München bekommt Robotaxis. Und zwar nicht irgendwann, sondern 2026. Uber, Momenta, Baidu und Lyft drängen gleichzeitig auf den deutschen Markt – mit Fahrzeugen, die kein Lenkrad brauchen und trotzdem im Berufsverkehr klarkommen sollen. Was steckt hinter dem Hype, und was bedeutet das für Sie?
Stellen Sie sich kurz Folgendes vor: Sie stehen morgens an der Leopoldstraße in München, tippen auf Ihr Smartphone, und drei Minuten später hält ein Auto ohne Fahrerin oder Fahrer vor Ihnen. Kein Smalltalk, kein Umweg über die Tankstelle, kein fragwürdiger Musikgeschmack. Klingt nach Science-Fiction? In Peking und San Francisco ist das seit Monaten Alltag. Und jetzt – Überraschung – soll Deutschland dran sein.
Gleich mehrere Unternehmen haben angekündigt, 2026 Robotaxis auf deutsche Straßen zu bringen. Uber und das chinesische KI-Unternehmen Momenta wollen in München starten. Baidu plant über seinen Partner Lyft ebenfalls den Markteintritt mit dem RT6-Fahrzeug. Zwei Plattformen, zwei chinesische Technologielieferanten, eine Stadt. Das allein ist schon eine Geschichte.
Aber Moment. Bevor Sie jetzt Ihr Auto bei mobile.de inserieren – es gibt da ein paar Details, die man kennen sollte.
Im September 2025 gaben Uber und Momenta ihre Partnerschaft offiziell bekannt. Das Ziel: autonome Fahrten auf SAE Level 4 in München. Level 4 – das bedeutet, das Fahrzeug übernimmt in einem definierten Gebiet komplett die Steuerung. Kein Lenkrad-Festhalten, kein nervöses Bremspedal-Antippen. Die Technik fährt.
Momenta ist kein Startup aus der Garage. Das Unternehmen hat in China bereits einen kommerziellen Robotaxi-Dienst in Shanghai aufgebaut und arbeitet mit Autoherstellern wie SAIC und BYD zusammen. In China plante Momenta, bis Ende 2025 den kommerziellen Betrieb ohne Sicherheitsfahrkraft zu starten. Für München ist zunächst eine konservativere Variante vorgesehen: Testfahrten mit Sicherheitspersonal an Bord.
Ehrlich gesagt: Das ist auch vernünftig. Wer schon mal den Mittleren Ring in München zur Rushhour erlebt hat, weiß, dass selbst erfahrene Fahrkräfte dort regelmäßig an ihre Grenzen stoßen. Eine KI muss sich hier erst beweisen.
Einen genauen Starttermin haben Uber und Momenta bisher nicht genannt. Klar ist nur: 2026. Und dass München als erste kontinentaleuropäische Stadt für beide Unternehmen fungieren soll. Warum München? Die Antwort ist pragmatisch: gute Infrastruktur, technikaffine Bevölkerung, und – der vielleicht entscheidende Punkt – eine Landesregierung, die sich bei dem Thema nicht querstellt.
Als wäre ein Robotaxi-Anbieter nicht genug, hat Baidu über seinen Partner Lyft ebenfalls 2026 als Startjahr für Deutschland ausgerufen. Baidus Apollo Go RT6 ist ein Fahrzeug, das speziell für den fahrerlosen Betrieb entwickelt wurde – mit einem Sensor-Setup aus LiDAR, Kameras und Radar, das zehnfache Sicherheitsredundanz verspricht.
Klingt beeindruckend. Ist es auch.
Baidu hat in China über elf Millionen autonome Fahrten absolviert und ist dort in ausgewählten Städten bereits profitabel. Das ist ein Detail, das gerne übersehen wird: Während westliche Unternehmen noch über die Wirtschaftlichkeit von Robotaxis diskutieren, verdient Baidu in Wuhan und Peking bereits Geld damit.
Für Europa hat Baidu sich bewusst einen lokalen Partner gesucht. Lyft kennt das Ridehailing-Geschäft, hat eine funktionsfähige App und – das ist in Deutschland kein triviales Thema – Erfahrung mit regulatorischen Anforderungen in verschiedenen Märkten. Ob die RT6-Fahrzeuge in Deutschland zugelassen werden, hängt allerdings noch von den Behörden ab. Und da wird es spannend.
