die deklarierten Warenwerte stimmen, ob die CE-Kennzeichnungen echt sind, ob die Schadstoffgrenzwerte eingehalten werden – das bleibt die Achillesferse des Systems.
Die Regulierung wird den Markt verändern. Nicht über Nacht, nicht dramatisch, aber spürbar. Für europäische Händlerinnen und Händler ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder.
1. Preiskommunikation schärfen. Der Preisvorteil chinesischer Plattformen schrumpft – aber er verschwindet nicht. Deutsche Shops müssen ihre Preise nicht senken, sondern besser erklären. Garantie, Rückgaberecht, Produktsicherheit, lokaler Kundenservice – das sind reale Mehrwerte, die bisher zu selten kommuniziert werden. Wer ein USB-C-Kabel für 7,99 Euro verkauft, muss erklären, warum es die 3,70 Euro mehr wert ist als das Temu-Kabel für 4,29 Euro.
2. Nischen besetzen. Temu kann alles billig, aber nichts gut. Deutsche Shops, die sich auf spezialisierte Sortimente mit hoher Beratungskompetenz konzentrieren, sind von der Billigkonkurrenz weniger betroffen. Das hat auch die jüngste Analyse bei digital-magazin.de bestätigt: Nischenshops mit klarem Profil wachsen überdurchschnittlich.
3. Checkout optimieren. Sieben Schritte bis zum Kauf? Bei Temu sind es zwei. Die größten Conversion-Killer im deutschen E-Commerce sind nicht die Preise – es ist der Bestellprozess. Wer hier investiert, gewinnt Kundschaft zurück, die sonst zu Temu abwandert.
4. Zahlungsoptionen erweitern. Temu akzeptiert alles – Kreditkarte, PayPal, Klarna, Apple Pay. Viele deutsche Shops beschränken sich immer noch auf Vorkasse, Lastschrift und PayPal. Das ist 2026 nicht mehr konkurrenzfähig. Neue Systeme wie der europäische Bezahldienst Wero könnten hier zusätzliche Optionen bieten.
Kurze Antwort: Nein.
Längere Antwort: Temu ist ein Tochterunternehmen von PDD Holdings, einem Konzern mit einem Jahresumsatz von über 30 Milliarden US-Dollar und einer Marktkapitalisierung von zeitweise über 150 Milliarden Dollar. Das ist kein Start-up, das beim ersten regulatorischen Gegenwind umfällt. Temu hat allein 2024 geschätzte 3 Milliarden Dollar für Marketing ausgegeben – inklusive Super-Bowl-Werbung.
Was sich ändern wird: das Geschäftsmodell. Der Übergang von „alles direkt aus China“ zu „hybrides Modell mit lokalen Lagern und europäischen Anbietenden“ ist bereits im Gange. Temu wird teurer werden, aber nicht unbezahlbar. Die Plattform wird sich stärker auf mittlere Preissegmente konzentrieren – dort, wo die 3-Euro-Pauschale prozentual weniger ins Gewicht fällt.
Shein verfolgt eine andere Strategie: Das Unternehmen setzt seit 2025 verstärkt auf eigene Marken und exklusive Kollektionen, die höhere Margen erlauben. Die Idee: Wenn der Preisvorteil durch Regulierung schrumpft, muss der Markenwert steigen. Ob das funktioniert, steht auf einem anderen Blatt – denn Sheins Marke steht bisher für „billig“, nicht für „wertig“.
AliExpress, die dritte große chinesische Plattform, hat bereits 2023 mit dem Aufbau europäischer Lagerstrukturen begonnen und ist in der Umstellung am weitesten fortgeschritten. Für Ali ist die Regulierung weniger ein Schock als eine Bestätigung der eigenen Strategie.
Die EU ist nicht allein. Die USA haben Ende 2025 ebenfalls angekündigt, die dort geltende De-minimis-Schwelle von 800 Dollar für Sendungen aus China zu kippen. Im Dezember 2025 veröffentlichte die Biden-Administration eine entsprechende Executive Order, die Anfang 2026 in Kraft trat.
Für Temu und Shein bedeutet das: Die beiden größten Absatzmärkte außerhalb Chinas verschärfen gleichzeitig die Spielregeln. Der globale Druck auf das Geschäftsmodell steigt. Die Frage ist nicht mehr, ob sich diese Plattformen anpassen müssen – sondern wie schnell.
Interessant ist auch die geopolitische Dimension. Die EU-Zollreform ist nicht nur eine handelspolitische Maßnahme – sie ist auch ein Signal an Peking. Die Europäische Kommission hat die Regulierung ausdrücklich in den Kontext der „strategischen Autonomie“ gestellt. Man will zeigen, dass Europa seinen Binnenmarkt schützen kann. Ob das gelingt, wird sich an der Durchsetzung messen lassen – und nicht an den Pressekonferenzen.
Die Abschaffung der Zollfreigrenze und die 3-Euro-Pauschale sind richtige Schritte. Aber sie lösen das Problem nicht. Nicht annähernd.
Das eigentliche Problem ist nicht der fehlende Zoll. Es ist die fehlende Kontrolle. Solange die Kontrollquote bei unter 1 Prozent liegt, solange CE-Zeichen ungeprüft passieren, solange Schadstoffgrenzen faktisch nicht durchgesetzt werden – solange hat die Regulierung ein Vollzugsdefizit, das den guten Willen der Politik konterkariert.
Was wirklich helfen würde: eine echte Plattformhaftung, bei der Temu, Shein und Co. als Importeure behandelt werden – mit allen rechtlichen Konsequenzen. Das ist für 2028 geplant. Bis dahin bleibt die 3-Euro-Pauschale ein Pflaster auf einer Wunde, die Nähte bräuchte.
Für den deutschen E-Commerce ist die Regulierung trotzdem eine gute Nachricht. Nicht weil sie das Problem löst, sondern weil sie zeigt, dass die Politik das Problem erkannt hat. Und manchmal – ganz selten – ist Erkenntnis tatsächlich der erste Schritt zur Besserung.
Die nächsten zwölf Monate werden zeigen, ob die EU den Worten Taten folgen lässt. Oder ob die Pauschalabgabe das gleiche Schicksal erleidet wie so viele europäische Regulierungsvorhaben: ambitioniert gestartet, bürokratisch verwässert, praktisch zahnlos. Wetten sollten Sie darauf nicht abschließen – weder in die eine noch in die andere Richtung.
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