Wir bei digital-magazin.de haben uns die rechtliche Lage genauer angeschaut. Und die ist – typisch deutsch – gleichzeitig fortschrittlich und bürokratisch.
Deutschland hat bereits 2021 als eines der ersten Länder weltweit ein Gesetz zum autonomen Fahren verabschiedet. Das Gesetz zum autonomen Fahren regelt, wie und unter welchen Auflagen selbstfahrende Fahrzeuge ohne Fahrpersonal am Steuer im öffentlichen Straßenverkehr eingesetzt werden dürfen. SAE Level 4 ist damit in Deutschland grundsätzlich legal – aber eben nur grundsätzlich.
Der Teufel steckt in den Details. Jedes Robotaxi braucht eine individuelle Betriebsgenehmigung. Die erteilt das Kraftfahrt-Bundesamt, und der Prozess ist – sagen wir mal – nicht gerade ein Sprint. ZF hat im März 2025 als eines der ersten Unternehmen eine bundesweite Erprobungsgenehmigung für Level-4-Fahrzeuge erhalten. Die ist bis Ende 2026 gültig und kann bis 2028 verlängert werden.
Für Uber/Momenta und Baidu/Lyft bedeutet das: Sie müssen nachweisen, dass ihre Fahrzeuge alle deutschen Sicherheitsstandards erfüllen. Dazu gehören Crashtest-Anforderungen, Cybersecurity-Nachweise und detaillierte Dokumentationen der KI-Entscheidungslogik. Kein Wunder, dass beide Unternehmen zunächst mit Sicherheitspersonal an Bord planen.
Was viele nicht wissen: Auch die EU arbeitet an einem einheitlichen Rahmen für autonome Fahrzeuge. Die EU-Digitalstrategie sieht vor, dass bis 2030 harmonisierte Regeln für Level-4-Fahrzeuge in allen Mitgliedstaaten gelten sollen. Bis dahin ist das Genehmigungsverfahren Ländersache – und damit ein Flickenteppich.
SAE Level 4 – Sie haben den Begriff jetzt mehrfach gelesen. Aber was heißt das eigentlich konkret?
Die SAE International (Society of Automotive Engineers) unterscheidet sechs Automatisierungsstufen:
Die Technik, die in den Robotaxis von Momenta und Baidu steckt, basiert auf einem Mix aus Kameras, LiDAR-Sensoren und Radarsystemen. Momenta setzt dabei stärker auf kamerabasierte Erkennung – ähnlich wie Tesla, aber mit zusätzlichen Sensoren als Absicherung. Baidus Apollo-Plattform nutzt ein breiteres Sensorspektrum und hat den Vorteil von über zehn Jahren Entwicklungszeit.
Der eigentliche Knackpunkt ist aber nicht die Hardware. Es ist die Software. Die KI-Modelle müssen Millionen von Verkehrssituationen kennen und in Millisekunden Entscheidungen treffen. Ein Radfahrer, der plötzlich die Spur wechselt. Ein Lieferwagen in zweiter Reihe. Baustellenumfahrungen ohne Beschilderung. Wer in deutschen Städten fährt, weiß: Das ist kein geordnetes Schachspiel. Das ist improvisiertes Theater.
Nach unserer Recherche bei digital-magazin.de zeigt sich: Die Technologien der Künstlichen Intelligenz, die hinter autonomem Fahren stecken, gehören zu den komplexesten Anwendungen überhaupt. Computer Vision, maschinelles Lernen, Entscheidungsalgorithmen in Echtzeit – alles muss gleichzeitig funktionieren, bei Regen, bei Nacht, bei Schnee.

Uber und Baidu sind nicht allein. Das Feld ist erstaunlich voll.
Waymo, die Google-Tochter und wahrscheinlich das bekannteste Robotaxi-Unternehmen der Welt, hat in den USA bereits über 150.000 bezahlte Fahrten pro Woche absolviert. Europa-Pläne? Bisher nur Gerüchte. Aber unterschätzen sollte man die Alphabet-Tochter nie.
WeRide, ein weiteres chinesisches Unternehmen, kooperiert bereits mit Uber im Nahen Osten und hat Europa im Blick. Pony AI, ebenfalls aus China, hat in Guangzhou einen kommerziellen Dienst aufgebaut und sondiert den europäischen Markt. Und dann ist da noch Tesla – Elon Musk verspricht seit Jahren Robotaxis, hat im Oktober 2024 das Cybercab vorgestellt, aber einen konkreten Europa-Zeitplan? Fehlanzeige.
Spannend ist, dass die deutschen Autohersteller in diesem Rennen eine eher zurückhaltende Rolle spielen. BMW und Mercedes arbeiten zwar an Level-3- und Level-4-Systemen, aber ein eigener Robotaxi-Dienst steht bei keinem auf der Agenda. Volkswagen hat mit Moia einen Mobilitätsdienst, setzt aber auf konventionelle Fahrkräfte. Das lässt eine Frage offen: Werden deutsche Straßen bald von chinesischer Technologie befahren, während die heimische Industrie noch an Assistenzsystemen feilt?
Meiner Einschätzung nach ist diese Situation weniger dramatisch, als sie klingt. Die deutschen Hersteller verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Autos – nicht mit Taxidiensten. Aber es zeigt, wie schnell sich die Kräfteverhältnisse verschieben können.
Jetzt mal Hand aufs Herz: Was ändert sich für Sie konkret, wenn 2026 die ersten Robotaxis durch München rollen?
Kurzfristig: wenig. Die Testflotten werden überschaubar sein – vermutlich ein paar Dutzend Fahrzeuge in einem begrenzten Stadtgebiet. Sie werden mit Sicherheitspersonal fahren, begrenzte Routen bedienen und nicht rund um die Uhr verfügbar sein. Das ist kein Uber, wie Sie es vielleicht aus New York kennen.
Mittelfristig – und hier wird es spannend – könnte sich das Bild aber drastisch ändern. Wenn die Tests erfolgreich laufen und die Genehmigungen ausgeweitet werden, sprechen wir über einen Mobilitätsdienst, der potenziell billiger ist als jedes Taxi, flexibler als der ÖPNV und bequemer als das eigene Auto. Für Pendelnde in Vororten, für ältere Menschen ohne Führerschein, für Nachtfahrten – die Einsatzszenarien sind vielfältig.
Eine Studie von automotiveIT zum Robotaxi-Markt prognostiziert, dass der softwarebezogene Umsatz autonomer Fahrzeuge zwischen 2026 und 2046 um das Tausendfache steigen könnte. Das ist eine Zahl, die man wirken lassen muss.
Aber es gibt auch Schattenseiten. Was passiert mit den rund 250.000 Taxifahrkräften in Deutschland? Was ist mit Datenschutz – die Fahrzeuge zeichnen permanent ihre Umgebung auf? Und wie reagiert die Bevölkerung, wenn ein Robotaxi zum ersten Mal in einen Unfall verwickelt ist? All diese Fragen sind unbeantwortet.
Dieser Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. Jedes Robotaxi ist im Prinzip eine fahrende Sensorplattform. Kameras, LiDAR, Mikrofone – alles zeichnet auf. In China ist das kein großes Thema. In Deutschland schon.
Die DSGVO setzt hier enge Grenzen. Personenbezogene Daten – und Kamerabilder von Passantinnen und Passanten sind genau das – dürfen nur mit klarer Rechtsgrundlage verarbeitet werden. Wie Uber und Baidu das lösen wollen, ist eine der spannendsten offenen Fragen. Werden die Aufnahmen in Echtzeit anonymisiert? Wo werden die Daten gespeichert? Wer hat Zugriff?
Gerade bei chinesischen Unternehmen dürfte die Debatte intensiv werden – die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz sind dabei nur ein Teil des Puzzles. Momenta und Baidu unterliegen chinesischen Gesetzen, die Behörden dort weitreichende Zugangsrechte zu Unternehmensdaten einräumen. Das Team von digital-magazin.de wird diese Entwicklung in den kommenden Monaten eng begleiten, denn hier prallen zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen von Datensouveränität aufeinander.
München als Startort ist kein Zufall. Die Stadt bietet eine Kombination, die für Robotaxi-Tests ideal ist: breite Straßen im Innenstadtbereich, eine hohe Dichte an Tech-Unternehmen – BMW, Infineon, Siemens – und eine politische Führung, die Technologie-Ansiedlungen aktiv fördert.
Außerdem hat Bayern mit dem Digitalministerium eine eigene Behörde, die sich um solche Genehmigungsverfahren kümmert. Das mag bürokratisch klingen, ist aber in der Praxis ein Vorteil: Es gibt feste Ansprechpartner, klare Zuständigkeiten und – im besten Fall – kurze Wege.
Was ebenfalls für München spricht: Die Stadt hat bereits Erfahrung mit autonomen Fahrzeugen. Die Smart-City-Initiativen in München umfassen vernetzte Verkehrssysteme, intelligente Ampelschaltungen und ein dichtes Netz an Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Das ist genau die Infrastruktur, die Robotaxis brauchen.
Andere deutsche Städte schauen derweil interessiert zu. Hamburg hat mit dem ITS-Weltkongress 2021 ebenfalls Ambitionen gezeigt. Berlin diskutiert. Frankfurt wartet ab. Aber München macht.
Ich will hier nicht drumherum reden: Für die klassische Taxibranche sind Robotaxis eine existenzielle Bedrohung. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber auf Sicht von zehn bis fünfzehn Jahren.
In San Francisco hat Waymo bereits gezeigt, was passiert, wenn Robotaxis in den regulären Markt eintreten. Die Preise sinken, die Verfügbarkeit steigt, und für viele Fahrgäste gibt es schlicht keinen Grund mehr, ein konventionelles Taxi zu nehmen. Die Fahrt kostet weniger, die Route ist transparent, und es gibt keine Diskussionen über Kartenzahlung.
Deutsche Taxiverbände reagieren erwartungsgemäß zurückhaltend. Die Argumentation: Robotaxis könnten den Verkehr in den Städten erhöhen statt verringern, weil leere Fahrzeuge durch die Gegend kreisen. Es gibt Sicherheitsbedenken. Und der Verweis auf Arbeitsplätze, natürlich.
All das sind berechtigte Punkte. Aber sie ändern nichts an der Richtung. Die Technologie kommt – die Frage ist nur, ob Deutschland sie gestaltet oder ihr hinterherläuft.
Was passiert nach den ersten Testfahrten? Wenn alles nach Plan läuft – und das ist ein großes Wenn –, könnten wir folgende Entwicklung sehen:
2026: Testbetrieb mit Sicherheitspersonal in München. Begrenzte Gebiete, begrenzte Fahrzeugzahlen. Viel Medienaufmerksamkeit, wenig Alltagsrelevanz.
2027-2028: Ausweitung der Testgebiete. Möglicherweise erste Fahrten ohne Sicherheitspersonal. Weitere Städte kommen hinzu – Hamburg und Berlin sind die wahrscheinlichsten Kandidaten.
2029-2030: Kommerzieller Regelbetrieb in mehreren Städten. Integration in bestehende ÖPNV-Angebote. Die EU-weite Regulierung greift, was die Expansion beschleunigt.
Das ist ein optimistisches Szenario. Realistischer ist, dass es Verzögerungen gibt – bei Genehmigungen, bei der Technik, bei der öffentlichen Akzeptanz. Aber die Richtung ist klar. Robotaxis werden kommen. Und Deutschland wird lernen müssen, damit umzugehen.
Was mich persönlich am meisten fasziniert: Wir stehen an einem Punkt, an dem sich die Art, wie wir uns in Städten bewegen, grundlegend verändern könnte. Weniger Parkplätze, weniger Privatfahrzeuge, mehr geteilte Mobilität. Ob das wirklich eintritt, hängt von tausend Faktoren ab. Aber die Möglichkeit ist da – greifbarer als je zuvor.
Falls Sie in München leben: Halten Sie die Augen offen. Die ersten Testfahrzeuge könnten noch dieses Jahr auf den Straßen auftauchen – erkennbar an den Sensoren auf dem Dach und den Aufklebern, die sie als autonome Fahrzeuge kennzeichnen.
Falls Sie in der Mobilitätsbranche arbeiten: Beschäftigen Sie sich mit dem Thema. Jetzt. Die Unternehmen, die sich früh positionieren, werden profitieren. Ob als Zulieferer, als Dienstleister oder als Partner der großen Plattformen.
Und falls Sie einfach nur neugierig sind: Das ist ein Thema, das Sie in den nächsten Jahren begleiten wird. Robotaxis in Deutschland 2026 – das ist nicht das Ende einer Geschichte. Das ist der Anfang.
Eines ist sicher: Langweilig wird es nicht.
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